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Donnerstag, 7. April 2011

Mit Larry Lessig am Wannsee

Lawrence Lessig war in Berlin. Der bekannte Streiter gegen restriktives Urheberrecht und Poster-Child der akademischen "Freiheit-im-Internet"-Kämpfer hielt einen Vortrag zu Internet. Kultur, und Politik. Alles halt.

Zum Ambiente: die American Academy war mir vor dem Vortrag tatsächlich kein Begriff. Nach dem Blick auf die Karte, der eine herrschaftliche Villa direkt am großen Wannsee preisgab, dachte ich, aha, noch so ein spannendes Berlin-Überbleibsel aus dem Kalten Krieg. Denskste: Arbeit aufgenommen 1998.

Ein Tolle Aussicht vom Salon direkt auf den See gab es trotzdem, wobei das ganze Ambiente sowohl edel als auch eigentümlich familiär wirkte. Alle waren ausgesprochen höflich und bemüht, ein Großteil der Anwesenden kannte sich offensichtlich sehr gut. Der ehemalige Fellow Lawrence Lessig war den ganzen Abend nur Larry. Als er von der Geburt seines zweiten Kindes in Berlin erzählte nickten alle wissend und erinnerten sich. Die Begleitredner haben sich erst gar nicht vorgestellt, weil sie wohl davon ausgingen, dass eh alle sie kennen. Das ganze mit überdurchschnittlichen Häppchen versehen und mit einer Raumgestaltung, die vor allem an amerikanische Fernsehserien erinnerte. Und da meine persönliche US-Zeit ja weniger in Golfclubs an der Ostküste stattfand, sondern mehr unter Rednecks und Schwarzen, war auch mir das ein ganz neues US-Erlebnis.

Freitag, 10. Dezember 2010

Traktorfreitag: Wikileaks

Aus traktoristischer Perspektive bietet Wikileaks wenig. In den Depeschen findet sich keinerlei traktorbezogenes und selbst die nur noch im Google-Cache auffindbaren Irak-Depeschen bieten dem Traktorfreund nur weniges. Einzig in Inventarlisten taucht "Tractor, Industrial" auf oder "Truck Tractor." Und die sind nicht mal richtige Traktoren. Während Truck Tractor sich bei näheren Recherechen als recht normaler geländegängiger Truck herausstellte, bot der Tractor, Wheeled Industrial oder manchmal auch genauer TRACTOR, WHEELED, 4X4 DED SMALL EMPLACEMENT EXCAVATOR immerhin mehr Stoff.

Ein paar Recherchen weiter hatte sich dessen nondeskriptive Beschreibung als aufgebohrter Unimog herausgestellt. Und alszwarwohl ein Unimog kein Traktor im engeren Sinne ist, wird er doch als Straßentraktor ausgewiesen, hat doch ähnliche Qualitäten wie ein Traktor im engeren Sinne, und erfreut sich hier bei Iberty ähnlicher Beliebtheit wie Traktoren.

Tatsächlich entstand der Unimog auch als Traktor direkt nach dem Krieg, der ersten Blüte der Traktorproduktion. Gestaltet als Mischung aus Traktor und Laster sollte er dem Bauern nicht nur dazu dienen, das Feld zu bewirtschaften, sondern die Sachen auch gleich zum Markt zu fahren. Das erste 1946 gebaute Gefährt hatte einen Benzinmotor und furh 50 km/h.

UNIMOG excavator
US Army

In der US Army - man bedenke, ein deutsches Auto in der US Army - dient er als Hochgeschwindigkeitsbulldozer und Bergungsfahrzeug, falsche Gerüchte erzählen, dass die Army ihn vor allem anschaffte, um gestrandete Hummer zu bergen. Wie ein konventioneller Schlepper auch kann er mit diversen Aufsätzen versehen werden und besitzt eine eindrucksvolle Zugkraft, ist aber deutlich geländegängiger.

Wie sich mir dann weiterhin erschloß, ist der Unimog der Armeetraktor erster Wahl weltweit. Allein Wikimedia Commons bietet Fotos aus Afghanistan, Malaysia, Neuseeland, Australien, den USA und Argentinien. Weltweit ist er im Schneedienst eingesetzt, anhand vollkommen seltsamer Internetquellen behaupte ich jetzt mal, dass er die Hälfte aller Schneepflüge weltweit stellt.

Unimog Antartico de la Fuerza Aerea Argentina
Argentinien. für die Antarktis ausgerüstet.

Zivil hat das Gefährt in den USA dafür überhaupt keinen Erfolg. Eine niedrige Dreistellige Zahl hat Mercedes/Freightliner zwischen 2000 und 2005 verkauft, bis sie den Zivilimport aufgaben. Aber was soll's, eigentlich geht es hier doch eh um fast-Explosionen.



Donnerstag, 9. Dezember 2010

Wikileaks: welche Inhalte?

Großen Zahlen liegt ein Zauber inne. 250 000! Geheim! Eine Revolution des Informationswesens, die Neubestimmung des Journalismus. Was hört man nicht alles. Nur wie Torsten Kleinz schon zu Recht feststellte: Ach ja — eine relevante Sache bekommt zur Zeit relativ wenig Aufmerksamkeit: die Inhalte, die auf Wikileaks veröffentlicht wurden. über die Inhalte wird kaum geredet.

Das ist sicher zum Teil der Hype-Maschine geschuldet: Sex, mysterlöse Hacker und der Kampf Gut gegen Böse machen sich besser als diplomatische Details aus langweiligen Sitzungen. In Deutschland gilt das verstärkt. Die meisten von Wikileaks veröffentlichten Depeschen handeln von Ländern, die deutsche Medien eh kaum covern, und die deutsche Leser nicht wirklich interessieren. Oder, Frage in die Runde, weiß jemand aus dem Stand wer bei der letzten Irakwahl knapp gegen wen gewonnen hat? Wie die pakistanische Regierungspartei heißt? Kann jemand hier ohne nachzusehen die neun Unruheprovinzen in Afghanistan nennen?

Aber auch wenn man den deutsch geprägten Blick auf die Welt abzieht; selbst Foreign Policy, das namensgemäß der amerikanischen Außenpolitik auf der Spur ist, hat bisher nur mäßig skandalöses entdeckt. Das ist nicht unwichtig, aber doch eher Stoff für den Auffüller auf Seite drei, nicht aber für die Hauptseite.

Die Informationen sind nicht alle banal, aber doch spektakulär unspektakulär. Die Depeschen enthalten wirklich wenig, was man nicht hätte durch gezielte Zeitungslektüre hätte erfahren können, und im Zweifelsfall schreiben die Diplomaten Informationen aus zweiter Hand auf. Als Beispiel einfach mal die neuesten Depeschen, die gerade online sind:

- Türkische Nationalisten waren 2005 sauer auf Mastercard
- Russland will Nationale Kreditkarten einführen, im wesentlichen zitiert die Depesche Komersant
- Friedensgespräche zwischen Djibouti und Eritrea (Frage an die Iberty-Leser: wer findet Eritrea auf Anhieb auf einer Landkarte?)
- Eritrea hat direkt nach Obama-Amtsantritt freundliche Signale an USA ausgesandt
- "Young Eritreans are fleeing their country in droves, the economy appears to be in a death spiral, Eritrea’s prisons are overflowing, and the country’s unhinged dictator remains cruel and defiant."
- Äthiopien fühlt sich von den USA unverstanden
- "Things are getting worse and worse in Eritrea."
- Nigerianischer Präsident "Jonathan [Goodluck] claims he wants to do a good job over the next 12 months"

Die eriträischen Depeschen sind gruselige, aber gut geschriebene Lektüre. Aber enthält das weltverändernde Informationen? Ne, wirklich nicht. Nun kann es natürlich sein, dass die 249.000 unveröffentlichten Dokumente alle außerordentlich brisant sind. Aber warum sind sie dann nicht öffentlich?

Wesselburen bahnschafe 05.05.2010 13-56-27
Inhalte gesucht.


Kann es sein, dass sie absichtlich zurückgehalten werden? Verzichten Spiegel, NYT und Guardian auf einen Scoop und veröffentlicht Wikileaks nur Banalitäten. Ist Wikileaks plötzlich zum Freund des amerikanischen Außenministeriums geworden? Oder können die vereinigten Rechercheure der bestaugestattsten Zeitungen der Welt nur die wichtigen Sachen nicht finden? Ist das auch nur annähernd wahrscheinlich?

Und vor allem: ist das wahrscheinlich, dass überhaupt jemand solche Inhalte in die Datenbank gegeben hat? Auf die Datenbank, aus der die Depeschen stammten, hatte im wesentlichen jeder Depp im amerikanischen Staatsdienst Zugriff; es ist also davon auszugehen, dass Russland, China, Indien, Israel, Saudi-Arabien und Google - eigentlich alle bis auf die FDP - die Dokumente im wesentlichen haben und kennen. Enthielten sie wirklich Zündstoff, wäre dieser wohl auch schon vor Jahren bei den Medien gelandet.

Und mehr noch: auch die amerikanischen Behörden haben zwar offensichtlich nicht damit gerechnet, dass alle Dokumente im Internet stehen; dass aber interessierte Stellen mit ausreichenden Mitteln an die Dokumente kommen, sollte den entsprechenden Stellen klar gewesen sein. Da die Depeschen außerdem immerhin beweisen, dass der diplomatische Dienst der USA weit smarter ist, als es nach außen ankommt, wäre es wirklich ungewöhnlich, sollten er tatsächlich brisantes Material in die Datenbank gesteckt haben.

Was natürlich die Frage um so interessanter macht, warum all der Aufstand? Wovor die Angst? Warum die Ausraster? Abgesehen von all dem alles-ist-so-anders-und-OMG-Informationsrevolution!-Bohei: Meine Eindrücke aus der Lektüre bisher: Geheimakten werden überschätzt. Und: amerikanische Diplomaten sind anscheinend deutlich intelligenter und besser als man so nach Außen vermuten könnte. Mein Eindruck aus dem Verfahren hat John Naughton netterweise schon geschrieben:

The tone of much public American discussion about WikiLeaks is increasingly “extra legal”, to put it politely. The spectacle of public figures and elected representatives calling for the assassination of Assange is revealing, given Bobbitt’s assertion that the reason why the United States is not itself a terrorist state — even though its warfare brings suffering and destruction to many innocent persons, including civilians — is that it acts within the law. To which the only reasonable response is: let’s see.