Freitag, 20. Juli 2018

Freibad Berlin: Sommerbad Mariendorf

Im Volkspark Mariendorf existiert ein Bad fast nicht. Es liegt im Park. Es ist schön, Es hat Charme. Es liegt inmitten einer zauberhaften Umgebung. Jedoch lässt es nur selten Besucher herein.

Die wenigen Menschen, die von seiner Existenz wissen, verwechseln das Bad im Park oft mit dem größeren und neueren Bad nebenan, das viel länger geöffnet hat. Willkommen im Sommerbad Mariendorf, dem charmanten Freibad im Zwielicht seiner Schattenexistenz.

Ich könnte stundenlang davor sitzen und es einfach nur anhimmeln.


Diejenigen, die das Sommerbad kennen, vergleichen es innerlich schnell mit dem ähnlich aussehenden, gleich alten, aber größeren, schickeren und besser gepflegten Bad im Nachbarbezirk.

Willkommen im Sommerbad Mariendorf, dem unverdienten Aschenputtelbad am Rande des Volksparks. Ausgestattet ist das Freibad mit dem liebevollen Charme des Underdogs, der historischen Authentizität, die nur lange vernachlässigtes aufweisen kann und dem traurig-schönsten Brunnen der Berliner Bäder.

Das Sommerbad Mariendorf entstand in den 1950ern als Westberliner Arbeiter, die damals noch in den engen Mietskasernen mit Ofenheizung und gerne auch ohne Bad, hausten, etwas Abwechslung haben sollten. Im Winter waberten die Rauchwolken der Ofenheizungen durch die Stadt, im Sommer waren die Menschen verschwitzt und oft genug durch die Arbeit verdreckt. Da sollten sie wenigstens etwas Freizeit, Wasser und Luft haben. In Wilmersdorf, Neukölln, Kreuzberg und Mariendorf entstanden in kurzer Zeit großzügige Freibäder mit 50-Meter-Bahnen.



Das Kreuzberger Bad musste in den 1970ern einmal komplett abgerissen, der Boden unter dem Bad ausgetauscht und das Bad wieder neu gebaut werden. Das Wilmersdorfer Bad blieb im Originalzustand, wurde anscheinend vergleichsweise gut gepflegt – die Einrichtungen wirken für Berliner Badanlagen gut in Schuss, der Außenbereich geschniegelt und gestriegelt .

Das Bad in Mariendorf, es bekam im Laufe seiner Geschichte ein großes Nichtschwimmerbecken, hat dafür aber kaum mehr Wiesen. In seine Pflege wird offensichtlich nur das nötigste investiert. Die Öffnungszeiten sind solcherart, dass man schon Freak sein muss, um überhaupt von seiner Existenz zu wissen.

Nicht verwechseln sollte man das Sommerbad Mariendorf im Volkspark mit dem Freibad im Kombibad Mariendorf am Ankogelweg, das südlich der Trabrennbahn liegt. Das Sommerbad Mariendorf im Norden des Ortsteils ist ein reines Freibad und stammt aus den 1950ern. Während das Freibad zum Kombibad im Süden des Ortsteils, aus der Mitte der 1970er stammt und in seiner ganzen Anlage mit deutlich mehr Geld und Großzügigkeit ausgestattet wurde. Dafür fehlt ihm dieser stille Charme des Sommerbads.

Gelände


Dieser Eingang. Ach, ich möchte Schwärmen, ihn lobpreisen und Euch alle mal nach Mariendorf führen, damit ihr diesen schönen 50er-Jahre-Eingang würdigen könnt.

Viel Stein auf den Wegen.

Beim ersten Besuch hatte ich mich ein wenig verlaufen. Die ganze Anlage schien mir nicht intuitiv. Die Umkleiden waren mir suspekt. Der trockene Brunnen wirkte traurig. Die Gartenanlagen beim Brunnen sehen auch so aus als könnten sie etwas liebevolle Neugestaltung vertragen. Beim zweiten und weiteren Besuchen, ich hatte mich etwas besser eingesehen, erkannte man den Charme. Der aber leider wirklich unter reichlich Patina versteckt liegt.

Zentraler Ort des Geländes ist das große (acht Bahnen, 50 Meter) Schwimmbecken, das einen kleinen Bürzel in Form eines Sprungbeckens hat. Fast direkt daneben liegt das Nichtschwimmerbecken, das neuer ist und die großen Ausmaße der neueren Berliner Nichtschwimmerbecken hat.

Um die Becken ist ein ziemlich großer Bereich mit festem Boden auf dem man sich fröhlich ausbreiten kann. Die Wiesen hingegen sind eher abgelegen, verhältnismäßig klein und auch bei allen Besuchen dort von mir, voller kleiner Zweige, Blätter und anderer Hinterlassenschaften der Bäume – die Charme haben, aber das Liegen oder Laufen auf der Wiese nicht wirklich angenehmer machen.

Die Flachbauten – sie schreien 50er-Jahre! - waren vielleicht vor langer Zeit charmant, vielleicht auch nur funktional, könnten aber auch dringend eine liebevolle Sanierung gebrauchen,

Umkleiden, Kabinen



Länger überlegte ich, ob es ein besseres Wort als Baracken gibt - hier lange, flache, funktionale Bauten, bei deren Gestaltung aus der Nachkriegsnot heraus offenbar kein Wert auf Luxus gelegt wurde. Zum Teil sind diese nicht mehr zugänglich, zum Teil sind dort Kabinen, Duschen und Toiletten untergebracht.

Die Duschen liegen im Gebäude zwischen Vorplatz und Schwimmbad. Der ganze Platz wirkt leicht verlassen, so als wüsste er selber nicht sicher, ob er noch in Betrieb ist. Beim ersten Blick in das Umkleidehäuschen schaut man vor allem in die Düsternis.

Ich zweifelte 2017, ob dies wirklich die Umkleiden sind, und ob das jetzt die Damenumkleide ist oder nicht. Im Dunkeln in einen Raum hineinstolpern, nur um dann inmitten der Damenkabine zu stehen, wollte ich auch nicht.

2018 hing ein Schild an der Garderobe: Garderobe. Ich nahm meinen Mut zusammen und fand eine Art Sammelumkleide mit Wechselkabinen in der Berlin-freibadtypischen kalt-feucht-dunklen Atmosphäre. Die Kabinen wurden irgendwann erneuert: Wechselkabinen, ohne Geschlechtskennzeichnung aus einem grauen 1970er-/ 1980er-Kunststoff.

Von dort aus geht es zu Duschen / Toiletten, die sauber waren und gut gingen aber auch den Charme sehr vergangener Jahrzehnte versprühten.

Schwimmbecken


50 gekachelte Meter. Zwischen 1,90 Meter und zwei Meter tief. Wiesbadener Rinne. Ein großes und größzügiges  Becken, das meine Freibadträume erfüllt. Ein sanftes hellblau bestimmt die Farbgebung. Die Nummern der alten Startblöcke wurden anscheinend per Hand gemalt und auch das Drei-Meter-Brett wirkt ein wenig so, als hätte es damals der Bauhof des Bezirks Tempelhof persönlich angefertigt.

Acht Bahnen. Was will ich mehr.  Es hatte 24 Grad, war damit nur unwesentlich wärmer als die Umgebung und wir waren zu sechst im Becken. Mir unverständlich bleibt, warum in diesem Bad für Stammgäste und Kenner keine Bahn geleint ist, wo das doch in anderen Bädern mittlerweile gut klappt.

Publikum


Die, vorsichtig gesagt, erratischen Öffnungszeiten der Berliner Bäder zeigen ihre Wirkung. Freundlich gesagt ist das Sommerbad Mariendorf ein gutes Ausweichbad auch bei sonnigem Wetter, da es mir stets leere vorkommt als vergleichbare Bäder. Diejenigen, die Anwesend scheinen mir zu bestätigen, dass Mariendorf eher Ortsteil der Alteingesessenen Berliner ist, als derjeniger der Neuzuzügler.

Gastronomie


Ich traute mich nicht.

Fazit

Leider der Normalzustand: geschlossen.


Manchmal verströmt dieses Bad einen traurigen Charme. Aber Charme verströmt es. Man möchte es in den Arm nehmen, knuddeln und ihm dann eine kräftige Finanzspritze verabreichen, um wieder herausgeputzt scheinen zu können.

Sonstiges


Bisher nur hier gesehen: Männer in rosa Basecaps, die diese auch während des Schwimmens nicht abnehmen, um mit zunehmend steifem Hals ihre Bahnen zu ziehen.

Weiterlesen


Nicht nur war das Schwimmblog schon anwesend: Sein Schwimmtier wohnt in diesem Bad. Deshalb ist die Beschreibung nebenan natürlich die ultimative Darstellung des Bads. 

Etwas weiter im Süden, jenseits der Trabrennbahn, liegt das Kombibad Mariendorf mit seinem Freibad.

Das andere 1950er-Bad ist das Sommerbad Wilmersdorf. Auf halber Strecke zwischen beiden liegt das Sommerbad am Insulaner.

Für die Liebhaber historischen Badens stellte ich eine kleine Übersicht zusammen:In zehn Schwimmbädern durch die Berliner Stadtgeschichte.

Einige Kernzahlen zur Schwimmgeschichte in Tempelhof und Umland sammelt der Berliner Schwimmverein Friesen in seiner Chronik.

Alle Iberty-Schwimmbadposts liegen unter: Schwimmbäder nah und fern. Rückblick und Ausblick.

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