Sonntag, 1. Januar 2017

Schwimmbad Berlin-Gropiusstadt: Kombibad/ Halle

Ein neu gebauter Stadtteil bekommt ein neu gebautes Bad. Dieses Muster zieht sich durch das West- und Ostberlin der 1970er und 1980er Jahre: Märkisches Viertel, Hohenschönhausen, Marzahn.  Die Gropiusstadt und ihr Bad bilden keine Ausnahme. Die Gropiusstadt entstand in den 1970ern janz weit draußen auf der grünen Wiese knapp jenseits der Linie an der Westberlin vorbei war und Brandenburger DDR anfing. Einerseits entstand sie, um Wohnraum zu schaffen und andererseits, um anstrengende Berliner janz weit weg aus dem Sichtfeld zu bringen. Ich kenne den Stadtteil ja vor allem aus dem Buch Wir Kinder vom Bahnhof Zoo als Ort des trostlosen Aufwachsens der Protagonistin Christiane F.

Zusätzlich zum Stadtteil bekamen die Bewohner noch eines der Kieselwaschbetontypbauten-Schwimmbäder des 1970er-Bauens in West-Berlin - wie sie auch in Mariendorf, Spandau, Charlottenburg, dem Märkischen Viertel oder im Wedding stehen.



Nun ist die Gropiusstadt fast 50 Jahre alt, das Christiane-F-Buch erschien vor fast 40 Jahren und manches ändert sich. Das Schwimmbad wurde in den 2010ern gründlich und sehr teuer saniert. Wikipedia informiert mich zum Stadtteil selbst: "Seit 2001 ist kein Wohnberechtigungsschein mehr für den Bezug der Wohnungen erforderlich, wodurch die Attraktivität der Gropiusstadt wieder zugenommen hat." Menschen, die hier mit in den späten 1970ern mit Anfang 30 einzogen, sind mittlerweile Anfang 70, Christiane F. selbst ist Mitte 50. Der Altersschnitt der Siedlung ist mittlerweile deutlich nach oben gegangen.

Über das Viertel selbst kann ich nicht viel sagen: die Bauten, die ich sah erinnerten mich mehr an London oder Hong Kong als an deutschen sozialen Wohnungsbau. Ich stehe auf diese Art von Häusern.

Geil.





Nicht ganz so geil: das Kombibad Gropiusstadt. Das Kombibad entstand zusammen mit dem Stadtteil Anfang der 1970er und passt sich als solches durchaus gut in seine Umgebung ein. Während die meisten dieser 70er-Jähre-Bäder noch mehr oder weniger im Originalzustand verblieben, wurde das Gropiusstädtische Bad in den letzten Jahren grundüberholt.

Der Umbau begann anscheinend harmlos und entwickelte sich dann mit Kosten von 16,2 Millionen Euro zur teuersten Sanierungsaktion der Berliner Bäder überhaupt. Was spannend ist: nett ist das Bad ja, aber für einen 70er-Jahre-Typbau mehr Geld ausgeben als für die ganzen wirklich einmaligen historischen Bäder aller Art, die Berlin so hat? Allerdings scheint ein Großteil der Gelder in das Freibad gegangen zu sein - das hier nicht Gegendstand des Textes ist - während im Hallenbad vor allem Kabinen und Duschen saniert wurden.

Gebäude

 

Der 70er-JAhre-Kombibad-Grundriss: Ein Freibad, ein Hallenbad direkt daneben. Die Halle ist langgestreckt und flach. Umkleiden und Kabinen sind in einem Gebäude. Nett gesagt könnte man es robust-funktional-sozialdemokratisch nennen. Preise für Eleganz wollte mit diesem Bad niemand gewinnen. Immerhin brachte es alles notwendige in die Nachbarschaft und scheint dem Bestreben geschuldet, kostengünstig eine 50-Meter-Bahn in die Halle zu bringen.

Ich staune regelmäßig wie unspektakulär eine eigentlich riesige Wasserfläche in die Stadt integriert wurde. Diese Kombibäder gehören zu den größten Bädern überhaupt die Berlin so hat. Sie sind gleichzeitig aber die Bäder, die im Stadtbild am wenigsten auffallen, die Schwimmbäder, an denen man am ehesten vorbeischaut und sie einfach nicht wahrnimmt.


In der Gropiusstadt strahlt dem Besucher kein sympathischer Kieselwaschbeton mehr entgegen wie im historischen Original, sondern hier bildet eine sonnengelb angemalte Dämmschutzwand die Fassade. Hell und freundlich, inmitten einer suburbanen Mini-Einkaufszentrums wirkt das ganze eher wie ein inhabergeführtes Cafe in der Brandenburger Pampa als wie ein ausgewachsenes Großstadt-Schwimmbad. In Anbetracht dessen, dass der Eingangsbereich direkt an einer Kreuzung liegt und nicht einmal klein ist, ist es überraschend einfach, den Eingang zu übersehen.

Umkleidekabinen/Duschen


BUUUNT. Das bekannte Kombibad-Labyrinth ist in seinen Grundzügen noch erkennbar. Hier ist nach dem Hunnendurchzug des Sanierungssturmes von den ursprünglichen Kabinen nichts mehr erkennbar. Die Kabinen sind aus Kunststoff/Metall in den Lego-inspirierten Farben hellblau ("Jungen"), leuchtendgrün ("Erwachsene") und kräftigrot ("Mädchen"). Wobei LEGO im Vergleich ziemlich dezente Farbtöne nutzt. Der Erwachsenen-Bereich ist Unisex, Männlein und Weiblein trennen sich erst auf dem Weg zu den Duschen.

Bei den Erwachsenen geht es durch die Kabine zu den Schränken, danach dann zu zwei Herrenduschen, wahlweise in den Farbtönen leuchtendgrün oder hellblau. Spannend: die Raumaufteilug ist offensichtlich belassen worden und man erkennt sofort das 70er-Jahre-Bad wieder. Die Oberflächen sind neu und sehr farbig. Alles superneu und so sieht es auch aus. Leider ist der Sanierung auch das "Zieh! Dich! Aus"-Schild zum Opfer gefallen, so dass es hierzu nichts zu berichten gibt. 

Schwimmhalle

 

50-Meter-Bahnen, die Halle ist flach und langgestreckt. Für die Sprungtürme gibt es ein Extra-Becken, dazu noch ein Nichtschwimmerbecken, das in Verlängerung des Schwimmerbeckens liegt. Das Wasser ist gefühlt noch zwei Grad kälter als in den den Kaltwasserbädern. Das hintere Ende der Bahnen ist flacher als der Rest des Beckens, so dass man die letzten Meter auch laufen könnte. Beim ersten Besuch - irgendwann im Laufe eines Wochentages - war der hintere flache Teil durch eine Leine abgesperrt, so dass man entweder kurz tauchen musste oder nur 37 Meter schwimmen konnte. Beim zweiten mal (Frühschwimmen, morgens um 6.30h) war die Bahn frei.

Dazu das übliche Kombibad-Wandmosaik, dessen orange-gelbe Farbgebung leider nicht bei den Kabinen aufgegriffen wurde. Die Seitenwände würde ich mal als unmotiviert gelb beschreiben. Wenn das Licht richtig fällt, öffnet sich ein schöner Blick auf das Freibad. So ein halb vereistes Freibad direkt in der Sonne, macht viel Lust auf Sommer.

Publikum


Tagsüber: Relativ bunt gemisch. Alt und jung, gefühlt recht viele Frauen. Von der Zusammensetzung her so ein wenig wie eine Einkaufszone in der Kleinstadt. Frühscwimmen: im Schnitt deutlich älter und deutlich männlicher. Allesamt eher schweigsam. Beide mal auf jeden Fall weit von "Problemstadtteil" entfernt, eher so biederer Vorort in der Zusammensetzung.

Bei einem der weiteren Besuche staunte ich dann sehr. Ich selbst kam fast gleichzeitig mit diversen Eltern und ihren kleinen (Grundschulalter) Kindern in die Halle - ich dachte "ach ja, Schwimmkurs, kenne ich." Und dann in der Halle: 40 Miniaturkinder, die mir allesamt so davongekrault sind, dass es selbst meinen nicht sehr ausgeprägten sportlichen Stolz traf. Mir wurde noch einmal bewusst, was ich zwar intellektuell wusste, aber noch nicht verarbeitet hatte: hier ist ja das Heimatbad der SG Neukölln.Und die SG Neukölln wiederum ist so eine Art Hertha BSC des Schwimmens - nur erfolgreicher. Der Berliner Verein, der sowohl in der Schwimm- wie auch der Wasserballbundesliga aktiv ist, mehrfacher deutscher Meister Team ist ebenso wie Einzelschwimmer aus Neukölln schon alle Titel bis zum Olympiasieg gewonnen haben. Das erklärt dann auch den hohen Anteil beeindruckend guter Schwimmer, die man auch im nornalen Betrieb sieht wie auch die ausgeprägte Dichte auffallend teurer SUVs auf dem Schwimmbadparkplatz von Eltern, die ihre Kinder aus den besseren Teilen Berlins in das Bad Gropiusstadt bringen.


Gastronomie


Der "Wasserfloh" liegt an der Längsseite der Halle. architektonisch identisch zu Marienbad und den anderen Kombibädern. Wo jedoch im Mariendorf das Restaurant dem Schwimmbad folgend BRAUN ist, ist der Wasserfloh ausgesprochen bunt. Gerade diese psychedelische Gestaltung der Thekenoberfläche. Batikmuster in Neon trifft auf leicht zu reinigenden Kunststoff. Die Karte ist deutsch-bodenständig: Schnitzel, Wurst, Chili con Carne, brauchbar klingende Salate etc.

Fast hätte ich mich grummelnd von dannen gezogen, weil diverse Vereinseltern direkt vor mir eine größere Bestellung tätigten - was mich dann auffallend lange warten ließ, bis ich dann endlich meinen Espresso bestellen durfte. Aber immerhin. Der Espresso war nicht nur überdurchschnittlich gut, sondern es gab sogar noch ein Glas Wasser dazu.


Preis


5,50. Normalpreis.


Sonstiges


So ganz perfekt scheint das mit der Grundsanierung nicht gelaufen zu sein. Mir wäre es zumindest peinlich, wenn es ein Jahr nach dem Auszug der Handwerker zu mehreren Schwerverletzten kommt, weil stark gechlortes Wasser austritt.

Fazit


Alles so schön bunt hier.

 

Weiterlesen


Ein Schwesterbad ist das Kombibad Spandau-Süd: gleicher Bautyp, frisch saniert, nur anders und auch Heimat eines großen Berliner Wassersportvereins: den Wasserfreunden Spandau 04.

Wie das Bad mal ursprünglich vor dem Umbau aussah, lässt sich hingegen im Kombibad Mariendorf beobachten.

Wem das alles zu anstrengend ist, der fahre weiter zum Baden ins Freizeitbad Stadtbad Lankwitz.

Alle Iberty-Schwimmbadposts liegen unter Schwimmbäder nah und fern: Rückblick und Ausblick.

 


 

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