Dienstag, 31. August 2010

Hot in here

Zitat des Tages:

Intellectual property has become such a hot topic that it needs to be doused with some history.

(Robert Darnton in der New York Times)

Ägyptisch-Bayerische Falafel

Der Koriander in der Zinkwanne draußen fängt an zu blühen und muss geerntet werden. Nachdem die Schnecken das nicht wie bei den Bohnen, den Zwiebeln, dem Schnittlauch, der Petersilie und dem Knoblauch für uns erledigen wollten (solche faulen Stücke), müssen wir das selber machen. Deshalb gab es gestern bei uns Falafel. Um die Urheberschaft des Gerichts prügeln sich ja diverse Nationen (man beachte die eindrucksvolle Liste der Zuständigkeiten am Seitenanfang), Zitat Wikipedia: "Lebanon and Israel have been engaged in an escalating gastronomic battle, sometimes referred to as a food fight, where falafel, hummus and tabbouleh are being used as ammunition."[1, 2, 3] Grund genug, sich da ganz rauszuhalten, und ägyptisch-bayerische Falafel zu braten.

Im Gegensatz zum Nahen Osten macht man Falafel in Ägypten aus Bohnen. Das Säckchen mit den Original ägyptischen Falafelbohnen, das mir ein Freund gegeben hatte, war leider in den Umzugswirren verschwunden, deshalb mussten weiße Alubia-Bohnen aus dem Asiamarkt herhalten. Das mitgelieferte Rezept hatte etwas vage Mengenangaben, hier mal unsre:

1 Tasse Bohnen, am Vorabend einweichen
2 Zwiebeln, grob gehackt
2 Knoblauchzehen
1 Handvoll eingeweichtes Weißbrot, ausgedrückt
viel frischen Koriander
viel frische Petersilie
1–2 TL gemahlener Kreuzkümmel oder andere Gewürze nach Geschmack
Salz

In einer großen Schüssel alle Zutaten zusammenwerfen und mit dem Pürierstab gründlich durchpürieren, bis sich eine grüngesprenkelte Masse ergibt. Salzen nicht vergessen (ich spreche aus Erfahrung)! Die Masse zwei Stunden im Kühlschrank ruhen lassen. Anschließend einen Topf Frittierfett erhitzen und – jetzt kommt die bayerische Spezialität – mit zwei Eßlöffeln aus der grünen Masse Nockerl ausstechen. Im heißen Fett rausbacken, bis die Falafel-Nockerl knusprig braun sind. Abtropfen lassen, etwas abkühlen. Essen.

Kurzreview eines Romans von 1965

Zwei meiner Schwächen sind der englische Schriftsteller John le Carré und 0,01-Cent-Bücher bei amazon. Obwohl ich ja rational weiß, dass die mit Versand 3 Euro kosten, überfordert mich das psychologisch total und löst unheimliche Kaufimpulse aus. Wenn dann auch noch beides zusammenkommt, hab ich plötzlich LeCarres The Looking Glass War auf dem Nachttisch.

The Looking Glass War beschreibt den Versuch eines britischen Geheimdienstes, einen Agenten in die DDR einzuschleusen. Der Geheimdienst selbst hat offensichtlich bessere Zeiten im Zweiten Weltkrieg hinter sich. Er versucht mit dieser Aktion an alte Zeiten anzuknüpfen und im Gerangel der verschiedenen Spionageorganisationen im Lande einen Erfolg zu verbuchen.

Die englische Wikipedia beschreibt den Roman als John le Carré has stated that this novel is his most realistic portrayal of the intelligence world as he knew it and that may have been one reason for its relative lack of success , die deutsche in ihrem durchaus netten Artikel (danke 79.192.62.11) als ständig geht es um Arbeitsverträge, Zulagen, um Beamtenstatus und Spesenabrechnungen, um Eifersüchteleien und Kompetenzstreitereien zwischen den verschiedenen Abteilungen der Geheimdienste gepaart mit persönlichen Animositäten und sozialer Hochnäsigkeit.

Bei der Technik, die le Carré schon 1965 als veraltet darstellt, wird es für den heutigen Leser endgültig absurd. Der Roman ist fast schmerzhaft realistisch, das Feindesland unheimlich der Gegner bedrohlich und irgendwie weiß man beim Lesen nie ob man an der Farce verzweifeln soll oder nur noch lachen. Letztlich überwog bei mir aber doch leicht die Verzweiflung, allein schon weil die DDR echt unheimlich ist. Zupackende Entzauberung, ein weise investierter Cent.

Montag, 30. August 2010

Spiegelostereier

Neulich nachts in der Küche gefunden:

Ein alter Mann liegt im Bett und schimpft

Deutschlandfunk! Oder auch Deutschlandradio! Was soll das? Warum bringt ihr mich um meinen Nachtschlaf und jagt Gänsehaut meinen Rücken rauf und runter. Denkst Du an die Mieter im ersten Stock, wenn ich wieder einmal verschreckt aus dem Bett springe, und die dann glauben müssen, wir würden dem Hobby des Walroßwerfens zuneigen?

Wenn ich mal echt crazy bin und voll einen drauf mache, kann es vorkommen, dass ich auch noch nach Mitternacht zum Einschlafen Radio höre. Das ist auf dem Deutschlandfunk dank solcher Sendungen wie der Liederbestenliste hinreichend bizarr für mich. Nichts wiegt mich so selig in den Schlaf wie die Wiederholung von "Deutschlandradio Kultur Fazit" in der Wiederholung eine Stunde später im Deutschlandfunk. Insbesondere der 700. Beitrag zum Thema Berliner Opernstreit hat ungeahnte Fähigkeiten, mich selig entschlummern zu lassen.

Nun aber hast du beschlossen, mich nicht mehr in den Schlaf zu wiegen, sondern hinterrücks zu erschrecken. Du hast Jingles. In der Sendung. Die so klingen als wären sie aus dem Altbestand der RTL-Morningshow mit Keule und DuDuDiana. Sowas wie "Deutschlandradio Fazit. OPER! Die besten Opernstreits der 90er und von heute. Düdelü" oder auch "Deutschlandradio Fazit. KINO! *Wusch* *Schnauf* *tröt* Die Kinokritik". WARUM?






Wer will beim Schäfchenzählen schon andauernd von Ratatawusch! Schoo! Knäck! Zabong! aus dem Bett gescheucht werden?



Wenn der Moderator vorher sagt, dass jetzt die Kinokritik kommt und direkt danach eine Kinokritik kommt, brauch ich selbst beim Schäfchenzählen kein Science-Fiction-Woooasch, um mir zu erzählen, dass die Kinokritik kommt. Wollte ich großgeschriebene ANKÜNDIGUNGEN, würde ich nachts JingleFM-Lustig-Spritzig-Hot hören. Ich will distinguierte Menschen, die sich kenntnisreich über Themen unterhalten, von denen ich nichts verstehe. Nichts wiegt mich so sicher in den Schlaf wie klassisches Bildungsbügertum. Nicht schreckt mich so auf wie "Deutschlandradio Fazit - JINGLE! - Die Jinglekritik!*rätätätätäkrachz*" Du hast mich soweit. Bald schlepp ich den Rechner mit ans Bett, um mir auch Abends noch BBC zu geben. Sei gewarnt.

Und bevor jetzt die Standardantwort mit sich ändernden Zeiten, jugendlicher Zielgruppe etc. kommt. Im Vergleich mit den Leuten, denen ich auf der Suche nach coolen Berliner Clubs nicht helfen kann, bin ich uralt. Verglichen mit den DLF-Publikum allerdings bin ich vermutlich noch im Zahnfeealter.

Samstag, 28. August 2010

Wikipedia-Joys of the fourth upper premolar (P4)

Did you know about the strenous relationship between professionals and amateurs in 1920s cricket? Me neither. Did you care that, the fourth lower premolar (p4) of Seorsumuscardinus is known from a poorly preserved specimen from Oberdorf and a less worn specimen from Tägernaustrasse? I didn't until yesterday.

One of the major marvellous things about Wikipedia is that it is possible to learn something new and interesting all the times and that even obscure looking topics become interesting when you know a little more about them. My most favourite way of learning through Wikipedia is by writing articles. Almost as rewarding is following featured and almost-featured content on the Wikipedias. While being a reviewer and reader on German Wikipedia (de.wp), I was only a reader on English Wikipedia (en.wp) until three days ago.

One of the minor marvellous things on en.wp is the signpost the weekly "newspaper" about Wikipedia. It's just more thourough and reliable than anything comparable on de.wp. A feature that I have been just discovered is "The best of the week": a listing of featured articles, lists sounds etc. with one guest editor choosing his favorite article. And to make a long story short, this week the editor was me. Good opportunity to discover some really nice articles:

Seorsumuscardinus, a fossil dormouse, surprised me with cited literature like "Kleinsäuger aus der Miozänmolasse der Ostschweiz" but doesn't even have an interwiki to de. One of our German biologist gone rogue? But no, wasn't even written by one of our German specialists. Thourough, professional, detailed, but maybe just a too dry subject matter for a really great article. Lots of info about premolars though,

"The Body" (Buffy the Vampire Slayer) - yeah, one of the (in)famous episode-articles and finally my choice of the week. About a television series about which I really don't care. Almost everything I'd like to have on de.wp, and another proof that it is possible to write brilliant prose about popular culture. The choice of sources could be a bit less DVD-making-of-like, but still a winner.

Yorkshire captaincy affair of 1927 Actually a nice article about sports and its background, but somehow it didn't click. Maybe because Yorkshire is my favorite English region, maybe because sports and its social background is a longterm topic of mine, maybe I was expecting too much. Nice to read nonetheless but nothing I could get excited about.

Banksia scabrella Boring.

Wandsworth Bridge I took a kind of liking to "probably the least noteworthy bridge in London" as well as to the article. As a fan of 40s/50s/60s/70s architecture this speaks to my heart. One of the things I really admire about Wikipedia is its broad interests. Not only the bridges that everything has been written about by everybody, but also these important buildings with interesting history but unobstrusive design.

Freitag, 27. August 2010

Von Traktoren und anderen Fahrzeugen

Artikel soll ich schreiben, meint Southpark. Dann bereichern wir dieses intellektülle Blog doch mal durch eine Bücherrezension, Thema heute: "Fahrzeuge".

Wer sich durch die Kinderbuchabteilung einer großen Buchhandlung wühlt, wird schnell bemerken, dass sich die meisten Kinderbücher für die Allerkleinsten ziemlich leicht schubladisieren lassen. Da gibt es die Schublade "Bauernhof" mit anhängendem Viechzeux, "Fahrzeuge", dazu etliche Spezialabhandlungen wie "Auf der Baustelle", "Bei der Feuerwehr" und "Bei der Polizei". Dann noch Tiere allgemein und für die etwas älteren noch Bücher über Lebenssituationen ("Im Kindergarten", "Im Krankenhaus", "Hansi bekommt ein Schwesterchen").

Ein weitere Kategorisierungsmöglichkeit bilden die eingebauten Special Effects: Schieber, Klappen, "Fühlbücher", Lautsprecher, Räder, Magnete oder Puzzleteile usw.

Wer also mit der Intention den Laden betritt, ein fahrzeugbegeistertes Kind mit einem Fahrzeugbuch zu beglücken, dem bietet sich eine riesige Auswahl. Und wer den Laden mit einem Werk wieder verlassen will, das tatsächlich fasziniert, tut gut daran, a) das in Frage kommende Werk tatsächlich zu lesen, b) es auf Kohärenz und inhaltliche Richtigkeit zu überprüfen und c) sich zu überlegen, nach wie vielen Abenden wiederholten Vorlesens man es schreiend an die Wand wirft.

Beginnen wir mit den Büchern der Bodenklasse (das sind die, die nur aus dem Bücherregal gezogen werden und auf dem Boden landen, weil sie auf der Suche nach DEM BUCH im Weg sind):




"Tuk, tuk, macht der Traktor hier, auf dem Felde um halb vier."


"Wer ist da unterwegs" von Klaus Bliesener, Coppenrath 2009, China.
Vier Doppelseiten, Rennauto auf dem Titel, Hubschrauber, Feuerwehr, Traktor, Schiff, je mit Schieber zum Herausziehen.

Dieses Werk besticht durch seine poetische Qualität. So ist jede der arg simplen Zeichnungen mit eingängigen Versen beschriftet: "Tuk, tuk, macht der Traktor hier, auf dem Felde um halb vier." und "Feuerwehrmann Siggi rennt, denn ein Autohänger brennt."
Mama: weigert sich vorzulesen.
Kind: kann den gezeichneten Fantasietraktor keiner bekannten Marke zuordnen. langweilig.

"Die Feuerwehr", ein tönendes Bilderbuch. von Irene Mohr, Schwager & Steinlein Verlag.
Als besonderes Gimmick bringt dieses Buch einen Lautsprecher mit, der auf Knopfdruck Feuerwehrgeräusche produziert. Dieses Buch besitzt eine Handlung! Die Feuerwehr rückt aus, löscht die brennende Küche einer  Familie (Vater, Mutter, Max) und rettet in einer dramatischen Aktion die Katze vom Dach ("Komm her, kleine Katze, alles wird gut.") Kam in gebrauchtem Zustand zu uns, der Knopf überlebte ca. 1 Woche, genauso lange hielt sich auch das Interesse.
Mama: langweilig
Kind: langweilig

"Erstes Lernen. Fahrzeuge". Dorling Kindersley 2009, China.
Hier "finden Kinder viele beliebte Fahrzeuge, die sie betrachten, suchen und benennen können", so der Klappentext. Diesmal keine Zeichnungen, sondern Fotos. Und auch keine Handlung, sondern nach Themen gegliederte Doppelseiten: Spielzeug, Autos, Räder, Lastwagen, Bagger und Laster, Baufahrzeuge, In der Luft, Zu Hilfe!, Auf dem Land, Auf dem Wasser, Auf den Schienen, Riesenfahrzeuge.

Dieses Buch leidet an einer mangelhaften Übersetzung – bei einem Bilderbuch ist das schon eine besondere Leistung. Nur eklatante Fälle wie das Polizeiauto wurden der deutschen Leserschaft angepasst, die abgebildeten Zugtypen darf man hingegen auf Gleisen in Deutschland vergeblich suchen, auch das Feuerwehrauto und die abgebildeten Lastwagen sieht man eher selten auf deutschen Straßen. Ob die gelegentlichen falschen Beschriftungen auch nur ein Manko der deutschen Ausgabe sind? Jedenfalls ist Vorsicht geboten beim Vorlesen, soll das Kind nicht auf Jahre hinaus Lader für Bagger halten. Daher ist das Urteil der Rezensenten diesmal gespalten:
Mama: Stirnrunzeln.
Kind: auch nach dem Zerfall in drei Buchteile immer noch eine beliebte Leküre, vor allem die Seite mit den Traktoren

"Alles, was Räder hat". Illustration: Monika Neubacher-Fesser, Text: Susanne Gernhäuser, Ravensburger 2007.  Altersempfehlung 18-24 Monate
Auf fünf Doppelseiten werden Feuerwehr, Bagger, Müllabfuhr, Laster und Radlader, sowie Traktor gefeatured und überall gibt es was zum Schieben, Drehen oder Klappen. Die Texte sind nicht so schlimm, die Redakteurin möchte nur gelegentlich ein unnötiges Passiv anstreichen ("Heute kommt die Müllabfuhr. Mit lauten Geklapper werden die Mülltonnen in das Müllauto gekippt. Alle Kinder schauen zu."). Das Tolle an diesem Buch: Es ist wirklich solide gearbeitet und die Special Effects überleben die Bedienung durch Kinderhände jetzt schon über ein Jahr.
Mama: Als erstes Fahrzeugbuch ab ca. 1 Jahr zu empfehlen
Kind: Ja genau!

"Mein allerschönstes Autobuch" von Richard Scarry. Delphin-Verlag, 1979
Dieses Buch gibt es unverständlicherweise nur noch antiquarisch (Preis je nach Zustand 25 bis 90 Euro) oder in der englischen Originalfassung. Kam in bereits zerlesenem Zustand zu uns und hat seither schwer gelitten. Tja, wie beschreibt man die Faszination, die von diesem Buch ausgeht? Es ist subversiv. Es ist surreal. Es ist alles, was die braven und spießigen Tütenschubladenfertigfahrzeugbücher nicht sind. Es hat eine Rahmenhandlung (Familie Grunz macht einen Ausflug ans Mehr) und viele kleine Nebenhandlungen. Dingo, der Schrecken der Verkehrspolizisten fährt Parkuhren um und liefert sich über zig Buchseiten ein wildes Wettrennen mit Tessa, der Verkehrspolizistin. Benno fährt seinen Traktor in den Teich. Die Affen fahren im Bananomobil. Es gibt ausgekommene Dampfwalzen, Feuerwehrgroßeinsätze, Massenkarambolagen, fliegende Fische.
Mama: Als zweites Fahrzeugbuch ab ca. 2 Jahren zu empfehlen.
Kind: "Autobuch lesen". "Autobuch leeeeeseeeen". "AUTOBUCH LESEN!!1"

Darum mag ich Berlin (III)


Fliegende Wildschweine allerdings wären auch fesch.

Imagine a rant

Angesichts der Meldung:

Studie: Clips bei YouTube fördern Rauchen bei jungen Leuten

fühle ich mich zum echauffieren animiert. Leider humple ich grad eh in Hektik mit einer Oberschenkelzerrung oder Knieentzündung oder whatever durch die Wohnung, und bin froh, wenn ich noch die Geschirrhandtücher vom Wäscheständer kriege, bevor ich hier wegkomme. Im Rant kommen die Begriffe Zensur, Juli Zeh, Klassenkampf von Oben und Würde vor. Ich würde näher über den Kulturkampf elaborieren, der versucht unter dem Gesundheitsanspruch Kultur, Lebensäußerungen und Spaß um des Spaßes Willen zu bekämpfen. Vielleicht käme noch ein Exkurs auf die preußischen Versuche das Kaffeetrinken zu verbieten. Nicht zu vergessen wäre mein Hinweis auf die überalterte Gesellschaft, die versucht alles abzuschaffen, was irgendjemand stören könnte. Nur kein Spaß um des Spaßes Willen. Nur keine Aufregung. Nicht, dass die Jugend ausversehen eigene Erfahrungen sammelt.

Dienstag, 24. August 2010

FAZ muss bessere Korrekturen schreiben

Die Frankfurter Allgemeine hat es tatsächlich über sich gebracht, nach nur fünf Tagen ihren eher unsäglichen Wikipedia-Artikel öffentlich zu korrigieren.

Auf zehn Zeilen bedauert die Redaktion einen Übersetzungsfehler, nur um gleich eine neue Aussage einzubauen. Die Redaktion schreibt:
[...] haben wir das Magazin "Newsweek" mit der Aussage zitiert, zum ersten mal in der Geschichte von Wikipedia seien mehr Artikel gelöscht als geschrieben worden. Richtig muss es heißen, dass sich erstmals seit Bestehen mehr Wikipedia-Autoren abmelden als neue hinzukommen. Wir bedauern das Versehen.

Wie nun jeder halbwegs Wikipedia-Interessierte wissen könnte, kann man sich bei Wikipedia gar nicht abmelden. Die als richtig gekennzeichnete Aussage ist also unmöglich. Wenn man dann bei Newsweek nachschaut steht da auch:
For the first time, more contributors appeared to be dropping out than joining up.

Oder auf deutsch: "es scheint so, als würden mehr Leute aufhören denn anfangen." Zugegeben, wären wir beim Schiffe versenken, würde die FAZ das Schiff nur noch um ein Feld verfehlen. Aber dennoch ist unverbindliches Aufhören etwas anderes als verbindliches Abmelden. Die Gewissheit der FAZ-Korrektur etwas anderes als die Anscheinsvermutung der Newsweek. Spätestens bei der Korrektur würde ich doch erwarten, dass sich die Zeitung etwas Mühe gibt.

Liebe Frankfurter Allgemeine. Ist es denn so schwer, jemanden aufzutreiben, dessen Englisch ausreicht, um einen Newsweek-Artikel inhaltlich erfassen zu können?

Freitag, 20. August 2010

FAZ muss bessere Wikipedia-Artikel schreiben (Update)

Die FAZ hat sich in ihrem Wikipedia-Artikel nicht wirklich mit Ruhm beckleckert. Der ist im wesentlichen eine Adaption des hier schon öfters erwähnten Newsweek-Artikels und der ARD/ZDF-Onlinestudio (siehe auch bei der Schneeschmelze von vor einer Woche...). Leider ist bei der Übersetzung was schief gegangen und die FAZ hat der Newsweek Aussagen in die Schuhe geschoben, die diese nie getätigt hat. (Bildblog berichtet)

Quasi als absichtliche eigene Leistung hat sie dann noch Christian Stegbauer zitiert, der halt sagt, was er immer zur Wikipedia sagt. Vielleicht hat die FAZ seine Aussagen auch direkt aus dem Archiv genommen. Das Zitat ist so vage und universell einsetzbar, dass sich das jetzt nicht genau feststellen lässt.

Neben dem Kritiker braucht man im Qualitätsjournalismus natürlich auch noch die Betroffenen. Und die immerhin jetzt gerade aktuell angefragte Wikimedia-Pressestelle sagt natürlich, dass das alles nicht so schlimm sei. Wie sollte sie sich auch sonst dazu verhalten. Damit bleibt neben dem Übersetzungsfehler das große Jimbo-Wales-Foto aus der Druckausgabe der innovativste Beitrag der FAZ zum Thema. Nur hat sie ausgerechnet dieses Foto für die Online-Ausgabe gestrichen.

Soweit so langweilig und wenig nach vorne bringend. Wikimedia hat dann mal einen erfreulich engagierten Blogbeitrag geschrieben. Und für diesen Beitrag noch eine Statistik hervorgeholt, nach der die Zahl der Autoren seit 2008 etwa gleich bleibt. Das sagt zwar noch nichts über die Qualität aus, stimmt aber ungefähr.

Aber wir reden hier ja von langfristigen Trends. Und da sehen die aktuellen Zahlen schon weniger nett aus. Im Vergleich zum Sommer 2007 etwa ist die Zahl der Gelegenheitsautoren von 8.200 auf 6.800 gefallen, die Zahl der Neulinge gar von 1.600 auf 795. Nur die Zahl der ganz Engagierten ist in etwa gleich geblieben. Die Community mauert sich ein.

Schade, es hätte ein netter Diskussionsauftakt werden könnte, jetzt wo die FAZ sich des Themas annimmt. Wer allerdings in zehn Tagen nicht mehr eigene Leistung aufbringt, als die jetzt gerade, der sorgt vermutlich dafür, dass die Diskussion wohl schon wieder tot ist.

Derweil sitzt ein alter Mann im Keller und schimpft.

Update: Zur Frage, ob die FAZ wenigstens aktuell mit den Kritikern gesprochen hat, ein kleines Update. Der Artikel zitiert ja nicht nur Stegbauer mit einem eher generischen Zitat, sondern auch Iberty-Mitschreiberin elian. Die bestätigt, dass ihr "Statement zum Thema" tief aus dem Archiv geholt wurde, und niemand von der FAZ es für nötig befand, ein halbwegs aktuelles Statement einzuholen. I rest my case.

Donnerstag, 19. August 2010

Radfahrtipps für Berlin

Letztens hat mal wieder jemand verkündet, er würde nie in Berlin radfahren - alles viel zu gefährlich und stressig. Meine Erfahrung nach diversen Monaten in Berlin ist ja eher, dass es ganz einfach ist. Die Straßen sind breit und meistens gut in Schuss - ja, wirklich. Auf vielen Strecken ist man deutlich schneller als mit Öffentlichen Verkehrsmitteln. Man lernt die Stadt kennen. Und man hat die freie Lizenz, Touristen zu beschimpfen, die mal wieder im Weg herumstehen. Im Laufe der Monate hat sich dann auch herausgestellt, welches Verhalten eher zum Erfolg führt.

1) Sei aufmerksam. Dauernd. Insbesondere die Standspur rechts neben Dir kann wirklich tückisch sein, wenn plötzlich eine Autotür aufgeht. Am besten darauf achten, wo grad jemand geparkt hat oder einsteigen will.

1a) Hinter einem Bus herfahren ätzt.

2) Sei für die anderen berechenbar. Das bedeutet unter anderem auch: halte Dich an die Verkehrsregeln.

3) Sei sicher, dass die anderen, insbesondere die Autos, Dich sehen. An kritischen Stellen - wie bei rechtsabbiegenden LKWs - kuck den Autofahrern in die Augen. Bonuspunkte wenn der Autofahrer erschreckt einen halben Meter nach hinten fährt.

4) Weiche keinen Millimeter. Sobald du platz machst, wird der sich quasi naturgesetzlich wieder füllen; vorzugsweise mit einem Audi-Traktor. Und ehe du dich versitzt balancierst du durch die schmalsten aller Gänge.

Viel Spaß beim Italieneranpöbeln.

Wikipedia muss Autoren anerkennen

Während die Paid-Content-***-FAZ weiterhin nicht in der Lage ist, ihren Lage-der-Wikipedia-Artikel online zu stellen, hat DRadio Wissen immerhin ein Offline-Exemplar aufgetrieben. (Danke Jürgen für den Hinweis).

Solange mich die qualitätsjournalistischen deutschen Diskussionspartner also weiterhin hinhalten, lasse ich einfach mal einen amerikanischen Ex-Wikipedia-Autoren zu Worte kommen. Frank McCown hat Newsweek auch gelesen und unter dem Titel "Why I left Wikipedia" darüber gebloggt:

Er outet sich als eher normaler "alter" Wikipedia-Autor:
I have always been a Wikipedia fan. I first started making serious contributions in 2004 when I was beginning my PhD research and discovered that many of the new concepts I was being introduced to simply didn't exist in Wikipedia.

Neben den üblichen Problemen, Zeitaufwand, Nervereien, Mühsal etc. zitiert er auch einen Schlüsselmoment, den viele Autoren auch kennen:
I had an ah-ha moment at a conference a few years ago when someone quoted from Wikipedia's article on digital preservation, and I could have sworn I had been the sole author of the quoted piece. Wikipedia was given credit as the source, not me.

Und kommt heute, 6 Jahre später zu der Erkenntnis:
Over the past year or so, I just have lacked the motivation necessary to put time into an anonymous forum. My time is expensive, and Wikipedia is not paying. It's hard enough just to find time to edit my blog!

McCown geht damit nicht auf den sich selbst verstärkenden Effekt ein, den fliehende Autoren bei anderen Autoren auslösen, und der in einer Abwärtsspirale endet. Aber er beschreibt ganz gut, dass es neben eigener Selbsterfüllung wenig Grund gibt, bei Wikipedia zu schreiben.

Womit sich dann wieder die Frage stellt, welche Methoden gäben es, um Autoren zumindest zu halten. Wahrscheinlich wäre es für Wikipedia preiswerter, Autoren "nur" den Ruhm für ihre Artikel zu geben, als auch noch Geld zu verteilen. Aber dazu müsste es ein System geben, wie man den Beitrag eines einzelnen Wikipedianers halbwegs gerecht bestimmen kann. Vor allem müsste es innerhalb der Wikipedia den Willen geben aus der "Wir sind die Masse! Joho!"-Ideologie auszubrechen.

Noch ein anverwandter Hinweis: Auf der Vereinsmailingliste von WikiMedia Deutschland läuft derzeit auch unter etwas anderen Vorzeichen eine spannende Diskussion dazu, wer sich eigentlich wie ehrenamtlich engagiert, und wie man das öffentlich machen kann. Wobei ich grad nicht auf dem Stand bin: ist die Mailingliste öffentlich? Wäre es nur unhöflich oder ein schwerer Vertrauensbruch wenn ich die jetzt zitiere?

Mittwoch, 18. August 2010

Streetview ist ein Sack

Heute morgen hat Ilse Aigner im Deutschlandfunk erklärt, dass sie sich vorstellen könne, dass es auch Menschen gäbe, die Google-Streetview positiv sähen. Ich staune. Vielleicht kommt ja doch noch etwas Sinn in die Phantomdiskussion um Streetview.

Derzeit tritt zum einen die Politik an, die nicht schon wieder etwas Wichtiges im Internet versäumen möchte, und der man gerade in Zeitlupe dabei zusehen kann, wie sie anfängt, Streetview zu verstehen. Zum anderen sind dort netzgebundene Meinungsfreudige aktiv, die über Bedenkenträger lästern, kurz davor sind, Streetview zum Menschenrecht zu erklären und zumindest teilweise eine ebenso erstaunliche Fortschrittsgläubigkeit wie Arroganz spazierentragen.

Bei all den Versuchen in die Privatsphäre einzugreifen, ist Streetview nun der banalste und einer der am wenigsten tatsächlich gefährlichen. Das Diskussionsniveau ist fraglich, man ist ja schon baff erstaunt, wenn einer der Beteiligten mit dem Wort Panoramafreiheit etwas anfangen kann. Bei vielen der Streetview-Skeptiker habe ich den Eindruck, dass sie sich über etwas aufregen und etwas befürchten, was Streetview gar nicht kann. Andere aber schon. Nachvollziehbar ist das allgemeine Unbehagen, das sich nun ausgerechnet auf Streetview ergeht, allerdings.

Wenn ich mir ansehe, was an Daten im öffentlichen Raum noch kommt oder schon da ist, ganz zu schweigen von den weiteren Möglichkeiten, die Augmented Reality so bieten wird, sind mir da auch mehr als nur ein paar Anwendungen reichlich unheimlich und unsympathisch.

Der Grundgedanke, mal zu überlegen, wie wir mit reichhaltigsten Geodaten umgehen wollen, ist ein sehr richtiger. Ob wir wirklich wissen wollen, dass die Bekannte von der Cousine vor drei Wochen ein Bild ins Netz gepostet hat, wo die freundliche Arzthelferin, die mich gerade unterscht, über der Kloschüssel hing. Oder ob beim nächsten Gespräch auf dem Jobcenter der Fallmanager fragt, ob man endlich mal den Rasen ordentlich gemäht hat. Ob man sich im iBerry alle Häuser in 500 Metern Entfernung anzeigen lassen kann, deren Bewohner gerade weiter als 100 Kilometer weit weg sind? Ob man von der ARGE verpflichtet wird, jeden Tag von 8 bis 18-Uhr das Deutschland-Foursquare einzuschalten, wenn man weiter betreut werden möchte. Das sind Themen für deren Diskussion es wirklich Zeit wird.

So gesehen ist die Streetview-Diskussion zwar ein eher seltsamer aber dennoch guter Aufhänger. Jetzt wäre es die Zeit der technikaffineren Menschen die Diskussion dahin zu lenken, wo sie innerlich hingehört: wo fängt denn der private Raum an und wo endet der öffentliche? Sind allgemeine Informationen anders zu behandeln als ortsgebundene? Haben staatliche Stellen andere Zugriffsrechte als private und wenn ja, wie geht man damit in der OpenData-Diskussion um? Alles spannend, alles nötig, alles fraglich.

Und weil meine Freundin meint, ich soll nicht immer in halberklärten Metaphern sprechen, und größere Lücken durch gedankliche Sprünge verursachen: Sack. Esel. Schlagen.

Dienstag, 17. August 2010

Um die Ecke gerechtet

Spannender Fall, kann man einem Künstler verbieten, sich auf seine eigene Skulptur zu beziehen? In Kürze: Bildhauer David Ascalon erschafft Anfang der 1990er in Harrisburg, Pennsylvania ein Kunstwerk zum Angedenken des Holocausts. Das Werk besteht vereinfachend gesagt aus einem ungebrochenen Kern aus glänzendem Edelstahl - Symbol für die Juden - der von deutlichen dunklerem und meiner Meinung nach bedrohlich aussehendem Stahl eingefasst wird, der die Nazis/Deutschen etc. symbolisiert.

Jetzt "restauriert" die Stadt Harrisburg, PA das Stück und ersetzt den dunklen Stahl außen durch denselben hellen Stahl, der die Juden symbolisiert. Ein- und diesselbe Stahlsorte symbolisiert jetzt in Ascalons Formensprache sowohl Opfer als auch Täter. Ascalon empfindet das zu Recht als Beeinträchtigung seines Werks und Rufs. Gegen ein solches Vorgehen hat er an sich auch nach amerikanischem Urheberrecht Anspruch.

Nur hat die Stadt Harrisburg das Ganze vorausgesehen. Sie hat Ascalons Namen vom Kunstwerk getilgt und ihm einen cease-and-desist geschickt, in dem Sinne, dass er die Skulptur nicht mehr als die seinige ausgeben darf. Während das in Europa ein klarer Fall pro Ascalon wäre, scheint die US-Gemengelage unübersichtlicher. Es ist eventuell möglich, Kunstwerke zu entstellen, wenn man den Originalkünstler verschweigt.

In ausführlich und englisch auf dem 1709 Blog.

Sonntag, 15. August 2010

Kauft Dieter-Moor-Spreewaldgurken

techdirt gehört ja zu den Websites, die sich zuverlässig Gedanken um die Zukunft des Urheberrechts machen. Eine der Ideen, die sie haben ist "verknüpft Autoren mit festen Gegenständen", damit die Autoren was Stoffliches zum verkaufen haben.

Wenn also Günter Grass anscheinend nichts mehr durch Buchverkäufe verdient, muss er nicht "ein die Autoren schützendes Gesetz" fordern, und uns in Erstaunen darüber versetzen, was er denn nun genau meint. Besser wäre laut techdirt: er legt eine Günter-Grass-Kindertrommelserie auf. Für Connaisseure wäre auch vielleicht eine Andrzej-Stasiuk-Deutschlandkarte möglich.

techdirt schlägt ein System vor, bei dem der Wert nicht in der Schöpfung an sich liegt, sondern am Namen, den man dann mit besser kontrollierbaren Gütern verknüpfen kann. Einmal demonstriert techdirt-Autor Mike Masnick das am Beispiel des Plattenlabels Sub Pop, ein zweites mal durch das Unternehmen OpenSky, das Autoren hilft, dementsprechende Gegenstände zu finde.

Die Idee hat was für sich. Genug Labels und Musiker leben seit Jahre von dem System ebenso wie große Hollywoodstudios; die Modeindustrie sowieso. Groß in dem Geschäft sind auch die von techdirt wieder einmal zitierten Kochbuchautoren. Nicht zu vergessen facebook oder auch Wikimedia, denen ja die eigentlichen Inhalte auf ihren Websites nicht gehören, die damit aber trotzdem ganz erkleckliche Einnahmen erzielen.

Diese Ausweichbewegung ins Stoffliche scheint mir tatsächlich vergleichsweise erfolgversprechend zu sein, das Inrechnungstellen einer solchen Substitution schon bei der Konzeption eines Werks möglich. Und doch: ist das wünschenswert? Als Leser schließe ich mich ja dem dortigen Kommentarschreiber Michael Long an:
I want to read a book. I don't want a t-shirt. I don't want barbecue sauce. I don't want bottled water shipped to me at exorbitant rates via FedEx. And I don't want to attend an webinar or lecture or book signing for every single solitary author whose book or novel or series I happen to like. I just want to read books.

Als Käufer stofflicher Gegenstände möchte ich von meinem Wein, Tabak, Barbecue auch eher, dass sie schmecken und aus guten Zutaten gemacht sind, als dass sie ein Chris-Anderson-Endorsement tragen. Bei Lesungen und Signierstunden würde ich ja meistens eher Geld verlangen, als es dafür zu zahlen.

Als Autor frage ich mich, ob das nicht genau jene Mittelsmänner wieder ins Spiel bringt, von denen wir ja hofften, dass das Internet sie ausschaltet. Statt Verlegern und Lektoren kommen nun Merchandiseberater und Spreewaldgurkenendorsementagenturen. Ist das ein Fortschritt?

Und, wie ich ja auch schon mal anmerkte, geht natürlich eine Gefahr davon aus, wenn das einzelne Werk an Stellenwert verliert und das Autoren-Trademark gewinnt. Günter Grass, dem das Geld eh aus den Nasenlöchern kommt, wird sicher auch durch Edel-PFeifentabak noch ein gutes Zubrot einnehmen. Aber Andrzej wer? Hat Geistiges Eigentum sowieso schon immer Winner-Takes-It-All-Märkte geschaffen, dürfte die Ausweichbewegung ins Stoffliche den Trend noch verstärken. Mal ganz zu schweigen davon, dass ein Großteil des Geldes in Goethe-Wein oder Oscar-Wilde-Absinth gehen dürfte, und damit überhaupt keinen lebenden Autoren zugute kommt.

Ja, ich vermute, dass techdirt da einen erfolgversprechenden Weg in die Zukunft gefunden hat. Nein, ich glaube nicht, dass es einer ist, den ich sonderlich schätze.

Und wie kommt Dieter Moor in die Überschrift? Er hat mein letztgelesenes Buch geschrieben. Dieter Moor: "Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht" Nett, unterhaltsam, aber doch deutlich seichter als ich von ihm gedachte hätte. Eher zum verschenken, wenn man die Leute nicht so gut kennt und nichts schief gehen soll.

Samstag, 14. August 2010

Was wollt ihr denn? Schinken-Omi!


Ist Papier schon reaktionär? Oder nur in dieser Form? Linus Volksmann, seines Zeichens aus Spielhöllen- Komm-Küssen-Fanzines-Fame, Romanbekanntheit und aus Intro-Unfame hat mal wieder ein echtes Fanzine gemacht. Mit Prittstift, lustigen Comicausschnitten, einer beigelegten CD und natürlich einem Tocotronic-Interview.

Schinken-Omi scheint also alle Genreanforderungen zu erfüllen. Bashing gegen Liebhaber tiertodbehafteter Nahrungsmittel ("Irgendwann ist Krieg, mein "Freund", und dann stehen wir nicht auf derselben Seite), Fankarten, Facebookanekdoten und vor allem einem langen Hörspiel ohne Hören. Zum Lesen geradezu. Eine ehemlige Jugendbande, GRAS, reunioniert sich. Unschwer zu erkennen sind die Helden von TKKG deren Eindringen in ihre Kindheit weder Felix Scharlau noch Linus Volksmann der TKKG-Gruppe je verziehen haben. Die Ü30-Jugenddeketive hangeln sich durch einen Fall voller Selbstzweifel, absurden Situationen und geschickter Fallen. Zwielichtige Gestalten locken sie in dunkle Keller während die Jugendlichen sich mit den Problemen des gesetztes Alters herumplagen. Manchmal erinnernd an Stephen Kings "Es" (das letzte Viertel) ist alles ganz anders geworden als man damals nach dem Bettelmönchen-aus-Atlantis-Hörspiel vermuten konnte. Sehr unterhaltsam und an sich das beste Fanzine seit 2000. Stilecht war auch die CD komplett unhörbar. Und wie es sich für ein stylistisch am Punk orientiertes Heft gehört: komplett reaktionär. Aber ich wäre von Linus enttäuscht wenn dem nicht so wäre.

Bei Schinken-Omi zu Haus.

Freitag, 13. August 2010

Wohl doch muss Wikipedia bezahlen

Nebenan widerspricht Madame Poupou mir so halb, wenn sie meint "wikipedia muss autoren nicht bezahlen". Allerdings interpretiere ich den Widerspruch weniger inhaltlich, sondern eher formal, wenn sie die sehr berechtigte Frage stellt, wer denn jetzt die VG-Wort-Einnahmen erzielt. Anscheinend werden die möglichen Einkünfte durch Metis von wemauchimmer abgerufen. Die Autoren allerdings haben definitiv nichts davon, und Wikimedia meint auch, nicht beteiligt zu sein. Sehr seltsam die Geschichte.

Allerdings schrieb ich ja absichtlich Wikipedia und nicht Wikimedia. Solange das ganze Geld bei Wikimedia eingeht wären die diversen Vereine und Stiftungen des Wikimedia-Imperiums die logischen Adressaten einer derartigen Forderung. Allerdings wäre die Finanzierung über den Wikimedia-Umweg nur eine von mehreren möglichen Vorgehensweisen. Die direktere Methode per VG Wort wäre vermutlich eine andere, die einige Autoren wieder zurücklocken könnte.

Donnerstag, 12. August 2010

Wikipedia muss Autoren bezahlen


In the summertime the stories are low. Nachdem der Spiegel ja nun schon sensationell enthüllt hat, dass Jugendliche halt Jugendliche sind, und vor allem ganz verschieden, ist Newsweek nachgezogen. Die haben die spektakuläre News, dass auch Wikipedianer und Andere vor allem Texte ins Netz stellen, weil sie persönlich was davon haben. Wow.

In zwei Punkten hat Newsweek recht: Wikipedia hat ein massives Problem was die freiwillige Mitarbeit angeht. Ebenso schreibt natürlich kein Mensch aus reinem Altruismus bei Wikipedia. In einem Punkt hat Newsweek heftig Unrecht: die Vergabe von Plastiktalmi aka Sternchen oder Orden wird das Problem nicht ändern. Naja, Newsweek selbst ist ja auch grad an dem Punkt, an dem die DDR 1989 war.

Trotzdem bleibt: Wikipedia ist das MySpace des Internetengagements. Die Autoren gehen, die guten Autoren noch viel eher. Die Zahl der halbwegs lesenswerten neuen Artikel sinkt, Nachwuchs gibt es fast keinen. Ein existenzbedrohendes Problem ist das sicher noch nicht. Die bereits vorhandene inhaltliche Substanz ist viel zu stark. Praktischerweise haben Autoren und Redakteure sie auch noch auf zeitlosigkeit getrimmt. Trotzdem ist die Gefahr imminent, weil Wikipedia sich in einer Abwärtsspirale befindet: die Leute, die gehen, werden nicht adäquat ersetzt, adäquater Ersatz hingegen schaut sich Wikipedia an, und spielt dann doch lieber Farmville, weil das intellektuell herausfordernder ist.

Das ist jetzt kein alleiniges Wikipedia-Problem, sondern findet sich auch in zahlreichen anderen Organisationen. Paul Graham hat beispielsweise jetzt gerade den ganzen Prozess sinnvoll unter dem Titel beschrieben: "What happenend to Yahoo"; das Szenario ist überraschend ähnlich. Bei Yahoo führte einfach zu erlangendes Geld dazu, viel zu lange aufs falsche Pferd zu setzen, das zwar wenig mit Yahoos Kompetenten zu tun hatte, aber dafür Geld brachte. Da bin ich mir im Wikipedia-Fall noch nicht klar welche Rolle Geld spielt. Aber zumindest läßt sich beobachten, dass bei den Wikimedias mittlerweile verhältnismäßig große Mengen einfachen Geldes ankommen und davon erstaunlich wenig in die Kernkompetenz - Erstellung freier Inhalte - geht.

Zum anderen scheiterte Yahoo an der falschen Kultur: zu wenig Wertschätzung für die Technik. Nun sind Autoren keine Programmierer, aber meiner Erfahrung nach funktionieren Wikipedia-Autoren sehr ähnlich wie Hacker. Wo der Hacker guten Code möchte und keine Einmischung von Leuten, die es nicht können, da möchte der Wikipedianer guten Text.

Dabei, diesen Geist zu erkennen, hat Newsweek in seiner Problemanalyse Unrecht. Talmi/Orden/Sternchen helfen nichts, weil man damit nur die Leute anlockt, die dann die Autoren vertreiben. Was Wikipedia den Autoren brachte war ebenso simpel wie schwer: Spaß, weniger flapsig: das Gefühlt in einer geistig anregenden Gemeinschaft Inhalte zu erstellen, von außen wertvolle Inputs zu genießen und die Anerkennung von Leuten zu genießen, vor denen man selbst großen Respekt hatte. Nada, vorbei.

Weniger, weil jemand Schuld hat, sondern weil sich langfristig fast immer die Organisatoren und Strategen und Abwäger und "Erwachsenen" und Überprüfer und Sternchenverteiler durchsetzen, die die Inhalte irgendwie als gegeben ansehen und dann anderen Leuten erzählen sollen, wie sie sich organisieren sollen. Und die, vor allem, selbst oft eher talentlos sind. Und wenn sich die erstmal durchgesetzt haben, gibt es in einem Freiwilligenprojekt den freien Fall, weil die anderen dann gehen, woraufhin ihre Freunde gehen, und noch Gehverhinderstrategen kommen etc..

Graham schlägt dann zwei Wege vor, dem Problem Einhalt zu gebieten, wenn man erstmal in der Spirale ist. Entweder man zahle mehr Geld, oder man verlasse sich darauf, dass die Leute keine Alternativen haben. Vom letzteren lebt Wikipedia schon länger, aber als langfristige Lösung erscheint mir die Strategie doch sehr risikobehaftet.

Ein dritter Weg fiele mir auch noch ein: Reputation/Ruf/Werbung für den Autor selbst. Der Weg allerdings ist der eingeschränkt gangbar, da Wikipedia selbst inhaltlich ja einen wechselvollen Ruf hat. Außerdem müsste WP selbst dann auch nach außen mit der Lebenslüge aufräumen, dass jeder irgendwie mitmachen kann, schreiben und die Aufbereitung von Sachverhalten weder Talent noch Training sondern einfach nur guten Willen brauchen. Für den Anfang also beispielsweise endlich mal beim Artikel selbst ausweisen wer ihn geschrieben hat und wer für welche Teile verantwortlich ist.

Die zwangsverpflichtung von Studenten, laut Newsweek gerade das Mittel der Wahl der Wikimedia Foundation, dürfte zu den Ergebnissen führen, die sich mit Zwangsarbeit halt erreichen lassen: Brauchbar für den Leser, aber sicher kein Grund, freiwillig etwas zu machen. Also bleibt die andere Möglichkeit: Geld. Zugegeben, Autoren sind billiger als Programmierer. Aber selbst die 20 Dollar von Demand Media für einen Artikel wären schon Welten von dem entfernt, was es jetzt gibt.

Der 22. Juli 2005

Ist der Tag an dem der Untergang der deutschsprachigen Wikipedia begann.

Montag, 9. August 2010

Spiegel: Vergoldete Droschken sind schlecht für Innovationsfähigkeit.

Der Spiegel vermeldet eine Sensation: deutsche Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Urheberrecht Wissensproduktion behindern kann. Das ist an sich nicht so sensationell, nicht mal im Rahmen der Wissenschaft. Sensationell allerdings ist es, dass ein deutsches Qualitätsmedium einen Artikel mit einer derart eindeutigen Stoßrichtung veröffentlicht. Zudem scheint Eckhard Höffners Studie, auf die der Spiegel Bezug nimmt, tatsächlich originell. Auch die Spiegel-Zusammenfassung hat da einiges zu bieten.

Sinnvoll wäre hier eine Dreiteilung des Themas in Studie, Spiegel-Artikel und Reaktionen des Nets. Zwischen mir und der Studie liegt allerdings noch ein dreistelluger Eurobetrag, oder die Wartezeit, bis die Bibliotheken "Geschichte und Wesen des Urheberrechts" einsortiert haben. Für den Anfang muß die zweistufige Sparbetrachtung zu Artikel und Reaktionen reichen. Wobei der zweite Teil, meine Reaktion auf die Reaktion anderer Leute, auch erst morgen kommt.

In der Einordnung liegt der Spiegel meines Erachtens falsch
"Seine Erkenntnisse sorgen in der Fachwelt für Aufregung. Denn bislang galt das Urheberrecht als große Errungenschaft und Garant für einen florierenden Buchmarkt"
läßt sich so nicht halten. Die Arbeiten von Robert Darnton und anderen zu den florierenden Raubdruckern im vorrevolutionären Frankreich sind schon auch ein paar Jahre alt, der Aufschwung des frühen Hollywoods durch mangelnde Copyright-Durchsetzung an der Westküste ebenso allgemein akzeptiert, wie der Aufschwung der amerikanischen Verlage durch Raubdrucke englischer Autoren. Im - besser erforschten - Patentrecht, gibt es dazu noch die Standardbeispiele der Schweizer Chemischen Industrie und der Niederländischen Elektroindustrie, die sich in patentrechtsfreien Zeiten entwickelten. Auch wenn der Spiegel natürlich recht hat, in der derzeitigen Lobbyismus geprägten Debatte wird lieber Gebetsmühlehaft "Viel Schutz hilft viel, egal wem, warum und wozu" wiedergekaut.

Soweit ich das, ohne die Studie zu kennen, beurteilen kann, ist aber Höffners Ansatz tatsächlich in gleich zweierlei Hinsicht originell. Zum einen in der ausführlichen Empirie - sowas gab es bisher eher selten und dann wie gesagt zum Patentrecht. Zum anderen in der Übertragung von reger Publikationstätigkeit zum ökonomischen Aufschwung. Das behandelt der Spiegel dann zum Glück ausführlich und detailliert und unbedingt lesenswert. Denn während die Wissenschaft durchaus noch streitet, wie denn nun wirklich der Einfluß des Patentrechts auf die Innovationsfähigkeit aussieht, scheint das Urheberrecht da auch eine größere Rolle zu spielen, als gedacht.

Und am Rande: das Statute of Anne von 1708/1710 verdankt seine Existenz allein den Verlegern und war zu deren Schutz konzipiert. So gesehen wäre ein Leistungsschutzrecht da sogar ein passender Nachfolger und gegen "vergoldeten Droschken" hätte sicher auch der ein oder andere heutige Verlagsvertreter nichts einzuwenden.

Sue Gardner, Wikimedia und die Quäker

Wer es noch nicht gesehen hat, Sue Gardner von Wikimedia hat seit kurzem einen Blog und der ist durchaus lesenswert. Weniger News und so, dafür gibt es andere Kanäle, aber dafür mit angenehmer Reflexionstiefe.

Grad bin ich über ihren Post What Can Wikimedia Learn from the Quakers gestolpert, in dem Gardner wiederum beschreibt, wie sie über die Quäker stolperte. Die Quäker, die in den USA deutlich präsenter sind als hierzulande, sind grob gesagt eine Gruppe evangelischer Christen, die in den USA besonders für Pazifismus und ihre Nichthierarchische Gruppenstruktur bekannt ist. (der englische WP-Artikel beschreibt das ganz gut, dem deutschen ist der theologische Furor durchgegangen, der ist nahezu unlesbar.)

Anyway, Garnder beschreibt, dass die Idee von Beschlußfassung durch Konsens sowohl Quäkern als auch Wikipedianern eigen ist. Und da die Quäker ja mehrere hundert Jahre Erfahrung damit haben, könnte für Wikipedianer der ein oder andere Lerneffekt drin sein. Ich persönlich vermisste ja beim Thema "disproportional große Macht für den Neinsager" einen kleinen Hinweis auf George Tsebelis und die Veto Player, aber das ist dann auch zugegebenermaßen eher theoretisch als erfahrungsgeschöpft.

Und damit die Quäker-Lehren richtig anwendbar sind, müssen wir die Wikipedianer jetzt nur noch zu Pazifisten im Geiste erziehen.

Freitag, 6. August 2010

Wild West um Wundermittel: Patentmedizin und Open-Source-Forschung

Joseph M. Gabriel: A thing patented is a thing divulged: Francis E. Stewart, George S. Davis, and the legitimization of intellectual property rights in pharmaceutical manufacturing, 1879-1911,J Hist Med Allied Sci. 2009 Apr;64(2):135-72

Die Debatte zum Thema Medizinpatente, Generika, Patente auf Leben und so fort tobt und tobt. Da ja grad das Wochenende kommt, ist das eine gute Gelegenheit einen Schritt zurückzutreten, und sich zu vergegenwärtigen, dass das mit den Medizinpatenten mal ganz anders war.

Gabriel schildert in seinem lesenswerten Artikel, wie sich pharmazeutische Industrie und wissenschaftliche Medizin Ende des 19. Jahrhunderts in den USA aufeinander zubewegten. Sein Vehikel dazu ist die Geschichte von Francis E. Stewart, der erst Anhänger einer patentfreien Medizin ist, dann für Medizinpatente kämpft und schließlich von der Bewegung überrollt wird.

Hintergrund ist die medizinische Landschaft in den USA im 19. Jahrhundert, in der es eine strenge Trennung zwischen kommerziellen Medizinherstellern und Ärzten mit wissenschaftlichem Anspruch gab. Obwohl es zu der Zeit gesetzlich problemlos möglich war, Heilmittel patentieren zu lassen, bestand innerhalb der etablierten Ärzteschaft starke Ablehnung gegenüber diesem Ansatz. Die American Medical Association verbot es in ihren ersten Ethikleitsätzen explizit, Patente oder Trademarks zu schaffen oder andererseits zu versuchen, kommerziell von der Produktion eines Mittels zu profitieren.

Modell der Ärzte waren offene Rezepte, die in langen Versuchsreihen verschiedener Ärzte untersucht werden, und nach diversen Jahren intensiver Durchleuchtung in den medizinischen Standard aufgenommen werden, wo sie dann jeder leicht reproduzieren konnte. (Und ja, natürlich waberte beim Lesen der Abschnitte die ganze Zeit ein "Open Source" in meinem Hinterkopf) Solche Medikamente wurden von einer kleinen Zahl "ethischer Firmen" hergestellt, die sich an die Bedingungen der AMA hielten.

Auf der anderen Seite standen die Hersteller von Formelmedizin, die untereinander in starkem Wettkampf standen. Diese nutzten neben Patenten und Trademarks vor allem intensive Geheimhaltung um Inhaltsstoffe und Zubereitung sowie aggressive Werbung mit teils stark übertriebenen Heilungsversprechen als Mittel der Auseinandersetzung. Die Mittel waren sehr beliebt, die Hersteller von solchen "Snake Oil" oder "Patent Medicine" genannten Mittel aber galten in der Medizinerschaft als Quacksalber und schlimmeres.

Gabriel nun schildert, den Umbruch, der um 1900 stattfand. Die Firma von Davis und Stewart beginnt als "ethische Firma", die aber aufgrund des Wettbewerbsmodells keine großen Gewinnspannen aufweist und deswegen auch weder selbst das Geld hat, noch Investoren requirieren kann, um größere Investitionen in die Forschung zu unternehmen. Er schildert wie Davis verschiedene Wege versucht, mit der kreativen Auslegung des Ethikcodes einerseits mehr Geld zu verdienen, andererseits nicht der sozialen Ächtung als Quacksalber anheimzufallen. Und schließlich schildert er, wie sich Stewarts und Davis Wege trennen, nachdem sie sich endgültig für patentierte Medizin entschloßen haben.

Während Stewart den offenen, wettbewerbsfördernden Teil des Patentrechts betont, geht Davis im Laufe der Zeit immer restriktivere Wege. Stewart sieht Prozesspatente als unumgänglich, um große Investitionen zu ermöglichen. Er ist aber gegen Stoffpatente, da diese die Suche nach effektiveren Wegen zur Herstellung eines Stoffs verunmöglichen. Auch ist er gegen Markennamen für Medikamente, da diese anders als Patente bis in alle Ewigkeiten liefen und de facto eine Monopolsituation auf bestimmte Wirkstoffe schaffen könnten.

Davis baut Parke-Davis zum größten Medizinhersteller seiner Zeit auf und setzt mit seinem Prozessgewinn in Parke-Davis v. Mulford sogar einen bis heute wirkenden Präzedenzfall, der in den USA das patentieren von natürlich vorkommenden Stoffen erlaubt und bspw. auch bei der Rolle um die Patentierbarkeit von Genen eine Rolle spielt.

Trotz seines großen erkenntsnisfördernden Werts, hat der Gabriel-Text aber auch ein paar Schwächen.

- Vor allem löst Gabriel seinen eigenen Anspruch nicht ein, zu erklären wie Stewart für die allgemeine Akzeptanz des Patentwesens in der Medizin kämpfte. Nach dem was er erklärt, setzte sich das Patentwesen eher aufgrund anderer Umstände durch und Davis kämpfte vergeblich gegen Markennamen auf Wirkstoffe und Stoffpatente.

- Überhaupt referiert er zwar große Stoffmengen, umgeht aber mehrmals recht geschickt die Frage "wie" es denn nun passierte, dass sich eine Haltung durchsetzte. Die allgemeinen Entwicklungen bleiben eher allgemein, der Teil um Davis und Stewart wird desöfteren von seinem Detailreichtum erschlagen.

- Eher am Rande kommt die deutsche Medizinindustrie vor, die zu der Zeit schon industriell organisiert war, keinerlei Hemmungen hatte alle Möglichkeiten des Immaterialgüterrechts in Anspruch zu nehmen und trotzdem oder deswegen wissenschaftlich an vorderster Stelle der Entwicklung stand und drohte den US-Markt aufzurollen. Die kurzen Andeutungen, die Gabriel macht lassen in mir den Verdacht aufkommen, dass die Bedrohung eine wichtigere Rolle spielte, als der Text darstellt.

- Der Text ist zwar nicht aus dem deutschen Wissenschaftsbetrieb hervorgegangen und hat auch einen eher Inhalt, der sich für eine Erzählung anbietet. Dennoch ist es halt ein wissenschaftlicher Text, mit der darin innewohnenden Neigung zur Drögheit.

- Und vor allem scheint er wirklich nicht frei zu sein. Ein Project-MUSE-Zugang ist zwar meiner Erfahrung nach nicht so wahnsinnig schwer aufzutreiben, eine Stabi-Berlin-Mitgliedschaft ist da zum Beispiel eine Möglichkeit. Aber haben muss man ihn trotzdem erstmal.

Wer ihn aber hat, kann froh sein :-)

Donnerstag, 5. August 2010

Das Internet ist zu schnell und Facebook zu provinziell

Da hab ich doch heut auf'm Rad eine Idee unter der Arbeitshypothese in der Form "Facebook ist das Global Village in seiner beschränktesten, selbstvergessensten und insidetratschigsten Form". Und bevor ich dazu komme, dass mal durchzudenken und auszuformulieren, nimmt mir Ethan Zuckerman die Worte aus dem Mund. Und dazu besitzt er noch tollere Hemden als ich.

Respekt, liebe Sparda-Bank


Aber dass Du nach nur zwei Tagen persönlich vorbeikommst, die vier Altbaustockwerke hochjoggst, den Antrag abholst, und dann auch noch einen Regenschirm in der Wohnung lässt: das beeindruckt mich jetzt tatsächlich. Ich beginne es für möglich zu halten, dass Du Deine Kundenserviceauszeichnungen verdienst.

Dienstag, 3. August 2010

Liebe Sparda-Bank (Update)


Ja genau Du, liebe Bank. Die Du mir beim Surfen sagst, ich solle bei Dir ein Konto eröffnen. Die du mir auf Facebook sagst, ich soll das machen. Und an Deinen Filialen hängen Riesenposter, die das deinige Girokonto anpreisen. Ich habe es versucht.

Smarter, junger Mann, der ich bin, habe ich online alles ausgefüllt, und bin dann dem Verfahren gefolgt, dass deine Website vorschlägt:
Senden Sie uns den Antrag kostenlos im Postident-Verfahren zu oder geben Sie das Formular einfach persönlich in einer unserer Filialen ab.

Nun mach ich den Umweg zur Filiale, ist ja persönlicher und nicht so anonym und vielleicht kriege ich ja ein Knax-Club-Sparschwein geschenkt. Man stelle sich also einen Nachmittag in Steglitz vor. Handelnde Personen: Ich, eine offensichtlich gelangweilte junge Dame und eine leeere Bankfiliale.

I: Guten Tag, ich würde gerne ein Konto eröffnen. Ich habe alle Ihre Unterlagen ausgefüllt und unterschrieben dabei.

JD: Das geht schon mal gar nicht. Da müssen Sie zum Postident-Verfahren. Hier können Sie nur ein Konto eröffnen, wenn Sie das Formular hier ausfüllen.

Df: Ööh..

JD: ...

Df: Ja, also wenn Sie ein Formular..

JD: Das müssen Sie schon mit mir zusammen machen. Und ich habe bereits einen Termin heute.

Df: Wenn Sie mir vielleicht verraten wollen, wo hier die nächste Post..

JD: Bei der Post.

Und auf dem Weg zur Post bin ich natürlich in einen Platzregen geraten, weshalb das Formular hier weiterhin neben mir liegt, und ich gerade ernstlich ein Postgirokonto statt eines Postidentverfahrens in Erwägung ziehe.

Update: Alles wird gut.

Warum ich Berlin mag (I)


Schöneberg.