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Dienstag, 21. Dezember 2010

Rezension: Sparda-Badeschaf

Badeschaf nah oben

Die Sparda-Bank war ja schon mehrfach Thema dieses Blogs. Nach etwas unsaftem Beginn verstehen wir uns mittlerweile prächtig. Letztens hatte ich dort einen etwas längeren Termin, und kam geradezu begeistert wieder. Nicht nur, dass sie ausnehmend nett, und freundlich waren; vor allem waren sie bereit jede meiner dummen Rückfragen im Zweifel auch dreimal zu beantworten, bis ich alles so verstanden hatte, wie ich wollte. Doch, kann ich nur empfehlen.

Was aber eigentlich das wirklich Wichtige war: seit diesem Besuch habe ich ein Badeschaf. Soweit ich verstanden habe, entstammt es der Werbekampagne "Wir bringen ihre Schäfchen ins Trockene".

Das hohle Plastikgefährt, ist 10 cm lang, 8 cm hoch und wiegt 36 Gramm. Auf dem Boden steht eine sechsstellige Nummer, bei der ich keinen Bezug zu irgendwas herstellen kann. Und es schwimmt. Und es hat eine drollige abnehmbare Mütze.

Badeschaf schraeg oben

Der Boden ist glatt; das hilft beim trockenen Stehen, scheint aber im Wasser nur mäßig geeignet zu sein. Sollte man zu bewegterem Baden neigen, hat das Schaf leichte Gleichgewichtsprobleme und kippt über. Glücklicherweise kann man die Mütze abnehmen, dann schwimmt es wieder.

Weitere Nachteile: es handelt sich um kein Quietscheschaf, das Schaf bleibt stumm. Das Material ist ein bißchen rutschig und das Schaf an sich ungriffig. Ich will ja nicht gleich Wolle, aber doch auch kein Schaf, dass einem sofort aus der Hand glitscht. Und natürlich ist es viel zu weiß, um annähernd realistisch zu sein.

Andererseits: Juchu! Ich habe ein Badeschaf! Liebe Bank, Du bist super!

Badeschaf dunkelschraeg



Sonntag, 31. Oktober 2010

Wider die esoteristische Vereinnahmung des Kopfkraulers!

Kopfkrauler schraegoben
Der Kopfkrauler hat ein Problem. Wie soll man ein Gerät ernst nehmen, dass nicht genau weiß wie es heißt (zur Auswahl stehen auch Kopfmassagegerät, Kopfquirl, Engelsfinger, Orgasmatron, Bokoma) oder Stimulaxer. Wie etwas wahrnehmen, was sich mit Vorliebe in der Umgebung von Heilsteinen, Engelsaura, Gauß-Zahlen und ähnlichem bewegt. Wie nicht an Snake-Oil denken, wenn die Claims von allgemeiner Entspannung über energetische Aufladung, linksdrehendes Wohlbefinden und Weltfrieden reicht, Der Kopfkrauler hat die falschen Freunde.

Und das ist schreiendes Unrecht! Auch wenn es eigentümlich aussieht. Ganz ohne Gaußzahlen und Energetik handelt es sich beim Kopfkrauler einfach um ein grandioses Gerät. Intensiv! Schockierend!

Aber um erstmal zu erläutern, worum es geht: der Kopfkrauler sieht ein bißchen aus wie ein Quirl. An einem Griff befinden sich Metallspeichen (meist 12) die eine vage halbkreisförmige Form haben. Am Ende dieser Speichen ist ein Knubbel. Den Kopfkrauler setzt man nun von schräg hinten auf den Kopf, und, nun ja, man krault sich.

Kopfkrauler topsicht

Obwohl ich ja eigentlich ein Anhänger komischer Geräte bin, brauchte es doch ein Werbegeschenk um den Kopfkrauler in diesen Haushalt einzuführen. In nur wenigen Stunden konnte er sich den Platz neben dem Eingang sichern, wo man zum Abschied noch kurz kopfkraulen kann, bevor man sich in die weite Welt hinausbegibt. Wenn man allein ist, allein, das ist intensiv, wenn man zu zweit ist, auch von schräg hinten. Das ist intensiver.

Aber wie beschreibt man das Gefühl? Gänsehaut ja, aber das ist nur ein Teilaspekt. Es hat ein bißchen was davon, als hätte ich mit Mitte 30 entdeckt, wie ich mich selber kitzeln kann. Eine spontane, intensive, den halben Körper überziehende Reaktion, die kribbelt. Klingt komisch? Ist es auch. Ausnehmend. Noch komischer: bei meiner intensiven Kopfkraulrechereche habe ich ihn mit USB-Anschluß gefunden. Das macht mir Angst.
Kopfkrauler bodensicht

Mittwoch, 27. Oktober 2010

Bauer Beck fährt weg

Nachdem ich seit achtneun Tagen abends nichts anderes mehr vorlesen darf als dieses Buch, ist es, denke ich, Zeit für eine kleine Rezension.

"Bauer Beck fährt weg". Alles fängt damit an, dass die Magd Toni plötzlich Urlaub machen will. "Irgendwer muss die Hühner füttern" meint Bauer Beck. "Irgendwer muss aber auch eine Sandburg bauen" meint die Toni und weg ist sie auf ihrem Motorroller. Fährt Bauer Beck eben auch in Urlaub. Aber das ist gar nicht so einfach, denn da sind noch die ganzen Tiere. Nachdem radikale Lösungen erwogen ("Schlachten, alle schlachten" murmelte Bauer Beck") und verworfen wurden, packt Bauer Beck die ganze Bagage, Hund, Kuh, Kälbchen, Pferd, Ziege, Schaf, Schwein, Hühner und die beiden Streithähne auf seinen Anhänger und tuckert auf seinem hellblauen Traktor gen Meer.

Damit beginnt Bauer Becks Kampf gegen engstirnige Verbote und Bürokratie. Ohne Papiere dürfen die Tiere nicht über die Grenze, am Strand ist das Zelten verboten, auf dem Zeltplatz zwar das Zelten erlaubt, aber Hunde verboten, und auch die Hotelunterkunft gestaltet sich schwierig.

Die Sprache des Buchs nutzt sich mit ihrem Wortwitz und festen Wendungen, die das ganze Buch durchziehen ("Nichts zu machen?" fragte Bauer Beck. "Nichts zu machen."), selbst nach dem x-ten Vorlesen nicht so leicht ab. Die Dialoge kann man auch recht gut zu zweit vorlesen.

Der wirkliche Knüller sind jedoch die Zeichnungen von Daniel Napp (schon bekannt aus Dr. Brumm fährt Zug). Wie er es schafft, Hund, Kuh, Kälbchen, Pferd, Ziege, Schaf und Schwein, die sich über die Theke der Hotelrezeption lehnen, jeweils einen ganz eigenen Gesichtsausdruck zu verpassen, muss man gesehen haben. Die Campingplatzeinfahrt, graue Funktionsarchitektur mit dahinter ein paar Wohnwagen – verloren liegt auf dunkelgraugrünem Rasen ein Ball. "Der Ball ist traurig", meint das Kind beim Vorlesen dazu jedesmal. Bildkomposition und Aufbau sind durchdacht und passen perfekt zum Inhalt.

Technische Daten
Bauer Beck fährt weg von Christian Tielmann (Text) und Daniel Napp (Illustrationen)
Sauerländer, 32 Seiten
Alterempfehlung 5 - 7 Jahre (kann man durchaus runterschrauben)
Elternvotum: Kultbuch
Kindervotum: Kultbuch

So, jetzt bin ich auch nur ein Viertelstündchen zu spät zum Traktormontag, zu dem ich diesmal Bauer Becks schönen Oldtimer (einen Eicher?) einreiche. Und nächstes Mal gibt es wieder einen schönen saftigen Verriss, man kann ja nicht dauernd über den grünen Klee loben... Ich hab da noch ein paar Kandidaten auf Lager.


Freitag, 22. Oktober 2010

An der Bülowstraße abends um acht - Melda Akbaş: So wie ich will

In der Bülowstraße in Berlin-Schöneberg abends um acht kommt Melda Akbaş abends nach Hause und führt dann wahrscheinlich Auseinandersetzungen mit ihren strengen Eltern türkischer Herkunft. Darüber hat sie das Buch So wie ich will geschrieben.

Ein Buch, das ich durchaus gern gelesen habe, mich dem ich mich aber auch unwohl fühle. Es fängt bei dem seltsamen Untertitel an "Mein Leben wwischen Moschee und Minirock", nette Alliteration, nur kommt Minirock im Buch gar nicht, und Moschee eher am Rande vor - vor allem Sinne, dass Akbaş sie den größten Teil der Zeit schwänzt. Bei Bertelsmann verlegt, unter anderem in Focus und Deutschlandfunk besprochen, ist es die Geschichte einer 18jährigen, wie sie es wohl tausendfach gibt; nur schreiben die anderen bestenfalls Blogs oder Facebookeinträge.

So ein bißchen entzieht das Buch sich ja der Kritik: will man eine 18jährige Deutsch-Türkin, die, durchaus alterstypisch, auch noch eine gewisses Grundleiden am Leben mitbringt, auch noch vorwerfen, sie könnte nicht schreiben? Oder ihre Geschichte sei langweilig? Oder der Einband doof? Und da es so sehr autobiographisch ist, ist da nicht jedes "das Buch ist nicht gut" ein "das Leben ist nicht gut?"

Im Großen und Ganzen handelt das Buch die letzten zwei Jahre im Leben von Akbaş ab. Sie schriebt über die Zeit im Charlottenburger Edelgymnasium, das Engagement in der Schülervertretung, und der Wechsel an ein Kreuzberger Gymnasium. Auseinandersetzungen mit den Eltern spielen eine wichtige Rolle. Geschrieben in einer klaren, direkten Sprache, kommt immer wieder die Großfamilie vor, einzelne Kapitel sind Exkursionen wie der Islamunterricht, der Familienrat, oder der Türkeiurlaub.

Die Exkursion sind meines Erachtens der lesenswerteste Teil des Buches. Lebendig, mit einer Einsicht in andere Welten, und unbedingt Lust machend, an einem der Familienräte mit Anwesenden aller Altersgruppen, zwischen überzeugten türkischen Dorfbewohnern und militanten Atheistinnen teilzunehmen. Dort lebt das Buch, und Randbemerkungen, wie das Akbaş' Mutter im Dezember Ramadan-nachfastet, weil da die Tage so kurz sind, bringen einem Leben und Alltag näher.

Die Haupthandlung jedoch bleibt mir ferner, obwohl sie eigentlich näher sein müsste. Sie handelt von Akbaş' Engagement in der Berliner Schülververtretung. Ein Großteil des Buchs nimmt ihr politisches Projekt "Let's organize somethin'" ein, dass mit "Workshops zum Thema zivilgesellschaftliches Engagement" "Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund zu mehr Beteiligung in Politik und Gesellschaft" befähigen soll. "Integration soll durch Empowerment erreicht werden." Das Projekt ist in seinem Scheitern schon fast idealtypisch für derartige Projekte von Nachwuchspolitikern. Akbaş wundert sich aber genauso wie der Leser, warum öffentliche Aufmerksamkeit sowohl der Medien als auch der staatlichen Stellen in keinem Verhältnis zum Desinteresse der direkt Betroffenen und Angesprochenen steht. In der großen Geschichte von Akbaş Erwachenenwerden steckt noch eine kleine Geschichte über das Scheitern wohlmeinender Politikprogramme zum "Empowerment" aus Unverständnis heraus.

Eher ungewöhnlich allerdings nimmt Akbaş sich dieses Scheitern zu Herzen; sie meint, dass sie so wenig über die Deutsch-Türken weiß, und Probleme hat, sie anzusprechen. Sie wechselt freiwilligen an ein Kreuzberger Gymnasium, in dem nur zwei Schüler im ganzen Jahrgang deutsche Großeltern haben. Dort allerdings kommt sie mit diesen zwei Schülern und dem Mädchen mit den italienischen Eltern besser klar, als mit den Deutsch-Türken. So erzählt sie wieder einmal die Geschichte wie unsinnig es ist, Migranten oder Deutsch-Türken oder Jugendliche als eine große homogene Gruppe zusehen, oder wie unsinnig es ist, aus der Ferne eine Person zur Sprecherin dieser Gruppen machen zu wollen.

Einerseits ist So wie ich will ein sehr ehrlich wirkendes direktes unterhaltsames Buch, dass mir den Einblick in ein Leben nur wenige hundert Meter entfernt eröffnet. Andererseits habe ich die ganze Zeit das Gefühl, dann doch ein Werk der Gattung Nachwuchstechnokraten-Powerfrauenliteratur zu lesen. Das wäre richtig schön, würde es mir erzählt, es wäre ein unterhaltsames und lehrreiches Blog. Aber als deutschlandweit wahrgenommenes Buch, das als wichtige Stimme in der Integrationsdebtte wahrgenommen werden soll? Das ist dann wohl doch eine Nummer zu groß.

An der Bülowstraße abends um acht - Bejte Ethiopia

Manchmal erweist sich die hohe Zahl wirklich netter Restaurants hier in der Gegend als äußerst hinderlich. "Du, wir könnten auch mal zum Äthiopier, von dem wir schon so vieles guten gehört haben.." - "Jaa, aber da kommen wir an dem Inder vorbei, und dem Spanier, und dem Koreaner, und die sind alle näher und wir gehen kein Risiko ein." Stimmt schon, aber "wenn wir hintenrum gehen?" - "Dann ist da der Norweger, und der Thai." Hm, und durch den Park? "Der Sarde. Und der andere Sarde." Es bedeutet eine gewisse emotionale Anstrengung, um sich in auf kulinarische Erkundung zu begeben.

Aber nun ja, wir haben uns strikt vorgenommen, allen Verlockungen zu widerstehen, und direkt ins Bejte Ethiopia zu gehen. und nehmen vorsichtshalber den Bus bis direkt vor das Ziel. Die Kurfürstenstraße und Bülowstraße sehen immer noch so aus, als wäre "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" gestern mit den Dreharbeiten fertig geworden. Die Terrasse des Bejte Ethiopia bietet einen netten Ausblick auf einen Swingerclub; leider aber werden wir dem neuen Gästen dort am Eingang aber nicht zusehen können, weil es ist KALT.

Drinnen ist es voll, soweit ich sehen konnte, haben sie wirklich jeden einzelnen Sitzplatz gefüllt, unsere Reservierung ist aber netterweise direkt neben der Kaffeezeremonie. Der Laden ist, ich würde mal sagen traditionell, geschmückt, ohne allerdings kitschig zu wirken, die Bedienungen sehen ähnlich aus, befinden sich aber auch noch jenseits der Grenze zum Ethnokitsch. Ehrlich gesagt wirkt es vor allem einladend und gemütlich, und die artistischen Leistung, mit der sich die Bedienung durch die engen Gänge schlängelt bleibt den Abend über beeindruckend.

Während wir fröhlich schon mal bestellen und äthiopisches Bier trinken (eher wässrig), röstete die Dame neben uns Kaffee, mahlt ihn und serviert ihn dann zusammen mit Popcorn. Das Essen bestand aus traditionellen Spültuchbrot Injera mit der großen Auswahl von allem etwas. Für diejenigen, die es nicht kennen: man isst, indem man mit der Hand Stücke vom Brot abreißt, und mit diesem dann von der den Speisen in der Mitte aufnimmt.

Das Injera fasziniert mich jedesmal wieder, wenn ich es in der Hand habe, die Speisen waren durchgehend lecker. Linsen mit Senf überraschend aber gut, die scharfe und sehr aromatische Sauce zum Rind ein echtes Erlebnis, scharfe Linsen erwartungsgemäß gut, und das Sauerkraut(?) bildete einen sehr angenehmen Akkord. Die Bedienung war aufmerksam, wir hatten mittlerweile zum Mango-Bier gewechselt (deutlich besser), und das erste mal in einem Restaurant waren drei Stunden um, als ich dachte, es wäre eine halbe gewesen.

Sofern wir es also je wieder schaffen, uns am Inder und am Thai und am Sarden vorbeizuschmuggeln, werden wir sicher wieder da sein. Zumal, zum Abschluss, man bei Starbucks beispielsweise fast mehr für einen Cino-uppe-latte-eis-milch-zucker plus Muffin ausgibt, als wir für frisch gerösteten Kaffee und ein außerordentliches Essen.




Donnerstag, 14. Oktober 2010

Kurzrezension Rauf Ceylan - Die Prediger des Islam

Islamisten bauen in Deutschland keine Moscheen, weil sie aus dem Land der Ungläubigen eigentlich so schnell weg wollen wie möglich (wenn nur nicht die Gläubigen in lauter Diktaturen lebten in denen gefoltert wird..), türkische Imame finden ungezogene Jugendliche noch schlimmer als es deutsche Lehrer tun, glauben aber dass die deutsche Gesellschaft gute disziplinierte Jugendliche verdorben hat.

Mit etwas Pech wird einem beim Freitagsgebet in Neukölln ausführlich vorgerechnet, wieviel Almosen ein Bauer pro Hektar zahlen muss. Türkei-Türken, die Deutschland-Türken treffen, haben oft den Eindruck, eine Zeitreise in die 1970er zu unternehmen.

Soweit ein paar der interessanteren Erkenntnisse, die aus der Lektüre von Rauf Ceylans "Die Prediger des Islam" gewonnen hab. Ceylan selbst ist Religions- und Sozialwissenschaftler, und hat für seine Studie bewundernswerterweise das Vertrauen von einer Anzahl Imame verschiedenster Moscheen und Gemeinschaften gewonnen.

Sein Buch ist wohltuend unaufgeregt, der Autor hat offensichtlich tiefen Einblick in das Thema. Er zeichnet so ein vielfältiges Bild islamischer Kultur in Deutschland. Er vermittelt so den dringend gebrauchten Einblick in den Alltag der deutschen Moscheen - oft problematisch, aber doch weit entfernt von den Pauschalierungen, die den Diskurs so oft beherrschen.

Er schildert die Probleme von Imamem, die meist aus dem Ausland kommen und selber meist mehr Probleme haben sich in der deutschen Gesellschaft zurechtzufinden, als ihre Gemeindemitglieder; den Konflikt zwischen liberaleren-westlich/deutscheren Jungen und traditionellen Gastarbeitern, die in den 1960/1970ern nach Deutschland kamen, und oftmals die Moscheevereine beherrschen. Die Entfremdung, die so in den Gemeinden entsteht, die Probleme, die besonders die oft abgeschottenen Männer-Cafes bereiten, und die prekäre Lage fast aller Imame, die nicht fest im türkischen Staatsdienst stehen. Er schildert mühsame Modernisierungsbemühungen, und den Versuch Gemeinden auf eine Art und Weise zu betreuen, die der Umgebung angemessen ist.

Erschreckend die Interviews mit den Imamen, die Ceylan selbst als Neo-salafitisch beschreibt, oft Autodidakten, nur demokratiefeindlich mag man das nicht mehr nennen, und das einzig etwas beruhigende Fakt aus Sicht eines Deutschen, ist dass sie die "falschen (verwestlichen) Muslime" für deutlich geeignetere Ziele im bewaffneten Kampf halten als die gänzlich Ungläubigen.

Ein kleiner Nachteil: Ceylan ist Vertreter eines progressiven Islam, der sich in einer engen Abstimmung mit dem deutschen Staatswesen entwickeln soll. Das ist an sich nicht das schlechteste Ziel, und von den Handlungsempfehlungen, die er am Ende aus seiner Studie zieht, hat er mich überzeugt. Dass er aber das quasi Buch hindurch quasi niemand unkommentiert sprechen lassen kann, ohne auf die Irrungen dieser Meinung hinzuweisen, ist ein bißchen anstrengend..

"Neo-Salafiten", umgangssprachlich wohl als Islamisten bezeichnet, intellektuell auszuhebeln hat ein bißchen den Schwierigkeitsgrad wie in Twitter eine Massenhysterie auszulösen. Da das Zielpublikum dieses Buches auch noch kaum in den abgeschotteten Hinterhofmoscheen liegen dürfte, und deren Besucher zudem jede Menge von Ceylans Prämissen nicht anerkennen würden, ist das ein bißchen eine fruchtlose Übung, die im Zweifelsfall unnötigerweise nur betont, wie gemäßigt Ceylan doch selber ist.

Zum Laizismus und dem kooperativen Verhältnis zwischen Staat und Kirche andererseits habe ich beispielsweise eine dezidiert andere Auffassung als Ceylan, und fühle mich dezent bevormundet, wenn er auf einer halben Seite mal kurz einschiebt, warum die gar nicht stimmen kann.

Das fällt aber eher in die Rubrik kleinlicher Stilkritik. Insgesamt ist das Buch sicher eines der lesenswertesten zur deutschen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, das ich in den letzten Jahren gelesen habe.

The Troll

Als Kind neigt man ja zu radikalen Ansichten. Ich meinte damals, dass man gegen die englischen Kinderbücher alle deutschen getrost in die Tonne kloppen könnte (Michael Ende großzügig ausgenommen). Ein bißchen hat sich diese Ansicht bis heute gehalten. Grund genug, beim Kinderbücherstöbern auch in die Ecke englischer Bücher zu schauen. Dort fand ich dann neulich

The Troll

Keine Frage, das Buch musste mit. Das Vorlesen gestaltet sich relativ schwierig, beschränken sich doch die Englischkenntnisse des Kinds bisher auf ein akzentfreies "Charlie bit me!" und "duck duck duck", meist artet es also in eine Art Simultanübersetzung aus.

Für ein Bilderbuch doch eher unüblich, ziehen sich zwei Handlungsstränge durchs Buch, die am Ende zusammengeführt werden.
There was once a troll who lived under a bridge. (That's where trolls are supposed to live.)

beginnt das Buch und genau aus diesem "supposed to", den Konventionen für Trolle und Piraten, entwickelt sich die Handlung. Der Troll ist auf der Jagd nach Ziegen, die er laut Konvention essen sollte, er findet aber zu seiner Enttäuschung immer nur Fisch zu essen. Die Piraten (selbstverständlich auf einem Schiff lebend) sind selbstverständlich auf Schatzsuche. Im spannenden Finale treffen Troll und Piraten aufeinander. Mehr sei hier nicht von der Handlung verraten.

Was begeistert an dem Buch? Zuallerst die Sprache, mit viel Witz und immer genau auf den Punkt. Die Typographie, die so genau zum Text passt. Dann die Zeichnungen, die so gar nicht Kinderbuchniedlich sind. Der Troll, der mit Kochbuch und Bratpfanne unterm Arm von Brücke zu Brücke zieht. Das Wort "trip-trapping" in "Who's that trip-trapping over my bridge?" Die Buchrückseite, auf der sich statt Klappentext die Charaktere in Sprechblasen über das Buch, über die Autoren und übereinander auslassen dürfen (Der kahle Pirat: "So 'ow come that the Troll gets on the front? I's be more 'andsome!")

Technische Daten
The Troll von Julia Donaldson und David Roberts
32 Seiten. Pan Macmillan 2009.
Angeblich für Kinder von 36 Monaten bis 5 Jahren.

Montag, 11. Oktober 2010

Asia-Supermarkt in der Hauptstraße Schöneberg

Shrimps allüberall. Gekühlt, getrocknet, gekocht, gebrachten, paniert, tiefgefroren als Torpedo-Shrimps oder als Tofu-Shrimp. Sardellen in Dosen, Gläsern, Tiefkühltruhen, als Pulver, als Kuchen oder als Getränk. Kimchi im Glas, in der Dose, frisch oder getrocknet, genau wie Seetang. Und natürlich Mangos frisch, getrocknet, als Keks, als Kuchen, als Püree, als Getränk oder als Shrimp-Substitut. Nein, das letzte habe ich jetzt erfunden, würde mich aber nicht wundern, wenn es ein solches gäbe.

Einverstanden, für deutsche Großstadtbewohner ist ein Asia-Laden kein gänzlich unbekanntes Terrain, und auch ich bin schon öfters mal zwischen Bananenblättern, 20-Kilo-Säcken-Reis umhergeirrt, und habe gerätselt, was für ein Tier das auf der schreiend gelben Packung wohl sein soll, und welcher Teil des Tieres nun in die Packung gewandert ist. Drachen hab ich dann immer metaphorisch aufgefasst.

Nun aber wird alles anders, neben dem hier öfters erwähnten Kochhaus und dem bereits erwähnten halben Dutzend guter bis exzellenter türkischer Supermärkte, und dem feinen, aber kleinen und teuren christlich koreanischen Lebensmittelgeschäft, hat Schöneberg jetzt auch einen "Asien-Supermarkt" (Hauptstraße/Ecke Albertstraße, Bushaltestelle Albertstraße, bisher anscheinend ohne Website). Der unterscheidet sich merklich von all den deutschen Cousins, die ich bisher gesehen habe.

Der Markt – da untergebracht, wo letzten Monat noch ein Plus/Netto saß – hat zum einen einen echten Stand mit frischem Gemüse, zum anderen zwei große Kühlregale mit fast-frischem Obst und Gemüse: 9 Sorten Chili, 3 Sorten Mangos, den erwähnten Kimchi, Ingwer in diversen Varianten, mir unbekannte Pilze, frische Tamarinden und frischer grüner Pfeffer. Daneben noch ein Dutzend Sorten Knoblauch, und Zwiebelsorten, die mir bisher auch unbekannt waren. Wenn man also auf frisches Fleisch verzichtet, kann man sich hier eine vollständige Mahlzeit zusammenkaufen.

Daneben gibt es natürlich noch die üblichen Fertiggerichte, wenn auch in reichlicherer Auswahl, etwa 10 Regalmeter Sojasaucen, und so das übliche. Kokoswasser naturell, Seetangkekse, noch ein paar eher gewöhnungsbedürftige Kekse, und ungefähr soviel Shrimps, wie ich sie bisher nur im Büsumer Hafen gesehen habe; Tiefkühltruhenweise.

Und anders als in den meisten anderen Asia-Supermärkten, die ich kenne, ist der hier wirklich konsequent darauf ausgelegt, auch von Deutschen benutzt zu werden. Regale sind durchgehend in deutsch beschriftet, das Personal versteht einen, selbst die Anordnung der Waren erinnert vage an einen deutschen Supermarkt. Erstaunlicherweise hat sich sogar ein Stapel originär deutscher Maiscracker-"Glutenfrei" in die Regale verirrt. Da ist das Einkaufen jetzt zugegebenermaßen weniger aufregend und abenteuerlich als in anderen Asia-Läden. Da beim normalen Dienstagabendeinkauf aber Zeit ein nicht unwesentlicher Faktor ist, verzichte ich dann für den Alltagsbetrieb gerne auf das Abenteuer.

Nur hilft mir all die deutsche Beschriftung wenig, wenn ich die Nahrungsmittel komplett nicht kenne oder nicht weiß, was ich damit machen soll. Kennt jemand ein gutes Rezept für Qualle?

Freitag, 8. Oktober 2010

Schützt endlich unsre Kinder – vor RTL2!

Zu RTL2s neuer Reihe "Tatort Internet", gestern zur besten Sendezeit gelaufen, heute mangels Fernseher im Netz in voller Länge angetan, hat Stefan Niggemeier auf Heise bereits eine gute ausführliche Kritik verfasst, dito Twister in Telepolis. Fassen wir uns hier also kurz:
Länge der Sendung: 74 Minuten und 50 Sekunden
Einblendung des Aufrufs "Schützt endlich unsre Kinder!" rot auf schwarz: nicht gezählt. gefühlte > 5
Ausführliche "Interviews" gestellter Pädophiler: 3
Praktische Ratschläge für Eltern: ab Sendeminute 73:00 lässt RTL2 einen Psychologen zu Wort kommen.

Als Service bringen wir hier ein vollständiges Transkript:
"Eltern können viel viel mehr tun, als sie vielleicht denken. Erstmal sollten sich Eltern Gedanken machen: Was macht mein Kind in seiner Freizeit? Mit wem verbringt es die Freizeit? Was macht mein Kind im Internet? Mit wem chattet es im Internet? Man kann Regeln festlegen. Kinder müssen Freiräume haben, Kinder müssen Erfahrungen sammeln können, müssen ihre Neugier befriedigen können. Aber sie sollten mit ihren Eltern im Dialog bleiben und meiner Erfahrung nach scheitert das nicht an den Kindern, weil sie das nicht wollen, sondern an den Eltern, weil sie desinteressiert sind."

Wahrscheinlich hätte er auch konkreter werden können, aber dazu ist in diesem Format leider keine Zeit, um 73:29 geht es nämlich weiter mit Mandy und ihrer Mutter, ironischerweise mit dem Hintergrundkommentar "Mandys Mutter war interessiert."

Fazit: Ganze 29 Sekunden ist RTL2 der "Schutz unsrer Kinder" wert (mal abgesehen von der eher kontraproduktiven Folge, dass bei Fortsetzung der Sendung der gemeine Pädophile seine Opfer vielleicht dann doch lieber vom Straßenrand aufsammelt als in Internetchatrooms - da trifft er in Zukunft seltener auf Kamera-Teams). Ausgiebig darf sich dagegen die Guttenberg mit Betroffenheitsmiene äußern, wie schlimm das doch alles sei, ausgiebig werden auch die voyeuristischen Begierden des Publikums mit sexuell-anzügigen Chat-Zitaten bedient. Wenn ich was nicht leiden kann, dann ist es Quotenmacherei unter dem Deckmäntelchen "Kinderschutz".

Donnerstag, 7. Oktober 2010

Miniaturrezension: Neal Stephenson - Anathem

Uffz. Um drei Wörter mehr loszuwerden: hätte ich dieses Buch in einem Philosophie-Hauptseminar zu lesen bekommen, wäre ich überrascht gewesen wie unterhaltsam es gewesen wäre. Da es allerdings als Roman mit dem dicken Aufkleber "No. 1 US-Bestseller" in den Haushalt kam, war ich eher perplex wie dünn die Tarnung als Science-Fiction-Roman ist bei einem Buch, das in Herz, Seele, Substanz und dem Großteil des Textes eine philosophische Diskussion ist. Borges allerdings, an den ich mehrfach beim lesen denken musste, handelt derartige Themen in freundlichen 30 Seiten ab, wofür Stephenson knapp 900 Seiten braucht. Uffz. Dabei mobilisiert er restlos meine noch vorhandenen Wissensfragmente aus den diversen philosophischen Multiversums-Theorien, und den Relativismus-Debatten, steigt tief in die "Plato-Leibniz-Husserl-Gödel lineage" und ist in der Gegenwartsphilosophie auf dem Stand, auf dem zumindest ich vor ein paar Jahren auch war. Nur kamen in den Philosophietexten weniger Explosionen vor und die Orte sind weniger anschaulich beschrieben. Dennoch: die Romanfragmente herauszufischen ist ein hartes Brot, die philosophische Diskussion ist eigentlich zu komplex, um sie nebenbei in den Halbstunden vor dem Einschlafen wirklich so gut aufnehmen zu können, wie sie es verdienen. Jetzt allerdings stellt sich die Entscheidung: noch mal die innere Einstellung richtig kalibrieren und mit Notizzettel, Stift und Lesezeichen an das Buch gehen, oder gleich Stephensons umfangreiche Referenzliste abarbeiten. Selten hab ich ein Buch erlebt, dass einen so ermuntert, mal wieder richtig ernstlich zu denken. 

Dienstag, 28. September 2010

Umberto Eco im Jahre 1995 fast über Google Books

Leider hat es ja im Urlaub nicht geregnet, so dass ich im strahlenden Sonnenschein kaum dazu gekommen bin, alle mittransportierten Bücher auch durchzulesen. Glücklicherweise hat es für ein besonderes Kleinod gereicht. Umberto Ecos "Gesammelte Streichholzbriefe" bei dtv. Das Buch stellt Kolumnen zusammen, die unter ebenjenem Titel in den 1990ern in L'Espresso und teilweise auch in der Zeit erschienen.

Die Streichholzbriefe sind allesamt spannend, wirken in der Technik, die Eco als gegeben beschreibt eigentümlich museal, in seinen Visionen und Möglichkeiten scheint mir das Buch aber immer wieder auch der heutigen Debatte noch voraus.

Der spezielle Google-Books-Streifholzbrief, der mich besonders interessiert, trägt den Titel "Das Buch, ein technisch vollendetes Meisterwerk." Eco berichtet von einem Technologiekongress in San Marino 1994 und der darauf folgenden Film-Biennale in Venedig, die sich darum drehten, ob neue Technologien das Buch überflüssig machen würden.

Allein seine Gedanken in die Richtung sind sehr aufschlußreich und aus 16 Jahren Zeitgewinn heraus beurteilt erstaunlich weitsichtig, immerhin sprach man damals noch von "Hypertexten auf Diskette". Andererseits sieht er auch Potenziale. Über den Volltreffer den er gelandet hat - in einem Jahr als beispielsweise ich noch damit beschäftigt war, über in Computerzeitschriften abgedruckte Telefonnummern ein Heidengeld für mäßig interessante Mailboxanrufe auszugeben - verblüffen mich jetzt auch beim zweiten Lesen.

Eco: "Andererseits wäre es überaus praktisch, wenn man vielbändige Enzyklopädien auf CD-Rom hätte ... per CD lassen sich beispielsweise die Artikel über Platon und Aristoteles miteinander vergleichen, ohne daß man sich einen Tennisarm holt, indem man zwei dicke Wälzer auf einmal an den Schreibtisch schleppt."

Weiter im Text:

"Nehmen wir also an, alle Bücher aller großen Bibliotheken würden mit einem Scanner aufgenommen ... Das würde heißen, ihr ganzer Inhalt, samt Typographie und Seitenumbruch würde ich das Gedächtnis eines zentralen Computers eingespeist. Erstes Ergebnis: Diese Bücher würden vor der fatalen Zersetzung des Papiers bewahrt.."

In Ecos Vision geht man in Bibliotheken, wo Hochleistungsdrucker, die automatisch auch Schriften vergrößern, Gotische in Lateinische Schrift umwandeln können etc. Für Papier und Druck bezahlt man, ein Teil des Geldes kommt an Autor und Verlag.

"Ein einziger Raum wird Säle, Regale, Personal und Kontrollen ersetzen. ... [W]er ein vergriffenes oder schwer auffindbares Werk lesen oder nachschlagen will, bekommt das Äquivalent eines Faksimilie-Drucks ins Haus geliefert, ohne sich in Lesesäle bemühen zu müssen. Mithin werden die Bücher nicht verschwinden: Sie werden leichter zugänglich sein."

Chapeau.