Dienstag, 5. September 2017

Schwimmbäder nah und fern: Steglitz, Sommerbad am Insulaner

Schwimmbäder sind schön. Eine deutsche Errungenschaft besteht darin, das Land flächendeckend mit Schwimmbädern überzogen zu haben. Schwimmbäder sind ein Ort für alle, ein Ort für Bewegung, Spiel und Überraschungen. Schwimmbäder geben einen guten Einblick, wie Menschen sinnvoll ihre Freizeit verbringen. Als Liebhaber von Schwimmbädern werde ich dieses Blog nutzen, um einen Überblick über große und kleine Schwimmbäder zu geben: Becken, Menschen, Duschen, Kaffee und sonstige Annehmlichkeiten.  Heute: das Sommerbad am Insulaner

So Berlin wie nur geht. Das Sommerbad am Insulaner, ehemals Südend-Bad, ist für Berliner Badverhältnisse alt (1920er), traditionsreich, im Park gelegen, mit einer bewegten Geschichte und heute der proletarische Bruder des Prinzenbades.

Das Bad war, soweit ich recherchieren konnte, das erste öffentliche(*) Sommerbad der Stadt. Erstmals in Berlin lag ein öffentliches Bad im Freien, aber nicht an einem See oder Fluss, sondern eine von Fließgewässern unabhängige Wasserversorgung hatte. Eigentlich traditionsreicher und von der Anlage her schöner, kommt es mir immer ein wenig wie der arme Bruder des herausgeputzten Prinzenbades vor.


Es sieht klein und unscheinbar aus. Aber dann kommt einiges. Und großartige Schrifttype.



Entstanden ist das Bad im Insulaner im Rahmen der Lebensreform. Ursprünglich errichtete der „Verein für Gesundheitspflege und Naturheilkunde“ ein reines Licht- und Luftbad – ein Wort das durch die Nazis verschwand, aber im Prinzip dazu dienen sollte, arme Großstadtbewohner aus den stickigen Hinterhöfen ihrer Mietskasernen auf Wiesen an die Sonne und an die frische Luft zubringen.

Die fortgeschrittene Variante des Licht- und Luftbads war dann das  Freibad. In den 1920ern gab es zwar zahlreiche Fluss- und Seebäder, Bäder ohne direkte Anbindung an ein Gewässer waren aber revolutionär.


Brauchte man für ein solches gewässerunabhängiges doch eine gute Versorgung mit sauberem Wasser. Das Becken muss dem Wasserdruck standhalten ohne dass das Wasser komplett verschwindet und ohne dass das Becken nach zwei Jahren baufällig ist. Sauber sollte das Wasser auch bleiben, denn es findet ja - anders als in Flüssen und Seen - kein stetiger Austausch des Wassers statt.

In den 1920ern war der „Verein für Gesundheitspflege im Südwesten Berlins“ tätig und initiierte den Umbau das Licht- und Luftbads zu einem Schwimmbad. Es entstanden neben den Schwimmbecken auch eine Rodelbahn und eine Laufbahn. Das Gelände lag an den Steglitzer „Rauhen Bergen“. Den „Insulaner“, den namensgebenden Trümmerberg an dem das Bad mittlerweile liegt, gab es in den 1920ern logischerweise noch nicht. Das Bad hieß deshalb auch Südend-Bad

Nicht das Sommerbad, sondern das nebenliegende Planetarium; ehrlich gesagt, das fotogenere Gebäude von Beiden.


1956-1957 wurde das Bad dann komplett umgebaut. Immerhin lag es jetzt am Abhang eines neu geschaffenen Trümmerbergs.  Die Landschaftsgestaltung des Bades geht  auf den Berg ein, spielt mit Höhen und Senken, weist für ein Berliner Bad ein ausgeprägtes Relief aus. Damit steht das Bad in einer ganzen Reihe von Berliner Freibädern (Wilmersdorf, Mariendorf, Kreuzberg), aber irgendwie wirkt das hier alles noch etwas älter und musealer als in den anderen Bädern.

Gelände


Ein sympathischer Fünfziger-Jahre-Eingang noch mit Originalschrift. Das Bad liegt recht gut versteckt in einem Wald/Park am Fuße des Insulaners. Von Außen wirkt es unscheinbar und unauffällig. Das nebenan liegende Planetarium ist optisch präsenter, das Bad verbirgt sich. Selbst Parkplätze und Fahrräder sind versteckt hinter Bäumen.

Nach dem Eingang geht es dann erstmal einen breiten Gang durch eine Parklandschaft. Die eigentlichen Schwimmanlagen verbergen sich hinter einer kleinen Anhöhe. Die Chancen länger durch eine Grünfläche zu wandern, ohne etwas vom Schwimmbad zu bemerken sind hier so groß wie kaum in einem anderen Berliner Bad. 

Dann doch der Blick auf die Becken: ein großes Schwimmerbecken, ein großes Nichtschwimmerbecken, eine Tribünenanlage, breite Wege – der Besucher wandelt durch einen zwanziger-Jahre-Freiluft-Parkpalast.

Links Umkleidehalle eins, unten der Eingang. Das Becken liegt im Rücken des Fotografen die Anhöhe wieder hinunter,


Beim meinen ersten Besuch waren - für einen meteorologisch durchwachsenen Wochentag außerhalb der Sommerferien - überraschend viele Menschen da (vielleicht 20 - 30 im Becken, etwas mehr im Nichtschwimmerbecken, deutlich mehr auf den Liegewiesen), die haben sich aber in der Größe der Anlage verlaufen. Vieles (Treppen, Gastronomie, Eingang) wirkte so als wäre es auf deutlich mehr Menschen eingestellt. Beim nächsten Besuch dann – in den Sommerferien -  deutlich mehr Menschen (50-70 im Schwimmerbecken, entsprechend mehr in den anderen Bereichen), die das ganze Gelände immer noch spielend schluckte.




Große Wiesen, große Becken und nebenan der Berg.

Getrennt durch vielerlei Hecken und Bäume bietet das Bad nicht eine große Wiese, sondern diverse Bereiche, die dann wieder kuschliger und gemütlicher wirken. Dadurch auch etwas weitläufig – mensch läuft vergleichsweise weit, um von einem Punkt zum nächsten zu kommen.
Das Becken liegt in einer kleinen Talsohle am Rande des Insulaners, direkt daneben sind Steinterrassen zum Sitzen und Sonnen, auf mehreren Seiten und insgesamt größer als beim Terrassenbecken im Prinzenbad wirkt das schon fast wie eine richtige Tribüne. Gastronomie und Liegewiesen sind deutlich erhöht.  


Duschen/Kabinen


Armut ist der beste Denkmalschutz. Berlin kann in dieser Hinsicht ja in den letzten Jahrzehnten einiges Vorweisen. Während der Beckenbereich tatsächlich sehr neu aussieht (nach 2010?) und selbst schon „Shisha-Verboten“-Schilder dort hängen, wirkt die „Umkleidehalle 1“ noch so als wäre sie im Originalzustand erhalten und nie auch nur wirklich renoviert worden. 

Eines der neusten Gebäude am Insulaner.


Stilistisch müssen Teile der Inneneinrichtung aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kommen, aber auch die haben schon so eine Patina von „Beelitzer Heilstätten“ angesetzt. Super für den Fotografen, nur so halb angenehm zum Umziehen. Links ist der Eingang zum Damenbereich, rechts der Eingang zum Herrenbereich, jeweils gekennzeichnet durch ein Schild „Sammelumkleide Damen und Sammelumkleide Herren“.

Überraschenderweise trifft man sich dann in einer großen Umkleidehalle wieder. Von der Halle ab, gehen Einzelkabinen. Die sind - glaube ich - dunkelblau bemalt, so dunkel wie es war, bin ich mir nicht sicher. Schwarz wäre möglich. Oder ein dunkles Lila. Vielleicht waren sie auch orange. Auf jeden Fall ist es in diesen Einzelkabinen echt dunkel.

Auch sind sie eng und riechen so, wie Material riecht, das seit fünf Jahren nicht mehr richtig trocken geworden ist. Die Gitter, die die Kabine nach oben begrenzen helfen nicht, ein Gefühl der Gemütlichkeit zu erzeugen.  

Für die Toiletten – charmanterweise noch als „Aborte“ bezeichnet – hatte ich ehrlich gesagt nicht genug Mut, um diese zu betreten. Die Zeit, die 2007 noch ein "Berlin-Journal" hatte, schrieb damals "Die Toiletten sehen durch die Bank aus, als wären dort kurz zuvor Pferde gestorben." - immerhin, wenigstens etwas das in den letzten zehn Jahren etwas besser geworden zu sein scheint. Nein, einladend waren die Aborte wahrlich nicht, aber immerhin fiel der kursorische Blick auch auf kein totes Pferd.

Die Duschen waren vor einigen Jahrzehnten mal funktional, jetzt eher rustikal. Nach meiner Zählung fünf etwas moderne Duschen mit Temperaturregelung und fünf kalte Duschen – selbst an diesem eher kühlen Tag standen die Männer schlange.Immerhin, die Duschen funktionierten und ein Knirps bot mir an, dass ich doch meine kalte Dusche gegen seine warme tauschen könnte und er mir Platz machen würde.

Auf dem Gelände verteilt sind noch einige weitere Toilettenhäuschen – ist wohl auch sinnvoll so.
Für Wertschließfächer gab es zwei Schränke. Einer der funktionierte mit etwa vier Fächern und einer deren Fächer wohl keine Schlüssel mehr haben. Freundlicherweise könnte man ihn Deko nennen. Faszinierend, dass ein Schlüsselband (genau in meiner Augenhöhe) so verknotet war, dass es nicht mehr nutzbar war. Und ich habe natürlich über drei Wochen mehrfach nach diesem Band gegriffen – und nach drei Wochen war es immer noch verknotet.

Schwimmen


Ein großes Schwimmbecken mit 50-Meter-Bahnen, dazu ein sehr großes Nichtschwimmerbecken und etwas versteckt ein kleineres Babybecken, das charmanterweise aussieht wie die Miniaturausgabe des Nichtschwimmerbeckens. Eine Rutsche, ein Sprungbecken (1/3/5-Meter-Bretter und Türme) und so Sprudelpilze bieten für Berliner Verhältnisse eine imposante Badelandschaft.

Das Wasser war eher kalt aber noch nicht unangenehm.  Das Schwimmerbecken selbst war aus Metall mit einer Art Noppen an den Wänden, um die Griffigkeit zu erhöhen. Die Metallkonstruktion soll wohl haltbarer sein, ist etwas gewöhnungsbedürftig, aber wenn die Sonne sich unter Wasser im Metall spiegelt und Formen bildet – großes Kino. Aus optischen Gründen ziehe ich Metallbecken ja immer vor, nur die Haptik ist gewöhnungsbedürftig. Bahnen waren keine abgesperrt.

Neben den Becken die genannten Tribünen auf drei Seiten, auf denen kleine Mädchen Fußball spielten, andere Menschen lasen oder versuchten sich in der nicht vorhandene Sonne zu sonnen.

Die Sprungtürme – ich möchte bitte auf diesen Sprungtürmen einen postapokalyptischen Endzeitfilm drehen.

Publikum


Hier entlang kommen sie alle.


Selbst für ein Freibad viele Kinder und junge Jugendliche. Die haben zum Glück viel Platz zum sich austoben. Eine handvoll Schwimmer, die tapfer durch das Gewusel Bahnen zogen und das auch überraschend gut hinbekamen. Wenige ältere Herren- und- Damen- trieben gesundheitsbewusst durch die Gegend. Insgesamt sehr quirlig überall, sehr lebendig, weit heterogener als zum Beispiel in Kreuzberg. Zum Bahnen schwimmen stellt sich die Lage allerdings schwierig dar. Bahnenschwimmen ist unquirlig.

Gastronomie


So ähnlich stelle ich mir englische Badeorte vor. Eigentlich ist es ein langes Gebäude, das optisch von außen in verschiedene kleine Kioske unterteilt ist, an denen es mal Eis gibt, mal Getränke, mal Pommes et al oder auch Asia-Box oder Gurkensalat. Man geht all die Kioske entlang und wird am Ende durch eine Kasse-für-alles wieder in die Freiheit entlassen.

Leider, wie das ganze Bad, roch es auch hier etwas seltsam.

Nett und sympathisch fand ich, dass es neben dem Gurkensalat auch Melone gab, das Wurst- und Pommesangebot war eher vielfältig und an Getränken gab es neben dem Obligatorischen auch Bier und Feigling.

Die Stühle sehen aus wie aus halben-Bäumen-mundgehämmert aus halben Bäumen, aber vermutlich hat dafür mal jemand viel Geld ausgegeben und immerhin bestehen sie aus Holz. Insgesamt fand ich doch die Strände in Italien netter, an denen schneidige Italiener Prosecco und Rotwein verkauft haben.

Sonstiges



Der erste Abstellplatz den ich sah. Man beachte auch das halbzugewachsene Schild, dass niemand für gestohlene Räder haftet.


Irgendwann musste ich mich der Erkenntnis fügen, dass das Bad tatsächlich in Steglitz liegt. Auch wenn es sich hier so wenig nach Steglitz anfühlt wie kaum etwas und laut Open Street Map die Badgrenze auch die Bezirksgrenze nach Tempelhof-Schöneberg ist. Das Bad liegt im Nichts, weit ab von aller Bebauung, das Publikum ist eher so wie ich mir Kreuzberg in den 1980ern vorstelle oder Neukölln ohne Aggro-Drogen; schon fast Zille-Zeichnungs-Potenzial. Nichts vom zurückhaltenden selbstzufriedenen Wohlstand, den doch Steglitz immer so gerne ausstrahlt.

Fazit


Das Bad fordert heraus. Eine traumschöne Anlage, die müffelt. Denkmalhistorische Anlagen, die einer Sanierung dringend bedürften, aber bei denen man Angst hat, dass sie durch eine Sanierung verschwinden. Ein luxuriös aussehender Gastrobereich, der aber auch ein wenig Angst macht. Ein sehr quirliges Abwechslungsreiches Bad mit abwechslungsreichem Publikum mit hohem Unterhaltungswert – nur Schwimmen ist eher schwierig. Ist es noch ein Schwimmbad oder ist es schon Kunst?

Anmerkungen


(*) Das erste Sommerbad – also das erste Schwimmbecken, das nicht an einem Fluss oder See lag, war das Bad im Deutschen Sportforum – dem Vorläufer des Olympiastadions. Das war aber, wie der Name schon sagt, exklusiv für Sportler reserviert, öffentliches Freizeitschwimmen fand dort nicht statt.

Weiterlesen

 

Das Schwimmblog war auch schon da. Wie immer, lese ich keine anderen Texte bevor ich meinen Erstentwurf schreibe und wie immer ist es frappierend, wie ähnlich ihre Eindrücke den meinen aufgeschriebenen sind: Sommerbad am Insulaner.

Wie immer bei den älteren Berliner Bäder, ist das Buch zum Bäderbau in Berlin empfehlenswert. Eine Autorin, Uta Maria Bräuer, ist mittlerweile auch auf Twitter und als @Uta_Braeuer für Fragen ansprechbar.

Ein echter Schatz. Das Online-Archiv des Heimatvereins Steglitz mit dreieinhalb Dutzend alten Aufnahmen des Bads.  Online-Archiv. Thematische Suche nach #Sommerbad am Insulaner#

Die Bauwelt von 1962 scheint auf Seite 859 noch etwas zum Bad zu haben, dies ist aber noch nicht gesichtet.
 

Die weiteren Iberty-Schwimmbadposts liegen immer noch unter: Schwimmbäder nah und fern: Rückblick und Ausblick. 

Mamaskind war (ziemlich am Ende vom Post), hat aber anscheinend das Wasser weit umgangen: Strandbad und Freibad in Berlin – muss man mögen Stadtwaldkind war 2012 auch mit Kind vor Ort, ist aber sogar ins Wasser gekommen: Unser Besuch im Sommerbad Am Insulaner, Berlin

Das Neue Deutschland schreibt, dass sie zwar oft am Insulaner waren, aber da anscheinend noch nie schwimmen wollten.. Laut ND ("Fein säuberlich getrennte Badewelten") gibt es keinerlei Konflikte zwischen Kindern und Schwimmern, weil die Kinder ja im Nichtschwimmerbecken sind und friedlich ihre Bahnen ziehen. Nur leider gibt es die Konflikte Schwimmer/Kinder eher selten, sondern eher die zwischen Schnell- und Langsamschwimmern, Geradeaus- und Querschwimmern, Solosportlern und Damengrüppchen oder auch Freizeitschwimmern und Bretter-Alles-über-den-Haufen-Triathlethen.

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