Montag, 18. Dezember 2017

Schwimmbad Berlin: Schwimmhalle Buch

Wenn Du über weite Felder gefahren bist, die Windkraftanlagen passiert hast, ein kleines niedliches Dorfzentrum durchfuhrest und dann immer noch ein Stück durch die Gegend musst: dann besuchst du kein Berlin Innenstadtbad mehr. Willkommen in Berlin-Buch, am äußersten Nordende Pankows und damit auch am Nordende Berlins. Dort, wo die Stadt schon denkt, sie wäre die Uckermark.

Aber selbst hier hinter den sieben Hügeln gilt die Ostberlin-Regel: Du bist noch nicht am Schwimmbad, wenn Du keine Plattenbauten siehst. Auch hier, gebaut wortwörtlich auf der grünen Wiese und von dieser umgeben, liegt mitten an der Grenze zwischen Alt-Karow und Buch ein kleines Neubaugebiet des Spätsozialismus: einige Hochhäuser, eine Schule und ein Schwimmbad.

Hier endete die DDR. Das Neubaugebiet entstanden Ende der 1980er. Die Schwimmhalle wurde erst begonnen Anfang der 1990er aber noch im DDR-Entwurf. Dass hier „das Ende“ war, sieht man. Nach rechts das Wohngebiet. Das links die Wiese. Büsche, Trampelpfade, Ende der Welt. Hier verlor die DDR den Elan, der bis heute nicht wieder kam. Buch wartet hier noch darauf hinauf, dass die Nachwende-Neuzuzügler-Welle auch hierhin schwemmt.



Das Schwimmbad, ein Typbau. Von mir informell als Volksschwimmhalle Typ D bezeichnet, sachlich richtiger handelt es sich um die „Schwimmhalle Berlin 83 – Typ Berlin“. Ein Achtzigerjahre-Nachfolger der Volksschwimmhalle Typ C, in Berlin zum Beispiel gebaut am Ernst-Thälmann-Park oder in Hohenschönhausen/Zingster Straße, in Potsdam beim Kiezbad am Stern.



Von außen erkennbar durch den Beton mit Rillen (Attikaplatte), das flache Dach und der gegenüber Typ C massiveren Bauweise. Von allen Berlin-83-Bädern ist dies das grünste: in der Umgebung, im Bewuchs, aber auch von innen.



Ich fühlte mich spontan an das Paracelsus-Bad erinnert. So allein auf der Wiese wirkt die Halle in Buch groß und beeindruckend. Auffallendstes Feature auf der Vorderseite ist die Sonnenstudio-Werbung. Auch diese Halle hat in den späten 2000ern, frühen 2010ern eine Sanierung durchlaufen, die sich aber vor allem auf Dach, Lüftung etc. bezog. Dem Besucher bietet sich die Halle noch weitgehend im Zustand von 1995 dar.

Gebäude


Das Tetris-Modell des Typs D: ein Schwimmbecken, das Nichtschwimmerbecken schräg versetzt, Umkleiden auf einer Ebene an der Längsseite des Schwimmbeckens, vergleichsweise hohe Decken, ein großes Foyer. Die Anmutung, gerade im Foyer, wirkt deutlich so, als hätten die Planer auch die Westberliner Kombibäder mal von innen gesehen.

Hinter den sieben Bergen liegt ein Bad, das ist überraschend nett. Open Street Map © OpenStreetMap contributors, made available under the terms of the Open Database License (ODbL).


Die Raumaufteilung im Typ Berlin 83 (Ost) ähnelt den Kombibädern (West): Im Foyer stehen Stuhlbänke, um die Schuhe auszuziehen. Bedient werde ich von einem älteren, freundlichen Mann, der auch noch mal darauf hinweist, dass es geschickt ist, nicht die Umkleide zu nehmen, in der gerade die Schulklasse verschwunden ist.



Beim zweiten Besuch dann zwei Frauen, beide wieder sehr freundlich. Beim Verlassen versuchen sie „Achim“ wegen etwas Dringendem zu erreichen.

Umkleiden/Duschen


Klassisch Ostberlin. Zwei Sammelumkleiden (schmal und länglich) mit Schränken an beiden Seiten. Keine Einzelkabinen. Auffallend die Bänke aus Holz, die der kalten Kargheit dieses Schwimmbadtyps doch etwas gefühlte Wärme bringen.

Der Durchgang zur Dusche ist ohne Tür. In der Dusche steht kurz hinter dem Eingang eine geflieste Wand als Sichtschutz, die der Badegast dann umrundet. Die Duschen selbst sind in zwei kleinen durch eine Wand getrennten Gängen untergebracht. Bei den Herren sind diese weiß mit dunkelblauem Strich, bei den Damen weiß gefliest mit rotem Strich. Auch Ostberlin-typisch: Duschen und Toiletten sind mehr oder weniger ein Raum. Ich mag das nicht.

Je nachdem wo man steht, ist Sichtkontakt möglich. Meine Duschen liefen sehr kurz und begannen immer erst mal mit einer Sekunde kaltem Wasser. Das „Zieh!-Dich!-Aus!“-Schild war so unauffällig, dass ich es erst beim Herausgehen erblickte.

Schwimmhalle


Das Schwimmerbecken 25 Meter, 1,80 m tief, fünf Bahnen. Eine angenehm hohe Decke, im Sonnenschein war das richtig nett.



Das DDR-Design der 80er legte offensichtlich Wert auf kühles Blau, hier wirkt alles schon optisch sehr unterkühlt. Aber ob sich hier schon der Westeinfluss zeigte? Gegenüber dem etwas älteren und sehr blauen Bad in Hohenschönhausen, ist hier Farbe vorhanden: die Längswand schmückt eines der schöneren Schwimmbadmosaike in blau-gelb. Die Decke hat ein frisches Gelb. An der Fensterwand stehen verschiedenste Kübelpflanzen in offensichtlich gutem Zustand.

Besonders lobenswert an den ganzen Typ-D-Bädern ist ja die Finnland-Rinne, die schönste aller Überlaufrinnen. Das Wasser ist auf Beckenrandhöhe. Der Beckenrand steigt ganz leicht an bis zur Überlaufrinne. Soll wohl Wellen verhindern und wird als strandartig beschrieben – wirkt auch so. Fließender im Übergang, mehr das Gefühl von Weite vermittelnd als die gängigen Umrandungen, wo das Becken halt immer an einer geraden Wand endet.

Als ich da war, waren drei der fünf  Bahnen beleint (davon zwei mit Hinweisschild, dass hier zeitweise Kurse stattfinden.)

Publikum




Wochentags vormittags, viele Schüler, die obligatorischen Rentner und dann doch noch einige Menschen dazwischen. Eine recht bunte Mischung. Vermutlich schlägt hier der abgeschiedene Charakter des Ortsteils durch. Das nächste Schwimmbad ist gefühlt Lichtjahre entfernt, das Publikum hat keine Chance sich zu entmischen und zwischen Spaßbädern und Sportbädern zu wählen. Das hier ist ein echtes Becken für alle.

Gastronomie


Ein Süßigkeitenautomat. Ein Kaffeeautomat. Beides nicht testbar. Vor den Süßigkeiten standen Schülerhorden an. Am Kaffeeautomat stand ein Techniker als ich kam. Als ich knapp zwei Stunden später ging, war der immer noch da. Immerhin drückte er wild im Innern des Automaten herum und telefonierte mit jemand das Problem durchgehend.

Anscheinend war er erfolgreich: mehrere Monate später gab es dann Espresso aus dem Automaten. Der schmeckte so, wie man sich Espresso aus dem Automaten vorstellt.

Fazit



Hinter den sieben Feldern, bei den sieben Windrädern, da ist noch ein Schwimmbad, das ist viel netter als vergleichbare Schwimmbäder anderswo. Nachbarschaftsbad im besten Sinne des Wortes. Eher unspektakulär, aber gut, solide und freundlich in jeder Hinsicht.

Sonstiges



Was mir auffiel: sehr viel, freundliches Personal. Mein einer besserer Mitschwimmer entpuppte sich eine Stunde später, als er angezogen war, dann auch als Schwimmmeister.

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Ein Bad desselben Bautys, allerdings mit einem 2000er-Umbau versehen, befindet sich in Prenzlauer Berg: die Schwimmhalle Ernst-Thälmann-Park.

Wer eh schon in Buch ist, möchte vielleicht einmal den Autobahnring entlang fahren, um nach Oranienburg ins Turm-Center zu gelangen.

Frau Schwimmbadblog war natürlich auch da, und überbringt in ihrem Text die mittelbetrübliche Meldung, dass das Bad demnächst wegen Sanierung bis Ende 2019 schließen wird.

Alle Iberty-Schwimmbadposts liegen unter Schwimmbäder nah und fern: Rückblick und Ausblick.



Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Derzeitiger Stand, am 01.03.2018 schließt das Bad zur Sanierung. Der Flurfunk sagt, für 1,5 Jahre.
Tipp: An der S Bahn Buch fährt der Bus 150 ohne Umstieg zur Osloer Strasse, Kombibad Seestrasse. Getestet, weil Buch beim letzten Versuch mal wieder geschlossen war.

dirk franke hat gesagt…

Okay. Mit einer Direttissima Buch->Wedding hätte jetzt selbst ich nicht gerechnet. Bei der Sanierung darf man gespannt sein. Ich hoffe Mosaik und begründet Außenwände bleiben, und vielleicht fällt den BBB ja mal in Buch eine gute Idee ein, was man mit dem Umleidetrakt anstellen könnte,