Madame und der Pirat tanzen einen eleganten Foxtrott über das Parkett der Aula. Ich bewundere aus der Ferne seinen Stoffpapagei auf der Schulter. Robbie Williams spielt. Die beiden gehen beschwingt vor. Slow slow quick quick. Der Pirat setzt eine Drehung an. Quick quick. Es rummst.
Das war die Wand. Sie halten kurz inne. Madame fragt „Aber du führst doch?“ Er antwortet: „Ja, aber ich sehe nicht, wo die Wand ist.“ Damit hat der Pirat Recht. Er sieht nicht, wo die Wand ist. Er sieht nicht, wo die anderen Tänzer sind. Er sieht auch Madame nicht.
Willkommen beim Ball des Blindentanzvereins. Dort, wo die Führenden führen, aber die Geführten manchmal auf den Weg achten. Der Ort, an dem die schnellste Polonaise südlich des Innenstadtrings getanzt wird. Der Ort an dem sich Rumba, Cha-Cha und Walzer mit einer an Kuscheligkeit grenzenden Herzlichkeit verbinden.
Ach du meine Güte. Wo kommt die U-Bahn-Station her? Dieser Badesee hat einen U-Bahn-Anschluss! Ich stapfe entrüstet mit dem Fuß auf das rechte Fahrradpedal, nur damit mir das linke Fahrradpedal von hinten an die Wade schlägt.
Meine Vorbereitung war glänzend. Mit dem Fahrrad hatte ich mich auf dem Weg zur Krummen Lanke in Zehlendorf nur zweimal verfahren. Aber nun das. Da hatte Berlin vollkommen unbemerkt von mir eine U-Bahn-Station mitten in den Grunewald gebaut. Die Schilder mit der Endhaltestelle "Krumme Lanke" an der U3 hätten mir einen Hinweis auf die Existenz dieses Bahnhofs geben können. Aber manchmal bin ich blöd.
Mein Plan, beim strahlendem Sonnenschein mit über 25 Grad Lufttemperatur die Berliner Freibäder zu umgehen, und einen abgelegenen See zu besuchen, zerkrümelte vor meinen Augen zu Staub. Zertrampelt von den gut gelaunten Menschen, die aus dem Tor des Bahnhofs in Richtung See strebten. Soviel zur unberührten Natur. Das war mein Krumme-Lanke-Trip 2018.
Ich bin manchmal blöd, nicht dumm. Dieses Jahr fuhr ich mit der genannten U-Bahn und wartete auf einen 18-Grad-bei-grauem-Himmel-Tag zum Besuch des Sees. Auf der Fahrt bestaunte ich die Fast-Welterbe-Haltestelle "Onkel Toms Hütte" der U3 und hatte noch DJ Hüpfburg im Ohr.
Die traf ich zufällig am Heidelberger Platz, wollte fragen, wie das Leben als hauptberufliche Hochzeitswebseitengestalterin ist. Aber sie musste mir vom gemeinsamen Bekannten B erzählen: "B traf ich auf dem Innenhof der re:publica. Wir haben uns ja seit sechs Jahren nicht mehr gesehen. Und der war so stoned. Oh my god! Ja, er schauspielert immer noch. Kann davon nicht leben, aber scheint glücklich. Aber ich muss raus aus der Bahn: Ringvorlesung zur interdependenten interkulturellen Künstlichkeit." Und hinfort strebte sie zur Freien Universität.
Immerhin war ich nach der U-Bahnfahrt noch entspannt genug, um die echt italienische Eisdiele in der Nähe der Haltestelle Krumme Lanke zu würdigen ebenso wie die benachbarten Buchhandlungen. Um die Tradition des letzten Jahres nicht ganz abreißen zu lassen, verfuhr ich mich diesmal nicht auf dem Weg zum See, sondern ich verlief mich.
Blick auf die Krumme Lanke
Beide Besuche lagen Anfang Mai, in der Hoffnung auf einen nutzbaren See. Viele Berliner hatten den See- oder Freibadbesuch noch nicht als Möglichkeit der Freizeitgestaltung reaktiviert. Die Wassertemperatur betrug 2018 Anfang Mai und 2019 Ende Mai je 18 Grad. Einige wenige Badende und mehr Sonnende waren 2018 bei strahlendem Sonnenschein anwesend. 2019 teilte ich mir die Wasserfläche mit einem Haubentaucherpärchen und einer Entenmama mit Küken.
Party! Ü300! Die Party, nicht für alte Menschen, sondern für alte Tänze. Eine Veranstaltung, die mehrmals im Jahr in einem spektakulären Gemeindesaal irgendwo bei Dahlem stattfindet. Der Verein Maison Voltaire veranstaltet. Kein Tanz ist jünger als 300 Jahre. Wir feiern mit dem besten aus Renaissance, Barock und Country Dances.
Nach langer Zeit waren Madame Poupou und ich wieder anwesend. Wieder mit Liveorchester, dem Tanzmeister Klaus Abromeit und viel Spaß.
Über die Veranstaltung an sich schrieb ich bereits (Iberty :Schritt – Plié – Schritt – Schritt – Schritt – Plié. Menuett im Gemeindehaus) Diesmal will ich mich aber einem einzelnen Tanz widmen: der Branle. Ein Tanz des Grenzen-Überwindens: vermutlich ein Tanz des Volkes, der schließlich seinen Weg an den Hof fand. Ein Renaissancetanz, der bis weit in das Barock hinein populär blieb.
Die Branle hatte ihre populärste Zeit vom Übergang der Renaissance zum Barock und so kommt der Tanz auch bei Ü300 nach den Renaissancetänzen wie Pawane und Gaillarde an die Reihe, aber noch vor dem Menuett.
Anscheinend ruft dieser Übergang dies ein kleines Loch der Aufmerksamkeit hervor. Während ich mich vom letzten Besuch noch an Pawane, Gaillard, Menuett und Country Dances erinnerte, war die Branle komplett meinem Gedächtnis entschwunden. Das hat sie nicht verdient: ein kleiner, netter Renaissancetanz mit Hüpfen, zeitweise allgegenwärtig und der Univeralverwendungstanz überhaupt..
Alfred Dartiguenave: Branle d'Ossau. Entstanden 1855/ 1856.
Branle d'Ossau
Schwimmbäder sind schön. Eine deutsche Errungenschaft besteht darin,
das Land flächendeckend mit Schwimmbädern überzogen zu haben. Allerdings, nicht alles ist super. Der Sinn dieser Iberty-Serie besteht auch darin, den bestehenden Reichtum des Schwimbadwesens unter widrigen Umständen zu dokumentieren. Wie alle öffentlichen Einrichtungen stehen Schwimmbäder unter finanziellem Druck und auch in Berlin verschwanden in den letzten Jahren einige dieser wundervollen Einrichtungen.
Einige Bäder, die von Schließung bedroht waren, werden mittlerweile privat betrieben, oft von Vereinen. Dazu gehören beispielsweise das Bad in der Siemensstadt, das Baerwaldbad, das Bad Oderberger Straße oder die
Schwimmhalle im Freizeitforum Marzahn. Fast alle Bäder, die in den letzten 30 Jahren in Berlin entstanden, sind in privater Hand: Liquidrom, Badeschiff, Haubentaucher - das alles aber sind Bäder zum Rumhängen, Ausspannen und Chillen - schwimmen ist in allen der neuen privaten Bäder schwierig.
Esverschwanden Schwimmbäder. Da diese Bäder nicht mehr beschwimmbar sind, hier ein kleiner Überblick was wir seit der Wiedervereinigung Berlins verloren.
Berlin-Zehlendorf am Samstagabend, so gegen 17:45 Uhr. Janz weit draußen. Eine Einkaufsstraße, an der die meisten Geschäfte bereits geschlossen haben. Die wenigen noch beleuchteten Läden werfen gerade die letzten Kunden raus. Einzig vor einigen Imbissbuden und dem „Bali“, den „Bahnhofslichtspielen“ sind noch Menschen. Vor dem Kino warten sie auf die Vorstellung einer mittelbedeutenden europäischen Komödie.
Leicht zurückgesetzt und in der Dunkelheit in seiner ganzen Herrschaftlichkeit nicht gleich erkennbar ist das Gemeindehaus der Paulusgemeinde. Gebaut 1930, damals noch als Gemeindehaus und "Volks-Wannenbad" mit Gymnastikkeller und Filmvorführraum. An der Tür ein unscheinbarer handgeschriebener Zettel „Ü300 willkommen". Von oben klingt Musik. Nach dem Gang durch ein herrschaftliches Treppenhaus geht es in einen Gemeindesaal, der so manche Kirche neidisch machen würde: eine Bühne mit leicht improvisierter Scheinwerferanlage, gefühlte 12 Meter Deckenhöhe, Holz allüberall, Fenster mit Glaskunst und noch eine komplette Orgel dazu. Man muss nicht wissen, dass hier einst Größen der deutschen Klassik Platten aufnahmen, man spürt es schon fast. Im Saal probt ein Orchester ein Streichern, Flöten und einigen anderen Instrumenten. Spontan zusammengekommen, aber anscheinend wissen alle wie ihr Instrument funktioniert. Hier also soll die Ü300-Party stattfinden.
Ü300 wie „Über 300“. Es sind allerdings nicht die Tänzer gemeint, sondern die Tänze selber. Das Programm verspricht keinen Tanz, der jünger ist als 300 Jahre. Angeleitet von Tanzlehrer und Choreographen Klaus Abromeit und live begleitet von einer spontan gebildeten Kapelle aus Interessierten, kann man tanzen lernen und tanzen. Ziemlich einmalig übrigens in Deutschland, dass es eine derartige Veranstaltung mit Livemusik gibt.
Veranstaltet vom "Maison Voltaire", einem "Zusammenschluss von Künstlern und Künstlergruppen mit dem gemeinsamen Ziel, historische Theatertechniken für die heutige Bühne zu erschließen". Die Teilnehmer sind bunt gemischt, teils mit offensichtlich langjähriger Erfahrung im Genre, teils wie ich komplett neu beim Thema, teils gewandet, teils - wie ich natürlich - in Jeans- und T-Shirt oder Pullover; von 15 bis 85 mit Schwerpunkt jenseits der 50 und einem leichten Frauenüberschüss.
Für gut drei Stunden folgt dann ein steiles Programm: Pavane, Gaillarde, Branle, Menuett (mit Pas de Cour) und den Country Dances "Hole in the Wall" und "Indian Queen" (Vorläufer des Square Dances, glücklicherweise ohne Cowboystiefel und ohne jemand der einen anbrüllt). Chronologisch ging es durch die Jahrhunderte: vor der Pause Renaissance mit Pavane, Gaillarde und Branle, nach der Pause Barock mit Menuett und dann noch zwei Country Dances.
Ein Vorurteil erledigt sich relativ schnell: wie üblich sieht das deutlich einfacher aus als es tatsächlich ist. Insbesondere: auch wenn das was man von den höfischen Tänzen so in Historienschinken sieht, immer eher so etwas langsam und formell aussieht. Die sind nicht nur von den Schritten recht anspruchsvoll und können auch ein erhebliches Tempo aufweisen. So eine Gaillarde ist schon ziemlicher Sport.
Und selbst ein ersten Blick eher trivial wirkender Schreittanz hat dann doch so einige Tücken, sei es im gewöhnungsbedürftigen Rhythmus, der Körperhaltung oder einfach nur der Koordination aus Simples und Doubles, links und rechts und wenn man dann mal kurz nicht aufpasst, muss man auch noch hüpfen. Der Renaissanceteil besteht aus Schreiten - Hüpfen - und wieder Schreiten. Am Ende sind Wasser, Wein und Imbiss dringend nötig. Wie der ganze Abend sind auch die Imbisse handbereitet, mit Liebe gemacht und so wie man es bei einer Veranstaltung von Freunden erwarten würde.
Beim Menuett erfolgt dann noch ein Schnelldurchlauf durch die fünf Grundpositionen des Balletts und Beinknoterei für Fortgeschrittene. "Man muss mit seinem Körper reden, sonst hört der nicht" Zur Freude der Runde endet das ganze mit den fröhlichen Counrydances in langer Reihe, bei denen das halbe Abenteuer daran besteht sich aus verpeilten Fehlpositionierungen wieder in den Tanz zurück zu retten.
Je später der Abend, desto breiter das Grinsen bei den Beteiligten. Sport macht eh glücklich, Tanzen verbindet, es hilft, eine derart gute Organisation, Gastfreundlichkeit und die Mischung aus Menschen, die sich so richtig ernsthaft auskennen und Menschen, die planlos aber neugierig sind.
Zur Frage, kann man Menuett an einem Abend zusammen mit sechs anderen Tänzen lernen? Nein. Ich kann natürlich kein Menuett. Aber immerhin bringe ich eine einfache Grundform relativ unfallfrei hin.Und zwar jene:
Um ein Gefühl für den Tanz zu kriegen und eine Ahnung dafür, was sich alles aus dem Menuett entwickelte ist das ein guter Anfang. Es gibt ein Anfangsverstehen, warum die Menschen das damals so gerne tanzten und nicht zuletzt wuchs ein gehöriger Respekt für die damaligen Tänzer. Zudem versteht man wie immer mit Geschichte auch heutige Tänze besser, wenn man weiß wo sie herkommen. Und nicht zuletzt: es hilft extrem bei der Würdigung von Historienschinken. Auf zur nächsten Ü300.