Montag, 7. November 2016

Alkmene

Alkmene, Tochter des Elektryon und der Anaxo, Frau deren Weisheit von keinem sterblichen übertroffen wurde, groß, ihre dunklen Augen und ihr Gesicht waren so bezaubernd wie das der Aphrodite. Alkmene, Mutter des Herakles, des größten Helden der griechischen Mythologie.

Heracles and Iphicles

Alkmene, geschaffen von preußischen Obstforschern aus dem Cox Orange und Geheimrat Dr. Oldenburg, ohne bekannte Nachkommen. Aber ein Apfel.

Malus Alkmene 4597
Bild: Malus Alkmene. Von: Sven Teschke Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany..

Die unbekanntere der beiden Alkemenes entstammt aus der Gegend Frankfurt/Oder.


In Müncheberg befand sich seit 1930 das Kaiser-Wilhelm-Institut für Züchtungsforschung - welches drei  Systemwechsel und knapp 100 Jahre später - in das Max-Planck-Institut für Pflanzenzüchtungsforschung (MPIPZ) in Köln und das Institut Züchtungsforschung an gartenbaulichen Kulturen und Obst des  Julius-Kühn-Instituts – Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen (JKI) in Dresden-Pillnitz verwandelte.  Gemessen am Jahr 1930 war das Müncheberg-Institut High-Tech.

Aus diesen High-Tech-Laboratorien wiederum ging Alkmene hervor. Um die Geschichte von Alkmene zu verstehen, muss man die Geschichte des Cox Orange kennen. Die Apfelsorte Cox Orange wurde Mitte des 19. Jahrhunderts eher zufällig bei London aus einem Sämling entdeckt und eroberte wenige Jahre später die Insel und später auch Europa durch seinen Geschmack.

Es war die Zeit als Äpfel ein angesagtes Superfood waren. Kenner und Connaisseurs entdeckten  jede Saison neue Lieblingsapfelsorten. Zeitschriften berichteten über diese. Bei Einladungen und Empfängen ließ sich mit neuen Sorten Eindruck schinden. In diesem gesellschaflichen Klima verbreitete sich die neue außergewöhnliche Sorte rasend schnell. Anders als viele andere Äpfel  allerdings, konnte sich Cox länger als eine Saison halten.

Cox Orange gilt bis heute als der englischste (und damit natürlich beste) der englischen Äpfel, hat aufgrund des einerseits intensiven aber andererseits sehr feinen und differenzierten Geschmacks eine große Anhängerschaft. Die Geschmacksfülle, die Cox bot und bietet ist von anderen Apfelsorten nur schwer zu übertreffen.

Cox orange horticulture

So ist es kein Wunder, dass alle Cox Orange verzehren und dann auch anbauen wollten. Schon früh aber tauchte ein Problem auf. Sobald man einem Cox-Baum den Rücken zuwendet fällt der Baum tot um. Er ist quasi empfindlich gegenüber sämtlichen bekannten Apfelkrankheiten. Cox wäre fast wieder von uns gegangen, bis Anfang des 20. Jahrhunderts noch rechtzeitig Schwefelkalk als Pflanzenschutzmittel gewonnen wurde. Das war gut für die englischen Anbauer.

Der Rest Europas stellte fest, dass Cox immer noch tot umfällt, sobald man ihm den Rücken zudreht. Cox benötit Temperaturen, die nicht unter 0 und keinesfalls über 25 Grad liegen. Dringend zu vermeiden ist Nässestau aber noch schlimmer ist es, wenn er mal zeitweise gar kein Wasser bekommt. Cox braucht ein Klima, das außerhalb Südenglands und Neuseelands auf dieser Welt nicht existiert.

Deshalb die Züchtungsinstitute. Wenn der Apfel nicht passt, wird er passend gemacht. Kaum eine andere Sorte wurde über Jahrzehnte so oft gekreuzt, veredelt und weitervermehrt wie Cox. Immer mit dem Ziel, daraus einen wohlschmeckenden aber weniger divahaften Apfel zu bekommen. Daraus gingen unter anderem Royal Gala und Braeburn hervor (beide in Neuseeland gezüchtet), die auch heute noch in deutschen Supermärkten heimisch sind oder eben Alkmene.

Alkmene, Tochter von Cox Orange und dem Geheimrat Dr. Oldenburg  Dr. Oldenburg ist eine alte Apfelsorte, die zu Recht in Vergessenheit geriet, immerhin aber eine hohe Toleranz gegenüber schwierigem Klima aufweist. Den kommerziellen Anbau konnte Alkmene nie erobern. Erste Versuche gab es ab den 1960ern, über das Bodensee- und Neckargebiet ging der Anbau jedoch nie hinaus.



In Zeiten, in denen selbst Cox Orange kaum mehr im Supermarkt zu finden ist, sieht es für Alkemene nicht besser aus. Immerhin, in heimischen Gärten ist der Apfel recht ausdauernd.
Denn Alkmene erreichte das, was Brandenburger Züchter wollten: einen Apfel, der fast so gut schmeckt wie Cox Orange und dazu noch das Brandenburger Wetter – im Winter zu kalt, im Sommer zu heiß und viele Monate zu trocken – übersteht.

Was nun wieder ein Apfel ist, den wir auch im Garten wollten. Unsere erste Idee für einen Apfelbaum Cox Orange anzubauen, zerfiel ziemlich schnell in Luft als uns auffiel, dass wir dann quasi ununterbrochen damit beschäftigt wären, den Baum zu Wassern ihm Sommers frische kühle Luft zuzuwedeln, beziehungsweise ihn im Winter zu wärmen. Aber was dann? Etwas schlechter schmeckendes? Hatte vielleicht schon jemand vorher die Idee? Einen Cox-artigen-Apfel, der es in Brandenburg aushält? Und so entdeckten wir Alkmene, Äpfel die in Brandenburg gezüchtet werden, sollten ja auch mit der dortigen Trockensteppe klarkommen.

Es war ein Herbsttag im Jahr 2013. Wir fuhren nach Werder bei Potsdam, dem heutigen Zentrum des Obstbaus in Brandenburg und suchten die Havelländischen Baumschulen auf. Auf dem großen Gelände führten uns die freundliche Gärtnerin dann zu den drei Alkmene-Halbstämmchen, die sie dort hatten, wir suchten sie aus und transportierten sie Richtung Oranienburg.

Eingepflanzt haben wir den Baum noch ohne Wühlmausschutzgitter – das würde heute nicht mehr passieren - bisher hat Wühli aber anscheinend keinen Gefallen an seinen Wurzeln gefunden. Alkemene steht am Platz, der noch am ehesten Schatten und Windschutz bietet, umgeben von Johannis- und Himbeeren. Und seitdem: die hochgewachsen Schönheit trifft es gut.



Kein anderer Obstbaum ist so sehr angegangen, kein anderes unser Gewächse sieht schon so sehr nach Baum und so wenig nach Baumschule aus. Seit diesem Jahr habe ich Probleme ohne Hilfe an die Spitzen der Äste zu kommen, der Baum wächst hurtig auf die drei Meter zu. Die noch spärlichen Äpfel sind Cox-artig. Leider hat unser Baum noch nichts davon gehört, dass die Erntezeit Anfang bis Mitte September beträgt. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Baum schon die meisten durchaus reifen Äpfel abgeworfen. Das versprechen war groß, die essbare Ernte im Ertrag mäßig. Aber nächstes Jahr sind wir schlauer und ernten früher.
 

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