Donnerstag, 27. Juli 2017

Schwimmbäder nah und fern: Ernst-Thälmann-Park, Prenzlauer Berg

Schwimmbäder sind schön. Eine deutsche Errungenschaft besteht darin, das Land flächendeckend mit Schwimmbädern überzogen zu haben. Schwimmnbäder sind ein Ort für alle, ein Ort für Bewegung, Spiel und Überraschungen. Schwimmbäder geben einen guten Einblick, wie Menschen sinnvoll ihre Freizeit verbringen. Als Liebhaber von Schwimmbädern werde ich dieses Blog nutzen, um einen Überblick über große und kleine Schwimmbäder zu geben: Becken, Menschen, Duschen, Kaffee und sonstige Annehmlichkeiten.  Heute: die Schwimmhalle Ernst-Thälmann-Park

Nacht. Dunkel. Kalt. Ein leerer Weg entlang der Bäume, in der Ferne vielstöckige Plattenbauten. Freitag Abend. Es fühlt sich an, wie Dienstag nachts um vier. Am gefühlten Arsch von Berlin. Inmitten des Prenzlauer Bergs. Eindrucksvolle städtische Leere in einer Gegend, die ein Zentrum der Stadt sein sollte. Ehemaliges Gaswerk, erst zu Spät-DDR-Zeiten zu einem Neubaugebiet mit Park umgewandelt. Fühlt sich an wie Vorortwohnen. Dass man gerade mit der Ringbahn kam: schon lange vergessen.
Bis da dieses warme, einladende Licht auftaucht. “Komm her. Hier ist es schön.“ Kein Hexenhaus. Ein Schwimmbad.



Eiderdaus. Vor einem Badbesuch informiere ich mich ja nicht wirklich wo ich landen werde. Ich schaue auf den Bäderatlas wo in der Nähe meiner Reiseziele eine Schwimmhalle ist. Dann überprüfe ich beim Schwimmblog und den Berliner Bädern, ob das entsprechende Bad wohl offen hat. Bei der Gelegenheit sehe ich dann bei den Berliner Bädern eins, zwei Fotos des Bades.

So auch hier. Ich stellte mich nach Ansicht der Bilder innerlich auf eine der übriggebliebenen Volksschwimmhallen ein: Sammelumkleiden mit dunkelblauen Metallschränken, weiße Wände, skeptisch schauende Menschen, vielleicht eine Zimmerpflanze am Eingang. Rustikaler ostberliner Rumpelcharme.

Dem war nicht so. Warme, Farben, Holz, unfassbar freundliche Menschen, nix rustikal, nichts Rumpel, aber Charme.


Gebäude


Das Ernst-Thälmann-Bad ist eine „Volksschwimmhalle D“. Von denselben Architekten gestalteter Nachfolger der vielfach verbauten Volksschwimmhalle Typ C, liegen hier – im Typ Berlin’83 - Schwimmer und Nichtschwimmerbecken leicht versetzt – von oben betrachtet wie eines der unhandlicheren Tetris-Teile.

Grundriss (schematisch, nicht maßstabsgerecht). Blau: Schwimmbecken, braun: Umleide, Gelb: Bademeister. Grundlage: Open Street Map © OpenStreetMap contributors, made available under the terms of the Open Database License (ODbL).


Das Foyer ist größer als beim Typ C, die Decke hat von außen kein Wellenmuster mehr und das Wasser reicht bis zum Beckenrand. Um genau zu sein, ist das Bad im Prenzleauer Berg DAS Typbad Berlin 83 – für diesen Bau wurde der ganze Typ erreichtet.

Der Ernst-Thälmann-Park: geschaffen zum 750jährigen-Berlin-Jubiläum, war ein Vorzeigeprojekt der DDR, sollte republikweit den modernen Stand des Neubaugebietsbaus zeigen. Viele der Plattenbauten waren kein Standard, sondern wurden extra für diese Siedlung entwickelt. Da durfte dann auch mal ein neuer Schwimmbadtyp entwickelt werden, der dann auch gleich noch viel billiger und ressourcensparender als Typ C sein sollte.

Schwimmhalle im Ernst-Thälmann-Park © OpenStreetMap contributors, made available under the terms of the Open Database License (ODbL).

Allerdings hat das Bad im Thälmannpark mitterweile weniger als irgendeines der Berliner Schwesterbäder (Hohenschönhausen, Buch, Kaulsdorf) mit diesem Typ zu tun. Das Ernst-Thälmann-Bad wurde vor seit 2000 mehrfach teilsaniert. (Details im Schwimmblog)



Umkleiden


Die Umkleiden in Volksschwimmhalle D sind im ganzen Typbau in unangenehmer Enge verbaut. Irritierenderweise sind sie hier zwar komplett ungestaltet seit dem Umbau, aber immer noch verbaut. Statt der engen, schlauchartigen Sammelumkleiden hier nun Unisex-Einzelkabinen: der Eindruck des zu engen-klaustrophobischen geht aber nicht davon. Selbst wenn hier alles mitlerweile ein freundliches orange hat,

Die Duschen sind dann auch eher wenig an Zahl: eine handvoll. Es sind so wenig Duschen, dass ich beim zweiten Versuch warten musste (reingehen) bzw. keine Lust hatte zu warten und gleich zurück in die Kabine ging (rausgehen). Das ist alles noch kein Hit. Aber dann komnt die..

…Schwimmhalle


Erstaunlich, was man mit einigen Lampen, einer anderen Decke, ein paar Sonnenstühlen und einem lächelnden Gesicht auf dem Beckenlift so machen kann. Das wirkt so nett und sympathisch und einladend. Dabei ist es eigentlich ein Standardbecken: 25 Meter, sechs Bahnen, 1,86m tief, die Halle selbst weder besonders hoch noch besonders flach und auch sonst ohne Auffälligkeiten. Aber die Farbe: einladend und entspannend schon aus der Ferne. Da das Bad dann doch nie so richtig leer ist, eine gute Anmutung zum Baden und Plantschen und so gemütliuch-vor-sich-hin-schwimmen.



Publikum


Prenzlauer Berg. Eher jung, eher sportlich, mit ein paar Alteingesessenen dazwischen. Faszinierend das Pärchen, bei dem er eine halbe Stunde auf die einredete (in einer Lautstärke von der die halbe Schwimmhalle etwas hatte) und ich nun alles über Finanzierung und Investoren seines Startups weiß – aber leider immer noch nicht, was jenes Startup eigentlich macht. Ist wohl auch nicht so wichtig.

So kurz vor Weihnachten hatte ich den Eindruck, dass die Belegungsdichte für Donnerstagabend noch ganz okay ist, kurz vor Ostern fühlte es sich dann sehr voll an. Auch beim Schwimmbadblogbesuch war es sehr voll.  

Auf jeden Fall spannend auch das Personal. Während beim ersten Besuch ein älterer Schwimmeister jovial mit seinen Gästen plauderte und eine Art Ansprechpartner für alle war, war der Tonfall beim zweiten mal weniger jovial: da stand dann eine Aquafrittrainerin mit Hasenohren (wir hatten Anfang April) – über die laute schlagerhafte Musik war keinerlei Kommunikation mehr möglich , aber sie schwenkte ihre Schwimmnudel in vielerlei Richtungen und die Menschen im Wasser machten brav mit.

Gastronomie


Ein Kaffee- und ein Süßigkeitenautomat. Der Espresso war trinkbar.

Sonstiges


Das Bad ist schon fast historisch: fand hier doch eine Protestaktion gegen die BBB-Preiserhöhung 2013 statt,


Die Schwimmhalle befindet sich derzeit inmitten eines Sturms. Die Anwohner haben eine sehr berechtigte Angst vor Gentrifizierung und Mieterhöhung. Das fühlt sich zwar an wie DDR-Vorstadt ist aber halt zentraler Prenzlauer Berg mit allen Begehrlichkeiten. Immerhin hat das dazu gefüht, dass die gesamte Siedlung - samt Schwimmhalle - seit 2014 unter Denkmalschutz steht. Meines Wissens die erste und bisher einzige denkmalgeschützte DDR-Schwimmhalle in Berlin. (was eigentümlich ist: viele andere DDR-Schwimmhallen sind älter, fast alle originalgetreuer - hallo Holzmarktstraße Friedrichshain, hallo Baumschulenweg - und selbst für Typ 83 gibt es noch ein als Denkmal deutlich wertvolleres Exemplar in Hohenschönhausen. Aber da gibt es halt keinen politischen Aktionismus hinter. Zumindest in der Holzmarktstraße wäre der nötig, die Halle steht tatsächlich kurz vor Abriss.)

Fazit

 

 


Ist halt Prenzlauer Berg. Voll ist’s. Eher zum Baden als zum Schwimmen geeignet. Ein echter Fan von Berlin 83 werde ich nicht mehr, aber der Umbau ist schön. Gerade im Winter oder spät abends/früh morgens – diese heimelige einladende Beleuchtung zum Baden ist die Wucht. 

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Alle Iberty-Schwimmbadposts sind unter Schwimmbäder nah und fern: Rückblick und Ausblick

Und wie fast immer, war das Schwimmblog schon vor mir da:  Schwimmhalle Ernst-Thälmann-Park und hat ein gemischtes Fazit: zum Schwimmen zu voll und das Publikum in Teilen schwierig, aber zum Baden empfehlenswert.

Da wir hier ja weder in Kaulsdorf noch in Lankwitz sind, sondern im Prenzlauer Berg, hat diese Schwimmhalle doch auch einiges an Niederschlag in Blogs und Literatur gefunden. 

Der Berlinpankowblogger hat ähnliche Erfahrungen gemacht wie wir: zum Schwimmen eher schwierig, und das ganze auch noch in eine Grafik gepackt. Berlinpankowblogger: Volksschwimmhalle:

Von Berlinpankowblogger: Volksschwimmhalle


Für die Prenzlauer-Berg-Nachrichten testete Dominique Roth (Bädertest: Schwimmhalle Ernst-Thälmann-Park): es war voll. Im Gegensatz zu solchen Langweilern wie Bianca und mir testen die Prenzlauer-Berg-Nachrichten auch auf Flirthaftigkeit des Bades: 

Vorwiegend jedoch sind bei unserem Besuch behaarte Männer Mitte Vierzig anzutreffen gewesen, die ihr breites Kreuz mit elegantem Kraulzug durch die Wassermasse gleiten ließen. Wer dieser Klientel etwas abgewinnen kann, dem sei die Schwimmhalle sehr ans Herz gelegt. Flirttechnisch anzumerken ist hier lediglich, dass die meisten dieser Männer stoisch ihre Bahnen zogen und ihren Kopf nur länger als zwei Sekunden aus dem Wasser nahmen, wenn sie wieder einmal aufgrund der vor ihnen schwimmenden Person warten mussten.

Kein Stubenkoller, ein Blog zur Freitzeitgestaltung mit Kindern, findet das Bad so durchschnittlich.

Einen sehr kurzen Bericht gibt es auch noch von der Expat-Mummy zum Besuch mit Zweijährigen. Sie war angetan. 

Wladimir Kaminer war auch desöfteren da. Zumindest taucht die Schwimmhalle in mehreren seiner Bücher als Handlungsort auf. Erstaunlich wie viele Kaminer-Charaktere dort einmal schwimmen gehen.

Ein bißchen mehr zur Plattenarchitektur des Ernst-Thälmann-Parks: Martin Püschel / www.jeder-qm-du.de

Und wer so ganz tief in den Stand des Stadtteils Ernst-Thälmann-Park einsteigen möchte, dem seien diese 115-Seiten Gutachten zur Stadtumgestaltung ans Herz gelegt,

Natürlich hat der Thälmannpark auch eine Anwohnerinitiative, die nun in ihrem Beitrag zum Park eine ganze Menge weiterer Links anbietet. 

Im Winter, als ich zu recherchieren Anfing, gab es auch einen Post vom Kiezneurotiker. Leider ist der Blog nunmehr verschwunden. (Und der Blogbeitrag der dessen verschwinden thematisierte, ist auch weg). Weiß da jemand mehr?


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