Sonntag, 10. April 2016

Schwimmbad Berlin-Wedding: Hallenbad im Kombibad Seestraße

Der Wedding zeigt dem Besucher zwei Seiten zwischen Urbanität nah am Abgrund und parkgeprägtem ruhigen Außenbezirk; diese beiden Seiten hat auch das Kombibad: die Vorderseite liegt an der Seestraße - einer Verlängerung der Stadtautobahn - mit viel Verkehr und Sexshop, Shisha-Bars und Spielhallen sind nicht allzu weit entfernt. Die Rückseite liegt in einer parkähnlichen Anlage, umgeben von Mehrfamilien-Reihenhäusern. Statt Straßenlärm hört man dort Vogelgezwitscher.

Aber das Bad liegt auch auf der Grenze zwischen dem Ortsteil Wedding und dem Ortsteil Gesundbrunnen, beide gebildet aus dem ehemaligen Bezirk Wedding. Während der Ortsteil Wedding oft genug parkähnliche Wohnanlagen mit vielen Eigentumswohnungen, Studenten-WGs und echte Parks hat - also in weiten Teilen eine Kleinbürgeridylle ist, ist der Gesundbrunnen der Wedding des Weddings. Die ganzen Wedding-Klischees, und fast immer auch die einschlägigen Polizeimeldungen kommen, eigentlich aus dem Gesundbrunnen.

Kombibad Seestrasse 18.01.2016 11-32-15

Das Bad nun liegt an der Grenze zwischen Beidem. Hier treffen sich die Welten.



Neben dem Bad liegt eine Sporthalle, direkt in der Nähe befinden sich weitere Parks und Friedhöfe. Das Kombibad besteht aus Hallenbad und Sommerbad. Das Sommerbad soll dabei quasi der Gesundbrunnen des Kombibads sein: berüchtigt - soweit ich nachvollziehen konnte beschweren sich mittlerweile andere Freibäder über die Besucher, die das Freibad wechseln, weil sie in der Seestraße Hausverbot haben. Das Hallenbad aber strahlt eine einladend-unspektakuläre Spießigkeit aus, die sich auch drinnen fortsetzt. Das Hallenbad ist der Wedding des Kombibads.

Gebäude


Den Schwimmbadtyp "Kombibad der 1970er" habe ich in diesem Blog ja schon erwähnt. Anfangen von Charlottenburg aus überzog der ganz Westberlin. Das Bad in der Seestraße ist auch eines der Bäder aus der Reihe.



Wie man dem mittlerweile halb hinter einer Verkleidung versteckten Wandmosaik entnehmen kann, bekamen die Weddinger ihr Bad erst in den frühen 1980ern. Denn immerhin existierte damals ja noch das Stadtbad Wedding. Anscheinend flossen diverse Erfahrungen mit dem Kombibadbau in das Weddinger Bad ein. Beim Kombibad Seestraße handelt es sich um ein Kombibad Plus. Die Grundelemente sind alle vorhanden, dennoch wirkt das ganze Bad etwas einladender. Die Fassade ist nicht mehr in Waschbeton gekleidet, sondern mit falschem Klinker ausstaffiert, zudem hat es ein nettes Hütchen und neue Fenster. Im hinteren Teil des Bades versteckt sich zudem ein Therapiebecken.

Umkleiden etc.


Der Weg führt durch das bekannte Modell "Fliesenlabyrinth im Dunkeln"; also mit Beleuchtung, die langsam, spät und unzuverlässig auf Bewegung reagiert. Auf dem Gang liegen rechterhand mittelgroße Kabinen, linkerhand die mit Fliesen verkleidete Spinde. Wobei es mir nicht sofort gelang, funktionsfähige Schränke oder Kabinen zu finden. Dafür verstecken sich im Labyrinth immerhin vielen Föhne, die auch höhenverstellbar sind.

Die Duschen sind eher klein und in einem komischen Gelb gehalten. Wirklich eigentümlich, dass innerhalb der Duschen eine Dusche mit zwei Sichtwänden abgetrennt ist und dadurch etwas Privatsphäre suggeriert - diese Dusche aber andererseits direkt neben dem Eingang zum Schwimmbecken ist, so dass man dicht an ihr vorbeilaufen muss. Zumindest ich habe immer das Gefühl habe, jetzt mindestens einen halben Meter zu nah an einer privaten Duschsession zu sein.

Leider ist das ja sozial immer eher schwierig in Schwimmbädern zu fotografieren. Aber dieses großartige Strichmännchen, das vom Startblock aus über die Brandungswellen fliegt und das mit "über die Duschen" beschriftet ist, hätte ich Euch gerne gezeigt.  Ansonsten sind im Wedding die Ansprüche anders: während hier auf die schriftliche Ermahnung zum Duschen ganz verzichtet wird, bekomme ich immerhin den Hinweis, dass in der Dusche das Rasieren, Maniküre und Pediküre untersagt sind.

Schwimmbecken


Das Berliner Kombibad-Modell: ein 50-Meter-Becken mit ziemlich kaltem Wasser, dazu ein Nichtschwimmerbecken (Niedlichkeitsbonus für die Mini-Rutsche in Elefantenform) und ein extra Sprungbecken. Hinten in der Ecke, durch Wände getrennt und für den Normalsterblichen Schwimmer kaum wahrzunehmen: das Therapiebecken.


Werbe-Aufkleber für die Wasserballer des SC Wedding. Im Hintergrund das Außenseite des Sprungbeckens.

Das Sprungbecken liegt hier nicht neben dem Hauptbecken, sondern befindet sich dahinter und wurde mit extra Oberlichtern versehen. Da mir die auch am eigentlichen Schwimmbecken Decke etwas höher scheint als in Mariendorf oder Gropiusstadt, und am Längsende keine mittelhübsches Wandbild sondern weitere Fenster sind, ist das ganze Bad deutlich luftiger und weniger tunnelartig als die Vergleichsbäder.

Das große Becken wird gerne mit allerlei Leinen in diverse Teilbereiche unterteilt, deren Bedeutung sich mir nicht immer erschließt. Bisher wollte mich aber noch niemand vertreiben. Ich scheine halbwegs richtig geraten zu haben, welche der Bereiche für normalen Badebetrieb sind und welche nicht.

2018 war dann auf drei Bahnen die Trennwand hochgelassen, die das Bad in zwei 25-Meter-Becken trennen kann. Denn Bahn 3 war auf einer Hälfte wegen Fliesenschäden gesperrt. Was dazu führte, dass wir uns auf der anderen Hälfte der Bahnen 1 bis 3 zu zweit drei Bahnen teilten. Ich wähnte mich im Paradies. Das im Hauptbecken auch Wasserball-Bundesliga und die entsprechenden Trainingseinheiten stattfinden, ist dort auch - unaufällig - das Netz angebracht, das bei Bedarf zugezogen wird, um die Wasserbälle am entfleuchen durch die Halle zu hindern.

Publikum


Offensichtlich werden sämtliche Grundschulen des Berliner Nordens in das Bad gekarrt: die Anzahl schwimmender Kinder unter Aufsicht ist ja auf jeden Fall auffallend.

Hier warten Sie, die Schulbusse.


Ansonsten gehörte die Klientel bei meinen Besuchen eher zum "Mehrfamilienhaus-im-Park"-Teil des Weddings. Menschen gesetzteren Alters, die friedlich ihre Bahnen zogen; mal mit mehr mal mit weniger sportlichem Antrieb und alles in allem überraschend entspannt.

Gastronomie 


Tatsächlich ist das "Restaurant Seepferdchen" die einzig mir bekannte Gastronomie in einem normalen Bad, die ich auch aufsuchen würde, wenn ich da nicht gerade schwimmen würde. An sich ein durchaus gemütlich eingerichtetes türkischen Frühstückslokal mit diversen Frühstücken aller Art, Backkartoffeln, warmen Gebäck und anderen Nettigkeiten.

Als ich da war, waren auch diverse Grüppchen von Menschen da, die offensichtlich weder schwimmen wollten noch auf kleine Kinder warten mussten, sondern sich einfach im Seepferdchen verabredet hatten. An der Wand eine leicht irritierende aber ganz gut aussehende Deko aus Cuba-Fotos und Berliner Sehenswürdigekeiten und ein signiertes und gewidmetes Poster vom Weddinger SC.

Beim zweiten Besuch allerdings war aus mir nicht ersichtlichen auch nicht weiter erklärten Gründen das Foyer geschlossen. Was zum einen bedeutete: der Zugang zum Bad ging über den Behinderteneingang; einmal ganz um das Bad rum und dann hinten in der Ecke kurz nach den Mülltonnen führte der Weg: zum anderen war das Lokal Seepferdchen auch geschlossen. Und überraschend und ohne Begründung schließen ist für Gastronomiebetriebe aller Art ja eher schwierig.

Immerhin: der dritte Besuch brachte wieder das gewohnte Bild. Sehr nette Menschen, guter Kaffee und eine durchaus vertrauenserweckende Speisekarte. 

Sonstiges 


Der SC Wedding, seines Zeichens Wasserball-Bundesligist trägt im Kombibad seine Heimspiele aus. Wo sie das Publikum hinstecken ist mir nicht wirklich klar. aber das lässt sich vielleicht herauskriegen.

Westberlins einzige Schwimmbadstraßenbahn.


Und auch wenn die Berliner Bäder es aus mir unklaren Gründen auf ihrer Website verschweigen. Das Kombibad Seestraße ist das einzige Westberliner Bad, das einen direkten Straßenbahn-Anschluss genießt. Die Haltestelle Louise-Schröder-Platz liegt direkt gegenüber des Bades.

Fazit


Architektonisch liegt zwischen Wedding und Gesundbrunnen das verbesserte Kombibad, mit einer tatsächlich positiv erwähnenswerten Gastronomie und einer 50-Meter-Bahn. Wären nicht diese wahnwitzig-unmerkbaren Öffnungszeiten, wäre dies ein Ort um öfter hinzuschwimmen.

Weiterlesen


Noch weiter im Norden, auch ein 1980er-Kombibad und doch anders, ist die Schwimmhalle Märkisches Viertel.

Der Urtyp des Kombibads liegt gar nicht so weit weg in Charlottenburg. Das Stadtbad Charlottenburg - Neue Halle.

Mehr zum Wedding an sich steht in Randlage.

Und alle Iberty-Schwimmbadposts liegen unter. Schwimmbäder nah und fern: Rückblick und Ausblick.


 

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

"Beim zweiten Besuch allerdings war aus mir nicht ersichtlichen auch nicht weiter erklärten Gründen das Foyer geschlossen."

Es war nicht ausreichend Personal um Kassenbereich zu kontrollieren vor Ort oder es hing mit der Sanierung der Decke zusammen. Diese kam sehr plötzlich...

Julian hat gesagt…

Also die Öffnungszeiten sind ja wirklich sehr gewöhnungsbedürftig. Mal 1,5h offen, dann mal Mittags. Da hast du vollkommen recht, das die Öffnungszeiten dafür prägistiniert sind um vor verschlossenen Türen zu stehen.