Die von mir durchaus geschätzte Direkte Aktion ruft auf "Kündigt Eure Flattr-Accounts" und hofft "ein Flattr-Nachfolger wird sich schnell finden". Da kann ich ja nur sagen, einen Flattr-Ersatz gibt es bereits. Er nennt sich Kachingle. Wie ich bereits mehrfach schrieb, ist Kachingle sowieso durchdachter, einfacher, und mir seriöser vorkommend denn Flattr. Wer also wechseln will, möge sich dringend aufgerufen fühlen, die Gelegenheit zu ergreifen.
Nun ruft die anarchosyndikalistische - dieses Wort ist so super - Direkte Aktion nicht aus Gründen einfacher Anwendbarkeit zum Boykott auf. Flattr macht das, was sofort zum Ausschluss aus der Gemeinschaft anständig denkender Menschen führt: Es handelt mit Nazis. Das ist jetzt so überraschend eigentlich nicht, und schon die Pirate-Bay-Geschichte war einer der Gründe, warum ich eher mehr eigenes Geld in Kachingle und weniger eigenes Geld in Flattr stecken würde. Anscheinend aber hat das Peter Sundes/Flattrs Erfolg nicht geschadet, Flattr hat deutlich mehr Teilnehmer als Kachingle, und jetzt gibt es den nächsten Brandruf.
Öffentlich hat das Christoph Sieckendieck gemacht: Flattr — Geld verdirbt den Charakter
Kurz gesagt: die NPD hat einen Flattr-Account, es ist zu vermuten, dass die NPD über den Kanal Flattr ein paar Einnahmen erzielt.
Nun fürchte ich ja, ich dürfte den Blog-Beitrag dort nicht mal kommentieren. Tantes Blog ist mit seinem sinngemäßen Beitrag Flattr ist ein an sich unpolitisches Tool dort auf jeden Fall nicht in der Diskussion stehengeblieben. Denn in der Diskussion selbst prangt ein "Ich werde hier jeden Dummbeutel des Feldes verweisen, der behauptet, die NPD sei eine normale Partei.". Ich weiß nicht genau, ob ich darunter falle: ich halte die NPD nicht für "normal", einfach weil ich "Normalität" nicht als politische Kategorie anerkennen. Normal ist vorpolitisch, moralisch; das ist eine Kategorie, die sich Argumenten entzieht und auf Autorität und die Einhelligkeit der Gemeinschaft setzt. Das Gegenteil von offener Politik.
Politik an sich ist unnormal. Politik ist Aushandlung neuer Entscheidungen, Normalität muss nicht ausgehandelt werden, die ist ja da. Die Grundannahme, dass es unwerte und unverhandelbare Einstellungen gibt, ist mir tatsächlich deutlich zu autoritär und nachgeradezu zu deutsch. Politik als Oberlehrertum was man darf und nicht. Zugegeben: es ist effektiv, "Nazi" ist der sichere Vorwurf in die politische Bedeutungslosigkeit. Die Moralisierung hat sicher dazu beigetragen, dass in Deutschland keine rechtspopulistische Partei dauerhaft ein Bein auf die Erde bekommt.
Aber der Preis dafür ist hoch. Um eine inhaltliche Frage in richtigen Sinne zu entscheiden, beschädigt man die grundsätzliche Diskussionskultur, führt ein vorpolitisches gesundes Menschenempfinden in die Debatte ein. Diese Struktur nun wiederum ist dauerhafter als deren Inhalt. Die Gefahr, dass bundesrepublikanisches Normalitätsempfinden plötzlich durch gesundes Volksempfinden ersetzt wird, ist größer, als die Gefahr, dass Nazis in einer offenen Diskussion alle überzeugen. Autoritätsdenken ist hartnäckig.
Aber weil ich eh schon beim Thema bin. Mein Gewissen ist käuflich. Aber nicht für 5,30 € im Monat. Social Payment im Oktober:
Kachingle: Raus 5 USD (würde auch mehr, wenn ich könnte). Rein ~ 6,20 USD.
Flattr: Raus 2 € (würde auch weniger, wenn ich könnte). Rein ~ 7,30 €.
Und noch eine weitere interne Ankündigung: es ist ein neuer Monat. Diejenigen, den den Blog im Oktober geflattrt haben, dürfen das gerne wieder machen.
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Donnerstag, 4. November 2010
Freitag, 15. Oktober 2010
Ein nichtkommerzielles Bezahlsystem
Kachingle hat gerade eine große Aktion am laufen: Rettet die New York Times Blogs vor der Paywall. Die Alternative aus Kachingles Sicht ist natürlich auch klar: nutzt Kachingle. Nun bin ich bei solchen Aktionen innerlich immer zwiegespalten: einerseits halte ich Social Payment-Systeme wie Kachingle für eine der besten Ideen, um Inhalte im Internet zu finanzieren, je mehr Teilnehmer sie gewinnen, desto mehr Geld im System, desto besser. Wenn die New York Times hilft, diese zu popularisieren, umso besser.
Andererseits: wenn wirklich ein großer Player wie NYT, Spon etc. an Bord geht, wird das ganze sehr schnell ein Winner-Takes-it-all-Markt werden, und der politisch anstrengende Hinterhofblogger wird nicht der Winner sein.
Da trifft es sich gut, Sean Kollak von Twick.it gerade die Idee zu einem Alternativsystem hat. Er schlägt ein "Soziales Bezahlsystem zur Förderung freien Wissens" vor. Das würde sich an bestehenden Anbietern wie Kachingle orientieren, aber von einer Stiftung etc. verwaltet und nur gute Inhalte fördern:
Wie schon mehrfach in Iberty angesprochen, kommt es bei einem solchen Bezahlsystem auf Vertrauen in die Macher/Verwalter an. Und gerade was Geld angeht, weiß ich nicht, ob bei der Verwaltung größerer Geldmengen wirklich Non-Profits die Besseren sind. Die Geschichte sozialer/nonkommerzieller/politischer Banken ist ein noch größeres Trauerspiel als die Geschichte kommerzieller Banken. Wenn ich mir aktuell gerade die Geschichte um die Wikimedia gGmbh-Gründung ansehe, ist die auch kein überzeugendes Beispiel dafür, ausgerechnet eine Organistion wie Wikimedia mit Geldverwaltung zu betrauen.
Was allerdings eine gute Forderung an Kachingle, Flattr et al wäre: Open Source zur Vertrauenssicherung des Systems. Vielleicht findet sich eine Stiftung, die das macht, vielleicht kriegen die kommerziellen Anbieter die Kurve.
Kollak schlägt dann noch Kriterien dafür vor, wem ein solches System zur Verfügung stehen sollte:
Ich glaube, mit diesen Anforderungen, würde es schwer, Wikimedia dazu zu bewegen, das Projekt zu stemmen. Wikipedia selbst verfehlt klar Kriterium Nummer 3 und deshalb rückwirkend vermutlich auch Kriterium Nummer 1. Ich sehe es für die Zukunft eines solchen Systems als problematisch an, wenn es eine der Hauptattraktionen direkt ausschließt.
Die Probleme von Kriterium 4 spricht Sean ja gleich selbst an; ich bin mir zum Beispiel nicht sicher, ob sein eigener Post jetzt nicht reine Meinung ist? Und wer soll das entscheiden? Fünf Minuten Arbeitszeit eines Social-Payment-Mitarbeiters für eine Entscheidung, deren Auswirkungen dann bestenfalls im Cent-Bereich liegen? Ich halte das für eine Fehlallokation.
Mein Alternativvorüchlag wäre eine radikale Vereinfachung: förderungswürdig in einer solchen Konstruktion ist, was unter einer freien Lizenz steht. Punkt. Das ist übersichtlich, verständlich, und lässt sich vermutlich auch programmieren.
Für das soziale Bezahlsystem für freie Lizenzen: ich denke das hat tatsächlich große Zukunft. Mit einfachereren Kriterien als vorgeschlagen, gerne Open Source, vielleicht von einer Stiftung, vielleicht aber kriegt ja auch Kachingle oder so den Bogen und programmiert dafür eine Möglichkeit.
Andererseits: wenn wirklich ein großer Player wie NYT, Spon etc. an Bord geht, wird das ganze sehr schnell ein Winner-Takes-it-all-Markt werden, und der politisch anstrengende Hinterhofblogger wird nicht der Winner sein.
Da trifft es sich gut, Sean Kollak von Twick.it gerade die Idee zu einem Alternativsystem hat. Er schlägt ein "Soziales Bezahlsystem zur Förderung freien Wissens" vor. Das würde sich an bestehenden Anbietern wie Kachingle orientieren, aber von einer Stiftung etc. verwaltet und nur gute Inhalte fördern:
Weil dahinter kommerzielle Unternehmen stehen, die mit der Förderung freien Wissens nichts am Hut haben, sondern in erster Linie an ihren eigen Profit denken. Sinnvollerweise sollte das neue Bezahlsystem von einem etablierten Anbieter wie Wikimedia gestemmt werden.
Wie schon mehrfach in Iberty angesprochen, kommt es bei einem solchen Bezahlsystem auf Vertrauen in die Macher/Verwalter an. Und gerade was Geld angeht, weiß ich nicht, ob bei der Verwaltung größerer Geldmengen wirklich Non-Profits die Besseren sind. Die Geschichte sozialer/nonkommerzieller/politischer Banken ist ein noch größeres Trauerspiel als die Geschichte kommerzieller Banken. Wenn ich mir aktuell gerade die Geschichte um die Wikimedia gGmbh-Gründung ansehe, ist die auch kein überzeugendes Beispiel dafür, ausgerechnet eine Organistion wie Wikimedia mit Geldverwaltung zu betrauen.
Was allerdings eine gute Forderung an Kachingle, Flattr et al wäre: Open Source zur Vertrauenssicherung des Systems. Vielleicht findet sich eine Stiftung, die das macht, vielleicht kriegen die kommerziellen Anbieter die Kurve.
Kollak schlägt dann noch Kriterien dafür vor, wem ein solches System zur Verfügung stehen sollte:
1. Die Website, auf der die Inhalte veröffentlicht wurden, muss nicht-kommerziell sein und darf keine Werbung enthalten
2. Förderungswürdige Inhalte müssen unter einer CC-Lizenz (oder einer sonstigen freien Lizenz) veröffentlicht werden
3. Geförderte Inhalte dürfen nicht im Nachhinein kommerzialisiert werden
4. Es sollte sich um Wissen handeln und nicht um reine Meinung oder pure Unterhaltung
Ich glaube, mit diesen Anforderungen, würde es schwer, Wikimedia dazu zu bewegen, das Projekt zu stemmen. Wikipedia selbst verfehlt klar Kriterium Nummer 3 und deshalb rückwirkend vermutlich auch Kriterium Nummer 1. Ich sehe es für die Zukunft eines solchen Systems als problematisch an, wenn es eine der Hauptattraktionen direkt ausschließt.
Die Probleme von Kriterium 4 spricht Sean ja gleich selbst an; ich bin mir zum Beispiel nicht sicher, ob sein eigener Post jetzt nicht reine Meinung ist? Und wer soll das entscheiden? Fünf Minuten Arbeitszeit eines Social-Payment-Mitarbeiters für eine Entscheidung, deren Auswirkungen dann bestenfalls im Cent-Bereich liegen? Ich halte das für eine Fehlallokation.
Mein Alternativvorüchlag wäre eine radikale Vereinfachung: förderungswürdig in einer solchen Konstruktion ist, was unter einer freien Lizenz steht. Punkt. Das ist übersichtlich, verständlich, und lässt sich vermutlich auch programmieren.
Für das soziale Bezahlsystem für freie Lizenzen: ich denke das hat tatsächlich große Zukunft. Mit einfachereren Kriterien als vorgeschlagen, gerne Open Source, vielleicht von einer Stiftung, vielleicht aber kriegt ja auch Kachingle oder so den Bogen und programmiert dafür eine Möglichkeit.
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