Die Veröffentlichung ist in ihrer Ausführlichkeit eher übersichtlicht. Die Resultate bestätigen erstmal die Vorurteile: Wikipedianer haben zu >50% eine Uni-Ausbildung sind etwa hälftig über 30 und unter 30 und etwa 99,999% sind Männer. Letzter just kidding. 98% Männer. Stärkste Antriebskräfte sind ehrenamtliches weitergeben und Spaß.
Besonderes Augenmerk hat Lee- weißjemandwerdasist? - darauf gelegt, echte Edits von Vandalismus zu trennen.
Und siehe da, in en. wird fast genausoviel Vandalismus beigetragen wie echter Inhalt. Problematisch finde ich ja, dass Vandalismus anscheinend alles ist, was rückgängig gemacht wurde, und somit Edit-Wars mit unter Vandalismus fallen. Aber ignorieren wir das Problem mal als quantitativ nicht wichtig.
Angemeldete Nutzer tragen mehr Inhalt (und mehr Vandalismus) als Nicht-Angemeldete bei, wobei bei Angemeldeten auch der Anteil gut/schlecht besser ist. Leute, die viele Edits haben, tragen eher Content bei, der stehenbleibt, denn Leute mit wenigen Edits. Soweit nicht total überraschend.
Als wirklich überraschend fand ich den 2007er-Berg. Sowohl bei Angemeldeten wie bei IPs hat die Menge der Vandalismus-Edits nach 2007 stark nachgelassen. Die Menge der konstruktiven Edits auch, aber bei weitem nicht in dem Ausmaß. Während der Anteil von echten zu schlechten Edits noch nicht wieder auf dem guten Niveau wie 2004 war, so entwickelt er sich doch stark in die Richtung.
Würde man übrigens Editrechte auf diejenigen beschränken, bei denen nie eine Bearbeitung rückgängig gemacht wurde, dann hätte sie nur ein Viertel des Inhalts.
Und zum Abschluß dann noch ein Direktzitate mit der Warnung vor zu einfachen mathematischen Modellen;
The top registered editors give much more good content than the top anonymous editors. Who are these fantastically productive registered users? Those people have contributed enormous amounts, they must work like machines!
Was also haben wir: die Bestätigung vieler intuitiver Gefühle, die nicht wirklich überraschend sind. Wer so editiert, dass die Edits stehen bleiben, wird sich eher anmelden, wer es schafft die Akzeptanz der Community zu treffen, wird eher viele Bearbeitungen machen.
Spannend finde ich aber den 2007er-Berg, den Lee auch gar nicht versucht zu erklären. Auch der trifft ja meine Intuition: 2007 war der Höhepunkt des Hypes, und die meisten Passanten kamen einfach mal vorbei, und probierten sich aus. Mittlerweile sind wir wieder näher an 2004, wo es einen bestimmten Menschenschlag gibt, der editiert. Homogenere Gruppe, mit vielen Nachteilen, aber auch konflikt- und problemärmer als 2007-
Wikipedia, das wissen nicht nur Southpark und sein mutmaßliches Alter ego Eric Goldman, hat ein Problem: Den Verlust der Offenheit, die Wikipedia groß gemacht hat. Das gilt nicht nur für die Offenheit der eigentlichen Enzyklopädie, d. i. der Artikel, die nach und nach durch technische, teilweise notwendige Finessen wie Sperren oder Sichtungen eingeschränkt wurde, sondern auch und vor allem für die Sozialstruktur. Die Wikipedianer begrüßen Neulinge meist mit Löschanträgen und Textbausteinen, die Außenwelt wird, sobald sie sich – ob in Form von wissenschaftlichen Konferenzen, von Blogbeiträgen oder gar von neuangemeldeten Benutzern, die in der Wikipedia ihre Meinung kundtun – zunächst misstrauisch beäugt und schließlich verhöhnt, angegriffen, rausgeworfen. Für die bereits anerkannten Wikipedianer gilt Walter Kempowskis Wort über die bundesrepublikanische Gesellschaft: „Ein Schritt vom Wege, und Sie sind erledigt.“ In den Worten des großen Iberty-Schreibrechterteilers: „Wikipedia ist ein paranoider arroganter Haufen geworden, der nicht mehr auf Leute zugeht sondern Angst vor jeder Veränderung hat und mit Liebe im eigenen Saft schmort. Scheint wohl jeder Community irgendwann zu passieren, ist insofern nicht überraschend aber dennoch bedauerlich. Ich kann niemand verdenken sich das in der Freizeit nicht freiwillig anzutun. [...] ich vergass: unglaublich intolerant.“
Woher kommt diese Xenophobie und Intoleranz? Ich versuche es mal mit einer „ideengeschichtlichen“ Antwort, geleitet von einer provokanten These: Einer der ärgsten Feinde der offenen Wikipedia ist das Konsens-Prinzip. (Bei der unten skizzierten Entwicklung spielen natürlich auch andere Faktoren eine wichtige Rolle, ich konzentriere mich aber hier auf die Rolle des Konsensprinzips. Wer das zu weit hergeholt oder zu einseitig findet, darf gerne seine eigene Ideengeschichte schreiben :-).)
Der Konsens (Betonung auf der zweiten Silbe; lat.consentire = übereinstimmen) bedeutet die Übereinstimmung von Menschen − meist innerhalb einer Gruppe − hinsichtlich einer gewissen Thematik ohne verdeckten oder offenen Widerspruch.
Ohne verdeckten oder offenen Widerspruch. Interessant wäre sicherlich, auf welchem Wege dieses Prinzip Eingang in die (deutsche) Wikipedia fand, dafür müsste ich aber vermutlich wochenlang Wikiarchäologie betreiben, und am Ende sagt mir Elian, das war alles ganz anders. Von daher gehe ich gleich zu der Frage über, was das Konsensprinzip mit der Wikipedia angestellt hat. Fakt ist: Konsens im eigentlichen Sinne funktioniert nur in kleinen Gruppen. Solange die Wikipedia noch aus 20 Leuten bestand, die sich mehr oder weniger einig waren und sich darüber hinaus nur schwer in die Quere kommen konnten, weil die weiten Felder des menschlichen Wissens weitgehend unbeackert waren, konnte man für alle akzeptable Entscheidungen treffen. Nun hatte man Wikipedia aber als ein offenes System konzipiert, an dem wikiprinzipiell jeder teilnehmen durfte (sic Präteritum). Die Zahl der Mitarbeiter stieg rasch an, und damit geriet der bisher erreichte Konsens unter den Benutzern zunehmend in Gefahr – denn mit der Zahl der Mitarbeiter stieg auch deren Heterogenität im Denken und Handeln.
Nicht genug: Die Wikipedia wurde durch Usenet-Propaganda und schließlich durch Medienberichte (etwa einen großen Spiegel-Artikel Anfang 2004) immer bekannter, womit auch die tatsächlichen Attacken von außen zunahmen. Vandalismus wurde ein größeres Problem, war aber naturgemäß nie ein wirklicher Streitpunkt – „Ficken ficken ficken soll stehenbleiben, ist doch ein konstruktiver Beitrag“ war und ist keine vertretbare Position. Schwerwiegender wurde das automatisch auftauchende Problem der enzyklopädischen Relevanz. Schon die Frage, ob in einer Internetenzyklopädie, die nicht mehr durch Papierknappheit künstlich begrenzt ist, überhaupt eine Auswahl nach Wichtigkeit getroffen werden muss, wird seither kontrovers diskutiert. Immerhin konnte man sich – aus diversen schwerwiegenden Gründen, etwa dem Persönlichkeitsrecht, aber wohl vor allem dem menschlichen Reflex folgend, Wichtiges von Unwichtigem zu entscheiden – darauf einigen, dass es eine Scheidelinie der „Relevanz“ geben müsse. Wo diese aber liegen soll, ist bis heute Gegenstand der Diskussion (interessant in diesem Zusammenhang vor allem die Entwicklung der Seite Wikipedia:Relevanzkriterien, die im April 2004angelegt wurde und auf der schon bald eine rege Diskussion einsetzte).
In den ersten Diskussionen bildete sich so ein „Konsens“ heraus – allerdings nicht im eigentlichen Sinne einer Meinung, die von allen übereinstimmend geteilt wird, sondern im Sinne eines Standpunkts, der von der Mehrzahl der etablierten Mitarbeiter aus bestimmten Gründen unterstützt wird. Spätestens hier beginnt eine eigenständige wikipedianische Begriffsgeschichte des Wortes. Praktisch exerziert wurde das anhand der Frage, ob Artikel über einzelne Straßen in die Wikipedia aufgenommen werden sollen. Ulrich Fuchs entwickelte eine recht komplexe frühwikipedianische Enzyklopädietheorie, die Artikel über Straßen und andere „Dinge“ (his words) mehr oder weniger radikal ausschloss. Achim Raschka demontierte Fuchsens Theorie, indem er kurzerhand einen exzellenten Artikel über eine Straße verfasste (die Warschauer Straße in Berlin) – mit dem Ergebnis, dass sich Ulrich Fuchs schließlich aus der Wikipedia zurückzog und ein eigenes Projekt gründete.
Hieraus hätte man die Lehre ziehen können, dass ein „Konsens“ im eigentlichen Sinne in einem großen, heterogenen Projekt nicht möglich ist, weil es immer jemanden gibt, der die dominierende Meinung nicht teilt und sich auch von einer überwältigenden Mehrheit nicht überzeugen lässt. Man hätte sagen können: okay, wir haben eine klare Mehrheit von Leuten mit guten Argumenten, die wollen, dass Straßen eigene Artikel bekommen. Man ließ aber den Begriff „Mehrheit“ lieber weg und fügte stattdessen das Wort „Konsens“ ein. Ein Konsens hatte in dieser Frage aber nicht bestanden, eine „Übereinstimmung von Menschen − meist innerhalb einer Gruppe − hinsichtlich einer gewissen Thematik ohne verdeckten oder offenen Widerspruch“ war nicht zustande gekommen. Die implizite Aussage dahinter: Wer widerspricht, ist nicht Teil der Gruppe.
Auf dieser Basis konnte das gedeihen, was ungefähr seit 2005 die Wikipedia beherrschte: Ein inner circle, der sich meist selbst als Kreis von „verdienten Benutzern“ bezeichnete. Der inner circle hatte in jahrelanger Zusammenarbeit und nicht zuletzt mittels unmittelbarer Kommunikation über den Wikipedia-Chat und auf Stammtischen eine relativ hohe Homogenität und mithin einen Konsens innerhalb der eigenen Gruppe erreicht. Es galt nun, diesen gegen die anstürmende Außenwelt, vor allem gegen die neuen Benutzer, zu verteidigen. Als ich im Sommer 2005 zur Wikipedia kam, war dieser Abwehrkampf in vollem Gange. Beispiel: Der neue Benutzer WikiCare eröffnete eine Seite mit dem Titel Wikipedia:Qualitätssicherung (QS) als Antwort auf die Tatsache, dass Verbesserungswünsche für Artikel immer häufiger auf den sogenannten Löschkandidaten ausgesprochen wurden. Hier sollten fortan Artikel ohne Druck und unter freundlicheren Voraussetzungen verbessert werden. Gute Idee, dachten sich die ebenfalls recht neuen Benutzer Kenwilliams, Thomas S., Tolanor und Wiggum und machten sich – im Gegensatz übrigens zu WikiCare, der nie einen einzigen Artikel verbessert hat – an die Arbeit. Halt, rief da der inner circle in Gestalt der Promis Southpark, Finanzer, Elian, Artikel kann man auch ohne Bausteine überarbeiten, auch ohne Listen, auch ohne Menschen, die diese Listen abarbeiten und schließlich archivieren müssen, und in den gravierenden Fällen kann ein bisschen Druck in Form eines Löschantrags auch nicht schaden. Dass sie damit recht hatten, beweist nicht zuletzt die Tatsache, dass unsere Eingangskontrolleure heute nahezu vollständig verlernt haben, Artikel selbstständig erstzuversorgen, etwa durch Wikifizierungen oder eine zumindest oberflächliche Google-Recherche, und stattdessen lieber gleich einen Baustein setzen, ob das nun ein Schnelllösch-, Lösch- oder QS-Antrag ist.
Wichtiger aber ist die Form, in der die QS bekämpft wurde: Nämlich mit dem Hinweis auf einen bestehenden „Konsens“ unter den „verdienten Benutzern“, den man als Neuling nicht einfach so umwerfen könne. Dass „Konsens“ weitgehend gleichbedeutend mit „Meinung des inner circle“ war, konnte einem neuen Benutzer zunächst nicht klar werden. Noch gravierender war die Tatsache, dass sich der inner circle, indem er dieses ominöse Wort für sich reklamierte, nicht als eine Gruppe unter vielen verstand, sondern als rechtmäßige Vertreterin der reinen Wikipedia-Lehre. Alles, worauf ein Neuling glaubte hoffen zu können – dass er an dem, was allgemein „Konsens“ genannt wurde, mitbasteln dürfe, oder dass er vielleicht eine Mehrheit von Benutzern hinter sich versammeln könne oder schon versammelt habe, war in Wahrheit nichtig angesichts der Tatsache, dass er durch die pure Reklamation des Konsens durch den inneren Kreis bereits aus der „eigentlichen“ Wikipedia ausgeschlossen war – was er spätestens merken konnte, wenn er bei einer Adminkandidatur obskure Gegenstimmen wie „Bauchgefühl“, „seltsame Ansichten“ oder „hat zuviele Babels auf der Benutzerseite“ kassierte. Jeder, der auf den Löschkandidaten für „verbessern statt löschen“ votierte oder einfach nur „behalten!“ schrieb, ohne seine Ansicht zu begründen, der bunte Babel-Bausteine auf seiner Benutzerseite sammelte oder Themenstubs einführen wollte, wich von den ungeschriebenen Gesetzen des sogenannten Konsens ab – eine Abweichung, die sofort registriert wurde und ihn zunächst einmal, ohne dass er es merkte, aus der Gemeinschaft der anerkannten, „verdienten“ Wikipedianer ausschloss.
Nun tat aber nicht jeder solchermaßen Ausgeschlossene der Wikipedia den Gefallen, sich einfach zu verkrümeln und einen Fork aufzumachen, um damit den vermeintlichen Konsens zu einem tatsächlichen zu machen. Im Gegenteil blieben die meisten Benutzer und formten ihre eigenen informellen Gruppen oder integrierten sich in das bestehende System. Die Zahl der Benutzer, die den „Konsens“ nicht teilten, stieg sogar bedrohlich an. Hier ist der Ursprung einer besonders beliebten Spielart des „Konsens“ zu suchen: Der Verdammung demokratischer Vorgänge innerhalb der Wikipedia. Die Seite Nimm nicht an Abstimmungen teil fand viel Beifall; die dümmliche Behauptung „Wikipedia ist keine Demokratie, sondern eine Enzyklopädie“, 2006/2007 fast allgegegenwärtig (prominent vertreten etwa in Markus Muellers Mantras: „Hier gibt es keine Demokratie.“), konnte nur in dieser Atmosphäre einer unterschwellig wahrgenommenen Bedrohung der eigenen Hegemonialstellung ihre erstaunliche Karriere antreten. Natürlich kann über Wahrheit und Wissen nicht abgestimmt werden. Dies war aber auch nie Gegenstand der Debatte. Wikipedia ist nicht nur eine Enzyklopädie, sondern auch ein soziales Projekt, dessen Regeln im sozialen Mit- und Gegeneinander festgelegt werden. Dabei können auch demokratische Vorgehensweisen eine Rolle spielen: Wikipedia kann gleichzeitig Enzyklopädie und Demokratie sein – ebenso wie Deutschland gleichzeitig ein Staat und eine Demokratie sein kann.
Der „Konsens“, der einen Komplex von übereinstimmenden Meinungen einer bestimmten Gruppe bezeichnete, der „Core-Community“, war also keineswegs immer von vernünftigen Überlegungen, sondern oft auch schlicht von den Interessen dieser Gruppe geleitet: Das Eherne Gesetz der Oligarchie schlug zu. Das Wikipedia-spezifische Konsensprinzip entfaltete dabei eine ganz besondere Dynamik: Weil der „Konsens“ zunehmend als übergeordnete, nicht mehr diskutable Grundwahrheit begriffen wurde, war seine Umsetzung auch den bisher gültigen Regeln nicht mehr unterworfen. Man [d. h. auch ich] fing beispielsweise an, Löschungen von Babelsammlungen bewusst ohne entsprechende Diskussion, sogar ohne Schnelllöschantrag vorzunehmen, weil der angebliche Konsens eben vorsah, dass solche Sammlungen schädlich für eine „ernsthafte Enzyklopädie“ seien. Die Core-Community verstand sich als Streiter für den Konsens, der Neulingen auch gar nicht mehr auseinandergesetzt und erklärt, geschweige denn diskutiert und infrage gestellt zu werden brauchte. Weil diese Neulinge, denen man nichts erklärte, die man stattdessen vor vollendete Tatsachen stellte, nicht so einfach spurten, entwickelte sich ein Korpsgeist in der inneren Community. An diesem Punkt brauchte jemand, der zwar bewusst und ganz offensichtlich gegen Wikipedia-Regeln und -Gepflogenheiten verstoßen hatte – etwa indem er einen angeblich schlechten, aber vielleicht schon seit Jahren so dastehenden Artikel ohne Diskussion löschte – keine Sanktionen mehr zu fürchten. Das Konsens-Korps kam ihm sogleich zuhilfe, indem es einfach behauptete, der jeweilige Kritiker der Aktion habe keine Ahnung – nämlich von was? Vom Konsens.
Trotz oder gerade wegen des sich formierenden Gleichschritts der Korpsmitglieder löst sich die Cor(e)ps Community seit etwa 2007 zunehmend auf. Das hat vor allem zwei Gründe: 1) Trotz der Repressionen konnten sich alternative Denkmodelle zum „offiziellen“, angeblichen Konsens allein wegen der schieren Hartnäckigkeit ihrer Verfechter halten oder sogar durchsetzen: Babels gibt es immer noch, die Qualitätssicherung leider ebenfalls. Radikale Konsenskrieger wie Markus Mueller verabschiedeten sich deshalb frustiert aus der Wikipedia. 2) Auf der anderen Seite des wikipolitischen Spektrums fühlten sich einige der wichtigsten Protagonisten des inner circle desto unwohler, je mehr sich der inner circle radikalisierte. Dass Benutzer ausgegrenzt und gemobbt wurden, wurde eine schwer zu übersehende Tatsache, mit dem Resultat, dass sich eine Reihe von Benutzern – teilweise mit öffentlichen Erklärungen wie Elians „Warum ich nicht mehr mitspiele“ – aus dem bisherigen Bereich der Konsensoligarchie oder sogar aus der Wikipedia verabschiedeten.
Heute besteht die Community aus kleineren Gruppen, die über gemeinsame Interessen oder (meistens) gemeinsame Ansichten zueinander gefunden haben und sich etwa über interne Chatkanäle austauschen. Einen Korpsgeist gibt es innerhalb dieser Gruppen immer noch, dessen Durchsetzung ist aber im Sinne einer „wikipolitischen“ Gesamtausrichtung der Wikipedia erheblich schwerer geworden. Der Begriff Konsens aber hat trotz dieser Veränderungen überlebt – mithilfe einer weiteren Bedeutungsverschiebung. In Ermangelung einer festgefügten Gruppe, die den Konsens festlegen könnte, ist er zu einer Art Rousseauschem volonté générale geworden: Ein vor Urzeiten von Gott, Jimbo oder Kurt Jansson in den Boden gerammter Kultstein, um den nun alle tanzen müssen. Wer aus der Reihe tanzt, wird auch heute noch mit dem impliziten oder expliziten Ausschluss aus der Gemeinschaft der „verdienten Wikipedianer“ bestraft. Leider ist die kultische Deutung des Steins heute nichtmal mehr für den Eingeweihten leicht, sodass es umso unsinniger ist, sich auf ihn zu berufen.
Das Konsensprinzip ist eine zutiefst autoritäre Ideologie. Es schafft einen großen Graben zwischen denen, die dem vermeintlichen „Konsens“ folgen und folglich als „verdiente Autoren“ zu gelten haben und denen, die der Meinung der Corps Community nicht folgen wollen und folglich „Trolle und Deppen“ oder „Störer“ sein müssen. Die Rede von „Trollen“, „Störern“, „Projektschädlingen“ zeigt, wie tief das Konsensprinzip – die Unfähigkeit, abweichende Meinungen zu ertragen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf – Einzug ins Denken der Wikipedianer gehalten hat. Der antidemokratische Ruf nach „Reinheit“ und „Sauberkeit“, das Verlangen, dass „endlich mal aufgeräumt“ werden müsse, begegnet in vielen Diskussionsbeiträgen. Die Geburt des wikipedianischen Autoritarismus aus dem Geiste des Konsensprinzips wäre zu verhindern gewesen, wenn man sich von Anfang an auf einen demokratischen Meinungspluralismus verständigt hätte. Eine Abweichung von dem, was ein kleiner Kreis von Wikipedianern als „Konsens“ definiert hat, hat nicht automatisch den Untergang der Wikipedia zur Folge. Im Gegenteil ergänzt sie das ohnehin heterogene Meinungsspektrum um einen weiteren Standpunkt, dem sich wiederum neue Benutzer anschließen können. Und die brauchen wir, um die fehlenden 100 Millionen Einträge irgendwann doch noch schreiben und die 700 000 schlechten oder suboptimalen Artikel weiter verbessern zu können.
In the summertime the stories are low. Nachdem der Spiegel ja nun schon sensationell enthüllt hat, dass Jugendliche halt Jugendliche sind, und vor allem ganz verschieden, ist Newsweek nachgezogen. Die haben die spektakuläre News, dass auch Wikipedianer und Andere vor allem Texte ins Netz stellen, weil sie persönlich was davon haben. Wow.
In zwei Punkten hat Newsweek recht: Wikipedia hat ein massives Problem was die freiwillige Mitarbeit angeht. Ebenso schreibt natürlich kein Mensch aus reinem Altruismus bei Wikipedia. In einem Punkt hat Newsweek heftig Unrecht: die Vergabe von Plastiktalmi aka Sternchen oder Orden wird das Problem nicht ändern. Naja, Newsweek selbst ist ja auch grad an dem Punkt, an dem die DDR 1989 war.
Trotzdem bleibt: Wikipedia ist das MySpace des Internetengagements. Die Autoren gehen, die guten Autoren noch viel eher. Die Zahl der halbwegs lesenswerten neuen Artikel sinkt, Nachwuchs gibt es fast keinen. Ein existenzbedrohendes Problem ist das sicher noch nicht. Die bereits vorhandene inhaltliche Substanz ist viel zu stark. Praktischerweise haben Autoren und Redakteure sie auch noch auf zeitlosigkeit getrimmt. Trotzdem ist die Gefahr imminent, weil Wikipedia sich in einer Abwärtsspirale befindet: die Leute, die gehen, werden nicht adäquat ersetzt, adäquater Ersatz hingegen schaut sich Wikipedia an, und spielt dann doch lieber Farmville, weil das intellektuell herausfordernder ist.