Donnerstag, 19. November 2020

Logik in Leipzig

Letztens stolperte ich über SPARQL und das Semantic Web und bloggte dazu: SPARQL für Anfänger. Ein Versuch. Das verschafft mir die Gelegenheit, hier frei herumzuschwadronieren. Der echte Blogpost liegt ja schon auf Fahrrad-Datenautobahn. Währned ich also dem Semantic Web, URIs. rdf. rdfs. SPARQL, OWL und anderem nachging, stolperte ich auch immer wieder über die formale Logik. Und ich dachte "Oh wow. Hätte nicht gedacht, dass ich die wiedersehe." 

In Leipzig bin ich im Rahmen des Philosophiestudiums in einge Kurse formale Logik hineingeraten, habe Klausuren geschrieben, die sich nur aus dem Durchrechnen logischer Formeln bestanden, und es war Highlight. Ende der 1990er Sozialwissenschaften und Philosophie in Leipzig zu studieren, war seltsam. Waren doch die Studiengänge samt Studenten und Lehrpersonal komplett aus dem Westen gekommen. 

Die Professoren teilten sich in die drei Kategorien "Überzeugungstäter, die dem Osten beibringen wollen wie es geht" oder "Zu doof, um ihm Westen was zu werden" oder "zu unkonventionell, um im Westen was zu werden." Veranstaltungen in der dritten Gruppe waren Highlights. Nur DDR-sozialisierte Menschen gab es kaum. Die hatte die Wende dahingefegt. Einige wenige durften sich auf halben Stellen in der Verwaltung halten oder unverfängliche Themen wie "Statistik" oder "Klassiker der Philosophie vor dem Jahr 1000, die gerade komplett nicht in Mode sind" unterrichten. 

Die einzige Sammlung von DDR-sozialiserten Lehrenden war bei den Logikern. Die waren weit weg vom Thema. Und gut. Und diese Logikklausur in einem Drittel der Zeit mit dem besten Ergebnis aller Schreibenden war eines der Highlights meines Studiums. Neben der 7000-Mann-Antifa-Demo in Wurzen, The Jesus-and-Mary-Chain im Ilses Erika hören, meinem ersten Besuch einer Uni-Bibliothek und so. 

Wäre ich damals weiser gewesen (und hätte mir nicht das Bafög-Amt im Nacken gesessen), hätte ich nach Logik umgesiedelt, irgendeinen total seltsamen Logikkrempel den Rest meines Lebens gemacht, würde jetzt als weiser vom Berge Zeichens mit Hagoromo-Kreide Zeichen an Tafeln malen und mir als AI-Entwurfs-Berater ein schönes Leben machen. 

Aber es kommt immer anders. Um so erstaunlicher, dass die Logik von links hinten rum quer durch das Auge wieder in mein Leben trat. Nun in der Form von Datenbanken. Ich bloggte darüber: SPARQL für Anfänger. Ein Versuch. 

 

1Europafüralle demonstration Berlin Antifa block 08
Nicht Leipzig. Hier Berlin. Bild: 1Europafüralle demonstration Berlin Antifa block 08.jpg Von: Leonhard Lenz Lizenz: Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication

Montag, 26. Oktober 2020

AKAZIE – Cambio-Carsharing in Schöneberg

Stationsgebundenes Carsharing in Berlin-Schöneberg. Ein Abenteuer für den modernen Großstädter. Mit dem Ford Fiesta von Schöneberg nach Brandenburg und zu zurück.

Stazione di Milane Centrale. Ich stolperte damals verloren durch die Gegend. Mein gesammeltes Interrail-Geld 1993 in einer Plastiktüte, mit Stecknadel an der Unterhose befestigt. Ich hungrig, hatte gerade aus Versehen das gesamte Wochenbudget für einen Teller Reis in Vorspeisengröße in einem milaneser Restaurant ausgegeben. 

Silberner Ford Fiesta von Cambio-Carsharing geparkt auf einem Berliner Hof. Im Hintergrund eine alte Mauer.
Cambio-Ford-Fiesta, zwischengeparkt auf Schöneberger Hinterhof.


Dabei wollte ich, einmal in Italien sein, einmal Pasta essen! Etwas anderes. Nur drei Stunden in Italien, auf der Durchreise zwischen Ljubljana und Montpellier. Hungrig, erschöpft, unausgeschlafen und zu pleite. Ohne Spaghetti. Mit Reis. Nicht ahnend, dass ich gleich in den Nachtzug steigen würde, in dem mir ein südfranzösischer Taschendieb noch größere Teile des Reisebudgets entwenden wird. Aber Milano Centrale. La gente solo parla italiano. Tempo veloce! Mi non caspica nessuno. Voglio di partire subito. Anche io ho fame.

Verlorensein. Bis da dieser Schalter ist. Eine Schalterhalle alter Schule. Mit Glaswand, Holz, aufgereiht die Schalterbeamten. Und da dieser eine Schalter: Auf ihm prangen deutsche, französische, englische und spanische Fahnen. Ein multilingualer Fahrgastberater. Ich flüchtete verzweifelt zum Stand. Der Mann, ein Traum, spricht fließend deutsch. Kann mir ohne weiteres Nachsehen ein halbes Dutzend Zugvarianten zwischen Norditalien und Spanien aufzählen. Mit kurzem Blick ins Kursbuch informiert er mich, wo ich in Genua umsteigen muss. Er kennt den Weg über die Bahnsteige und gibt mir einen Tipp für guten Kaffee beim Halt in Monaco. Mon Ami!

Meine Gedanken verweilen im Mailand 1993 während mein Körper im Frühherbst 2020 die Berlin-Schöneberger Dominicusstraße entlang läuft. Alles nur, weil ich vorher die Krimischmonzette Mafia, amore e polizia gelesen hatte. Sie spielt 1993 in einem Zug von Hamburg nach Neapel. Die Schöneberger Bürgersteige sind breit. Dort entlangschlendern lässt Zeit zum Nachdenken.

Zeit zum Zweifeln: dieser großartige Schalterbeamte, der mir damals uralt vorkam. Aber sicher noch vor der Rente war. Lebt er noch? Und wie konnte ich ein spektakuläres und weltbekanntes Mailänder Risotto essen, ohne zu merken, was ich vor mir hatte.

Ich versuche, meine Gedanken auf die nächste Reise zu fokussieren: Brandenburg. Auto. Tiefgarage. Sie müssen erst die Karte vor den Schlüssel halten. Und dann damit das Garagentor auffalten.

Ich komme an der Kreuzung Dominicusstraße/ Hauptstraße an. Sage mir „Auto. Carsharing. Denk an Deine PIN. Begutachte das Auto.“ Mir bleibt Zeit. Mein Mietvertrag beginnt erst um 14 Uhr. Ich denke "AKAZIE" - so heißt die Station in der Akazienstraße. Benachbart wären GOLTZ, LAUTER oder NOLLE-JELBI.

Donnerstag, 8. Oktober 2020

Früher, als es noch gesungene Telegramme gab

Nebenan auf Fahrrad-Datenautobahn veröffentlichte ich einen Blogpost über Telegram und andere Messenger.

Dies gibt mir die Gelegenheit in diesem, thematisch ungebunderen, Blog hier paar Döntjes aus dem Leben zu erzählen. Letztes lernte ich ein neues Verb "dopfen". Laut dem Hersteller meines neuen Dutch Ovens handelt es sich dabei um das Verb das beschreibt diesen Ofen zu nutzen. Also ähnlich wie braten oder kochen oder rösten oder grillen, nun dopfen. Man werfe Zeug in einen 10 Kilo schweren Gußeisentopf, werfe Briketts hinterher und am Ende hat man die müseligste Variante eines Schmorgerichts erschaffen. Aber es gibt halt nichts aromatischeres als Schmorgerichte. 

Auf meinem Handy sind diverse neue Apps. Kein neuer Messenger, aber dafür existiert ein schöner neuer Blogpost über Signal, Threema und XMPP: Telegram - Messenger nicht besser. 

Wart ihr schon mal in Kyritz? In Brandenburg nahe der Mecklenburgischen Grenze. Ein phänomenales Städtchen. So im Nichts. Aber komplett. Daneben liegt Wesselburen zentral in der Mitte der Zivilisation. Egal aus welcher Richtung, Kyritz mit ist mit seinen knapp 10.000 Einwohnern auf Abstand die größte Stadt. Die nächste Metropole ist Perleberg. Aber was für eine Stadt! Nicht nur als ehemalige Hansestadt eine wirklich niedliches Städtchen. Die hohe Anzahl belebter Cafés, der Bioladen, der Weltladen, die Buchhandlung, das Dutzend inhabergeführter Geschäfte. Wahrlich nicht das, was ich am hintersten Ende Brandenburgs erwartet hätte. Selten sah ich von Außen eine derart einladende Stadtbibliothek. 

 Letztens verschwand ich in einem schwarzen Loch. Ich entdeckte, dass das Archiv der Village Voice, der Urmutter aller Stadtmagazine aus New York online ist - und man sich für Tage durch das New York der 1960 bis in die 2010er lesen kann. Nun muss ich nur noch meinem Arbeitgeber beibringen, dass zwei Wochen ununterbrochen Village-Voice-lesen ein legitimer Grund für einen Bildungsurlaub ist. In schwarzen Löchern kann man auch in Messenger-Diensten versinken. 

Ich bloggte darüber: WhatsApp, Telegram und Threema.

Mittwoch, 26. August 2020

Badestelle Lochower See, Sternenpark Westhavelland

Kennt ihr das schwedische Bilderbuch „Olivia och Oscar badar i sjön“ („Olivia und Oscar baden im See“)? Die Bilderbuchkinder laufen mit ihren Handtüchern an den Bilderbuchsee? Olivia schwingt sich vom Baum ins Wasser. Oscar ist bereits einige Meter voraus geschwommen.


Badestelle Lochower See
Badestelle Lochower See

 

Am Ufer neben der Badestelle zeigt die Alice dem Matteo, wie man Karpfen angelt. Die Eltern holen Picknick aus dem Holzkorb. Aber, ach, großes Drama! Mücken und Bremsen! Aufregung! Rufen! Weinen! Trösten! Schnell müssen die Kinder mit mitgebrachtem Eis versorgt werden. Abends sitzt die Familie mit Saft und Wein am Seeufer und betrachtet Händchen haltend den Sternenhimmel, der sich im Wasser spiegelt.


Ich kenne dieses Buch nicht. Vermutlich existiert es nicht. Keine Bilderbuchfamilie am Bilderbuchsee. Aber das Vorbild existiert. Der Lochower See zeigt sich, als wäre er direkt einem schwedischen Bilderbuch entstiegen. Der kleine überschaubare See im Wald, mit niedlicher Badestelle, ein paar angelnden Jungs nebenan, ein paar Familien und uns. Wüsste ich es nicht besser, würde ich glauben, das Fremdenverkehrsamt hätte inszeniert.

Der See


Der Lochower See hat laut Wikipedia sechs Hektar. Das sind etwa 300 mal 200 Meter – überschaubar. Um den See herum wächst Wald. Mehrere Zugänge für Angler existieren, ebenso wie eine Badestelle mit Bäumen, Wiese, Mülleimern. Wie es sich für einen See am Ende der Welt gehört hat er weder Zu- noch Abfluss.

Dienstag, 4. August 2020

Alle meine Tabs sind wieder da

Letztens an den Schließfächern im Sommerbad am Insulaner. Wir kommen ins Gespräch, sind uns einig: wir haben die beste Freibadsaison aller Zeiten. Und aller die noch kommen werden. Die Bäder sind nie zu voll. Die Seitenspringer-Problembären sind verschwunden. Alle Anwesenden sind total entspannt. Auf den Liegewiesen haben wir Platz wie noch nie. Wer hätte gedacht, dass die schwimmfreudige Freibadbesucher*in die Gewinner*in von Sars2 sein wird.

Die Problembären haben dafür beschlossen, in unserem Innenhof eine semiprofessionelle Lungerei zu eröffnen. Dort lungern sie schon wie die Profis, trinken Caprisonne, telefonieren. Und Spät abends zählen sie Scheine ab. Ich will nicht wissen, wofür. Nur wurden sie des Nachts von mehreren Nachbarn angebrüllt, dass sie leise sein sollen. Seitdem ist die Lungerei umgezogen.

Denn früh aufstehen muss man, wenn man um 6:15 mit dem Fahrrad die Stunde der Bauarbeiter sehen will. Dort schlappen sie auf dem Weg zur Arbeit oder kommen aus ihren Unterkünften. Seit den Radtouren im Sonnenaufgang, weiss ich, in welchen Schöneberger Häusern die offensichtlichen Massenunterkünfte sind.

Besser ist der Weg zurück. Über den Prellerweg, über die einzig geschützten 50 Meter Radweg, die seit 1990 in Tempelhof-Schöneberg entstanden sind. Und zum Sommerbad am Insulaner. Dessen Anlage ist so schön. Und es ist so leer. Ach, an diesem Freibadsommer werde ich mich den Rest meines Lebens mit Wehmut erinnern.

Auch mit Wehmut erinnerte ich mich an die Firefox-Erweiterung Tab Mix Plus. Für diese immerhin fand ich eine Art Ersatz. Ich bloggte mit dem Fahrrad auf der Datenautobahn: Tab Mix Plus ist zurück.


Freitag, 17. Juli 2020

Strandbad Spree Oberbaumbrücke von Pfuel

Wie langsam sich ein Baggerschiff in Stellung bringen kann. Madame und ich lehnen an der Brüstung der Elsenbrücke. Wir schauen auf die Baustelle in der Spree. Am Berliner Osthafen schützen Spundwände einen Bereich mitten im Fluss. Sie schützen einen Sandhaufen in der Spree. Ein Kahn halbvoll mit Sand liegt neben den Wänden. Ein Baggerschiff liegt längsseits. Baugeräte fahren über den flussliegenden Sand. Am Ufer, direkt neben dem Sandhaufen bestätigen Berge aus zerbrochenem Beton: Hier wird gebaut. Aber in welche Richtung? Aufbau Ost? Abbau Ost?

Wohin bewegt sich der Sand? Baggert das Schiff ihn vom Kahn in die Spundwände? Oder gelangt es vom Fluß auf den Kahn? Freiheit für die Spree! Oder neue Gebäude? Madame und ich schoben unsere Räder über die Brücke von Friedrichshain nach Treptow. Wir waren auf dem Weg zum Badeschiff. Ich hatte Madame versprochen, dass man das Schiff vom Nordufer der Spree aus gut sehen kann. Nun waren wir auf dem Rückweg in den sonnigen Süden Berlins. Nur der Kahn hielt uns auf. Hatte unsere Neugier geweckt. Der langsamste Bagger östlich der Havel machte keinerlei Anstalten sich zu bewegen.

Wir lehnen. Der Schiffsbagger pendelt. Der Kettenbagger fährt unmotiviert über den Sand. Ich bilde mir ein, das Badeschiff zu erahnen. Meine Gedanken schweifen in Richtung ehemaliger Schwimmherrlichkeit an der Spree. Nicht weit entfernt, nahe der Oberbaumbrücke, direkt am Westen, lag die Von-Pfuel’sche Badeanstalt. Über 100 Jahre lang war es das eindrucksvollste Flussbad Berlins.

Vier - zwei ganz, zwei angeschnitten, Zeichnungen von Männern beim Brustschwimmen. Blick von oben.
Aus dem Lehrbuch der Schwimmkunst: für Turner und andere Freunde der Leibesübungen und zur Benutzung in Schul- und Militär-Schwimmanstalten, geschrieben von Hermann Otto Kluge 1870, dem ehemaligen „Turnlehrer bei der Berliner Feuerwehr“ und Carl Euler. Gemeinfrei, da Autoren länger als 70 Jahre tot.


Wildes Klingeln reißt mich aus meinen Gedanken. Fahrradreifen quietschen. „Na Ihr Pfeifen!“ Hinter mir kommt ein Liegerad schlingernd zum Stehen. Am Heck flattert die gelbe Fahne mit roter Aufschrift „Schwimmenberlin.de“. Joe kommt!

Donnerstag, 2. Juli 2020

Klapp die Wikipedia zusammen

Erzeugt Corona Halluzinationen? Seitdem die Spargelzeit vorbei ist, bilde ich mir ein an den Orten meines tägliches Vorbeifahrens wie dem Ikea-Parkplatz neue Spargelhäuschen zu sehen? Oder verkaufen die nur noch Heidelbeeren? Und spätestens 2021 wird ein dunkelblaue Heidelbeerhäuschen geben wie es jetzt schon rote Erdbeerhäuschen gibt?

Das steht alles nicht in Wikipedia. Aber vielleicht die Geschichte der Erdbeer-Verkäuftsstände in Deutschland. Wenn ihr Euch noch drei Wochen bis drei Jahre geduldet, könnt ihr Wikipedia in neuer Ästhetik betrachten. Ich bloggte nebenan: Seitenleiste Wikipedia nötig?