Akko, eine Stadt in der Bucht von Haifa. Unser Blick fällt im Herbst 2017 auf ihren Hafen am östlichen Mittelmeer. Ein junger bärtiger Mann mit Stirnband stellte uns gerade einen Heringssalat vor die Nase. Madame fragt „War Kitchen Impossible schon hier?“. Ich „Nein, aber sie sollten hier drehen.“ Manchmal schon hielten wir uns in Restaurants auf, von denen wir dachten, sie wären eine geeignete Location für die Fernsehsendung. Dies war das einzige Mal, das wir uns wirklich wunderten, warum sie hier noch nicht drehten.
Am Ende des Roten Pfeils liegt Uri Buri,
Kein halbes Jahr später hat uns die Fernsehsendung erhört. Die Kitchen-Impossible-Folge vom 18. März wird in Akko spielen – und in Akko kann es nur ein Restaurant geben: Uri Buri.
Tomatensauce mit Ei. Shakshuka. Sie wanderte von Jaffa in unseren Crockpot. Von der israelischen Dr.-Shakshuka-Variante könnte ich mich bis an das Ende meiner Tage ernähren. An der Perfektionierung der Heim-Version arbeiten wir noch. Aber wir bewegen uns auf einem guten Weg.
Bei Dr. Shakshuka
Shakshuka
Shakshuka ist das Gericht der Stunde. Hatten wir es doch bis 2016 nur via unserer israelischen Nachbarn kennengelernt, und dann einmal im Fernsehen gesehen, so scheint es nun allgegenwärtig. Twitter-Streams, Blogs, Zeitungsartikel: Sie alle überschlagen sich mit Shakshuka-Artikeln und -Rezepten.
Das ist verständlich. Nicht nur schmeckt dieses Gericht sterbenslecker, sondern scheint auch für den Anfang einfach zuzubereiten zu sein. Shakshuka-Esser ernähren sich vegetarisch und Low-Carb. Seine beiden Hauptzutaten - Tomaten und Eier - stellen fast niemanden vor Probleme. Die orientalisierende Gewürzkombi, die dem Gericht seinen Geschmack gibt, hat sich dank Döner, Shawarma, Falafel und Ähnlichem auch in Deutschland etabliert. Das Prinzip „Tomatensauce“ haben die Deutschen dank Nudeln und Pizza schon lange auf den Thron gehoben.
Shakshuka ist nun eine Art Tomatenpaste. Man koche Tomaten, Gewürze und etwas Paprika lange ein. Am Ende werden Eier darin aufgebraten. In der Küche reichen wenige Zutaten und die Zubereitung wirkt technisch wenig anspruchsvoll. Das bedeutet natürlich auch: Bei Shakshuka handelt es sich um eines der Gerichte, bei denen man Jahre benötigt, um sie zu perfektionieren.
Bett. Tee. Wärmflasche. Taschentücher. Noch mehr Taschentücher. Zu kalt. Zu heiß. Taschentücher. Badewanne. Tee. Wolldecke. Bettdecke. Und das über viele Tage. Viel zu energie- und kraftlos, um zu lesen oder gar zu schreiben. Viel zu kalt und anstregend draußen für noch aktionistischere Aktivitäten.
Erkältung! Aber so richtig. Immerhin: die Zwangspause unter den Decken bietet die seltene Gelegenheit so richtig fernzusehen; das Internet aufzuklappen und andere Menschen Abenteuer erleben zu lassen, während ich selbst im Ausbruch höchster Energie von links nach rechts rolle oder umgekehrt.
Und dort im Internet fand ich sie: Die ultimate Kochshow. Eine, die tatsächlich sehenswert ist und bei der ich nach sechs Folgen hintereinander auch noch die siebte sehen will und nach 26 Folgen hintereinander auch noch die 27.: The Great British Menu. Ausgestrahlt seit 2006 durch die BBC und bisher auf Sendegebiet der BBC beschränkt.
Bei solchen Nachrichten denke ich ja immer an das Frühjahr 2004. Als es 30 Wikipedianer gab, wir darum bangten, dass die drei Server durchhalten, und sehr lange und sehr umständlich erklären mussten, was wir machen. Und ja, in 50 Jahren könnte es vielleicht sogar fast so gut wie der Brockhaus sein. Hätte ich mir damals sowas erzählt, ich hätte mich für verrückt gehalten.
Romeo und Julia (Ballett von Prokofjew, Nordharzer Städtebundtheater) gegen Ich bin ein Star (RTL).
Der Vergleich hinkt: eine der aufwendigsten Produktionen des deutschen Privatfernsehens gegen ein eingespartes Stadttheater. Eines der größten Dramen der Menschenheit gegen Schmierentheater. Liebe, Leben, Drama hochverdichtet auf zwei Stunden oder in Belanglosigkeit ausgelatscht über zwei Wochen. Eine glatte Aufführung gegen die Inszenierung in der Inszenierung in der Inszenierung, 150 Zuschauer gegen 8 Millionen. Dramatische Brückenkonstruktionen im Urwald gegen einen wenig bemerkenswerten Theatersaal. Aber andererseits: bei beiden ging es um Drama, Aufregung, Gefühle, also alles. Und sowohl Ballett wie Fernsehen waren großes Kino.
Musik: Weniger klar als man denken sollte. Ich bin ein Star hat für deutsches Privatfernsehen eine ungewöhnlich gute und kreative Musikauswahl. Den Soundtrack zur Sendung hätte ich gerne selber, die Musik war passend und ungewöhnlich. Das Nordharzer Städtebundtheater hingegen hat kein Orchester, so dass es die Begleitmusik auf Band gab. Nichts gegen die Aufnahme, aber der fehlende Vor-Ort-Charakter fiel mir doch desöfteren eher schmerzhaft auf. Trotzdem: letztlich war es ein Duell Prokofjew gegen Deichkind. Klarer Sieg für Romeo und Julia.
Schöne Menschen: Das durchschnittlichste was heutige Schönheits-OPs anzubieten haben gegen die Bühnenpräsenz eines Ballettensembles. Das ist nun wirklich so eindeutig wie die Musik eigentlich sein sollte.
Meta-Ebenen: Langsam gibt es auch etwas für das Dschungelcamp zu sagen. Während Romeo und Julia da eher glatt war, und gar nicht erst mit Meta-Ebenen anfing, hatte RTL die Inszenierung in der Inszenierung gegen die Inszenierung. Schauspieler inszenieren sich, RTL geht mit und dramatisiert, dann plötzlich Tofugate, die Situation kippt, zwei Tage überrollen die Verhältnisse die Inszenierungen und danach inszeniert RTL gegen die Inszenierung der Teilnehmer. Ganz groß. Camp meets Herr der Fliegen. Vermutlich in der Konstellation nicht wiederholbar, aber einer der großen Momente des deutschen Fernsehens.
Kostüme und Kulisse: Die Kostüme.. oh je. In Quedlinburg gab es eine Theaterkritik, die meinte, die Kostüme wirkten ein bißchen als wären sie aus einer Freischütz-Inszenierung 1961 übrig geblieben. Ich dachte ja an "tschechischer Märchenfilm versucht und eindrucksvoll gescheitert", das hatte wenig Schmiss und wirkte doch eher altbacken. Wobei die formlosen Dschungelcamp-Jacken auch nicht besser waren. Während die Bühne beim Ballett aber die verkorkste Kostümierung aufnahm, gab es im Fernsehen hohe Bäume, reißende Flüsse, Abgründe, spektakuläre Brücken, Tiere, Sensationen. Klarer Sieg für RTL.
Drama: Beides mit Höhen und Tiefen. Das Dschungelcamp hatte viel Zeit zu füllen, und die sehr gute konsenquente professionelle Drama-Ausschlachtung jedes Klogangs schwankte zwischen sehr unterhaltsam und ärgerlich. Glücklicherweise musste RTL aber auf die totale Kontrolle verzichten. Sarah Knappik irrlichterte zwar überfordert aber doch unkontrollierbar durch die Kulissen. Die Nacht in der Peer Kusmagk weinte, war wie schon erwähnt, ganz großes Fernsehen. Und dabei zuzusehen, wie mäßig sympathischen Leuten ihre Inszenierung desaströs aus den Händen gerät, ist voyeuristisch, aber ein lohnendes Erlebnis.
Auch das Ballett hatte im Bereich Drama Höhe und Tiefen: Bei der Teenage-Liebesgeschichte musste ich doch manchmal an die murmelnden nach unten kuckenden Teenager der realen Welt denken, sowohl Julia als auch Romeo waren irgendwie unauffällig, wirkten nicht so ganz präsent. Wenn ein weinender Ex-GZSZ-Star mich mehr bewegt, als eine sterbende Julia, läuft was falsch. Andererseits waren die anderen Rollen superb besetzt. Gräfin Capulet war beim Gehen deutlich dramatischer als ein Dschungelcampbewohner der sich an Lianen und dabei mit Schlangen kämpft schwingt, Tybalts souveräne Arroganz würde jede Katze zu Tränen beschämen, Mercutio sprang über die Bühne wie der frühe Sommer.
Unentschieden.
Feuerwehrfaktor: das Nordharzer Städtebundtheater hatte einen Vorsichsfeuerwehrmann in Galauniform anwesend und ein schönes handgeschriebenes Schild im Foyer: "Feuerwehr anwesend." Gesamt: Knapper als gedacht, aber dank der anwesenden Feuerwehr doch ein knapper Sieg für Prokofjew.
Zu RTL2s neuer Reihe "Tatort Internet", gestern zur besten Sendezeit gelaufen, heute mangels Fernseher im Netz in voller Länge angetan, hat Stefan Niggemeier auf Heise bereits eine gute ausführliche Kritik verfasst, dito Twister in Telepolis. Fassen wir uns hier also kurz: Länge der Sendung: 74 Minuten und 50 Sekunden Einblendung des Aufrufs "Schützt endlich unsre Kinder!" rot auf schwarz: nicht gezählt. gefühlte > 5 Ausführliche "Interviews" gestellter Pädophiler: 3 Praktische Ratschläge für Eltern: ab Sendeminute 73:00 lässt RTL2 einen Psychologen zu Wort kommen.
Als Service bringen wir hier ein vollständiges Transkript:
"Eltern können viel viel mehr tun, als sie vielleicht denken. Erstmal sollten sich Eltern Gedanken machen: Was macht mein Kind in seiner Freizeit? Mit wem verbringt es die Freizeit? Was macht mein Kind im Internet? Mit wem chattet es im Internet? Man kann Regeln festlegen. Kinder müssen Freiräume haben, Kinder müssen Erfahrungen sammeln können, müssen ihre Neugier befriedigen können. Aber sie sollten mit ihren Eltern im Dialog bleiben und meiner Erfahrung nach scheitert das nicht an den Kindern, weil sie das nicht wollen, sondern an den Eltern, weil sie desinteressiert sind."
Wahrscheinlich hätte er auch konkreter werden können, aber dazu ist in diesem Format leider keine Zeit, um 73:29 geht es nämlich weiter mit Mandy und ihrer Mutter, ironischerweise mit dem Hintergrundkommentar "Mandys Mutter war interessiert."
Fazit: Ganze 29 Sekunden ist RTL2 der "Schutz unsrer Kinder" wert (mal abgesehen von der eher kontraproduktiven Folge, dass bei Fortsetzung der Sendung der gemeine Pädophile seine Opfer vielleicht dann doch lieber vom Straßenrand aufsammelt als in Internetchatrooms - da trifft er in Zukunft seltener auf Kamera-Teams). Ausgiebig darf sich dagegen die Guttenberg mit Betroffenheitsmiene äußern, wie schlimm das doch alles sei, ausgiebig werden auch die voyeuristischen Begierden des Publikums mit sexuell-anzügigen Chat-Zitaten bedient. Wenn ich was nicht leiden kann, dann ist es Quotenmacherei unter dem Deckmäntelchen "Kinderschutz".
Da der southpark mich gern als Co-Autoren - zumindest interim - haben möchte, habe ich mir auf dem Klo auch ein ganz tolles Thema gesucht: Der (mir bis gestern vollkommen unbekannten) 70-cent-Illustrierten "Chatter - Stars über die man spricht" ist es gelungen, die Serien-Superstars Tom Beck und Erdoğan Atalay auszuziehen. Mit entblöster Brust und mutig um die Hüfte geschlungenem Handtuch stehen die "Die schärfsten Cops Deutschlands" der Zeitschrift Rede und Antwort im Interview zur 17. Staffel der Erfolgsstory aus deutschen Landen:
Chatter: Gibt es am Set Mucki-Kämpfe zwischen Ihnen? Tom: Täglich! Wir spannen jeden Morgen unsere Bizeps an und messen, ob jemand einen Zentimeter mehr hat.
Es ist ein unwichtiger Text über eine komische Fernsehsendung, die eh schon Welterfolg hat. Eigentlich sollte man sowas ignorieren. Aber ich kann nicht anders: Jemand im Internet hat Unrecht. Da muß man aufstehen und sich engagieren! Außerdem scheint der Text grad durch den Holtzbrinck-Konzern zu wandern und ich hab Angst die Tage hinterrücks beim Frühstück von der Tagesspiegel-Variante erwischt zu werden.
Zeit-Online hat heute einen Handelsblatt-Text von Katharina Slodczyk übernommen. Sie porträtiert den englischen Moderator Jeremy Clarkson auf eine Art und Weise, die ist so neben jedem Punkt, dass es eigentlich nicht mehr entschuldbar ist. Zugunsten von Slodczyk möchte ich annehmen, dass sie nur die unsagbar schlechte deutsche Top-Gear-Synchronisation auf Kabel Eins kennt. Die nach der unsäglichen Top-Gear-Nachahmung auf DSF der zweite Anlauf ist, bei dem Deutsche bei einer Top-Gear-Adaption furchtbar scheiterten. So gesehen steht Slodczyk natürlich in einer langen Reihe des deutschen Top-Gear-Unvermögen. Beim Slodczyk-Text allerdings geht mir ja ein Punkt so gar nicht aus dem Kopf:
Slodczyk wirft Clarkson vor, dass er weder "filigrane Schmunzler" liefert noch "feinen Humor" und damit gänzlich unbritisch sei. Und diese Hitler-Witze wenn es um Deutsche geht. Ganz schlimm das alles. Da möchte man Frau Slodczyk doch mal vorschlagen, ganz oft Fawlty-Towers hintereinander zu sehen, und die deutsche Befindlichkeit runterzuschlucken.
Dann noch einfach mal 'nen Tag in Middlesborough oder Birmingham oder sonstwo unter normalen Engländern verbringen. Die sind oft sehr unterhaltsam, aber die filigranen Schmunzler sind dann doch eher was für das deutsche Bildungsbürgertum.
Englischer Humor (1) geht furchtlos dahin, wo es wirklich richtig weh tut (2) ist ebenso selbstironisch wie absurd (3) besteht zu einem guten Viertel aus Hitler-Witzen. Clarkson/Top Gear sind da schon sehr englisch.
Und mal ehrlich, wenn das nicht ebenso subversiv wie brüllend komisch ist, kann ich auch nicht helfen: