Manche scheinen ihre Lebenserfüllung darin gefunden zu haben, im Kreise zu laufen. Ein Jahr Pegida und sie laufen immer noch. An sich ist das nicht so überraschend - wer sich mal ein anspruchsloses wöchentliches Hobby zugelegt hat, kann das lange durchhalten. Überraschend und erklärungsbedürftig ist aber die weiterhin starke Beteiligung, die zumindest in Dresden auch Menschen hinter dem Ofen hervorlockt, die eigentlich anderes zu tun haben sollten.
Die ganzen Gida-Teilnehmer außerhalb der Dresdener Veranstaltungen sind deutschnationale Aktivisten bis Neonazis mit politisch verfestigtem Weltbild. Diese Aktivisten agieren in innerhalb einer geschlossenen Ideologie mit einem größeren Ziel; da ergeben Demonstrationen innerhalb dieses Weltbilds einen Sinn. Gleiches gilt für die Gida-Organisatoren. Wenn jemand innerhalb einer festgefügten Ideologie agiert, erscheint in diesem Zusammenhang vieles logisch, was auf Außenstehende befremdlich wirkt. Die innere Logik der Rechtsextremen kann ich glaube ich gut genug nachempfinden, um mir zumindest vage vorstellen zu können, wie und warum die Gida-Organisierer handeln und was man eventuell dagegen machen könnte.
Was mir tatsächlich kaum begreiflich sind, sind gerade in Dresden die mehr oder weniger normalen Menschen, die sonst unpolitisch sind und ausgerechnet Pegida für die eine sinnvolle Gelegenheit halten, um sich ausnahmsweise politisch zu engagieren. Ausgehend davon, dass diese Menschen ein mehr oder minder normales Leben führen, opfern die ihre Zeit ausgerechnet für Veranstaltungen die selbst massenhaft Ausrufezeichen in die Lande setzen mit "Geh hier weg! Das ist kein guter Ort! Hier ist der Ort des aggressiven Wahns!; einer Veranstaltung bei der als Mensch mit einem Mindestmaß an zumutbarer Sozialisation schreiend wegrennen möchte?
Nicht ohne eine gewisse Faszination schaue ich da ja zu: Verkehrsunfallvoyeurismus im Reimkultur. Dass ist mir alles so fremd und unverständlich und nicht-nachvollziehbar wie Menschen so sein können und ticken.
Wo laufen sie denn? Ja, wo laufen sie denn? Gibt es Pegida überhaupt noch?
Die ein oder andere wird sich noch erinnern. In diesem Blog war der wildgewordene aggressive Dorfprovinzialismus namens Pegida schon desöfteren Thema. Der letzte Post stammt aus dem Februar, als der Niedergang Pegidas sich abzuzeichnen begann und ich prophezeite:
sehe ich auf die Dauer ein paar Pöstchen in der AfD (letztlich egal),
viele tausend frustrierte Sachsen (unangenehem, sowohl für die Menschen
wie auch für diejenigen, die mit ihnen zu tun haben) und leider ganz
neue Netzwerke zwischen Neonazis, Hools und Rechtskonservativen
Bürgerlichen
Jetzt haben wir Juni, und einiges ist passiert: Pegida läuft - bei stets sinkender Beteiligung - immer noch im Kreis, Legida in Leipzig ist endgültig zum kleinen Häufchen geifernder nazistischer Wahnwichtel geworden, die Bürgermeisterwahl in Sachsen wäre mit 10% für Pegida eigentlich ein grandioser Erfolg gewesen -war angesichts der geweckten Erwartungshaltung aber ein großer Reinfall. Die Gidas sind gerade dabei zu zerfallen und in Freital bei Dresden rottet sich ein Mob vor dem Flüchtlingshein zusammen, der an die frühen 1990er erinnert.
Pegida
Aber der Reihe nach: Pegidas Programm bestand im Wesentlichen aus drei Punkten: Ausländer gehören raus/verboten/abgeschafft/körperlich angegriffen, für Volksabstimmungen und im Kreis laufen. Das ist ein einfaches Programm mit niedrigschwelligen Eintrittshürden und dementsprechend ließ sich auch schnell eine Masse organisieren. Andererseits führt es zu nichts: inhaltlich ist es nicht nur abartig sondern auch unbestimmt, wenig konkret und damit auch wenig handlungsleitend. Immer nur im Kreis hat auch nicht wirklich Außenwirkung, es sei denn nebenan zerbricht gerade die Sowjetunion. Irgendwie hat bei Pegida aber niemand realisiert, dass 1989 eine absolute historische Sondersituation und nicht die Regel war. Seitdem der Oertel-Flügel mit seinem Hang zur Volksabstimmung aus Pegida raus ist, lässt sich Pegida endgültig als "ein paar hundert Ausländerfeinde laufen im Kreis" zusammenfassen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann laufen sie...
Pegidas Programm ist nun seit Monaten im Wesentlichen, dass der Prozess westlicher Demokratie total doof ist und sie im Kreise laufen um das zu ändern. Konkret was tun geht nicht, weil das ist ja alles doof. Vorhersehbare Sackgasse: es geht nicht voran und außer Zuspruch in der Selbstbestätigungsblase kann da nichts kommen; es läuft sich schon fast wortwörtlich tot.
Angesichts der Zwangslage gibt es zwei Alternativen:
(1) Weiter im Kreise laufen und die typische Trolltaktik anwenden: weiter eskalieren, damit es aussieht als würde doch etwas passieren.
(2) Oder versuchen, aus der Sackgasse zu kommen, indem man doch so Politik macht wie das andere Menschen in diesem Lande auch machen. Wenn aber die gesamte Raison d’être war, dass politisches Engagement konventioneller Art böse ist und alle Anhänger kamen, weil sie Politik doof fanden, werden sie nicht plötzlich den gängigen Weg gehen wollen. Und siehe da, der Wir-sind-seriös-und-ernsthaft-Ableger hat sofort keine Freunde mehr:
Jetzt bleibt es nur noch zu sehen, wann der Wir-bleiben-unbestimmt-und-gegen-alles-Ableger soweit eskaliert hat, dass da selbst in Dresden niemand mehr mitgehen mag, weil es zu trollig wird.
Und nein, es wird nicht alles gut. Bei der Frage was bleibt, sehe ich auf die Dauer ein paar Pöstchen in der AfD (letztlich egal), viele tausend frustrierte Sachsen (unangenehem, sowohl für die Menschen wie auch für diejenigen, die mit ihnen zu tun haben) und leider ganz neue Netzwerke zwischen Neonazis, Hools und Rechtskonservativen Bürgerlichen.(vermutlich langfristig die Folge, die am meisten Stress und Ärger machen wird)
Die Frage, wo Wikipedia politisch steht, ist leider eher oft der Auftakt zu unersprießlichen Diskussionen voller Verallgemeinerungen, an denen sich dann mit Vorliebe Menschen beteiligen, die zwar sehr starke Überzeugungen haben, wo sie politisch stehen, aber sonst eher wenig zu bieten haben. Darum freute ich mich ja doch sehr als der/die eh stets hochgeschätzte Benutzer Grey Geezer
das ganze auf einen Punkt brachte:
WP ist eigentlich nicht "links" sondern "liberal skeptisch" (... das macht sie ja so unglaublich sexy!).
Jedes Info-Fitzelchen wird auf den Prüfstand gestellt und nicht a priori "geglaubt"
Das ist einfach bei Themen, bei denen Veganer, Muslime, HipHopper,
Österreicher, CDUer, Akademiker, Volksschüler, Katzen- und
Hundeliebhaber selbiger Meinung sind (Physik, Chemie, Biologie und
Pokemon-Karten), schafft aber bei sozialen und weltanschaulichen Themen
(Politik, Religion, UFOlogie, Gendering, generell: -ismen und -(t)äten
etc.) reinigende, aber manchmal auch (scheinbar) unlösbare Konflikte.
Nun sind liberale Skeptiker ("Langsam-Denker") dank ihrer
Persönlichkeitsstruktur an permanentes Infragestellen und Rumprokeln und
Neupositionierung gewöhnt, Leute mit "festen" Vorstellungen
("Schnell-Denker" - ja z.T. auch "Linke") reiben sich dabei auf. Ich
könnte Namen nennen, die mir untergekommen sind, wo ich praktisch jeden
Monat mit der Explosion/sudden Herztod/Durchbruch des
Magengeschwürs/Divenabgang rechne.
Das Ökosystem und die Funktionsweise der WP selektioniert liberale Skeptiker - ich vermute, dass du das mit links meinst. Wirklich beinharte Linke, die hier Artikel schreiben, sind mir noch nicht untergekommen.
These: Pegida betreibt Cargo-Kult-Politik: Pegida-Teilnehmer imitieren die Rituale, die sie bei anderen politischen Bewegungen gesehen hat und hoffen, dass daraufhin Großes passiert. Nachdem ich jetzt mehrere der Pegida-Demos im Stream angesehen habe und mich mit diversen Pegidisten ausgetauscht habe, scheinen mir mehrere Elemente immer wieder zuverlässig in ihrem Verhalten aufzutauchen.
Was ist Cargo-Kult?
Aber bevor ich zu Pegida komme noch drei Worte zum Cargo-Kult: Cargo-Kulte sind religiöse Bewegungen, die im Rahmen westlicher Kolonisation entstanden. Dabei imitieren die Kolonisierten Verhaltensweise und Rituale der Kolonisatoren in der Hoffnung, dass materieller Reichtum und Erfolg der Kolonisatoren auch auf sie Übergehen wird - allerdings ohne Verständnis dafür, wie die westlichen Gesellschaften funktionieren und wie der materialle Reichtum zustande kam. Als bekanntes Beispiel: Der Bau einer Flughafenattrappe auf Südseeinseln, in der Hoffnung, dass da dann auch aus dem Nichts Flugzeuge landen, die voller Luxusgüter sind. Für mehr: Cargo Cult .
Pegida wird noch aggressiver
Und je mehr ich von Pegida lese und sehe, desto mehr habe ich den Eindruck, dass da die Rituale einer pluralen westlichen Demokratie imitiert werden, ohne dass Macher oder - erst recht - Teilnehmer verstehen wie Politik im 21. Jahrhundert funktioniert - und dann aggressiv werden, weil das alles nicht die erwünschten Ergebnisse bringt. Im Einzelnen:
(1) Ein komplettes Unverständnis darüber, wie eine pluralistische Gesellschaft funktioniert: angefangen von dieser seltsamen Überfremdungsangst in einer Gegend in der es nicht mal Fremde gibt bis, hin dazu, dass sich alle in eine anscheinend uniforme Gesellschaft integrieren sollen.
Wann wird wohl der Tag kommen, an dem ein großes Autowerk pleite geht, und sofort der Vorschlag aufkommt, die dortigen Arbeiter sollten alle Erzieher werden.
Manchmal hört man ja etwas surreales im Halbschlaf. Dann ist man beim Frühstück sehr irritiert, schaut später nochmal, und alles löst sich in Wohlgefallen auf? Dem war nicht so. Der Geschäftsführer der FDP-Fraktion, Otto Fricke, hat es wirklich gesagt: Otto Fricke, heute morgen im Deutschlandfunk:
Aber wenn es dann folgt - und das ist dann auch wieder ein Teil von Marktwirtschaft -, dann heißt das auch, dass [die Bank] im Zweifel durch den Staat übernommen werden muss ..wir retten, um insgesamt das System unserer Marktwirtschaft zu erhalten..
War die Marktwirtschaft nicht alternativlos?
Hört ihr Skynet leise lachen?
Was ist eigentlich mit Occupy Berlin/Frankfurt?
Und immer noch: die Billionen an Phantasiegeld, die im Bankensystem kursieren, lassen sich nimmer in materielle Werte eintauschen. Sobald die an einer Stelle aufhören, das Geld hin- und herkreisen zu lassen, kommt die nächste Krise. Jedesmal wenn jemand dazu gezwungen wird (US-Hausbesitzer, Griechenland, wenn die Banken Geld von D wollten, genauso), reißt der Schleier etwas weiter auf.
* Ist Pakistan ein gescheiterter Staat, und was bedeutet das? * In wieviele Fraktionen zerfällt der Geheimdienst ISI? * Was ist mit den anderen Toten? * Hat Waterboarding eine Rolle bei der Beweisaufnahme gespielt? (siehe zum Beispiel) * Sieht das Völkerrecht Notwehr vor? Sollte es? * Und das war jetzt mehrere tausend Tote und Fantastilliarden Dollar wert für dn Afghanisteneinsatz?
Aber was red' ich. Deutsche Politik ist halt ausschließlich für die 1,5 km2 in Berlin-Mitte zuständig, und auf das Gebiet erstreckt sich auch die Kompetenz der gesamten Kommentatoren. Besser immerhin als an der deutschen Debattenlage lässt sich die echte Bedeutung Deutschlands für die Welt nicht erkennen.
Nahost revolutioniert, massakriert, weckt Hoffnung und deprimiert, und ist selbst für Nahostverhältnisse bewegt. Japan, ach Japan..., Ei, oh Weh. Weh. Gut, dass zwar die Elfenbeinküste tragisch aber wenigstens unwichtig ist. Was tut es gut, endlich wieder das Berliner Kasperltheater mit dem Dutzend Politikdarsteller als Topmeldung bringen zu können.
Nebenbei: Machtkampf Medwedew/Putin scheint fahrt aufzunehmen. Heute in der Zeitung auf Seite 5 gefunden.
Es gibt bisher keinen Nachweis, dass in Deutschland oder anderen Ländern Mittel- oder Nordeuropas negative gesundheitliche Strahleneffekte durch den Tschernobyl Unfall verursacht wurden", heißt es von Seiten des Bundesamts. Kann die Akte Tschernobyl also geschlossen werden, zumindest für Deutschland? Nicht ganz.
Radioaktivität ist schädlich. Das sind chemische Gifte aber auch. Was Radioaktivität besonders erschreckend wirken lässt, sind die stochastischen Strahlenschäden. Gemeint sind damit Folgen der Bestrahlung, die mit einer dosisabhängigen Wahrscheinlichkeit eintreten, deren Auswirkung aber von der Stärke der Bestrahlung unabhängig sind.
..
Erschreckend an stochastischen Schäden ist, dass die Schäden selbst in ihrer Stärke nicht von der Strahlendosis abhängen. Sie können auch ganz ohne künstliche Radioaktivität zum Beispiel durch natürliche Radioaktivität oder andere Schädigungen des Erbguts auftreten. Jede noch so geringe zusätzliche Dosis radioaktiver Strahlung erhöht aber die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten stochastischer Schäden ein Wenig.
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Wir Menschen haben offenbar kein besonders realistisches Gefühl für Wahrscheinlichkeiten. .. Die natürliche Radioaktivität, der wir unausweichlich immer ausgesetzt sind, ist ebenso gefährlich wie künstliche Radioaktivität.
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Auch der Vergleich zwischen Tschernobyl und Störfällen, wie sie 2007 in Krümmel und jetzt nach dem Erdbeben und Tsunami in Fukushima aufgetreten sind, kann unkommentiert nicht zur Aufklärung sondern allenfalls zur Panikmache beitragen.
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Tendenziell werden Gefahren durch Radioaktivität und speziell durch Atomkraftwerke aber unrealistisch hoch eingeschätzt. Vergleichbare Gefahren können auch bei Chemieunfällen, durch Krankheitserreger und bei Naturkatastrophen auftreten.
...
Die Mehrheit der Bevölkerung möchte aber scheinbar einen schnellen Ausstieg aus der Kernkraft, deshalb müssen solche Alternativen untersucht werden. Diese Alternativen dürfen ebenso wenig idealisiert werden, wie die Kernkraft verteufelt werden darf. Nur durch eine realistsiche Gegenüberstellung von Energieszenarien mit und ohne Kernkraft wird die Gesellschaft in der Lage sein, eine informierte Entscheidung zu treffen.
Vorweg: wir werden nicht alle sterben. Nichtmal alle Japaner werden sterben. Auch wenn ich manchmal den leisen Eindruck habe, mancher würde sich freuen, weil das seinen politischen Punkt besser machte.
Auch vorweg: Jedesmal wenn ich das KKW Brunsbüttel sehe, warte ich auf den Tag, an dem das KKW einfach aus Altersschwäche zusammenbricht. Die Abschaltung der derzeit diskutierten Atomkraftwerke ist sehr dringend nötig. Und nochmal vorweg: was wirklich in Fukuschima passiert, weiß nur eine zweistellige Zahl von Leuten, und selbst die nicht, da anscheinend ein Großteil der Messgeräte hinüber scheint. Mittlerweile tritt ernsthaft Radioaktivität aus, aber immer noch weiß niemand, wo wie wann es in Japan nun jemand trifft. In Panik wegrennen, wenn es einen vielleicht trifft, ist meistens kontraproduktiv, aber verständlich. In Panik wegrennen, wenn es vielleicht jemand auf der anderen Hälfte des Erdballs trifft...
Aber um mal auf Snotty zu antworten: das Kernkraftwerk scheint sowas wie die deutsche Urangst zu verkörpern. Die deutsche Anti-AKW-Bewegung ist wohl tatsächlich die einzige Bewegung, die relativ kontinuierlich große Menschenmassen auf die Straße bringt. Keine Friedensbewegung schafft das, Anti-Nazi nur ab und zu anlassbezogen und mit enormen internen Spannungen. Weder für noch gegen Integration bringt eine solche Massenbewegung zustande, keine Frauenrechte, keine niedrigeren Steuern, Welthunger schon gar nicht. Nicht mal bessere Straßen bringen zuverlässig solche Menschenmassen auf die Straßen und Plätze. Aber sei gegen Atom, und die Menge ist Dein Freund. Bei allem, was man Deutschen gern, oft und gut vorwerfen kann, eine besondere Sympathie für Atomkraft gehört nicht dazu.
Nun ist Kernkraft dennoch nicht das einzige Thema, dass die Deutschen an sich bewegt. Wahlen haben den Nachteil, dass es Pakete gibt, und seien wir ehrlich: die SPD ist ein wandelndes Desaster, die Linke vor allem mit sich selbst beschäftigt, und die Grünen geben einem mehr als genug Gründe, halt auch eventuell die Kernkraftkröte zu schlucken. Aber ich muss doch sagen, nur weil ein Teil der Leute bereit war, in einem Punkt eine Kröte zu schlucken, heißt nun nicht, dass alle anderen die Kröte auch noch füttern müssen oder nicht darauf hinweisen dürfen, dass sie da ist. Das ist dann doch eher wilhelmisches Politikverständnis.
So gesehen verkörpert die derzeitige Aufwühlung genau das, was ich ja eigentlich immer predige: kein Hühnerhaufen, sondern langfristige politische Arbeit und Strukturen, die dem ganzen zu Grunde liegen. Aber, und das ist wohl das Schmerzliche, etwas für Japan tun kann man auch mit guten Strukturen und langfristiger Organisation nicht. Geld hat Japanan selber, die Mengen, die man braucht, um eine Wirtschaft zu stabilisieren, lassen sich mit privater Hilfe nicht aufbringen. Auch sich-selbst-detailgenau-informiert-halten ist zwar abstrakt gut, hilft aber Niemanden. Das was Japan braucht, hat hier niemand. Über Mappus schimpfen oder gar demonstrieren, ist zwar auch nicht zielführender, aber immerhin gibt es einem das Gefühl aktiv zu sein. Menschen brauchen sowas.
Spon-Fleischhauer merkt zur causa Gorch Fock an: Mit Gleichstellungsbeauftragten und Mobbingberatung ist im Kampfeinsatz leider nicht viel auszurichten. - Klar. Aber mit Segelschiffen.
Großen Zahlen liegt ein Zauber inne. 250 000! Geheim! Eine Revolution des Informationswesens, die Neubestimmung des Journalismus. Was hört man nicht alles. Nur wie Torsten Kleinz schon zu Recht feststellte: Ach ja — eine relevante Sache bekommt zur Zeit relativ wenig Aufmerksamkeit: die Inhalte, die auf Wikileaks veröffentlicht wurden. über die Inhalte wird kaum geredet.
Das ist sicher zum Teil der Hype-Maschine geschuldet: Sex, mysterlöse Hacker und der Kampf Gut gegen Böse machen sich besser als diplomatische Details aus langweiligen Sitzungen. In Deutschland gilt das verstärkt. Die meisten von Wikileaks veröffentlichten Depeschen handeln von Ländern, die deutsche Medien eh kaum covern, und die deutsche Leser nicht wirklich interessieren. Oder, Frage in die Runde, weiß jemand aus dem Stand wer bei der letzten Irakwahl knapp gegen wen gewonnen hat? Wie die pakistanische Regierungspartei heißt? Kann jemand hier ohne nachzusehen die neun Unruheprovinzen in Afghanistan nennen?
Aber auch wenn man den deutsch geprägten Blick auf die Welt abzieht; selbst Foreign Policy, das namensgemäß der amerikanischen Außenpolitik auf der Spur ist, hat bisher nur mäßig skandalöses entdeckt. Das ist nicht unwichtig, aber doch eher Stoff für den Auffüller auf Seite drei, nicht aber für die Hauptseite.
Die Informationen sind nicht alle banal, aber doch spektakulär unspektakulär. Die Depeschen enthalten wirklich wenig, was man nicht hätte durch gezielte Zeitungslektüre hätte erfahren können, und im Zweifelsfall schreiben die Diplomaten Informationen aus zweiter Hand auf. Als Beispiel einfach mal die neuesten Depeschen, die gerade online sind:
- Türkische Nationalisten waren 2005 sauer auf Mastercard - Russland will Nationale Kreditkarten einführen, im wesentlichen zitiert die Depesche Komersant - Friedensgespräche zwischen Djibouti und Eritrea (Frage an die Iberty-Leser: wer findet Eritrea auf Anhieb auf einer Landkarte?) - Eritrea hat direkt nach Obama-Amtsantritt freundliche Signale an USA ausgesandt - "Young Eritreans are fleeing their country in droves, the economy appears to be in a death spiral, Eritrea’s prisons are overflowing, and the country’s unhinged dictator remains cruel and defiant." - Äthiopien fühlt sich von den USA unverstanden - "Things are getting worse and worse in Eritrea." - Nigerianischer Präsident "Jonathan [Goodluck] claims he wants to do a good job over the next 12 months"
Die eriträischen Depeschen sind gruselige, aber gut geschriebene Lektüre. Aber enthält das weltverändernde Informationen? Ne, wirklich nicht. Nun kann es natürlich sein, dass die 249.000 unveröffentlichten Dokumente alle außerordentlich brisant sind. Aber warum sind sie dann nicht öffentlich?
Inhalte gesucht.
Kann es sein, dass sie absichtlich zurückgehalten werden? Verzichten Spiegel, NYT und Guardian auf einen Scoop und veröffentlicht Wikileaks nur Banalitäten. Ist Wikileaks plötzlich zum Freund des amerikanischen Außenministeriums geworden? Oder können die vereinigten Rechercheure der bestaugestattsten Zeitungen der Welt nur die wichtigen Sachen nicht finden? Ist das auch nur annähernd wahrscheinlich?
Und vor allem: ist das wahrscheinlich, dass überhaupt jemand solche Inhalte in die Datenbank gegeben hat? Auf die Datenbank, aus der die Depeschen stammten, hatte im wesentlichen jeder Depp im amerikanischen Staatsdienst Zugriff; es ist also davon auszugehen, dass Russland, China, Indien, Israel, Saudi-Arabien und Google - eigentlich alle bis auf die FDP - die Dokumente im wesentlichen haben und kennen. Enthielten sie wirklich Zündstoff, wäre dieser wohl auch schon vor Jahren bei den Medien gelandet.
Und mehr noch: auch die amerikanischen Behörden haben zwar offensichtlich nicht damit gerechnet, dass alle Dokumente im Internet stehen; dass aber interessierte Stellen mit ausreichenden Mitteln an die Dokumente kommen, sollte den entsprechenden Stellen klar gewesen sein. Da die Depeschen außerdem immerhin beweisen, dass der diplomatische Dienst der USA weit smarter ist, als es nach außen ankommt, wäre es wirklich ungewöhnlich, sollten er tatsächlich brisantes Material in die Datenbank gesteckt haben.
Was natürlich die Frage um so interessanter macht, warum all der Aufstand? Wovor die Angst? Warum die Ausraster? Abgesehen von all dem alles-ist-so-anders-und-OMG-Informationsrevolution!-Bohei: Meine Eindrücke aus der Lektüre bisher: Geheimakten werden überschätzt. Und: amerikanische Diplomaten sind anscheinend deutlich intelligenter und besser als man so nach Außen vermuten könnte. Mein Eindruck aus dem Verfahren hat John Naughton netterweise schon geschrieben:
The tone of much public American discussion about WikiLeaks is increasingly “extra legal”, to put it politely. The spectacle of public figures and elected representatives calling for the assassination of Assange is revealing, given Bobbitt’s assertion that the reason why the United States is not itself a terrorist state — even though its warfare brings suffering and destruction to many innocent persons, including civilians — is that it acts within the law. To which the only reasonable response is: let’s see.
Die von mir durchaus geschätzte Direkte Aktion ruft auf "Kündigt Eure Flattr-Accounts" und hofft "ein Flattr-Nachfolger wird sich schnell finden". Da kann ich ja nur sagen, einen Flattr-Ersatz gibt es bereits. Er nennt sich Kachingle. Wie ich bereits mehrfach schrieb, ist Kachingle sowieso durchdachter, einfacher, und mir seriöser vorkommend denn Flattr. Wer also wechseln will, möge sich dringend aufgerufen fühlen, die Gelegenheit zu ergreifen.
Nun ruft die anarchosyndikalistische - dieses Wort ist so super - Direkte Aktion nicht aus Gründen einfacher Anwendbarkeit zum Boykott auf. Flattr macht das, was sofort zum Ausschluss aus der Gemeinschaft anständig denkender Menschen führt: Es handelt mit Nazis. Das ist jetzt so überraschend eigentlich nicht, und schon die Pirate-Bay-Geschichte war einer der Gründe, warum ich eher mehr eigenes Geld in Kachingle und weniger eigenes Geld in Flattr stecken würde. Anscheinend aber hat das Peter Sundes/Flattrs Erfolg nicht geschadet, Flattr hat deutlich mehr Teilnehmer als Kachingle, und jetzt gibt es den nächsten Brandruf.
Öffentlich hat das Christoph Sieckendieck gemacht: Flattr — Geld verdirbt den Charakter Kurz gesagt: die NPD hat einen Flattr-Account, es ist zu vermuten, dass die NPD über den Kanal Flattr ein paar Einnahmen erzielt.
Nun fürchte ich ja, ich dürfte den Blog-Beitrag dort nicht mal kommentieren. Tantes Blog ist mit seinem sinngemäßen Beitrag Flattr ist ein an sich unpolitisches Tool dort auf jeden Fall nicht in der Diskussion stehengeblieben. Denn in der Diskussion selbst prangt ein "Ich werde hier jeden Dummbeutel des Feldes verweisen, der behauptet, die NPD sei eine normale Partei.". Ich weiß nicht genau, ob ich darunter falle: ich halte die NPD nicht für "normal", einfach weil ich "Normalität" nicht als politische Kategorie anerkennen. Normal ist vorpolitisch, moralisch; das ist eine Kategorie, die sich Argumenten entzieht und auf Autorität und die Einhelligkeit der Gemeinschaft setzt. Das Gegenteil von offener Politik.
Politik an sich ist unnormal. Politik ist Aushandlung neuer Entscheidungen, Normalität muss nicht ausgehandelt werden, die ist ja da. Die Grundannahme, dass es unwerte und unverhandelbare Einstellungen gibt, ist mir tatsächlich deutlich zu autoritär und nachgeradezu zu deutsch. Politik als Oberlehrertum was man darf und nicht. Zugegeben: es ist effektiv, "Nazi" ist der sichere Vorwurf in die politische Bedeutungslosigkeit. Die Moralisierung hat sicher dazu beigetragen, dass in Deutschland keine rechtspopulistische Partei dauerhaft ein Bein auf die Erde bekommt.
Aber der Preis dafür ist hoch. Um eine inhaltliche Frage in richtigen Sinne zu entscheiden, beschädigt man die grundsätzliche Diskussionskultur, führt ein vorpolitisches gesundes Menschenempfinden in die Debatte ein. Diese Struktur nun wiederum ist dauerhafter als deren Inhalt. Die Gefahr, dass bundesrepublikanisches Normalitätsempfinden plötzlich durch gesundes Volksempfinden ersetzt wird, ist größer, als die Gefahr, dass Nazis in einer offenen Diskussion alle überzeugen. Autoritätsdenken ist hartnäckig.
Aber weil ich eh schon beim Thema bin. Mein Gewissen ist käuflich. Aber nicht für 5,30 € im Monat. Social Payment im Oktober:
Kachingle: Raus 5 USD (würde auch mehr, wenn ich könnte). Rein ~ 6,20 USD.
Flattr: Raus 2 € (würde auch weniger, wenn ich könnte). Rein ~ 7,30 €.
Und noch eine weitere interne Ankündigung: es ist ein neuer Monat. Diejenigen, den den Blog im Oktober geflattrt haben, dürfen das gerne wieder machen.
Tief in meinem Inneren, sehr verschüttet und zum Glück meistens in die Gehirnecke verbannt, in der auch meine Lateinkenntnisse vor sich hin darben, sitzt ein kleiner Leninist und langweilt sich sehr. Nur manchmal, bei gewissen Schlüsselreizen, springt er auf und rappelt herum. Wenn ich kurz nacheinander erst SPD und dann Revolution lese. Dann springt er hervor und jubelt "erschießen", "erschießen", "erschießen."
Den Moment muss ich ihm nachsehen. Nach Jahren des Dunkelns in hinteren Gehirnecken ist er so ein bißchen überschwenglich und neigt zu überschießendem Enthusisasmus. Also rege ich ihn ein bißchen ab, und wir einigen uns auf "organisieren", "organisieren", "organisieren".
Im Vorwärts steht eine lesenswerte Diskussion. Ich wiederhole: Im Vorwärts steht eine lesenswerte Diskussion, zum Thema soll die SPD ihre Ortsvereine abschaffen. Das Pro Abschaffung argumentiert mit der Konsequenz mit der die Partei ihre Ortsvereine vernachlässigt, das Kontra damit "Die Ortsvereine sind die Schaufenster, durch die die SPD und ihre Politik wahrgenommen werden." Leider erklärt das auch, warum die Ortsvereine so darben wie sie darben: wer mag schon die mitbestimmungslose Schaufensterpuppe für die tragische Komödie sein, die sich in der SPD-Zentrale abspielt. Wer mag schon seinen Kopf hinhalten für etwas, was so einfach erkennbar in seiner eigenen Zentralen-Realität gefangen ist, und nur noch sehr schwach etwas mit der Realität eines Ortvsereinsmitglieds zu tun hat.
In Deus-Ex-Machina-Blog wiederum setzt sich Nicander A. von Saage mit der These auseinander, dass S21 erst so durch Twitter möglich gewesen wäre. Das könnte man vielleicht empirisch lösen, indem man die Leute fragt, woher sie kommen, was sie gesehen haben, und nachdem man das dann ergründet hat, wieso Spon und Tagesschau welche Bilder gebracht haben.
Ein Sturm wird kommen, la la la lala la la la lala la la la la. Ein Sturm wird kommen und meinen Traum erfüllen. Und meine Sehnsucht stillen, die Sehnsucht mancher Nacht.
Nur geht das am Problem vorbei: S21 ist nicht die Tatsache, dass da viele Leute auf einmal hingehen, das allein wäre bedeutungslos. Es ist kanalisierte Wut über ein entfremdetes politisches System, über Entscheidungen deren Sachzwänge in anderen Realitäten stattfinden als die der Bürger. Diese Wut ist da, unabhängig von Twitter. Die Gruppen gegen S21 sind da, schon lange, schon ohne Twitter. Sie haben die Infrastruktur bereitet, die jetzt Argumente liefert, Veranstaltungen organisiert, Redner und Sprecher organisiert, Alternativen vorstellt etc: kurz, die das machen, was in einer funktionierenden repräsentativen Demokratie ein Ortsverein machen würde.
Twitter kann Erregungskurven antreiben, im Zweifel noch Ort und Datum verbreiten. Wer allerdings meint, dass eine erregte Menschenmenge, die sich von 14 bis 23 Uhr trifft, politisch etwas bewegt, der hält auch das possierliche Berliner Frühjahrsprügeln für den revolutionären ersten Mai.
Die Politik braucht nicht unbedingt SPD-Ortsvereine. Aber sie braucht Organisation. Kontinuität an der Basis, den Willen mal länger als drei Wochen an einem Thema zu bleiben, und den Willen, den Ansatzpunkt zu finden. Das macht oft keinen Spaß, ist anstrengend, gibt nur manchmal ein knackiges 140-Zeichen-Statement ab, ist aber die Grundlage auf der alles andere läuft. 100.000 Menschen auf einem Platz sind nach einem Nachmittag wieder weg. Und sobald sie weg sind, sind sie politisch uninteressant.
(so, und wer bis hierhin durchgehalten und noch Zeit und Energie hat, darf dann auch noch den Gladwell-Artikel lesen, der alles ausgelöst hat. Lohnend.)
Islamisten bauen in Deutschland keine Moscheen, weil sie aus dem Land der Ungläubigen eigentlich so schnell weg wollen wie möglich (wenn nur nicht die Gläubigen in lauter Diktaturen lebten in denen gefoltert wird..), türkische Imame finden ungezogene Jugendliche noch schlimmer als es deutsche Lehrer tun, glauben aber dass die deutsche Gesellschaft gute disziplinierte Jugendliche verdorben hat.
Mit etwas Pech wird einem beim Freitagsgebet in Neukölln ausführlich vorgerechnet, wieviel Almosen ein Bauer pro Hektar zahlen muss. Türkei-Türken, die Deutschland-Türken treffen, haben oft den Eindruck, eine Zeitreise in die 1970er zu unternehmen.
Soweit ein paar der interessanteren Erkenntnisse, die aus der Lektüre von Rauf Ceylans "Die Prediger des Islam" gewonnen hab. Ceylan selbst ist Religions- und Sozialwissenschaftler, und hat für seine Studie bewundernswerterweise das Vertrauen von einer Anzahl Imame verschiedenster Moscheen und Gemeinschaften gewonnen.
Sein Buch ist wohltuend unaufgeregt, der Autor hat offensichtlich tiefen Einblick in das Thema. Er zeichnet so ein vielfältiges Bild islamischer Kultur in Deutschland. Er vermittelt so den dringend gebrauchten Einblick in den Alltag der deutschen Moscheen - oft problematisch, aber doch weit entfernt von den Pauschalierungen, die den Diskurs so oft beherrschen.
Er schildert die Probleme von Imamem, die meist aus dem Ausland kommen und selber meist mehr Probleme haben sich in der deutschen Gesellschaft zurechtzufinden, als ihre Gemeindemitglieder; den Konflikt zwischen liberaleren-westlich/deutscheren Jungen und traditionellen Gastarbeitern, die in den 1960/1970ern nach Deutschland kamen, und oftmals die Moscheevereine beherrschen. Die Entfremdung, die so in den Gemeinden entsteht, die Probleme, die besonders die oft abgeschottenen Männer-Cafes bereiten, und die prekäre Lage fast aller Imame, die nicht fest im türkischen Staatsdienst stehen. Er schildert mühsame Modernisierungsbemühungen, und den Versuch Gemeinden auf eine Art und Weise zu betreuen, die der Umgebung angemessen ist.
Erschreckend die Interviews mit den Imamen, die Ceylan selbst als Neo-salafitisch beschreibt, oft Autodidakten, nur demokratiefeindlich mag man das nicht mehr nennen, und das einzig etwas beruhigende Fakt aus Sicht eines Deutschen, ist dass sie die "falschen (verwestlichen) Muslime" für deutlich geeignetere Ziele im bewaffneten Kampf halten als die gänzlich Ungläubigen.
Ein kleiner Nachteil: Ceylan ist Vertreter eines progressiven Islam, der sich in einer engen Abstimmung mit dem deutschen Staatswesen entwickeln soll. Das ist an sich nicht das schlechteste Ziel, und von den Handlungsempfehlungen, die er am Ende aus seiner Studie zieht, hat er mich überzeugt. Dass er aber das quasi Buch hindurch quasi niemand unkommentiert sprechen lassen kann, ohne auf die Irrungen dieser Meinung hinzuweisen, ist ein bißchen anstrengend..
"Neo-Salafiten", umgangssprachlich wohl als Islamisten bezeichnet, intellektuell auszuhebeln hat ein bißchen den Schwierigkeitsgrad wie in Twitter eine Massenhysterie auszulösen. Da das Zielpublikum dieses Buches auch noch kaum in den abgeschotteten Hinterhofmoscheen liegen dürfte, und deren Besucher zudem jede Menge von Ceylans Prämissen nicht anerkennen würden, ist das ein bißchen eine fruchtlose Übung, die im Zweifelsfall unnötigerweise nur betont, wie gemäßigt Ceylan doch selber ist.
Zum Laizismus und dem kooperativen Verhältnis zwischen Staat und Kirche andererseits habe ich beispielsweise eine dezidiert andere Auffassung als Ceylan, und fühle mich dezent bevormundet, wenn er auf einer halben Seite mal kurz einschiebt, warum die gar nicht stimmen kann.
Das fällt aber eher in die Rubrik kleinlicher Stilkritik. Insgesamt ist das Buch sicher eines der lesenswertesten zur deutschen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, das ich in den letzten Jahren gelesen habe.
- Kopfbahnhöfe sind per se cooler als andere Bahnhöfe.
- Meine Empathie für 300 zu fällende Bäume in der Stuttgarter Innenstadt beträgt ziemlich genau ein Hundertstel meiner Empathie, die ich für die etwa 30 000 Bäume bei Itzehoe empfinde, die gerade dem Ausbau der A 23 zum Opfer fallen.
- Wenn Menschen im Jahre 2010 tatsächlich geschockt sind, dass die Polizei im Zweifel auch Schlagstöcke und Tränengas gegen Schüler und mäßig Beteiligte einsetzt, bin ich geschockt. Wo wart ihr die letzten Jahre?
- Die Polizei BaWü hat offensichtlich wenig Demoerfahrung. Berlin oder Hamburg oder andere hätten besser aufgepasst, wo Kameras stehen und wo nicht.
- Bahnhöfe sind primär Funktionsgebäude keine Denkmäler. Funktionalität siegt über Coolness, S21 ist funktionaler als die jetzige Lösung.
- Die durch das Volk vorangetriebene Musealisierung Deutschlands entsetzt mich.
- Für dasselbe Geld, dass in Stuttgart ein paar Minuten Fahrzeit gewinnt, hätte man auf den Regionalstrecken vermutlich viele Stunden gewonnen.
- Die Landesregierung BaWü betreibt keine politische Strategie, sondern fährt eine eher peinliche und verzweifelt wirkende Bunkerstrategie.
- Es gibt so unendlich viel, dass Großdemos viel mehr verdient hätte als die Stuttgarter Innenstadt.
- Gewalt ist (leider) eine (politische) Lösung; aber nur wenn man klar stärker ist. Das ist hier auf beiden Seiten nicht der Fall.
- Gäbe es S21 schon, wäre die Welt besser dran, der Bau verschlechtert sie aber
Baffigkeit herrscht in diesem Haushalt. Während Ilse Aigner quasi immer noch fordert, dass jede Hausfassade quasi unverletzliche Persönlichkeitsrechte hat und es für bedenklich hält, dass die Straße tatsächlich generell als öffentlicher Raum gilt, scheinen CDU/SPD in Schöneberg von derlei Bedenken aber sowas von komplett unbeleckt. Die haben in der zuständigen Versammlung gerade den Beschluss gefasst:
Männer, die sich an der Kurfürstenstraße Huren ins Auto laden, werden gefilmt und samt Autokennzeichen ins Internet gestellt.
Das wird juristisch natürlich nicht durchkommen. Kann man dazu noch etwas sagen, was nicht komplett offensichtlich ist? Also Allen außer den beteiligten Politikern anscheinend.
Kleine Quellennotiz: gefunden eigentlich im Tagesspiegel, aber da gibt es das gerade wieder nur offline und unverlinkbar.