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Montag, 22. August 2022

22-08-22 Dozent:innen Parkplatz

Der Dozentinnenparkplatz funktioniert. Der Parkplatz, der durch eine anrührende Parkplakette gekennzeichnet ist, war tatsächlich frei. Sobald ich zum richtigen Zeitpunkt daran denke, bekommt ihr auch ein Foto. Madame war unterwegs in Königs Wusterhausen (6) und erlebte Meta-Dozententum at it's finest, 

Der Hausparkplatz kämpft derweil um seine Existenz mit einer weißen Ledercouch (falls sie jemand haben will - sie steht zur Abholung bereit) und einem Paar Schuhe. Die herrenlose Doppelbettmatratze verschwand derweil vom Hinterhof. An ihrer Stelle lag eine tote Ratte. Das Haus bleibt spannend.

Weniger spannend, aber schöner: Sonnenuntergangsrunden im überraschend vollen Insulaner-Bad bei 23 Grad Wassertemperatur. (Gemessen heute morgen um 6:45h).  

Sonntag, 21. August 2022

22-08-21 Haben Wespen Ohren?

Wir saßen mit dem E-Motorrad-Pärchen unter dem Apfelbaum, schauten Hornissen zu, die sich an Äpfeln labten. Wir verscheuchten erfolgreich Wespen (Marmeladenwespen, keine Hippiewespen) mit Hilfe des Wäschesprengers. Dabei fragte wir uns: Haben Wespen Ohren? Hören sie die laut brummenden Hornissen direkt nebenan? Hören sie den Starenschwarm, der über uns rauscht? 

Regen und nicht ganz so ausgedörrte Landschaft lockten den ein oder anderen Admiral hervor. Sie setzten sich auf die Motorradbraut von Assissi, auf die Stühle, oder neben die Kaffeetassen. Regen war gefallen! Soviel, dass die aus Versehen draußen stehende Schubkarre bis an den Rand vollgelaufen war. Wir konnten mit ihr den Zierapfel zusatzwässern. Jetzt nur noch vier Wochen durchgehend jeden Tag dieser Regen und der Boden erholt sich vielleicht.

Aber lieber Dürre als Kälte? Der neue Gaspreis des Kaptains kam per Mail. Wir hatten mit heftigen Einschlägen gerechnet. Aber das ist noch einmal eine ganz andere Hausnummer. Vermutlich wäre "Möbel im Wohnzimmer verbrennen" preiswerter.

Noch haben wir Zeit zum Überlegen. Noch sind wir näher an 35 Grad als an 5 Grad. Noch fliegen die Wespen. Die keine Ohren haben, sondern Härchen. Mit denen können die Wespen nur ungefähr Geräusche in der Nähe wahrnehmen. Und nur bis zu einer Frequenz von 500 Hz - was die untere Schwelle dessen ist, was Menschen als angenehm empfinden. Laute Bassboxen in der Nähe hören Wespen. Menschliche Stimmen, Hornissen ein paar Meter entfernt oder Trillerpfeifen, hören sie nicht.  

Lesetipp: Susanne Rost für die Berliner Zeitung über historische Berliner Seebäder: Berliner Sommerträume: Die vergessenen Seebäder




Dienstag, 5. Juli 2022

WMDEDGT 2022-Juli

Zwei intensive aber auch anstrengende Wochen fordern langsam ihren Tribut. Ich wanke gegen 6:15-Uhr durch die Küche, denke an die Übernachtungsgästin direkt im Zimmer daneben und denke "Normalerweise mahle ich den Kaffee in solchen Situationen am Abend vorher." Wäre ich gestern Abend halt noch geistig anwesend gewesen..

Aber ohne Kaffee aufzustehen bedeutet noch mehr schwanken, da muss sie jetzt durch. Ein kurzes Dröhnen hallt durch die Wohnung, draußen heult ein Hund aber die Schwiegercousine schläft friedlich weiter. Ich drehe die üblichen Runden, Madame steht auf, trinkt mit mir zusammen Kaffee während ich Toast auftoaste. Sie wird nachher mit Aufbackbrötchen und Gästin frühstücken.

Um 7:45 laufe ich auf den Hinterhof, schließe das Fahrrad los, befreie es aus seiner Einkesselung durch andere Fahrräder und fahre unter strahlend blauem Himmel zur Arbeit. 

Nicht die Arbeit. Aber gegenüber.

Nach einer kurzen Abfahrt ins Parkhaus finde ich einen freien Fahrradständer. Die Elektrotüren zwischen Parkhaus und Fahrstühlen machen das, was sie jeden Morgen machen: sie piepen wie ein Rauchmelder ohne Batterie.


Einchecken, mich an der Bürodeko erfreuen.



Ich grüße die Kollegen und die Tastatur, die mysteriöserweise seit einer Woche bei uns auf einem Schrank liegt und die sich nicht entsorgen lässt. Ich werde sie Wilfried nennen. Die Hoffnung auf einen entspannten, erholsamem Tag zerschlägt sich schnell. Probleme stürzen gleich auf mehreren Fronten auf unser Team ein und wir sind den Tag über mit Notreparaturen beschäftigt. 

Nebenbei erfahre ich, wieso W berufliches Interesse an Öltanklagern hat.

Ich drehe eine kurze Mittagsrunde durch den Supermarkt, finde gelbes Gold (den ewig vergriffenen Senf aus B) und kaufe einen Ayran und ein Sandwich zum Mittagessen. Das findet im Freien statt während ich Menschen auf dem Bahnhofsvorplatz betrachte und mit dem Kaptain telefoniere. Sie erzählt News von den Untermietern.

Mein Plan, in Ruhe konzeptuell zu arbeiten, hat sich komplett zerschlagen und mir fehlt auch jegliche Energie. Zwei intensive aber auch anstrengende Wochen fordern langsam ihren Tribut. Ich wollte nach Hause laufen, beschließe nach 100 Metern, das mir das zu anstrengend ist und fahre doch Rad. 

Zu Hause lege ich mich kurz hin, erinnere mich an nichts und werde 90 Minuten später von Madame geweckt, die nach Hause kommt.

Husten, Schnupfen, Heiserkeit veranlassen mich zum Coronatest, aber der zweite Strich erscheint nicht.

 Das Internet verrät mir, es gibt einen Pop-Up-Club auf dem Tempelhofer Flugfeld, auf dem in zwei Wochen der ganz unfassbar großartige Knarf Rellöm spielen wird. 

Der Spontankartenkauf wird von der geplanten-Büchern-zum-Lernen-Bestellung aufgehalten. Für eins von beiden reicht das Geld nur und ich werde alt und humorlos. 

Im Internet lerne ich: wenn man hartgekochte Eier lang genug kocht, entwickeln sie von selber eine Maillard-Reaktion.

Im Internet lerne ich: die Chip-Krise treibt die Hersteller von Hundewaschmaschinen in die Krise.

Madame kommt von der Marktschwärmerei nach Hause. Sie hat einen einzufrierenden und später-zu-grillenden Hauptstadttilapia mitgebracht sowie schnell zu verarbeitenden Blumenkohl. 


Außerdem erinnert sie mich daran, dass heute der fünfte ist, also der Tag von WMDEDGT (Was-machst-du-eigentlich-den-ganzen-Tag. der Blogaktion, die bei Frau Brüllen näher erläutert ist)

Ich taufe die Ratatouille in Blatatouille um, mache mich ans Gemüseschneiden. 

Dienstag, 28. September 2021

Im Berlin-Schöneberger Wahllokal gegenüber dem Marathon

Interessiert lese ich die Berichte aus den Wahllokalen in Berlin. Madame und ich waren auch Wahlvorstand in Schöneberg. Unser Wahllokal lag direkt an der Marathonstrecke. Durch die Glasfenster der Tür hindurch konnten wir die Läufer*innen sehen. Staunend lese ich alle "Chaos"-Berichte. 

Wir als Wahlvorstand hatten im Vorfeld ausführliche Infos und eine lange Schulung, was alles passieren kann. Als wir morgens um sieben kamen, hatten die Pförtner des Gebäudes bereits perfekt Wahlurnen und Wahlvorstands-Tisch aufgebaut. Ebenso hatten sie alle Plakate in 30 Meter Umkreis abgehängt und verwahrt. 

Unser Haupt-Wahl-Problem: die Trommelgruppe direkt gegenüber des Wahllokals


Es gab drei Wahlen und eine Volksabstimmung gleichzeitig (Bundestag, Abgeordnetenhaus Berlin, Bezirksverordnetenversammlung  [Tempelhof Schöneberg] und die Volksabstimmung "Deutsche Wohnen & Co enteignen." Wir waren darüber nicht richtig erfreut. Aber unser Bezirkswahlamt hatte Vorkehrungen getroffen.

Wir waren 12 Leute im Wahlvorstand, die sich um 18 Uhr nach Plan in zwei Vorstände zu je sechs Personen aufteilten: einer für die Bundestagswahl und einer für die Berlin-Wahlen. Tagsüber hatte es bereits zwei Urnen gegeben "Bund" und "Berlin" in die jeweils die entsprechenden Stimmzettel kamen.

Die Aufteilung unseres Wahlvorstandes auf die vier Gruppen (Vormittags / Nachmittags; Auszählung Bundestagwahl, Auszählung Berlinwahlen), klappte schnell und reibungslos. Wir hatten durchgehend genug richtige Wahlzettel. Es deutete sich niemals auch nur eine Knappheit an.

Zum Ende hin wurden die Wartezeiten länger. Ich würde behaupten, planlose Wähler mit Briefwahlunterlagen kurz vor Toresschluss haben dazu beigetragen. 

Die Verzähler hielten sich in Grenzen und wir waren nach der Auszählung gegen 21:15 Uhr zu Hause. Selbst unsere Co-Vorstände waren extrem sympathisch, unkompliziert und eine Freude in der Zusammenarbeit. Mal größere Teile der Nachbarschaft als Wähler zu treffen und zu sehen, war hochgradig spannend.

Eigentlich hatten wir nur zwei kleinere Problemchen: die Samba-Trommel-Gruppe direkt gegenüber dem Wahllokal (meine Ohren) und der Kugelschreiberschwund zum Ende hin.

Ich lese die Medien und staune und stelle fest: ich kann nichts davon bestätigen.

Freitag, 18. Juni 2021

Kein Freibad über 25 Grad!

Berlin empört sich! Es ist schwierig an Freibadkarten zu kommen. Temperaturen über 30 Grad und Seuchen-Beschränkungen limitieren die Karten. In den ebenso wie beliebten wie langweiligen Bädern wie dem Prinzenbad sind die Onlinekarten wenige Sekunden nach Kassenöffnung ausverkauft. 

Dabei kenne ich kein einziges Berliner Freibad, das bei 25 Grad oder mehr besuchenswert wäre. Gehen im Slalom um Leute herum, schwimmen, eher paddeln, im Quetschslalom um Leute herum. Immer in der Hoffnung nicht von einem Beckenrand-Sprung-Artisten einen Fußtritt in die Wirbelsäule zu kommen. Während einem permenant kleine Kinder in die Ohren brüllen. 

 Es gibt keinen Grund, bei 25 Grad in ein Berliner Freibad zu gehen - außer bei verknappten Corona-Kartenkontingenten. Nicht alles ist schlecht an der Seuche. Langfristig ist das beim Klimawandel natürlich keine Strategie. Die Stadt braucht mehr Freibäder. Wegen des Co2 gerne auch weniger oder gar nicht beheizt.

Ostseestrand Grömitz

 

Ich nutze derweil die persönliche Flucht an See oder Meer - wo es zumindest im Wasser bei jedem Wetter Ruhe und Platz gibt. Zum Beipiel das Museum der alten Bundesrepubli, nach Grömitz an der Ostsee. Ich bloggte darüber.

Montag, 26. Oktober 2020

AKAZIE – Cambio-Carsharing in Schöneberg

Stationsgebundenes Carsharing in Berlin-Schöneberg. Ein Abenteuer für den modernen Großstädter. Mit dem Ford Fiesta von Schöneberg nach Brandenburg und zu zurück.

Stazione di Milane Centrale. Ich stolperte damals verloren durch die Gegend. Mein gesammeltes Interrail-Geld 1993 in einer Plastiktüte, mit Stecknadel an der Unterhose befestigt. Ich hungrig, hatte gerade aus Versehen das gesamte Wochenbudget für einen Teller Reis in Vorspeisengröße in einem milaneser Restaurant ausgegeben. 

Silberner Ford Fiesta von Cambio-Carsharing geparkt auf einem Berliner Hof. Im Hintergrund eine alte Mauer.
Cambio-Ford-Fiesta, zwischengeparkt auf Schöneberger Hinterhof.


Dabei wollte ich, einmal in Italien sein, einmal Pasta essen! Etwas anderes. Nur drei Stunden in Italien, auf der Durchreise zwischen Ljubljana und Montpellier. Hungrig, erschöpft, unausgeschlafen und zu pleite. Ohne Spaghetti. Mit Reis. Nicht ahnend, dass ich gleich in den Nachtzug steigen würde, in dem mir ein südfranzösischer Taschendieb noch größere Teile des Reisebudgets entwenden wird. Aber Milano Centrale. La gente solo parla italiano. Tempo veloce! Mi non caspica nessuno. Voglio di partire subito. Anche io ho fame.

Verlorensein. Bis da dieser Schalter ist. Eine Schalterhalle alter Schule. Mit Glaswand, Holz, aufgereiht die Schalterbeamten. Und da dieser eine Schalter: Auf ihm prangen deutsche, französische, englische und spanische Fahnen. Ein multilingualer Fahrgastberater. Ich flüchtete verzweifelt zum Stand. Der Mann, ein Traum, spricht fließend deutsch. Kann mir ohne weiteres Nachsehen ein halbes Dutzend Zugvarianten zwischen Norditalien und Spanien aufzählen. Mit kurzem Blick ins Kursbuch informiert er mich, wo ich in Genua umsteigen muss. Er kennt den Weg über die Bahnsteige und gibt mir einen Tipp für guten Kaffee beim Halt in Monaco. Mon Ami!

Meine Gedanken verweilen im Mailand 1993 während mein Körper im Frühherbst 2020 die Berlin-Schöneberger Dominicusstraße entlang läuft. Alles nur, weil ich vorher die Krimischmonzette Mafia, amore e polizia gelesen hatte. Sie spielt 1993 in einem Zug von Hamburg nach Neapel. Die Schöneberger Bürgersteige sind breit. Dort entlangschlendern lässt Zeit zum Nachdenken.

Zeit zum Zweifeln: dieser großartige Schalterbeamte, der mir damals uralt vorkam. Aber sicher noch vor der Rente war. Lebt er noch? Und wie konnte ich ein spektakuläres und weltbekanntes Mailänder Risotto essen, ohne zu merken, was ich vor mir hatte.

Ich versuche, meine Gedanken auf die nächste Reise zu fokussieren: Brandenburg. Auto. Tiefgarage. Sie müssen erst die Karte vor den Schlüssel halten. Und dann damit das Garagentor auffalten.

Ich komme an der Kreuzung Dominicusstraße/ Hauptstraße an. Sage mir „Auto. Carsharing. Denk an Deine PIN. Begutachte das Auto.“ Mir bleibt Zeit. Mein Mietvertrag beginnt erst um 14 Uhr. Ich denke "AKAZIE" - so heißt die Station in der Akazienstraße. Benachbart wären GOLTZ, LAUTER oder NOLLE-JELBI.

Freitag, 17. Juli 2020

Strandbad Spree Oberbaumbrücke von Pfuel

Wie langsam sich ein Baggerschiff in Stellung bringen kann. Madame und ich lehnen an der Brüstung der Elsenbrücke. Wir schauen auf die Baustelle in der Spree. Am Berliner Osthafen schützen Spundwände einen Bereich mitten im Fluss. Sie schützen einen Sandhaufen in der Spree. Ein Kahn halbvoll mit Sand liegt neben den Wänden. Ein Baggerschiff liegt längsseits. Baugeräte fahren über den flussliegenden Sand. Am Ufer, direkt neben dem Sandhaufen bestätigen Berge aus zerbrochenem Beton: Hier wird gebaut. Aber in welche Richtung? Aufbau Ost? Abbau Ost?

Wohin bewegt sich der Sand? Baggert das Schiff ihn vom Kahn in die Spundwände? Oder gelangt es vom Fluß auf den Kahn? Freiheit für die Spree! Oder neue Gebäude? Madame und ich schoben unsere Räder über die Brücke von Friedrichshain nach Treptow. Wir waren auf dem Weg zum Badeschiff. Ich hatte Madame versprochen, dass man das Schiff vom Nordufer der Spree aus gut sehen kann. Nun waren wir auf dem Rückweg in den sonnigen Süden Berlins. Nur der Kahn hielt uns auf. Hatte unsere Neugier geweckt. Der langsamste Bagger östlich der Havel machte keinerlei Anstalten sich zu bewegen.

Wir lehnen. Der Schiffsbagger pendelt. Der Kettenbagger fährt unmotiviert über den Sand. Ich bilde mir ein, das Badeschiff zu erahnen. Meine Gedanken schweifen in Richtung ehemaliger Schwimmherrlichkeit an der Spree. Nicht weit entfernt, nahe der Oberbaumbrücke, direkt am Westen, lag die Von-Pfuel’sche Badeanstalt. Über 100 Jahre lang war es das eindrucksvollste Flussbad Berlins.

Vier - zwei ganz, zwei angeschnitten, Zeichnungen von Männern beim Brustschwimmen. Blick von oben.
Aus dem Lehrbuch der Schwimmkunst: für Turner und andere Freunde der Leibesübungen und zur Benutzung in Schul- und Militär-Schwimmanstalten, geschrieben von Hermann Otto Kluge 1870, dem ehemaligen „Turnlehrer bei der Berliner Feuerwehr“ und Carl Euler. Gemeinfrei, da Autoren länger als 70 Jahre tot.


Wildes Klingeln reißt mich aus meinen Gedanken. Fahrradreifen quietschen. „Na Ihr Pfeifen!“ Hinter mir kommt ein Liegerad schlingernd zum Stehen. Am Heck flattert die gelbe Fahne mit roter Aufschrift „Schwimmenberlin.de“. Joe kommt!

Samstag, 28. Dezember 2019

Tanzen im Blindensportverein

Madame und der Pirat tanzen einen eleganten Foxtrott über das Parkett der Aula. Ich bewundere aus der Ferne seinen Stoffpapagei auf der Schulter. Robbie Williams spielt. Die beiden gehen beschwingt vor. Slow slow quick quick. Der Pirat setzt eine Drehung an. Quick quick. Es rummst.

Das war die Wand. Sie halten kurz inne. Madame fragt „Aber du führst doch?“ Er antwortet: „Ja, aber ich sehe nicht, wo die Wand ist.“ Damit hat der Pirat Recht. Er sieht nicht, wo die Wand ist. Er sieht nicht, wo die anderen Tänzer sind. Er sieht auch Madame nicht.

Festsaal im Wiener Rathaus. Bearbeitetes Bild: stark verschwommen. Im Wesentlichen sind vage Konturen und Farben zu erkennen.
Bearbeitet. Ursprüngliches Bild: Festsaal im Wiener Rathau Fotograf:  SciBall19 Lizenz Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license.


Willkommen beim Ball des Blindentanzvereins. Dort, wo die Führenden führen, aber die Geführten manchmal auf den Weg achten. Der Ort, an dem die schnellste Polonaise südlich des Innenstadtrings getanzt wird. Der Ort an dem sich Rumba, Cha-Cha und Walzer mit einer an Kuscheligkeit grenzenden Herzlichkeit verbinden.

Sonntag, 24. November 2019

Mitsingen bei Das Lumpenpack / Jason Bartsch im Astra-Kulturhaus.

„Maaama. Just killed a man. Put a gun against his head. Pulled my trigger, now he’s dead.“

Sie singen. „Mama, life had just begun. But now i’ve gone and thrown it all away.“

Wir stehen im Astra-Kulturhaus, RAW-Gelände, Warschauer Straße, Friedrichshain. Wir haben am Schawarma-Stand noch schnell gegessen. Wann wird Das Lumpenpack auf die Bühne kommen? In einer Stunde vielleicht? Das Konzertpublikum ist noch nicht bereit. An den Garderoben stehen lange Schlangen.

Die Technik spielt Musik vom Band. „Bohemian Rhapsody“. Und sie singen. Das Publikum stimmt ein: „MAMA!, oooouuuuuooooohhh. Didn’t mean to make you cry.“

Junge Leute. Viele um die 20. Lange war ich nicht mehr bei einem Konzert, bei dem das Publikum halb so alt ist wie ich. Die Künstler sind mindestens 15 Jahre jünger. Und vollkommen ohne Queen-Bezug. Das Publikum singt einfach so. Aus Laune. Aus Spaß. „Thunderbolt and lightning very very frightening. Gallileo, Gallileo. Gallileo, Gallileo. Galileo, Figaro, magnifico“

Woher kennen die den Text des Songs? Der Film Austin Powers ist über 20 Jahre her. Ein Drittel des Publikums war 1997 noch nicht geboren. Das Queen-Album mit dem Original-Song erschien vor über 40 Jahren.

„Es lief gerade der Film „Bohemian Rhapsody“ im Kino, erinnert mich Madame.“ Stimmt. Mir fällt auf, wie kurz 20 Jahre sich anfühlen und wie Popkultur an mir vorbeirauscht. „BISMILLAH, NO, WE WILL NOT LET YOU GO!“

Mir wird bewusst, dass Monster Ronson’s Ichiban Karaoke, Ort des legendären Wikimedia-Karaokes auf der anderen Ecke des Straßenblocks liegt. Bevor meine Gedanken abschweifen können, ertönen die ersten Rufe „Jason!“.

Jason Bartsch mit Gitarre beim Haldern Pop Festival. Tatsächlich tragt er die Gitarre nur manchmal. Manchmal rappt er ja auch oder macht Rumpelhouse.
Jason Bartsch (Haldern Open Ait 2019). Foto: Alexander Kellner. Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

Im Hintergrund der Bühne hängt ein Transparent „Jason Bartsch“. Nie gehört. Ist dieser „Janson Bartsch“ die Vorband? Stehen wir zwischen seinen Freunden? Mehr Leute rufen „Jason!“ Die kennen die Vorband? Die freuen sich auf die Vorband? „Jason!“. Dies wird ein besonderes Konzert werden.

Sonntag, 17. November 2019

Schwimmbad Quartett Berlin - die fehlenden Karten

50 Meter schlägt 25 Meter. Ein 10-Meter-Sprungturm ist besser als keiner. Aber welcher Ortsteil ist cooler? Märkisches Viertel oder Wuhlheide? All' dies kann der Spieler erfahren beim Spielen des Schwimmbadquartetts.

Im Sommer erschien bei der Zitronenpresse das erste Schwimmbadquartett der Welt. Damit existiert das ultimative Kurznachschlagewerk zu den Hallenbädern in Berlin:

Das Schwimmbadquartett.

(Das Ihr gerne beim Verlag - info@zitronenpresse.info - oder im kompetenten Buchhandel bestellen könnt und sollt. Weihnachten ist nahe und ihr alle kennt Schwimmer*innen.)

Das Quartett erzeugt in mir Glück. Es hatte einen entscheidenden Nachteil: Ein Quartett hat 32 Karten. In Berlin stehen mehr als 32 öffentliche Hallenbäder.

Zitronenpresse liefert im Blog nach. Die fehlenden Karten. Mit den Bädern: Baerwaldbad, Kombibad Gropiusstadt, Kombibad Seestraße, Schwimmhalle Thomas-Mann-Straße, Schwimmhalle Anton-Saefkow-Platz, Schwimmhalle Allendeviertel, Schwimmhalle Hüttenweg, Sportzentrum Siemensstadt und Zehlendorfer Welle.

Quartettkarte Baerwaldbad.

Ist es überhaupt geöffnet? Oder versucht es sich gerade wieder als Eventlocation? In all' den Jahren gelang es mir nie, das Bad von innen zu sehen.

Mittwoch, 29. Mai 2019

Badestelle Krumme Lanke. Schwimmen im Grunewald.

Ach du meine Güte. Wo kommt die U-Bahn-Station her? Dieser Badesee hat einen U-Bahn-Anschluss! Ich stapfe entrüstet mit dem Fuß auf das rechte Fahrradpedal, nur damit mir das linke Fahrradpedal von hinten an die Wade schlägt.

Meine Vorbereitung war glänzend. Mit dem Fahrrad hatte ich mich auf dem Weg zur Krummen Lanke in Zehlendorf nur zweimal verfahren. Aber nun das. Da hatte Berlin vollkommen unbemerkt von mir eine U-Bahn-Station mitten in den Grunewald gebaut. Die Schilder mit der Endhaltestelle "Krumme Lanke" an der U3 hätten mir einen Hinweis auf die Existenz dieses Bahnhofs geben können. Aber manchmal bin ich blöd.

Mein Plan, beim strahlendem Sonnenschein mit über 25 Grad Lufttemperatur die Berliner Freibäder zu umgehen, und einen abgelegenen See zu besuchen, zerkrümelte vor meinen Augen zu Staub. Zertrampelt von den gut gelaunten Menschen, die aus dem Tor des Bahnhofs in Richtung See strebten. Soviel zur unberührten Natur. Das war mein Krumme-Lanke-Trip 2018.

Ich bin manchmal blöd, nicht dumm. Dieses Jahr fuhr ich mit der genannten U-Bahn und wartete auf einen 18-Grad-bei-grauem-Himmel-Tag zum Besuch des Sees. Auf der Fahrt bestaunte ich die Fast-Welterbe-Haltestelle "Onkel Toms Hütte" der U3 und hatte noch DJ Hüpfburg im Ohr.

Die traf ich zufällig am Heidelberger Platz, wollte fragen, wie das Leben als hauptberufliche Hochzeitswebseitengestalterin ist. Aber sie musste mir vom gemeinsamen Bekannten B erzählen: "B traf ich auf dem Innenhof der re:publica. Wir haben uns ja seit sechs Jahren nicht mehr gesehen. Und der war so stoned. Oh my god! Ja, er schauspielert immer noch. Kann davon nicht leben, aber scheint glücklich. Aber ich muss raus aus der Bahn: Ringvorlesung zur interdependenten interkulturellen Künstlichkeit." Und hinfort strebte sie zur Freien Universität.

Immerhin war ich nach der U-Bahnfahrt noch entspannt genug, um die echt italienische Eisdiele in der Nähe der Haltestelle Krumme Lanke zu würdigen ebenso wie die benachbarten Buchhandlungen. Um die Tradition des letzten Jahres nicht ganz abreißen zu lassen, verfuhr ich mich diesmal nicht auf dem Weg zum See, sondern ich verlief mich.   

Blick auf die Krumme Lanke vom Uferweg. Der See selbst ist sonnenbeschienen, Bäume und Weg liegen im Schatten.
Blick auf die Krumme Lanke


Beide Besuche lagen Anfang Mai, in der Hoffnung auf einen nutzbaren See. Viele Berliner hatten den See- oder Freibadbesuch noch nicht als Möglichkeit der Freizeitgestaltung reaktiviert. Die Wassertemperatur betrug 2018 Anfang Mai und 2019 Ende Mai je 18 Grad. Einige wenige Badende und mehr Sonnende waren 2018 bei strahlendem Sonnenschein anwesend. 2019 teilte ich mir die Wasserfläche mit einem Haubentaucherpärchen und einer Entenmama mit Küken.


Donnerstag, 16. Mai 2019

Vom Versuch, das Quartett „Schwimmbäder in Berlin“ über amazon zu verkaufen.

Samstagabend. Die Dunkelheit hat bereits eingesetzt. Ich stehe auf dem Weg zum Branle-Tanzen auf einer Hauptverkehrskreuzung in Berlin-Zehlendorf. In der Hand trage ich den Liter Milch, den ich noch gerade vor Geschäftsschluss aus der BioCompany holen konnte. Das Handy klingelt. Ich schaue einhändig balancierend auf die Anzeige. Das Gerät zeigt eine 09er-Vorwahl. Bayern? Thüringen?

Kurz gehe ich in mich: Kenne ich eine Person in Thüringen-Bayern, die mich samstagabends anrufen würde? Nein. Also nehme ich das Gespräch an. Um mich herum rauschen die BVG-Busse. Mädchen, die noch schnell zum bald schließenden Papiergeschäft wollen, unterhalten sich.

Einige Spielkarten des Quartett Schwimmbäderin Berlin. Unter anderem mit der Schwimmhalle Finckensteinallee und dem Stadtbad Prenzlauer Berg.
Schwimmbäder in Berlin. Die Quartettkarten.

Etwas redet im Telefon auf mich ein. Ich verstehe kein Wort. Bin mir nicht einmal sicher, welche Sprache die Person spricht. Deutsch? Kann nicht sein. Englisch? Auch dann müsste ich einzelne Wörter erkennen. Ich versuche, den Anrufer loszuwerden. Der allerdings insistiert und scheint mich persönlich sprechen zu wollen.

Inzwischen habe ich die Kreuzung verlassen, bin in einen nahe gelegenen Arkadengang geflüchtet. Der Anrufer redet weiter auf mich ein. Das Wort „Amazon“ mache ich aus. Sein Gespräch soll wohl deutsch sein. Ich beginne zu ahnen, worum es geht.


Dienstag, 7. Mai 2019

Stadtbad Neukölln: Schwimmen im Hallenbad Ganghoferstraße

Die Neuköllner Karl-Marx-Straße. Knapp 3000 Meter Neukölln zwischen Hasenheide und Ringbahn. Erreichbar nach einer steilen Fahrradabfahrt den Rollberg vom berüchtigten Rollbergviertel aus hinunter. Die Karl-Marx-Straße: der Ort, an dem Neukölln sich so zeigt, wie Westdeutsche und Sachsen sich den Stadtteil vorstellen: Dönerladen, Pfennigland, Handyshop, Friseur, Kleiderladen, Friseur, Handyshop. Bei Stadtplanern heißt diese Mischung „kleinteilige migrantische Ökonomie“. Stadtplaner lieben diese Mischung nicht, denn die Läden machen wenig Umsatz, werfen kaum Gewinne ab.

Willkommen im Stadtbad Neukölln


Die Monumentalbaustelle, die seit Jahren die Straße auf und ab wandert, verstärkt den Eindruck von Enge und Lärm gekonnt. Entlang der Straße drücke ich mich inmitten von Menschenmengen an größeren Handyshops vorbei; echte Flagshipstores. Sie breiten sich auf mehreren hundert Quadratmetern aus, werden betrieben von o2 und unbekannten Anbietern.

Gelegentlich wagt sich zwischen Dönerläden und Pfennigländern ein Hipstereinsprengsel hervor. Handgemachte Burger vom Biorind werden angeboten, ethisch wertvolle Cafés für Betriebsfeiern werben für sich, Und natürlich existieren auch Handyläden für Hipster. Der Handyladen – ein Ort mit dem vermutlich alle Neuköllner vom kleinteiligen Migranten bis zum großspurigen Hipster etwas anfangen können.

Zentral der Karl-Marx-Straße, nicht weit entfernt vom ehemaligen Böhmisch-Rixdorf, biege ich ab in die Ganghoferstraße. Links: ein Gebäude, das aussieht wie der verramschte Überrest eines 70er-Jahre Miniatureinkaufszentrums/Parkgarage/Sozialwohnungsbau. Gegenüber: ein wilhelminischer Prachtbau mit Hundert-Meter-Fassade. Säulen, Steine gravitätische Fassaden: Als wäre ein Stück Museumsinsel irrtümlich zwischen die Handyläden gebeamt. Willkommen im Stadtbad Neukölln. Das Bodemuseum von Neukölln mit Schwimmhallen.

Zur Bauzeit war das Schwimmbadumfeld parkähnlich. Heute parkhausig.


Mittwoch, 17. April 2019

Alte Bäder Baerwaldstraße, Oderberger et cetera. Die Schwimmbäder Ludwig Hoffmanns.

Wir laufen durch die Straßen des Weddings. Madame, einige Wikipedianer und ich: auf Stadterkundung durch Berlin. Dr. Fieselschweif stupst mich an:

„Schau mal die Schule! Ein Hoffmann-Bau!“ 

Ich bleibe mäßig interessiert.

Dr. Fieselschweif setzt nach: „Interessierst Du Dich nicht für Architektur?“

Ich nehme mich zusammen. Verkneife mir das

„Ich interessiere mich für Architektur. In Berlin stehen Bauten, vor denen könnte ich auf die Knie sinken. Aber Hoffmann baute langweiligen Historismus.“

Aber ich bleibe nett. Abgesehen von seinem Architekturgeschmack ist Dr. Fieselschweif ein Netter.

Berlin. Der Bär. Das Bad Ludwig Hoffmann. Eine Trias, die zusammengehört. (Hier: das Baerwaldbad)


Sei es, dass Dr. Fieselschweif lang genug stupste. Sei es, dass Hoffmann - als Architekt zum Beispiel des Baerwaldbads oder des Oderberger Bads - beim Thema der Berliner Schwimmbäder unausweichlich ist – irgendwann beschloss ich mein Wissen zu erweitern: Die Verkörperung wohlanständiger Langeweile kann nicht alles sein, was es zu Hoffmann zu wissen gibt. Längere Recherchen und einen geschriebenen Wikipedia-Artikel später weiß ich:

Samstag, 16. Februar 2019

Das Schwimmbadquartett ist erschienen

Bei Zitronenpresse / Verlag Dirk Franke erscheint MEIN SCHWIMMBADQUARTETT. Jetzt käuflich.

Für weitere Informationen geht es hier zu Schwimmbäder in Berlin. Ein Quartett.

Schwimmbäder in Berlin. Ein Quartett.
 

Sonntag, 30. Dezember 2018

Burg – Zelt – Höhle – die Paul-Gerhardt-Kirche in Schöneberg

Im Innern der Kirche hörte ich ein Konzert des Kirchenchors. War es Händels Messiah? Ein Bach-Oratorium? Oder das Ohrenlerchen-Stück von Einojuhani Rautavaara?



Wohlanständiges Bildungsbürgertum tummelte sich wie im Buche beschrieben. Sie verkörperten und verkörpern Werte des Selbermachens, der Kunst und Kreativität. Ein traditionell gutmenschlicher Anstand im positiven Sinne findet sich hier in einer Blüte, wie man sie in Berlin kaum für möglich hält.

Und dann trat ich vor die Tür: direkt gegenüber hatte der afghanische Supermarkt noch geöffnet, schräg gegenüber widersetzte sich der halbverfallene Sexshop allen Anstürmen des Internets(*). Getunte BMWs mit dunklen Scheiben fuhren über die Kreuzung, Sonderangebotsrufe des türkischen Supermarkts (neben dem afghanischen Supermarkt) schallten über die Straße und die internationale Crowd sammelte sich vor dem Eingang des englischsprachigen Kinos. Hier treffen und trafen Welten an einer Kreuzung aufeinander.

Paul-Gerhardt-Kirche von Norden




Ich drehte mich um, betrachtete die Kirche, aus der ich trat: Die Paul-Gerhardt-Kirche in Alt-Schöneberg: Dreiecke, übereinander gestapelt mit einem hohen steilen Turm. Umgeben von einer gestalteten Gartenfläche, die sich anschickt ein Park im Miniaturformat zu sein.

Sonntag, 28. Oktober 2018

Stadtbad Prenzlauer Berg. Schwimmen im Schwimmbad Oderberger Straße.

Szene Eins: Ich, halbnackt in einer engen Sammelumkleide stehend. Ein Klopfen an der Tür, ein Ruf „Housekeeping“. Und bevor ich mich versehe, steht eine jüngere Frau in schwarzem Kleid mit einer weißen Rüschen-Schürze mit mir in der Kabine.

Szene Zwei: Drei Menschen schwimmen ihre Bahnen. Die beiden Anderen bewegen sich sportlich ambitioniert. Ich als Dritter bin zumindest am Schwimmen. Plötzlich stapft ein Trupp von zwei Männern und einer Frau, alle Mitte in 20 - in voller Straßenkleidung mit Rucksack ins Bad, läuft am Beckenrand entlang und verschwindet an der Rezeption.

Für seine Bauzeit ist das Stadtbad spärlich verziert. Die vorhandene Verzierung aber rockt.

Szene Drei: Ein Bad, das immer mal wieder als „das schönste Bad Berlins“ in der Zeitung erscheint. Ein Bad, das kaum mehr Eintritt kostet als ähnliche Bäder in Neukölln oder Charlottenburg. Es ist Nachmittags, im Prenzlauer Berg rund um das Bad herrscht großen Gewusel auf den Straßen. Und das Bad ist leer. Es ist komplett leer. Ich bin allein.

Szene Vier: ein Herbstvormittag mitten in der Woche. Angesichts meiner bisherigen Besuche rechne ich mit einem leeren Bad und leeren Bahnen. Denkste! Plötzlich sind fast 20 Menschen in dem nicht allzu großen Becken. Vor Schreck laufe ich fast rückwärts gegen die Tür Wo kamen die her?

Hier geht es hinein ins Stadtbad Oderberger.

Willkommen im Stadtbad Oderberger Straße. Willkommen im Bad der Wunder.

Donnerstag, 9. August 2018

Freibad Gesundbrunnen: Schwimmen im Sommerbad Humboldthain

Sommerbad Humboldthain bei 30 Grad: dat is Wedding, wa, wie er lebt. Das pure Leben - geordnet, betont und ermöglicht durch die perfekte Anlage des Sommerbads Humboldthain.

Sommerbad Humboldthain, 20 Grad: was für eine Tristesse.

Jedes Freibad hat seine 30-Grad-Geschichte und seine 20-Grad-Geschichte. Selten aber klaffen sie so weit auseinander wie hier im Gesundbrunnen.

Aber der Reihe nach.

Berlin-Gesundbrunnen. Der Stadtteil, in dem ich aus der S-Bahn steige, und schon sehe ich kleine Mädchen in Adiletten, an der Leine eine Kreuzung aus Husky und Rottweiler, die dem Mädchen bis etwas über den Bauchnabel reicht. Das ist Gesundbrunnen, der Teil von Wedding, der sich starke Mühe gibt, jedem Wedding-Klischee zu entsprechen.



Das Sommerbad selbst liegt im Humboldthain: einem ehemaligen botanischen Park, der dann Flakbunker wurde, dann Trümmerberg, dann Volkspark und mittlerweile so eine Art verwilderter Wald mit Graffiti, Schildern und Müll ist.

Das Sommerbad entstand im Übergang der Phasen "Trümmerberg" und "Volkspark" anfang der 1950er. Es liegt in einer Landschaft, die ganz geschickt mit den Niveau-Unterschieden der Gegend spielt. Die Planer orientierten sich offenbar am 30-Jahre-älteren Sommerbad am Insulaner: die Aufteilung und das Raumgefühl der beiden Bäder ähneln sich.

Bekannte Elemente aus dem - gleichzeitig mit dem Bad am Humboldthain vom selben Architekten gestalteten - Sommerbad Wilmersdorf erkenne ich auch: Die Hecken, das prachtvolle Blumenbeet am Eingang, die weite und luftige Gestaltung der Liegewiesen.

Und dann kamen die Achtziger: und ich weiß nicht, wen sie mit der Planung beauftragt haben und wie oft sie zwischendurch die Bauplanung wechselten. Ich bin verwirrt. Aber das waren die Gestalter anscheinend auch.

Freitag, 27. Juli 2018

Großer Regen Berlin 2017

An einem Tag fiel mehr Regen als sonst in einem Monat. An einigen Orten fiel an einen Nachmittag mehr Regen als sonst in einem halben Jahr. Die nächsten Tage regnete es wieder. Das Benefizkonzert für den halb versunkenen Ort Leegebruch musste abgebrochen werden - wegen schlechtem Wetters. 2017 herrschte in Berlin und Teilen Brandenburgs landunter. Besonders trafen die Unwetter den Nordwesten von Stadt und Umland. Dort wo unsere Latifundien liegen.

In kurzer Zeit war ich so nass wie nie zuvor als ich angezogen war. Ich fiel als Kind einst angezogen in einen See und kletterte dann wieder hinaus. Selbst dort war ich nicht tiefendurchnässt. Wäsche frisch und ungeschleudert aus der Waschmaschine ist nicht so nass, wie die Sachen, die ich an diesem 29. Juni 2017 trug.



Unser Schlafzimmer war nicht mehr benutzbar, da das Wasser durch die Decke genau auf das Bett herunterlief. Das Warmwasser fiel aus, da der Warmwasserkessel im Keller stand - und absoff. Das Dorf Leegebruch stand wochenlang komplett unter Wasser - ebenso wie im ganzen Ländchen Glien tiefer gelegene Wiesen, Weiden, Äcker, Parkplätze und schlecht abgedichtete Keller.

Unsere Datschennachbarin Paulina verbrachte Monate damit ihre – unterkellerte – Datscha wieder auszugraben, abzupumpen und einmal ein komplett neue Drainage und Versiegelung einzulegen. Nie wieder wollte sie einen See im Keller haben.



Seen und Flüsse waren über längere Zeit nicht beschwimmbar, da die Wassermassen allen Unrat mitrissen der auf und an der Straße lag. Berlin leitet dank Mischkanalisation bei solchen Ereignissen seine Abwässer teilweise ungeklärt in die Flüsse, Spree und Havel und alles was flussabwärts von ihnen lag, bekamen eine volle Ladung ungeklärter Berliner Abwässer mit.

Auf dem Acker hinter unserer Datsche konnte das Feld nicht abgeerntet werden - bei allen Versuchen das gesamte Jahr über versanken die Landmaschinen rettungslos im Schlamm. Da, wo hinter unserem Zaun normalerweise ein Rapsfeld ist, entwickelte sich 2017 eine Seen – und Tümpellandschaft, die sich zum großen Paradies für Stechmücken aller Art entwickelte.

Freitag, 20. Juli 2018

Sommerbad Rixe: Schwimmen im Freibad Mariendorf

Im Volkspark Mariendorf existiert ein Bad fast nicht. Es liegt im Park. Es ist schön, Es hat Charme. Es liegt inmitten einer zauberhaften Umgebung. Jedoch lässt es nur selten Besucher herein.

Die wenigen Menschen, die von seiner Existenz wissen, verwechseln das Bad im Park oft mit dem größeren und neueren Bad nebenan, das viel länger geöffnet hat. Willkommen im Sommerbad Mariendorf, dem charmanten Freibad im Zwielicht seiner Schattenexistenz.

Ich könnte stundenlang davor sitzen und es einfach nur anhimmeln.


Diejenigen, die das Sommerbad kennen, vergleichen es innerlich schnell mit dem ähnlich aussehenden, gleich alten, aber größeren, schickeren und besser gepflegten Bad im Nachbarbezirk.

Willkommen im Sommerbad Mariendorf, dem unverdienten Aschenputtelbad am Rande des Volksparks. Ausgestattet ist das Freibad mit dem liebevollen Charme des Underdogs, der historischen Authentizität, die nur lange vernachlässigtes aufweisen kann und dem traurig-schönsten Brunnen der Berliner Bäder.