Posts mit dem Label Bibliotheken werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Bibliotheken werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 17. Dezember 2011

Stürmt die Bibliotheken!

Altona, eine semi-urige Kneipe direkt am Elbhang. Im Hintergrund blinkende Lichter und Kräne des Containerhafens. Vor uns Apfelschorle und Bier. Regen peitscht an die Scheiben, das Klavier wartet auf den Walzer zur späteren Stunde. Zwei Wikipedianer unterhalten sich:

* sp: "Mein Ziel ist es ja, dass möglichst viel Geld direkt den Leuten zugute kommt, die die Inhalte erstellen. Mir ist nur noch nicht vollkommen klar, wie das am geschicktesten geht."
* nn: "Warum zum Beispiel finanziert Wikimedia nicht allen Leuten - die meinetwegen eine bestimmte Zahl an Edits haben - die Bibliotheksgebühren. Und bloß keine große Bürokratie. Wikipedianer werden die Bücher doch auf jeden Fall für Wikipedia-Artikel nutzen.
* sp: Macht Wikimedia doch neuerdings. Genau so.
* nn: Ach, ich weiß wieder von nichts.


Wobei ich den Eindruck habe, dass viele Leute dies noch nicht mitbekommen haben. Leute, stürmt die Bibliotheken und lasst andere Menschen dafür bezahlen. Ich kann mir tatsächlich kaum effizienter eingesetztes Geld vorstellen.

Soviel dazu.

Das Gespräch fand am Rande des Hamburger Wikipedia-Stammtisches statt, der - zumindest da, wo ich saß, sehr unverschwörerisch war. Neben den Bibliotheken ging es um Hamburger Siele, Hochwasser in Sankt Pauli, Halligen, Inkunabeln, singende Wirte, trockenen Zander und saftigere Scholle, darüber ob man seine Toilette für Wikimedia-Fotos aufschneiden sollte, natürlich die leidige Lizenz-Debatte, warum die Hafencity keine Hochbahn bekommt, den Berliner Stammtisch, Anstandswauwaus auf Stammtischen, Freimaurer, Glücksrotweinkäufe, schimmelnde Buchrücken, und halt das worüber Wikipedianer so reden. Wie immer nett, wie immer schön. Auch wenn es eine Frechheit ist, dass Mitglieder des Hamburger Stammtisch, *fußaufstampf* den ich mitgegründet habe *fußaufstampf* ganz überrascht sind, dass ich nicht schon immer in Berlin bin. Ahnungslose Frischlinge!

Stabi Fassade Haupteingang


Dienstag, 28. September 2010

Umberto Eco im Jahre 1995 fast über Google Books

Leider hat es ja im Urlaub nicht geregnet, so dass ich im strahlenden Sonnenschein kaum dazu gekommen bin, alle mittransportierten Bücher auch durchzulesen. Glücklicherweise hat es für ein besonderes Kleinod gereicht. Umberto Ecos "Gesammelte Streichholzbriefe" bei dtv. Das Buch stellt Kolumnen zusammen, die unter ebenjenem Titel in den 1990ern in L'Espresso und teilweise auch in der Zeit erschienen.

Die Streichholzbriefe sind allesamt spannend, wirken in der Technik, die Eco als gegeben beschreibt eigentümlich museal, in seinen Visionen und Möglichkeiten scheint mir das Buch aber immer wieder auch der heutigen Debatte noch voraus.

Der spezielle Google-Books-Streifholzbrief, der mich besonders interessiert, trägt den Titel "Das Buch, ein technisch vollendetes Meisterwerk." Eco berichtet von einem Technologiekongress in San Marino 1994 und der darauf folgenden Film-Biennale in Venedig, die sich darum drehten, ob neue Technologien das Buch überflüssig machen würden.

Allein seine Gedanken in die Richtung sind sehr aufschlußreich und aus 16 Jahren Zeitgewinn heraus beurteilt erstaunlich weitsichtig, immerhin sprach man damals noch von "Hypertexten auf Diskette". Andererseits sieht er auch Potenziale. Über den Volltreffer den er gelandet hat - in einem Jahr als beispielsweise ich noch damit beschäftigt war, über in Computerzeitschriften abgedruckte Telefonnummern ein Heidengeld für mäßig interessante Mailboxanrufe auszugeben - verblüffen mich jetzt auch beim zweiten Lesen.

Eco: "Andererseits wäre es überaus praktisch, wenn man vielbändige Enzyklopädien auf CD-Rom hätte ... per CD lassen sich beispielsweise die Artikel über Platon und Aristoteles miteinander vergleichen, ohne daß man sich einen Tennisarm holt, indem man zwei dicke Wälzer auf einmal an den Schreibtisch schleppt."

Weiter im Text:

"Nehmen wir also an, alle Bücher aller großen Bibliotheken würden mit einem Scanner aufgenommen ... Das würde heißen, ihr ganzer Inhalt, samt Typographie und Seitenumbruch würde ich das Gedächtnis eines zentralen Computers eingespeist. Erstes Ergebnis: Diese Bücher würden vor der fatalen Zersetzung des Papiers bewahrt.."

In Ecos Vision geht man in Bibliotheken, wo Hochleistungsdrucker, die automatisch auch Schriften vergrößern, Gotische in Lateinische Schrift umwandeln können etc. Für Papier und Druck bezahlt man, ein Teil des Geldes kommt an Autor und Verlag.

"Ein einziger Raum wird Säle, Regale, Personal und Kontrollen ersetzen. ... [W]er ein vergriffenes oder schwer auffindbares Werk lesen oder nachschlagen will, bekommt das Äquivalent eines Faksimilie-Drucks ins Haus geliefert, ohne sich in Lesesäle bemühen zu müssen. Mithin werden die Bücher nicht verschwinden: Sie werden leichter zugänglich sein."

Chapeau.