Samstag, 23. Januar 2016

Schwimmbäder nah und fern: Kombibad Mariendorf/Hallenbad

Schwimmbäder sind schön. Eine deutsche Errungenschaft besteht darin, das Land flächendeckend mit Schwimmbädern überzogen zu haben. Schwimmnbäder sind ein Ort für alle, ein Ort für Bewegung, Spiel und Überraschungen. Schwimmbäder geben einen guten Einblick, wie Menschen sinnvoll ihre Freizeit verbringen. Als Liebhaber von Schwimmbädern werde ich dieses Blog nutzen, um einen Überblick über große und kleine Schwimmbäder zu geben: Becken, Menschen, Duschen, Kaffee und sonstige Annehmlichkeiten.Heute: das Kombibad Mariendorf, Teil Hallenbad.

Berlin-Mariendorf: der Ortsteil wie eine 80er-Jahre-Party; nur halt ohne Party. Man stelle sich eine westdeutsche Mittelstadt vor, die 1985 unter Quarantäne gestellt wurde: keine Neubauten, keine Geschäftseröffnungen und keine Fort- und Zuzüge. So ähnlich fühlt sich Mariendorf an. Dem Flair des Ortsteils hilft es nicht, dass Mariendorf ein Straßendorf ist und als solches kein rechtes Ortszentrum hat. Das Kombibad Mariendorf liegt weitab der nächsten U-Bahnhaltestelle an jener Straßendorf-Dorfstraße in der Nähe einer Bäckerei, Buchhandlung, eines Reisebüros, eines kleine Modegeschäftes und ähnlichem.Ansonsten passt es sich sehr gut in das Mariendorfer Flair ein.

Da der Begriff "Kombibad" außerhalb Berlins nur wenig verbreitet ist, noch zur Erklärung: ein Kombibad ist ein Bad zu dem sowohl Hallen- wie auch Freibad gehören. Da das Freibad aus wohl nachvollziehbaren Gründen gerade geschlossen ist, hier die Vorstellung des Hallenbades. Das baujahr war mir nicht zu ermitteln, ich würde aber stark auf Ende der 1970er/Anfang der 1980er tippen.



Gebäude: Waschbeton! Wäre ich freundlich würde ich sagen sozialdemokratisch-unaufdringlich-funktional. Das Schwimmad ist schon sehr rechteckig so insgesamt. Leider kam irgendwann die Mode auf, Schwimmbäder mit vergleichsweise niedrigen Decken zu bauen, was das Raumgefühl doch einschränkt. Ansonsten sieht es so aus wie meine Kindheit aussah und passt damit natürlich wunderbar in das 80er-Jahre-Biotop Mariendorf. Relativ große Eingangshalle, zwei Geschosse, im unteren Geschoss sind Bad und Kabinentrakt, im oberen die Sauna. Direkt an das Bad angeschlossen und durch eine große Fensterfront getrennt ist das Restaurant "Poseidon". Neben dem Hallenbad liegt das Sommerbad (Freibad). Das Freibad ist natürlich geschlossen derzeit, aber durch die Fensterfronten in der Schwimmhalle hat mensch einen leidlich netten Ausblick auf ein halb eingeschneites Freibad.

Unkleidekabinen/Dusche: Braun! Wo das Stadtbad Wilmersdorf im fröhlichen Früh-70er-Orange erstrahlt, überwiegt hier braun. Dunkelbraune Kabinentüren und dunkelbraune Schranktüren, dazu ein kleinkacheliges Mosaik aus Beigetönen auf dem Boden von Gang und Dusche. Noch auffallender aber sind die Kacheln. Wo Schwimmbadkabinen meistens aus Kunststoff oder neuerdings aus undurchsichtigem Glas bestehen, sind diese hier aus Stein (Beton?) und gefliest. Die Gaderobenschränke sind auch aus Stein und gefliest.

Und weil Fliesen anscheinend eine große Rolle bei Errichtung des Bades gespielt haben, haben die Erbauer im Gaderobentrakt gleich noch ein paar Zusatzwände ohne Funktion eingezogen und diese auch gleich gefliest. Ein braunes Fliesenlabyrinth. Eine Neuerung scheint der Bewegungsmelder bei der Beleuchtung zu sein, der allerdings erst angeht, wenn man den Gang schon halb runter ist. Ein braunes Fliesenlabyrinth in dunkel. Das Kombibad hat ein besonderes Eintrittserlebnis.

An den Duschen Schilder mit wirklich großer Schritt: "die Badevorschriften verpflichten jeden Badegast sich im Reinigungsraum mit Seife zu waschen. Das bei ist die Badebekleidung abzulegen." Das sind noch echte Ansagen. Der Reinigungsraum hat übrigens nicht nur das beige Kachelmosaik sondern einen lindgrünen Fliesenstreifen etwas über Kopfhöhe und Armaturen die offensichtlich noch im Originalzustand von 1982 sind. Großartig!

Schwimmhallen: das Becken für Schwimmer hat wunderbarerweise 50-Meter-Bahnen. Dazu kommt ein Nichtschwimmerbecken und ein Miniaturbecken mit 3,60-Meter-Wassertiefe und einem drei-Meter-Turm. An der Stelle mit dem 3-Meter-Brett ist auch extra die insgesamt eher niedrige Decke erhöht. Die Innendeko an den Wänden ist zum Glück nicht mehr braun, sondern gelb-orange-blau. Freunde des Brauns müssen sich aber auch nicht grämen: das beige-weiße Bodenmosaik aus den Kabinentrakt wird in der Schwimmhalle nahtlos fortgesetzt.

Durch die niedrige Deckenhöge reicht leoder selbst eine komplette Fensterseite und ein sonniger Wintertag nicht aus, um genug Licht hereinzulassen. Die Lampen mussten angeschaltet werden. Das Becken ist groß, wird im flachen Teil 1,20 m tief (ist also noch beschwimmbar) und insgesamt eher kühl. 28 Grad in Mariendorf fühlen sich deutlich kühler an als 28 Grad in Wilmersdorf. Dabei ist das Wasser im tieferen Teil merklich kühler als im flacheren Teil.

Aber das wichtigste: es hat 50-Meter-Bahnen.

Publikum: Ich war augenscheinlich der jüngste. Auch zu erwähnen: das Verhältnis zwischen Schwimmern auf der einen und Planschern, Paddlern und Plauderern auf der anderen Seite war stark zugunsten der Schwimmer ausgeprägt. Okay, das mit dem jüngsten Gast stimmt auch nur, wenn ich die diversen extrem niedlichen Schwimmkurse für Kleinkinder ignoriere. Und selbst deren Trainerinnen waren vermutlich jünger als ich.

Beim Zweitbesuch nahm ich noch 20 Minuten vom offiziell in den Öffnungszeiten stehenden "Spaßbaden" mit. Das Spaßbaden besteht anscheinend aus diversen Schwimmnudeln und anderen Geräten, die rund um das Nichtschwimmerbecken verteilt werden. Die wurden aber durchaus lebhaft angenommen. Das Schwimmerbecken war zu der Zeit quasi leer. Was für ein Luxus!

Gastronomie: das Restauran "Poseidon". Entgegen dem Namen und der Gestaltung des Schildes kein Grieche (mehr), sondern kleinstädtisch-bürgerlich wie es sich gehört: mit Bouletten auf der Karte, Sülze, Bauernfrühstück und Nudeln. Wie es sich für ein Schwimmbad gehört natürlich auch mit Pommes pur und Verkaufsgelegenheiten für Süßigkeiten. Das Poseidon passt sich dem braunen Stil des Bads mit braunen Tischdecken, dunklen Lampen und einer Holzdeko-Bar an, die mich an Partykeller meiner Kindheit erinnert. Auf der positiven Seite: die Bedienungen waren erstaunlich schnell, als ich da war, war es überraschend voll, der Kaffee war in der besseren Hälfte der Gastronomiekaffees, die ich im Leben trank. Keine Aussage über das Essen: ich hatte keinen und die Nebentische haben sich auch auf Heißgetränke beschränkt.

Preis: 5,50 Berliner-Bäder-Standardpreis

Sonstiges: Oh nein! Sie wollen dieses wunderbare Museum-Zeitkapsel-Bad durch einen hypermodernen Neubau ersetzen. Die genauen Pläne klingen für mich ja eher durchschnttlich-uninspiriert und die Standortwahl eher seltsam. Selbst wenn man schon im Berlner Südwesten wohnt, ist das Anreise eher langwierig. Aber vor allem: das ist ein historisches wertvolles Bauwerk im Originalzustand! Sowas reisst man nicht ab! Frevel! Geht hin solange ihr noch könnt!

Fazit: Die niedrigen Decken, der labyrinthische Gaderoben- und Duschenbereich. Dieses Braun.. das Mariendorfer Bad macht es einem nicht einfach, es zu lieben. Andererseits mag ich sie ja schon für das Wort "Reinigungsraum". Und diese lindgrünen Kacheln. Überhaupt: gekachelte Gaderobenschränke! Eine überraschend nette Gastronomie. Und überhaupt positive Vibes an sich. Da es sich hier auch noch um ein bedrohtes Bad handelt, das uns irgendwann demnächst mal verlassen wird, lohnt der Besuch auf jeden Fall,

1 Kommentar:

schwimmblog hat gesagt…

" ich würde aber stark auf Ende der 1970er/Anfang der 1980er tippen."

1975 gebaut und bis 2009 ohne "technische Probleme" und Schließungen

Gruß

schwimm-blog-berlin.de