Oh Du Brandenburger Adler
(Teil 2)
Zur Vorgeschichte: Regelmäßig fahren Madame und ich mitten im märkischen Wald an einem Gedenkstein vorbei:
"Hier im Krämerwald, in der ehemaligen Jugendherberge Neu-Vehlefanz, hat
Gustav Büchsenschütz im Jahre 1923 das Lied ‚Märkische Heide,
märkischer Sand' gedichtet und komponiert."
Zuerst überraschte es mich, dass überhaupt eine Hymne, die inoffizielle Hymne des Landes Brandenburg, quasi aus der modernen Zeit kommt. Die
Märkische Heide ist zwar nicht die offiziele Hymne Brandenburgs - das Land hat keine Hymne - wird aber regelmäßig zu offiziellen Anlässen gespielt. Ihr Dichter war kein romantischer Poet des 19. Jahrhunderts in Gamaschen mit wallendem Haar, sondern Leiter des Steglitzer Bäderamtes. Nach etwas mehr Recherche offenbarte sich allerdings eine Geschichte, die idealtypisch eine Berlin-Brandenburger-Geschichte des 20. Jahrhunderts darstellt.
Mehr zur Vorgeschichte, siehe den Post
Roter Adler Brandenburg Hymne.
Die Geschichte
Ein junger Mann schreibt ein schlechtes
Lied. Ein Ereignis, das auf dieser Welt häufiger vorkommt. Interessant
wird das Werk wie so oft in der Kunst durch sein Nachleben.
Büchsenschütz selbst schrieb das Lied bei einem Wochenendausflug von
Berlin aus mit dem Zug nach Velten und dann wandernd weiter durch das
Brandenburger Eiszeitland.
Die Gruppe, laut Büchsenschütz „zehn, fünfzehn Jungs und Mädels“
wanderten vom Ofenmuseum Velten über die Alte Hamburger Poststraße und
durch den Krämer Wald. Sie landeten in der Jugendherberge Neu-Vehlefanz.
Oder mit Büchsenschütz:
„Das
nannte sich Jugendherberge, aber es war nur ne olle Bauernkate, links
vom Flur Zimmer, rechts ne Stube, in der Mitte ne Küche. Olle
Feld-Bettstellen und olle Decken, das war alles ganz, ganz primitiv. Das
sanitäre Häuschen auf dem Hof. Morgens früh waschen an der Pumpe mit
kaltem Wasser.“
Dort verbrachte er den
langen, anscheinend einsamen Abend und am nächsten Morgen war ein Lied zum Wandern und Singen geboren.
Nun
ist es deprimierend genug für Brandenburg, dass die Brandenburg-Hymne von einem Berliner auf Wochenendausflug geschrieben wurde. An
diesem Ort zu dieser Zeit treten dort noch jede Menge deutsche
Geschichtsverirrungen hinzu.
Der Bismarckorden
Vom Bahnhof Velten nach
Neu-Vehlefanz wanderte Büchsenschütz nicht in irgendeiner Wandergruppe,
sondern in einer Jugendgruppe des Bismarckordens. Der Bismarckorden war eine
radikalere Abspaltung des Bismarckbundes, der wiederum der DNVP – der
Deutsch-Nationalen-Volkspartei - nahestand.
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Der Bismarckbund marschiert. Büchsenschütz' Bismarckorden war dessen militante Abspaltung. Bild: Das grosse Reichstreffen des Bismarckbundes in
Potsdam! Der grosse Vorbeimarsch der Mitglieder des Bismarckbundes vor
dem Reichsführer H.O. Sieveking im Luftschiffhafen in Potsdam. Quelle: Bundesarchiv, Bild 102-09993 / CC-BY-SA 3.0 |
Die DNVP und der Bismarck-Bund verfolgten in
der Weimarer Republik einen strikt konservativ-monarchistischen Kurs. Sie trauerten dem verflossenen Kaiserreich nach, lehnten die Republik ab und wollten zurück in eine Monarchie.