Samstag, 4. September 2010

Die seltsamen Kräfte der brandenburgischen Steppe

Die brandenburgische Steppe muß seltsame Kräfte des schriftstellerischen Kraftraubes aufweisen. Nachdem Dieter Moors mit seinem Brandenburg-Buch schon eher enttäuschte, habe ich die Suche nach dem netten Brandenburg-Roman fortgesetzt. Diesmal kam Roger Boyes' Ossi forever dran. Und, ähnlich wie bei Moor, ein eigentlich von mir sehr geschätzter Autor wird plötzlich kraftlos.

Boyes ist Korrespondet der Times in Berlin und schreibt eine von mir sehr geschätzte Kolumne im Tagesspiegel. Er hat einen echten Roman geschrieben, der davon handelt wie ein britischer Berlin-Korrespondent zusammen mit seiner deutschen Freundin ein Bed&Breakfast in einem Schloss im tiefen Brandenburg eröffnen will. Die Story unterscheidet sich nur marginal von Moor (statt britischen Journalist bei Boyes, ist es ein Schweizer Fernsehmann bei Moor, statt einem Bed&Breakfast ist es bei Moor ein Bauernhof), die Gegend weist Ähnlichkeiten auf (Ex-Militärflughafen bei Moor, Ex-russische Kasernen bei Boyes) und selbst die Eigenheiten der Bücher sind ähnlich.

Moor hätte vermutlich besser ein Buch über die Schweiz geschrieben - seine Beschreibungen dort sind treffend, bissig, spannend; Boyes eines über England oder Berlin - dito. Aber wenn es um Brandenburg geht, scheint die Steppe den Autoren alle schriftstellerische Kraft aus den Federn zu ziehen. Man kann ihr dabei zusehen, wie sie sich im Winde verliert, riesige Weizenfelder scheinen den schriftstellerischen Impuls zu schlucken. Da werden die Charaktere oberflächlicher, die Handlung zieht sich, was in unbrandenburgischen Teilen eine scharfe Beobachtung war, liest sich wie verschwommenes Hörensagen aus zweiter Hand.

Wo allerdings Moor anscheinend seinen Nachbarn nicht weh tun, und man deshalb des Eindruck hat, dass die spannendes Geschichten alle nicht im Buch stehen, geht es bei Boyes andersrum. Teilweise wird es, mit Verlaub, eher abstrus und mit einer Handlung bei denen man schon in westdeutschen 90er-Krimis zur Ex-DDR gedacht hätte "Ah ja."

Letztlich ist der Boyes damit noch unterhaltsamer als der Moor, ab und an gelingt es Boyes schöne Szenen und Beobachtungen einzuschmuggeln. Die britische Fontanegesellschaft ist ebenso wie der 17-jährige karibische Koch eine wirklich schöne Idee. Und wenn man sich entschließt Teile der Handlung zu ignorieren, ist es zumindest eine nette Unterhaltung. Nur auf der Suche nach dem guten Brandenburg-Roman bin ich weiterhin.

Freitag, 3. September 2010

Deep, down and dirty.

Panische Schafherden blöken laut, und so ein bißchen erinnert die deutsche Medienlandschaft ja an eine dauerpanische Schafherde. Kein Wunder, dass man neben Sarrazin gerade kaum etwas zum Thema Einwanderung hört. Aber wie die Schafherde so ist, sie wird weitertrotten, und Sarrazin taugt nicht genug als Demagoge um politisch je wirklich wichtig zu werden.

Wichtig hingegen ist die gesellschaftliche Strömung, auf die er aufsetzt. Vermutlich ist die Strömung nicht so groß, wie die Beschwerintensität vermuten lässt. Aber wenn die SPD sich schon genötigt sieht, sich bei ihren Mitgliedern für den Rausschmiss zu rechtfertigen, muss sie da sein. Aber was will sie, wohin strömt sie? Bis zum sozialdarwinistischen Kern seiner Thesen scheinen mir nur die wenigsten Leute Sarrazin zu folgen; dass sie alle rassistisch sind, ist zwar eine einladende Aussage, springt aber auch deutlich zu kurz.

Ich hatte ja schon mal gemutmaßt, wo Sarrazins Resonanzraum eigentlich hallt. Glücklicherweise aber haben wir ja mittlerweile Empörung 2.0, man kann dem Volk aufs Maul schauen, und ich mag es ja eher deep, down and dirty. Einfach mal konzentriert in die Kommentare einer Zeitung zum Thema schauen, was genau die Leute denn nun wollen. Die Zeit nehme ich, weil mir die selbst oft eher zu possierlich und gemessen ist, und ich hoffe, da eher den possierlich-gemessenen Teil der Internetempörten abzugreifen.

Natürlich gibt es ein paar Unwägbarkeiten zu beachten: Leute, die im Internet kommentieren, sind kein breiter Bevölkerungsschnitt. Die Zeit wird ihre Diskussion sicher moderieren, so dass die heftigeren Ausfälle und steileren Theorien nicht mehr im Kommentarstream auftauchen.

Ich nehme den Artikel Zurück ins Vorgestern, der einen allgemeinen Ansatz hat, so dass die Diskussion hoffentlich nicht in Detailfragen abgleitet. Mir geht es nicht darum, dass inhaltlich zu diskutieren. Erstmal will ich nur wissen, warum ein komischer Alter Mann solche Reaktionen auslösen kann.

Donnerstag, 2. September 2010

Der Drink dessen Namen nicht genannt werden darf (Update)

Damals als ich noch Jungvolk war, haben wir uns desöfteren auch mal in den Hamburger Sorgenbrecher gequetscht und zum Abschluss des Abends das ein oder andere brennende Ölfeld verkonsumiert. Mit zunehmender Weisheit haben ich dann gelernt, dass das brennende Ölfeld außerhalb des Sorgensbrechers Flaming B52 genannt wird. Damals vor zwei Jahren war eine solche Umbenennung ja eher eine Spielerei. Heute aber erklärt uns ja Thomas Hoeren in der Süddeutschen Zeitung, dass Urheberrecht und verwandte Rechte ein Massenphänomen geworden sind. Keine Wunder, dass sie ihre Rechtstentakel auch in den Bereich der friedlichen Abendgestaltung mit Cocktails ausdehnen.

The Atlantic schrub vor ein paar Tagen, dass auch Cocktailmixer sich Sorgen um ihr geistiges Eigentum machen und stärkeren Schutz einfordern. Ezra Klein widersprach dezent, TechDirt hyperventilierte erwartungsgemäß und scheint kurz davor eine Rettungsmission zur verwirrten Atlantic-Schreiberin zu schicken.

Immerhin, die fröhliche Verwirrung zwischen Urheber- und Markenrecht, die den Atlantic-Artikel durchzieht, spricht dafür, dass die Essenswelt bisher weitgehend IP-Sorgenfrei gelebt hat. Um sich Rezepte in ihrer Substanz schützen zu lassen, bräuchte man sowas abwegiges wie ein unklares Leistungsschutzrecht für Verleger. So bizarre Rechtsverdrehungen wären natürlich vollkommen unvorstellbar.

Gehen wir mal davon aus, dass man auch weiterhin Rum und Limettensaft zusammenschütten kann, ohne einen Abgesandten des kubanischen Justizministeriums am Hals zu haben. Wie ich aber schon mal kurz anriß, wenn Urheberrecht nicht geht, geht meistens Markenrecht. Niemand kann mir verbieten, einfach alle vorhandenen Alkoholika in einer Bar zusammenzuschüten. Theoretisch wäre es aber wohl möglich, dass ich das Ergebnis dann nicht mehr Long Island Ice Tea nennen darf.

Gerade bei Cocktails böte sich die Anwendung des Markenrechts an sich ja auch an. Cocktails leben ja nicht unwesentlich von ihren ikonischen Namen. Würde Mojito "Cocktail 8/45-b" heißen oder wäre "Sex on the Beach" als "Sorting Socks in the Attic" bekannt, wären sie eben nicht bekannt. Mit dem Markenschutz von Cocktails ist vermutlich Geld zu verdienen. Denn bei weitem nicht jede Bar legt die Erfindungsgabe für ein brennendes Ölfeld an den Tag, und die komischen Caipi-Stände auf den komischen Volksfesten hätten das Geld für die Lizenzgebühr sicher auch noch. Ich fürchte ja, ich sehe es kommen. Und danach schützen dann die Fernsehkochs ihre Rezeptnamen.

Kochen und Saufen ohne Sorgen um geistiges Eigentum? Das war einmal. Auf die Aussicht geh ich jetzt mal schauen, was wir eigentlich an Zutaten im Hause haben, und wo der Anzünder für den Gasherd ist.

Update: auch Gulli.com liest techdirt. Wenn auch langsamer ;-) Derweil hat The Atlantic schon wieder nachgelegt.

Manchmal

Manchmal, wenn ich so trotz aller Vorsätze doch bei Spiegel Online vorbeischaue, denke ich, so ähnlich müssen sich DDR-Bürger bei Lektüre der Jungen Welt gefühlt haben. Nachrichten aus einer Welt, die ich nicht kenne, bei der ich auch niemand kenne, der daran teilhat, und bei der ich von Jahr zu Jahr mehr Zweifel habe, ob sie überhaupt existiert. Nur bunter ist es bei Spon.

Mittwoch, 1. September 2010

Hitler-Witze

Es ist ein unwichtiger Text über eine komische Fernsehsendung, die eh schon Welterfolg hat. Eigentlich sollte man sowas ignorieren. Aber ich kann nicht anders: Jemand im Internet hat Unrecht. Da muß man aufstehen und sich engagieren! Außerdem scheint der Text grad durch den Holtzbrinck-Konzern zu wandern und ich hab Angst die Tage hinterrücks beim Frühstück von der Tagesspiegel-Variante erwischt zu werden.

Zeit-Online hat heute einen Handelsblatt-Text von Katharina Slodczyk übernommen. Sie porträtiert den englischen Moderator Jeremy Clarkson auf eine Art und Weise, die ist so neben jedem Punkt, dass es eigentlich nicht mehr entschuldbar ist. Zugunsten von Slodczyk möchte ich annehmen, dass sie nur die unsagbar schlechte deutsche Top-Gear-Synchronisation auf Kabel Eins kennt. Die nach der unsäglichen Top-Gear-Nachahmung auf DSF der zweite Anlauf ist, bei dem Deutsche bei einer Top-Gear-Adaption furchtbar scheiterten. So gesehen steht Slodczyk natürlich in einer langen Reihe des deutschen Top-Gear-Unvermögen. Beim Slodczyk-Text allerdings geht mir ja ein Punkt so gar nicht aus dem Kopf:

Slodczyk wirft Clarkson vor, dass er weder "filigrane Schmunzler" liefert noch "feinen Humor" und damit gänzlich unbritisch sei. Und diese Hitler-Witze wenn es um Deutsche geht. Ganz schlimm das alles. Da möchte man Frau Slodczyk doch mal vorschlagen, ganz oft Fawlty-Towers hintereinander zu sehen, und die deutsche Befindlichkeit runterzuschlucken.

Dann noch einfach mal 'nen Tag in Middlesborough oder Birmingham oder sonstwo unter normalen Engländern verbringen. Die sind oft sehr unterhaltsam, aber die filigranen Schmunzler sind dann doch eher was für das deutsche Bildungsbürgertum.

Englischer Humor (1) geht furchtlos dahin, wo es wirklich richtig weh tut (2) ist ebenso selbstironisch wie absurd (3) besteht zu einem guten Viertel aus Hitler-Witzen. Clarkson/Top Gear sind da schon sehr englisch.

Und mal ehrlich, wenn das nicht ebenso subversiv wie brüllend komisch ist, kann ich auch nicht helfen:

Tag der Abrechnung

Der erste vollständige Monat liegt hinter uns, Zeit für eine kleine Bilanz.

Raus:
Arbeitszeit (oh boy..)

Rein:
* Ein Exemplar Schinken-Omi (3,50€)(*)
* Ein Regenschirm und eine Flasche Prosecco (keine Ahnung, sieht aber beides edel aus)
* Spannung, Spaß und Unterhaltung, Kontakt mit lieben Menschen
* Kachingle: Null
* Flattr: Null
* AdSense: Null
* Sonstige Spenden: Null

Schon nicht schlecht, aber verbesserungsfähig.

(*Natürlich ist es an sich wahnsinn bei Reviewsachen den vollen Preis anzusetzen. Etwa 800 meiner 810 CDs, die ich zu Hause habe, hätte ich nie freiwillig gekauft, vermutlich hätte ich auch niemand gefunden, der sie geschenkt haben möchte. Aber für die Schinken-Omi hätte ich tatsächlich Geld ausgegeben, hätte es sein müssen.)

Dienstag, 31. August 2010

Hot in here

Zitat des Tages:

Intellectual property has become such a hot topic that it needs to be doused with some history.

(Robert Darnton in der New York Times)