Freitag, 1. Dezember 2017

Schwimmbad Berlin: Paracelsusbad Reinickendorf

Reinickendorf.  Nord-Berlin. Irgendwo zwischen Autobahn, flachem Land und Flughafen Tegel. Die einzige Hoffnung des Bezirks auf überregionale Bekanntheit sind die Handballer der Reinickendorfer Füchse – die natürlich längst in Mitte spielen - und die gelegentliche Schlägerei auf einer U-Bahn-Station.

Auf dem Weg zum Paracelsusbad passiere ich eine Schokoladenfabrik und eine Schraubenfabrik, zwei Discount-Baumärkte, Netto, Lidl, Sozialbauten aus den 1920ern und Sozialbauten aus den 1970ern. Hier ist nicht das schicke, hippe Berlin der Innenstadt aber auch nicht das wilde Berlin des Gesundbrunnens. Hier lebt Kleinbürgertum mit wenig Geld. Für den Rest Berlins halte ich mich in der terra incognita auf. Wohnen dort überhaupt Menschen? Gibt es dort Schwimmbäder?



Ja, dort wohnen Menschen. Und sie verfügen über ein Prachtschwimmbad. Fast möchte ich sagen: Dort steht ein Schwimmtempel. Das letzte der echten Stadtbäder, die noch mehr Hygienepalast als Schwimmhalle sein wollten. Ein riesiger Bau, eine Schwimmhalle mit Tribüne, hoher Decke und diesem schicken Dach.



Das 1957 bis 1960 gebaute Paracelsusbad war das erste neue Berliner Hallenbad nach dem Krieg.  Tatsächlich entstand hier das erste städtische Bad seit den 1920ern. Mit Breitensportschwimmen hatten es die Nazis anscheinend gar nicht.  Das Bad in Reinickendorf orientierte sich in Idee und Ausstattung sichtlich an den Symbolbauten wie dem Stadtbad Mitte oder dem Stadtbad Neukölln. 



Ein Komplex, über zwei Etagen, heute mit Schwimmbad, großer Saunalandschaft, Friseur, einem großen Sonnenstudio und einem echten Restaurant. Weniger Schwimmtempel als die Vorkriegsbäder, aber mit deutlich mehr Anspruch und Grandezza als die darauf folgenden sachlichen Schwimmhallen.

Selbst der ewig mäkelige und nie um vehemente Grundsatzkritik verlegende Peter Güttler lobt die moderne technische Ausstattung und konstatiert in „Berlin und seine Bauten (1997)“: „das Raum- und Platzangebot war üppig und auch seine solitäre Stellung inmitten einer Grünanlage kam der architektonischen Wirkung zustatten.“





Damals zwischen 1957 und 1960, als die Bezirke noch Einfluss hatten, baute das Hochbauamt Reinickendorf das Bad. Seinen – für Berlin untypischen – Namen verdankt es einem Schülerwettbewerb.

Gebäude


Gebaut auf der grünen Wiese. Auch heute noch umgeben Parks und eine Hauptstraße das Schwimmbadgelände. Das Herbstwunderland, das mich beim ersten Besuch empfing, vermag selbst Reinickendorf etwas leicht Zauberhaftes zu geben.


Open Street Map © OpenStreetMap contributors, made available under the terms of the Open Database License (ODbL).
Das Gebäude selbst: Ein Ensemble von Kuben. Mehrere Rechtecke übereinander und nebeneinander gestapelt mit einem großen Wasserturm in der Mitte. Die Eingangshalle erstreckt sich über zwei Stockwerke. Irgendwo in den Hintergebäuden waren auch einmal je 36 Wannen- und Brausebäder.

Direkt am Eingang hängt eine kleine Ausstellung über das Bad selber mit alten Fotos, geradezu zauberhaften Zeitungsausschnitten und der Einladung zur 5-Jahres-Jubiläumsfeier an der Wand. Damals traten noch Schulchöre zur Schwimmbadjubiläen auf und sagen Lieder. Warum können solche Ausstellungen nicht in allen Bädern hängen? Meine Begeisterung für das Bad ist auf jeden Fall schon mal stark gestiegen.

Im Erdgeschoss sind Restaurant, Friseur und Sonnenstudio. Zur Kasse und zu den Umkleiden geht es eine breite Treppe im besten 50er-Jahre-Stil hoch.  Die Wertschließfächer sind hier vor dem Drehkreuz, die Umkleiden für Frauen und Männer soweit ich verstanden habe in zwei getrennten Seitenflügeln um einen Hof herum.

Auffallend sind zum einen die vielen Schilder und Stelltafeln, die wirklich liebevoll erklären, wann/wo/wie was offen oder geschlossen hat und die auch mal eine umfangreiche Kursübersicht bieten. Beim zweiten Besuch jetzt im März fielen aber auch die zahlreichen Schilder auf, die mahnten, die Wert-Schließfächer zu benutzen. Teilweise waren die noch mit roten Pfeilen gekennzeichnet. Mir deucht in den letzten Wochen vor meinem ist etwas im Bad passiert.


Umkleiden/Duschen


Vor dem ersten Besuch hatte ich mich nicht wirklich mit der Geschichte des Bades befasst und mir war „das letzte echte Stadtbad“ unbekannt, das ich hier besuchen würde. Ich hatte eine Adresse, fuhr halt mal hin und dann dachte ich die ganze Zeit „Stadtbad Mitte“. Das sieht aus wie „Stadtbad Mitte“.
Die Kabinen gemauert (betoniert) mit Kacheln ebenso wie die kleinen Spinde. Leicht modernisierter zwanziger-Jahre-Stil. Kleinteilig, wertig, die besten Kabinenbänke irgendwo in Berlin.



Die Decke hoch, Farben beige-braun-pastellgrün, die Kacheln klein, zum Teil auf dem Boden auch Backsteine/Klinker. Die Nummern noch in echter 50er-Jahre Typographie. Was mich dann endgültig davon überzeugte, in einem Geschwisterbad des Stadtbads Mitte gelandet zu sein, war die Duschhalle – riesig groß mit hoher Decke, die sich so in Berlin tatsächlich nur in Mitte oder im Paracelsusbad sah. Selbst das WC hatte mehr Deckenhöhe als die Schwimmhallen in den Kombibädern. Alleine der Kabinentrakt lohnt hier den Besuch.


Schwimmhalle


Es geht weiter mit Grandezza. Ein sehr hohes Dach, sehr hohe Fenster, und das Ganze im ersten Stock. Läge an der Hauptfensterfront nicht ausgerechnet die Straße, hätte man eine tolle Aussicht – so muss man sich leider neben das Nichtschwimmerbecken quetschen, um in den Park zu sehen. Was ich angesichts der Aussicht dann nicht verstand – die Fensterfolien. Beide Male dachte ich „nanü, das ist aber düster geworden draußen während ich duschte“ – tatsächlich ist da aber nur eine Folie vor den Fenstern, die sich an einigen Ecken leicht ablöste. Dahinter sah man dann auch wieder besseres Wetter.

Ein Schwimmbecken – 25 Meter, ein Nichtschwimmerbecken. Beides sind Metallbecken, also vermutlich vor nicht allzu langer Zeit saniert. Grandezza allüberall. Mit – laut Berlin und seine Bauten – ehemals 5,50 Meter Wassertiefe, wäre das Becken das tiefste Schwimmbecken in ganz Berlin gewesen. Die Tiefe hat es leider nicht mehr.

Angeblich gibt es auch einen warmen Whirlpool, den habe ich aber nicht gesehen und von seiner Existenz erst im Nachhinein erfahren. Bis zum zweiten Besuch hatte ich ihn schon wieder vergessen und dann auch wieder nicht gesehen. Falls jemand, einen Whirlpool im Paracelsusbad kennt – bitte melden.

Auf der Nicht-Fenster-Seite sind noch eine Tribüne und eine analoge Tafel für Zeiten und Ergebnisse (Heim gegen Gast). Ob es dort heute noch Sportwettkämpfe gibt? Das Bad selber hat mittlerweile eine Metallwanne, eine Hälfte ist etwas brusthoch, also problemlos zum Stehen. Auf der anderen Hälfte sind die Sprungbretter, dementsprechend tief geht es hinab. Schwimmen in den Abgrund – in verschiedenen Älteren Berliner Bädern vorhanden und ich liebe es jedes Mal.

Als ich kam, war eine Sportbahn abgetrennt.

Publikum


Beim Besuch (Dienstagmittag) waren es vor allem mal viele Menschen im Wasser, was das Schwimmen nicht erleichterte. Ich schwimme lieber geradeaus als ausweichend im Zick-Zack. Viele ältere Damen und Herren aber auch einige Menschen zwischen 15 und 25. Die waren überraschend hipsteresk mit Vollbärten, Tattoos und so Pseudo-Vintage-Schwimmkleidung.
Tatsächlich waren fast nur Schwimmer dort, die aber einen deutlichen Hang zum Freizeit- und weniger zum Sportschwimmen hatten.



 
Zweiter Besuch, wieder gut gefüllt und wieder eine ähnliche Mischung. Spannend: wenn man so tagsüber schwimmen geht, besteht das Publikum meist nur aus den Silberschwimmern oder den sportlichen Schwimmern: in Reinickendorf waren jedes Mal junge Menschen dort, keine sportlichen Schwimmer, sondern eher so bewegungsfreudige Menschen in der Freizeit, von denen es mich nicht überraschen würde sie in schicken Cocktailbars in Kreuzberg wiederzutreffen.

Ja, was Style angeht, ist das Paracelsusbad weit vorne. Aber dass die schicken Menschen aus Friedrichshain zum Schwimmen nach Reinickendorf fahren? Ich staune.

Gastronomie




Ein echtes Restaurant. Der Einrichtung nach ausgerichtet auf ein Publikum Ü70. Die Preise waren leider auch Restaurant- und nicht Schwimmbadpreise (Schnitzel 12 Euro), Tagesgerichte waren Kartoffelsuppe und Lebergeschnetzeltes, beim nächsten Mal dann Weißkohleintopf und Hähnchengeschnetzeltes. Auf der Karte draußen war kein Kaffee angepriesen, weswegen ich es dann beim ersten und beim zweiten Besuche gemieden habe.

Sonstiges


Und dann war da noch Frau V. Frau V. war, wie ich erfuhr, 89 Jahre alt und benutzt regelmäßig das Bad. Nicht ohne Erfolg scheint mir, ich hatte sie für 15 bis 20 Jahre jünger gehalten. Leider war sie auf dem Parkplatz gegen einen Baum gefahren. Ich habe dann noch abgefallene Einzelteile unter ihrem Auto hervorgekramt, sie davon überzeugt, dass der Astra wirklich nicht mehr fahrfähig ist und mit ihr zusammen den ADAC gerufen.

Wer nimmt den auch das Handy mit, wenn es nur ins Schwimmbad geht? Trotz ihres Alters fährt sie noch gut genug, dass der Werkstattmensch ihres Vertrauens schon länger in Rente war, sie aber derart selten in der Werkstatt ist, dass das noch nicht auffiel. Frau V. war super, alleine ihre Anwesenheit ist ein Grund, das Bad zu mögen.

Fazit


Grandezza in Reinickendorf. Einen Besuch wert.

Weiter lesen

Etwas ausführlichere Artikel zum Bad stehen in Berlin und seine Bauten: Sport und Bäderbauten (1997; S. 182-184) und natürlich in Bäderbau in Berlin.

In der Nähe liegt das Stadtbad Märkisches Viertel, ein sehr anderes 80er-Jahre-Typbau.

Einen schönen stilitischen Vergleich bietet das letzte zivilie Vorkriegsbad, das Stadtbad Mitte. Und im Anschluss entstand das Stadtbad Wilmersdorf I, im Vergleich zum Paracelsusbad schon deutlich mehr in die Zukufnt gerichtet.

Alle Iberty-Schwimmbadposts liegen unter Schwimmbäder nah und fern: Rückblick und Ausblick.




Keine Kommentare: