Donnerstag, 27. April 2017

Schwimmbäder nah und fern: Alte Halle, Charlottenburg

Schwimmbäder sind schön. Eine deutsche Errungenschaft besteht darin, das Land flächendeckend mit Schwimmbädern überzogen zu haben. Schwimmnbäder sind ein Ort für alle, ein Ort für Bewegung, Spiel und Überraschungen. Schwimmbäder geben einen guten Einblick, wie Menschen sinnvoll ihre Freizeit verbringen. Als Liebhaber von Schwimmbädern werde ich dieses Blog nutzen, um einen Überblick über große und kleine Schwimmbäder zu geben: Becken, Menschen, Duschen, Kaffee und sonstige Annehmlichkeiten. Heute: Stadtbad Charlottenburg, Alte Halle

Das älteste Bad Berlins. Ein historisches Bad mit einer spektakulären Fischfigurfassade; und den großartigsten Schwimmbadlampen östlich des Mississippis. Rückenschwimmen mit dem Blick zum Glasdach, in dem sich das Licht der untergehenden Sonne bricht. Als solches ist das Bad natürlich Dauergast in allen "Die schönsten Bäder Berlins"-Listen.



Und doch: So richtig warm wurden wir nicht miteinander. Vielleicht lag es an der Temperatur. Der Schwimmeister trug beim ersten Besuch im Winter auf jeden Fall auch eine Wollmütze und Dreiviertelhose.



Da mich ein Schild am Eingang auch noch – mit Ausrufezeichen! – gewarnt hatte, dass das Bad nicht zum sportlichen Schwimmen geeignet sei, schwaderte ich im mittelwarmen Wasser und der kalten Luft und war am Ende kühler als vorher. Passiert beim Schwimmen ja eher selten.  Beim zweiten mal war dann Frühling, vier waren zu viert und so hatte ich jeden Platz, um mich ordentlich zu bewegen. Und trotzdem: die große Begeisterung ließ immer noch auf sich warten.

Aber um Anfang zu Beginnen:  Mittlerweile ist die Alte Halle in Charlottenburg Berlins ältestes noch existierendes Bad. Gebaut von der ehemals selbstständigen und ziemlich reichen Stadt Charlottenburg, um den benachbarten Berlinern mal zu zeigen, wo der Hammer so hängt. Die Fassade aufwendig mit allerlei Getier geschmückt, innen wird es dann jugenstilig-elegant.



Fast wäre das alte Bad dem Bau des Stadtbads Charlottenburg/Neue Halle in den 1970ern zum Opfer gefallen. Heute dient die Neue Halle für Sport und Schwimmen, die Alte Halle zum Baden und für abgetrenntes Schwimmen. Hier sind recht regelmäßig gesonderte Zeiten für Senioren, Schwangere, Frauen oder Behinderte. Lange gab es auch FKK-Zeiten, die wurden mittlerweile eingestellt.
Bis 2009 war es in Charlottenburg noch möglich, Wannenbäder zu nehmen.Seitdem dieser Teil 2009 geschlossen wurde, verschwand in Berlin die letzte Möglichkeit ein öffentliches Wannenbad zu nehmen.

Die Wannenbäder fielen der Sanierung 2009 zum Opfer, ebenso wie anscheinend die Kacheln im Becken. Die Sauna geht auch nicht mehr. Hierbei scheint das aber eher am alltäglichen Berliner Verfall zu liegen, als an einer geplanten Maßnahme.

Gebäude


Backstein mit zahlreichen Tierchen verziert. Insgesamt von oben betrachtet wohl ein L. Ein langer Eingangsbereich, den man schlauchartig durchschreitet. Im Obergeschoss lagen wohl Wannenbäder und Sauna vermute ich mal. Heute werden ein paar Räume von Charlottenburger Sportvereinen genutzt. Was sich in all‘ den anderen leeren Gebäudeteilen befindet, wissen wohl nur die Berliner Bäder. Die Kasse am Ende des Ganges am Fuße einer Treppe. Das eigentliche Becken liegt dann im Querbau am Ende des Ganges ebenfalls im ersten Stock.





Wie klein sie ist. Wie bei allen alten Berliner Bädern eine repräsentative geschlossene Fassade zur Straße hin werden die eigentlich Schwimmhalle auf dem Hof versteckt wurde. Open Street Map © OpenStreetMap contributors, made available under the terms of the Open Database License (ODbL).




Die Treppe hoch, dann steht man plötzlich in Jacke und Stiefeln in der Schwimmhalle und darf einen kurzen Blick ins Becken werfen, bevor der Weg zu den Kabinen führt.

Umkleiden, Duschen


Das alte Volksbad-Prinzip: Die Kabinen sind direkt am Beckenrand. Aufgeteilt hier in einen Gang rechts für Männer, links für Frauen. Ursprünglich konnte man dann seine Sachen in der Kabine lassen und dann direkt – nach dem Duschen natürlich - einen Kopfsprung von der Kabine aus, ins Becken tätigen. Hier ist das nicht mehr möglich. Die Seeseite der Kabinen wurde durch eine Stein/Kachelwand ersetzt, der Weg in die Kabine hinein führt auch wieder hinaus und dann noch einmal durch die halbe Halle zu Duschen und WC.



Die Kreativität der Berliner Bäder ist erstaunlich. Sie haben noch ein weitere Möglichkeit der Ausgestaltung gefunden für „wie kriege ich den Schrankschlüssel“. Hier kann man 1 Euro-Pfand hinterlegen oder zwei Euro. Je nachdem. In die einen Schränke nur 1 Euro, in andere Schränke nur 2 Euro. Ein System habe ich nicht wirklich gefunden. Was mich auch überraschte: bei einem Bad, dessen letzte Sanierung nicht allzu lange her ist - und Charlottenburg ist jetzt auch eher kein Problemviertel - zwei von drei getesteten Türen bei der Umkleidekabine schlossen nicht ordentlich. Bei beiden Besuchen musste ich mehrfach die Kabine wechseln.

Der Umbau ist nicht lange her, bei den Kacheln hatte sich das Denkmalamt das ein oder andere Wort mitzureden, also sind blitzen die in einem recht eleganten beige-hellgrün, das gut zur Jugendstiligkeit des Bades passt. Die Dusche ist klein, nachgeradezu intim. Das "Zieh! Dich! Aus!"-Duschschild ist schon fast ein Klassiker: der textreiche Ausschnitt aus der Berliner Schwimmhallenordnung.


Schwimmhalle


Ein Becken. 25 Meter, zum Ende hin ziemlich flach werdend. Ein traumhaft schönes Glasdach, die schönsten Lampen aller Berliner Bäder und zwei anmutige gemalte Badeszenen mit Nymphen, halbnackten Jünglingen und Kranichen am reetreichen See. Die Bilder sehen sehr zeitgemäß nach 1898 aus, sind aber tatsächlich erst nach einer Sanierung und der Entfernung der vorher dort befindlichen Fenster in den 1970ern(?) entstanden.



Das Becken selbst ist seit neustem aus Metall, was an diesem Ort – nun ja – ungewöhnlich wirkt. Dadurch dass die ehemaligen Kabinen seeseits nun durch gekachelte Wände ersetzt sind, wird das Becken auf beiden Seiten von zwei Meter hohen Kachelwänden direkt am Beckenrand umschlossen. Auch das wirkt eher eigentümlich. Insgesamt ist das alles sehr glatt, wirkt neu und poliert und so halt gar nicht so wie ein historisches Bad.

Oben gibt es noch eine nette Galerie unter der hohen Decke. Mir ist es aber nicht gelungen, herauszufinden, wie man dort hinkommt. Und wohl auch niemandem sonst: die Galerie war leer.
Und ja, der Herr mit der Mütze und der Dreiviertelhose. Ich kenne es ja aus dem Neuköllner Bad mit ähnlichem Baujahr, dass die Lufttemperatur irgendwie immer brüllend warm oder eher kühl ist. Aber so richtig warm war hier das Wasser auch nicht und die Halle selbst eher ziemlich kalt. Verbunden mit der Unmöglichkeit sportlichen Schwimmens.. alles in allem eine eher abkühlende Angelegenheit.

Publikum


In einem der Berliner Bäder gibt es ein Senioren- und Kinderschwimmen. In Charlottenburg wird dieses zwar nicht veranstaltet, aber es fühlte sich so an. Die Anwenden – Montag Vormittag in den Weihnachtsferien – waren entweder weit jenseits der 60 oder weit diesseits der 6. Letztere mit väterlicher Begleitung (und zwar zu diesem Anlass wirklich nur Väter).

Die über 60-Fraktion schaute mich sehr kritisch an, ob ich mich nicht im Bade verlaufen hätte, ließen mich dann aber ohne persönliche Ansprache gewähren. Im weiteren Verlauf des Vormittags wurde es dann etwas vielfältiger.

Deutlich besser: Freitag am frühen Abend: eine Zeit in der Hallenbäder eigentlich traditionell überfüllt sind. Wir waren zu sechst. Ein Vater mit Kind im Nichtschwimmerbereich, dazu vier Leute, die des Schwimmens da waren, im Schwimmerbereich. Das Becken ist immer noch zu kurz, aber bei soviel traumhaften Platz, verzeihe ich auch das. Alles ging! Und dazu dann noch der traumhafte Frühjahrssonnenuntergang durch das Glasdach.

Gastronomie


Ein Süßigkeitenautomat. Kein Kaffee.



Sonstiges



Wer die ursprüngliche Aufteilung und Gestaltung der Halle mal anschauen möchte, sollte nach Spandau-Nord. Die Schwimmhalle dort wurde offenbar nach demselben Gestaltungsprinzip erschaffen, fiel aber weniger Umbauten zum Opfer. Dort sind die Kabinen noch mit zwei Türen versehen, der die Schilder sind noch deutlich älter und das alles wirkt weniger glattpoliert.

Fazit


Tja, eigentlich hat das Bild vieles von dem was ein Bad wirklich großartig macht. Aber irgenwas ist bei der letzten Renovierung schief gefangen. Das ist schon alles sehr schön da. Aber dieses Metallbecken, bei dem man keine Spur mehr vom alten Beckenkopf sieht.


Diese glatte Drei-Meter-Wand direkt neben dem Schwimmbecken. Kein Vergleich mit Neukölln (und dessen großartigem Beckenkopf) oder Spandau-Nord. Es ist sehr eindrucksvoll und für Freitag Abend ein echter Tipp zum sich-austoben: Nur Seele spürte ich irgendwie nicht.

Weiteres

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