Dienstag, 12. Dezember 2017

Schwimmen Israel: En Bokek, Totes Meer

Am Toten Meer erlebte ich das eigentümlichste Badeerlebnis, das ich je hatte. Das krasseste Badeerlebnis meines Lebens. Ein Baden, bei dem ich in seiner Einzigartigkeit Zweifel habe, ob je ein anderer Bad- oder Strandbesuch herankommen wird. Willkommen am Toten Meer.

Ein See aus Salz und Mineralien liegt in einer Gegend, für die zu beschreiben mir noch immer  die Worte fehlen. Dieser Graben in der Wüste Negev, in seinen Dimensionen, seiner Eindrücklichkeit und Vehemenz: Es ist alttestamentarisch: Man sieht die brennenden Büsche, Feuerseen vom Himmel, den strafenden Gott und die Verlockungen durch den Teufel fast bildlich vor sich, während man sich hier bewegt. Seitdem ich die Gegend zum Alten Testament sah, glaube ich fast alles wortwörtlich, was dort geschrieben steht. Hier scheint alles möglich.



Am Toten Meer selbst liegt dann ein so unpassend wirkender wie erwartbarer Badeort, in dem sich fast nur Russen aufhalten. Menschen gehen in ein Wasser, dass sie offensichtlich gar nicht haben will. Wasser das einen schon nicht mehr trägt, fast schon abstößt und von sich wirft. Um es kurz zu machen: wenn man Wasser schluckt, soll man sofort zum Notarzt. Den Schlamm zum Wasser aber schmieren sich Menschen begeistert auf den Körper. So ist das in En Bokek.


En Bokek ist einer von zwei Badeorten am israelischen Toten Meer. En Bokek – aufgeteilt in die zwei Ortsteile En Bokek und En Bokek Spa – liegt am Südteil des Meeres. Der andere Badeort, En Gedi, liegt am Nordteil des Sees.

Am Nordteil sinkt seit Jahren der Wasserspiegel. In En Gedi entfernt sich dieser immer weiter von den Anlagen. Außerdem bilden sich „Sinkholes“ – der Boden bricht ein, wobei die einzelnen Löcher auch mal Busgröße oder ähnliches erreichen können. Der Weg nach En Gedi ist in Teilen durch neue Straßen gekennzeichnet, von denen aus man die alten Straßen mit einem Krater in der Mitte erkennen kann oder auch verlassene Palmenhaine mit großen Löchern. Deshalb geht es En Bokek – wo der Wasserstand stabil bleibt – zurzeit gut und En Gedi schlecht.

Alttestamentslandschaft


Totes Meer und Badeorte liegen in der Mitte des trockensten Teils der Wüste Negev. Außer En Bokek existiert dort nichts: keine Häuser, keine alten Orte, genau eine Hauptstraße und zwei riesige Fabriken der „Dead Sea Works.“ Unser kleines Cottage mieteten wir im nächstgelegenen Örtchen zum Strand (Ne'ot Hakikar) und fuhren eine gute halbe Stunde über eine freie Landstraße dorthin. Ohne zwischendurch ein einziges Haus zu sehen. Die nächsten Städte sind die Kleinstädte Dimona oder Arad, beide eine gute Dreiviertelstunde und etwa 1000 Höhenmeter entfernt.

En Bokek besteht aus einem halben Dutzend großer Hotels und zwei Minimalls. Gäste in dem Ort wohnen in den Hotels und ihr Leben dort ist auf das Leben in diesen Hotels ausgerichtet. Tagesgäste wie wir waren nur bedingt vorgesehen. Das Tote Meer – weltbekannt. Das Wasser soll heilsam sein.

Die Tatsache, dass die Luft in der Wüste pollenfrei ist, hilft bei Atemproblemen ebenso wie die dichte Luft 400 Meter unterhalb des Meeresspiegels. Zumal Wüstenstaub und die dichte Luft an diesem tiefsten zugänglichen Ort der Erde die UV-Belastung mindern, was die Sonnenbrandgefahr einschränkt und ebenso gut für die Haut ist. Aber wir waren ja nicht aus gesundheitlichen Gründen in En Bokek, sondern zum Baden.



Anlagen


Die Anlagen am Seeufer lassen sich schwer beschrieben. Weniger weil die Anlagen so eigenwillig waren, sondern weil die Anlagen nicht sie wirklich waren. Teile des Strandes und der Sanitäranlagen wurden grundsaniert, als wir kamen.

Es gibt eine Straße durch den Ort, an der mehrere Parkplätze liegen. Zwischen Parkplätzen und Strand liegt eine kleine Minimall, der man ihre Jahrzehnte ansieht. Etwas weiter weg Richtung Hotels liegt eine etwas neuere Mall, die von außen schicker aussah.

Der Zugang zum Strand ist umsonst und einfach zu finden. Da gibt es auffallend zahlreiche Sonnensegel, die wir Ende Oktober nicht mehr benutzen mussten. Wir hatten zwar immer noch blauen Himmel und Temperaturen lagen ein gutes Stück jenseits der 30 Grad. Durch die Trockenheit aber und die niedrige UV-Strahlung konnte es selbst ein hitzeanfälliger Mensch wie ich dort gut aushalten.



Uns fielen die überraschend viele Häuschen von Rettungsschwimmern auf. Wieso wachten hier Rettungsschwimmer? In einem See, in dem man faktisch gar nicht untergehen kann? Nachdem ich dann einmal nach dem Baden den Finger mit dem Seewasser abgeleckt hatte, sah ich es ein. Selbst dieser kleine Rest Wasser schmeckte noch bitter wie roh gegessene Kaffeebohnen oder Oliven direkt vom Baum und gleichzeitig metallisch und so intensiv abartig, dass selbst der Salzgeschmack unterging. Ich glaubte sofort, dass man dringend die Notfallrettung benötigt, sollte man das Wasser aus Versehen schlucken oder gar in die Lunge bekommen.

Da die eigentlichen Sanitäranlagen hinter Absperrungen, Baggern und Erdbergen verschwunden waren, stellte der Ort provisorischen Ersatz. Die Aushilfsanlagen standen spärlich bereit (wir standen fast immer an). Vor allem aber hatte offensichtlich ein Analphabet im Dunkeln die dazugehörigen Schilder aufgehängt. Hinter dem Schild „Umkleide“ verbarg sich die Toilette, während die echte Umkleide als „Dusche“ gekennzeichnet war.



Mit etwas Suchen fand sich eine Miniaturumkleide – je eine für Damen und Herren – mit Schlange davor. Meine Kabine bot mir bei einem Besuch noch die Möglichkeit, eine stehen gelassene Flasche Wasser oder eine gebrauchte Badehose mitzunehmen. Die Flasche Wasser war dann später verschwunden. Die Dusche war so eine Freiluft-Viererdusche. Auch hier staute sich eine Schlange. Nach dem Dipp in der Mineralienbrühe wollte jeder das Zeug von der Haut haben.

Publikum


Waren es russische Russen? Oder israelische Russen? Wir kamen am Sabbat. Außer einigen deutschen Touristen und vier den großartigen tiefschwarzen und sehr faszinierten Amerikanerinnen, sprachen alle anderen Anwesenden russisch. Anscheinend kamen hier die russische Badekultur, die Faszination für das Neue, und die Ignoranz der eher säkularen russischen Juden gegenüber dem Sabbat zum Tragen.

Nie mehr seit Sankt Petersburg 2004 hatte ich das Gefühl  eine so russische Umgebung zu bereisen. Die Menschen waren überwiegend älter, aber auch ein ganzer Anteil jüngerer Menschen zwischen 20 und 30 und auch der ein oder andere Teen mit Hautproblemen hielten sich an Strand und im Wasser auf.

Eine faszinierende Beobachtung: da man in diesem See nicht schwimmen kann (und es auch gar nicht erst versuchen sollte),  erlebte ich den ruhigsten gesetztesten Strandaufenthalt meines Lebens. Menschen gingen ins Wasser. Entweder setzten sie sich dann auf das Wasser und waren faktisch bewegungsunfähig.  Oder sie versuchten aufrecht zu bleiben, was dann halt eine Stehaktion war. Madame erinnerte es an die alten Gemälde von Jungbrunnen, in denen nicht mehr ganz fitte Menschen im Wasser stehen. Sich nicht bewegen, nicht schwimmen, nicht plantschen.

Wasser

 

Der Strand selber bot eine eigenwillige Konsistenz. Irgendwie handelte es sich schon um Sand, aber so als wäre er mal mit Wasser getränkt wurden, dann verbacken und wieder aufgebrochen. Das war kein Sand, den man durch die Finger rieseln lassen könnte, eher einer, den man in kleinen Plättchen vom Boden aufhob und dann in der Hand zerbröselte. (Strandschuhe immerhin waren anders als angedroht nicht nötig – der Sand war zwar eigenwillig, aber problemlos barfuß zu laufen).

Und dann das Wasser. Ausgesprochen klar. Dort leben keine Algen, der Sandboden ist fest und hart, der Südteil des Toten Meers zu klein und zu flach für Wellen. Nur in wenigen Gewässern hatte ich den Eindruck so weit durch das Wasser sehen zu können. Nur fühlte es sich an, als liefe man in Spülmittel. Da war dieser ölige Film. Wasser über die Schulter gießen – fühlt sich an als ob man dies mit verdünnten Salatöl macht.

Die Wassertemperatur zeigte sich angenehm – zu warm zum Schwimmen natürlich. Aber Schwimmen will und kann dort niemand. Und dann macht man den Fehler, das zu machen, was einem angeraten wird – ein Stück hineingehen und sich quasi in das Wasser zu setzen. Und dann ist das Drama groß. Man liegt wie eine umgekippte Schildkröte.



Das Wasser trägt die Beine so gut, dass man sie nur noch mit Mühe und einiger Übung überhaupt wieder auf den Boden kriegt. Im Zweifel rollt man erstmal vom Rücken auf den Bauch und umgekehrt, bemüht nur ja nicht zu platschen und Wasser in Mund oder Augen zu bekommen. Ein Gefühl großer Erhabenheit – hey, ich liege AUF dem Wasser - gepaart mit großer Hilflosigkeit – hey ich kann mich kaum bewegen und die Lage ist instabil. Letztlich paddelte ich dann auf dem Bauch zurück zum Ufer, bis ich wieder Knie auf den Boden bekam.

Eine Beobachtung, die auch jeder Badende anstellt, sobald er das Wasser betritt: Baden im Toten Meer ist eine prima Methode, jegliche kleine Schnittwunde am eigenen Körper zu finden. „Salz in die Wunden strömen“. Es ist nicht so schlimm, dass man schreiend aus dem See rennt, aber doch ein Erlebnis.

Gastronomie


Für einen Badeort war es mit der Gastro überraschend schwierig. En Bokek liegt in der Wüste und sonst ist in der weiteren Umgebung, innerhalb einer halben Stunde Fahrzeit mit dem Auto, nichts – also gar nichts. Keine Imbisse, keine Ausweichziele, nicht einmal Wohnhäuser liegen in der Gegend. Dort sind krasses Wasser, Salzberge, die von einer gelegentlichen Sandschicht überdeckt werden, einzelne Felsen und in etwa 15 Minuten Entfernung liegt eine einsame Tankstelle  Wer nach En Bokek will, wohnt in einer der großen Hotelanlagen direkt am Ort, die für eine vollumfassende Verpflegung sorgen.



Wer wie wir in einem Cottage im einzigen Kibbuz weit und breit übernachtete, an dem es im Herbst wenig und an einem Sabbat im Herbst gar nichts gibt, hatte Probleme. Sowohl die Fleischspieße (erster Abend) als auch die  Pizza (zweiter Abend) waren deutlich besser als es das Touri-Abzock-Ambiente vermuten ließ und fallen immerhin in die Kategorie Anständiges Essen einzuordnen. Andererseits war En Bokek im Vergleich mit allem Anderen, was wir in Israel probierten, der kulinarische Tiefpunkt unserer Israelreise.

Preise


Die Hoteliers wissen, dass ihre Häuser nahezu alternativlos sind und nehmen dementsprechende Preise. Die Gastronomie und Mall immerhin, sind für einen Touristenort, an dem man keine anderen Wahl hat, nicht so schlimm wie befürchtet. Immerhin ist der Strandeintritt umsonst.

Sonstiges


Der Tip, Strandschuhe mitzunehmen, scheint trotzdem empfehlenswert. Ich las mittlerweile mehrere Berichte von Leuten, die Barfuß nicht ins Wasser konnten. Anscheinend variiert der Zustand von Strand und Wasser deutlich, teilweise liegen zwischen bequemen Stellen wie der unsrigen und nicht-begehbaren Plätzen nur wenig Meter.

Angeblich auch ist die Luft nicht nur anders, weil sie pollenfrei, extrem trocken und von Wüstenstaub getränkt ist, sondern auch, weil aus dem Toten Meer jede Menge Mineralien verdunsten, die für weitergehende psychische Effekte sorgen.

Fazit


Krass. Sowas von.

Weiterlesen


Normalerweise schwimme ich bodenständiger. Alles zum Thema Baden und Schwimmen liegt unter: Schwimmbäder nah und fern: Rückblick und Ausblick.

Wir haben ja das Glück, rein aus Jux und Dollerei ans Tote Meer fahren zu können und einfach mit offenem Mund zu staunen. Die Effekte bei zum Beispiel Schuppenflechte müssen aber auch erstaunlich sein. Allerdings dauert der Aufenthalt dann auch mehrere Wochen und verläuft entlang eines Heilungsplans. Den besten persönlichen Bericht, den ich dazu fand, schrieb Misses Backpack: Ein Selbstversuch in Israel: Hilft das Tote Meer gegen Schuppenflechte?

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