Sonntag, 25. November 2018

Die Tanne an unserem Garten als Sing- und Sitzwarte

Die Ödnis als Baum: die Tanne. Als Sing- und Sitzwarte für Vögel jedoch eignet sie sich hervorragend.

Vögel am Sing- und Sitzwarten

"EINE Tanne. Das wäre nichts für mich.“ Schräg-gegenüber Nachbar Dietbert ist klar. „Die wird viel zu hoch. Und dann noch allein stehend. Da fehlt die Ordnung. Ich brauche meine Thujenhecke.“ Das ist deutlich zu sehen. Hat Dietbert seinen Yin- und Yang-Schotter doch hinter einer drei Meter hohen Thujenmauer versteckt.

Anders sehen es unsere anderen Nachbarn, Wilhelm und Wilhelmina. Die haben eine schicke Einzeltanne am Ende ihres Grundstücks stehen. Und so wenig ich mir je einen Nadelbaum im Garten wünschte, so apart ist doch diese Gartengrenztanne.

Dass wir einmal Frieden miteinander schließen, der Nadelbaum und ich, hätte ich nicht geahnt.



Viele Tannen


hf leipzig war einer der großen Indoorsman dieser Welt. Nach der Geburt seines Sohnes, ich, sah er sich gezwungen, seinen großstädtisch-nomadischen Lebensstil aufzugeben, sich ein kleines Haus im 1970er-Neubaugebiet eines Vororts mit knapp 100 Quadratmeter Garten anzuschaffen. Häuser ganz ohne Garten gab es damals noch nicht.

Seine Anforderungen an den Garten waren einfach: Dort musste eine Terrasse sein, auf der man grillen konnte. Und die Nachbarn oder gar unbekannte Menschen auf der Straße sollten nicht stören. Ein Sichtschutz musste her: der bestand aus Tannen.

Zu Beginn noch klein und niedlich, erreichten diese Bäume in erstaunlicher Zeit eine erstaunliche Höhe. Sie legten alles in den Schatten. Die Gartenerinnerungen meiner Kindheit bestehen auf einem dunklen Tannenwall, einem verschatteten Rasen, dem Kaptain, die versuchte dort etwa Blühendes zu ziehen und dem Grillen auf der Terrasse.

Gartenblick meiner Kindheit

Ehrlich gesagt ist der einzige Farbfleck, an den ich mich aus diesem Garten erinnere, die orange leuchtende Markise über der Terrasse. Auf leuchtendes Orange stehe ich immer noch. Aber mein Verhältnis zu Garten im Allgemeinen und zu Tannen im Besonderen war schwierig.

Tannen in Brandenburg
 

Nun sind Tannen im Garten allgemein schwierig. Tannen, Nadelbäume allgemein, sind Waldbäume.

Sie können mehrere Dutzend Meter hoch werden. Sie blühen nicht. Nadelbäume sehen immer gleich aus. Sie beanspruchen den kompletten Platz nach unten. Selbst wenn der Baum nach unten entastet werden sollte, wächst unter Nadelbäumen so gut wie nichts. Und im Winter werfen Sie auch noch höchst unerwünschten Schatten. Gerade die Tanne ist zudem anfällig für diverse Krankheiten.

Allgemein war schon zu hf leipzigs Zeit die Thuja beliebter als die Tanne. Immerhin aber gönnte hf leipzig uns echte Bäume, die als Individuen erkennbar waren: Die einen Stamm, erkennbare Äste und eine Spitze hatten. Damit hatte der Tannenwald dem Thujenwall einiges voraus. 

Dennoch: Tannen sind öde, da immer gleich, für die meisten deutschen Gärten überdimensioniert (oder grausig beschnitten) und gehören auch eher in einen Wald weiter im Norden denn in einen Garten.

Über den ökologischen Sinn der Nadelbäume lässt sich streiten. Selbst der Nabu, in einem Text, der mühsam versucht auch aus der schlimmsten Schotterpiste noch etwas lebendigen Garten zu zaubern, resigniert: „Wenn es dann unbedingt ein immergrüner Nadelbaum sein soll, ist die ökologische Qualität schon recht eingeschränkt.“ 

Tannen sind in Gärten falsch und langweilig. Mit einem alten Gärtnerspruch: Der Laubbaum lädt dich in den Garten, der Nadelbaum wirft dich hinaus!  Da waren Madame und ich uns bei der Gartengestaltung zum Bungalow einig: keine Nadelbäume.


Die Tanne nebenan


Alles klar: keine Nadelbäume. Nun haben Madame und ich zwar Einfluss auf unser Grundstück: Wenn wir den Roggen wild wuchern lassen, dann wuchert er wild. Die schon lange gewünschte Rosenhecke wurde ebenso verwirklicht wie das ausladende Staudenbeet. Aber auf unsere Nachbarn reicht dieser Einfluss nicht hin.

Laubbaum diesseits des Zauns (Vordergrund) und Nadelbaum jenseits (Hintergrund)

Wilhelm und Wilhelmina beispielsweise lieben ihren Garten, kümmern sich sorgsam um ihn und der Garten erblüht erfreulich vor sich hin. Sie gehören aber noch der alten Schule des deutschen Gartens an

W und W pflegen ordentliche Beete, die ordentlich abgegrenzt sind, einem penibel gepflegten Rasen und Obstbäume, die eine ordentliche Baumscheibe haben. Zu dieser Schule gehören auch ein oder mehrere Nadelbäume. Echte Nadelbäume natürlich, keine Nadelbaum-Sichtschutzhecke. Und sie pflanzten eine Tanne. Natürlich pflanzen sie eine Tanne - keine Wand. Und natürlich pflanzten sie eine Tanne an eine Stelle, an der ihr Format Sinn ergibt. Es sind Gärtner.

Die Tanne steht in der hintersten Ecke ihres Gartens. Da W + W durchaus mit Ahnung gärtnern, geht es der Tanne gut. Sie fühlt sich an ihrem Platz offensichtlich wohl. Sie hat den gewünschten Freiraum und die sonnige Südseite. Ich muss zugegeben, in dieser Solitärposition macht sie sich auch rein optisch, gibt zusammen mit Paulinas Ahorn auf der anderen Seite unseres Grundstücks dem Gartenblick einen angenehmen Rahmen.

Vor allem aber: Mit ihren 10 bis 15 Metern Höhe bietet sie die Vogel-Sitzwarte schlechthin.

Wumms. Da steht sie.

Spatzenschwärme fliegen vom Ahorn rechts auf die Tanne links und wieder zurück. Die Ringeltauben versuchten sich im Nestbau dort. Meisen lebten schon dauerhaft in der Tanne. Auf der Spitze tummeln sich wechselnd Tauben, Krähen und Spatzen – vor allem aber die Amselfamilie.

Tanne als Sitz- und Singwarte


Denn, und das vergaß der Nabu. Kein anderer Baum eignet sich so gut zum Ausguck. Diese Tanne hat eine echte Spitze. Von ihr aus kann Vogel Kilometer weit sehen bis zum Autohof und zur Autobahn.

Er sieht mehrere Kirchtürme und Windräder. Er sieht den Wald im Süden und die zunehmend sumpfigeren Wiesen im Norden. Und natürlich sieht er auf Kilometer alle anderen Amseln, Greifvögel und Katzen. Es lebe der hohe, pyramidale Wuchs!

Begehrtes Territorium auf der Tanne

Und so sitzt dort die Amsel. Wenn Sie nicht gerade auf unserem Rasen Würmer sammelt und ihr Nest bei Paulina pflegt. Sie sitzt dort. Unbeeindruckt von den Elstern, die im eleganten Parabelflug abends auf die Tanne zu halten. Meist unbeeindruckt auch von den Krähen, die sich auf dem Acker hinter der Tanne gütlich tun bevor sie auf ihre Schlafbäume am Weg zurückkehren. Und auch unbeeindruckt von den anderen gelegentlichen Besuchern wie Rot- und Braunkehlchen, Fitissen oder Schafstelzen.

Kein anderer Baum allerdings eignet sich auch so gut als Singwarte. Wer hier sitzt, kann eine weite Umgebung beschallen. Dies ist das Vogel-Äquivalent eines Fernsehturms. Und so sitzt die Amsel dort.

Nicht die Mondfinsternis

Und ganz unabhängig von allen Vögeln und Singwartereien: Mondfinsternis 2018. Der rot zu ahnende Schatten eines Mondes geht auf zwischen Tanne und Baum links, der rot leuchtende Mars recht neben der Tanne. Auch bei astronomischen Ereignissen funktioniert die Tanne als Gestaltungs- und Dramaelement.

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Damals 1970 als die Zeit noch Artikel über den Amselgesang veröffentlichte: Gustav Adolf Henning: Der Gesang der Amsel hat feste Regeln

Unsere Haupt-Sitzwarten-Vogel, der Hausrotschwanz, mag die Tanne nicht.

Der Hausrotschwanz bevorzugt die kleineren Laubbäume von uns wie den kleinen Apfel James Grieve

Alle Iberty-Posts zum Garten und zu Vögeln: Kleintierzoo - die Sammlung.

Kommentare:

Die Schwäbin hat gesagt…

Als Imkerin halte ich gar nix von Thujahecken. Dann doch lieber Liguster. Oder als Sichtschutz eine Dachschindel-Mauer (http://hortus-insectorum.de/mini-tipps/).

dirk franke hat gesagt…

Mein Tipp wäre ja an jeden, der schnell und sofort einen Sichtschutz will (was oft ein Hauptgrund für Thujen ist: erstmal so ein Ding aus dem Baumarkt kaufen) - und sich dann die Zeit nehmen für eine Dauerlösung. Dachschindelmauer sieht schick aus, aber ich glaube für eine zwei Meter Hohe Mauer an der Grundstücksgrenze hat dann doch niemand genug Dachschindeln. Aber Liguster oder Hartriegel sind doch auch schick und werden groß genug,