Donnerstag, 10. August 2017

Schwimmbäder nah und fern: Blu, Potsdam

Schwimmbäder sind schön. Eine deutsche Errungenschaft besteht darin, das Land flächendeckend mit Schwimmbädern überzogen zu haben. Schwimmbäder sind ein Ort für alle, ein Ort für Bewegung, Spiel und Überraschungen. Schwimmbäder geben einen guten Einblick, wie Menschen sinnvoll ihre Freizeit verbringen. Als Liebhaber von Schwimmbädern werde ich dieses Blog nutzen, um einen Überblick über große und kleine Schwimmbäder zu geben: Becken, Menschen, Duschen, Kaffee und sonstige Annehmlichkeiten.  Heute: Das Blu in Potsdam

Der Laie staunt und der Experte noch viel mehr: es steht ein neues, zeitgemäßes, Bad im Großraum Berlin. Es hat nicht nur einen großen, bunten Spaßbereich, sondern auch noch ein Sportbecken im Olympiaformat.

Nachdem bisher im Berliner Raum die Fahne der Multifunktionsbäder eher schlecht als recht vom Wellenbad am Spreewaldplatz in Kreuzberg und dem Turmcenter Oranienburg hochgehalten wurde, die Berliner Neubauplanungen für ein modernes Multifunktionsbad halt dort stecken wo Berliner Neubauplanungen immer stecken, springt Potsdam ein. Nahezu im Zeitplan, aufwendig, an zentraler Lage neben dem Hauptbahnhof, entstand ein neuer Schwimmtempel. Der Tempel eröffnete fast im Zeitplan und nur zwei Wochen, nachdem das Vorgängerbad schloss, im Sommer 2017.



Das Blu trat dabei ein schweres Erbe an. Der Vorgänger, das Bad am Brauhausberg, gehörte zu meinen liebsten Bädern aller Zeiten.


Die ersten Anblicke der Blu-Baustelle glichen eher einem ins gigantische gewachsenen Bunker als einem Schwimmbad.

Auch nicht gut für das Karma war die Benennung mit dem überaus austauschbaren Begriff "Blu" (Schwimmbad? Energiekonzern? Zigaretten? Videoschnittsoftware?) anstatt des ebenfalls vorgeschlagen Namens "PotWal" (Potsdamer Wasserlandschaft)

Die Vorgeschichte des Bades war einer solchen Großbaustelle würdig mit diversen Umplanungen, Protesten, Neuplanungen, Geldknappheiten.

Aber jetzt ist es da, und ich sah, dass es gut ist.



Dabei beginnt der Besuch noch improvisiert. Der Gang durch das Foyer erscheint noch nicht so recht fertig, bei einem Besuch war der Haupteingang auch gleich ganz Baustelle und der Weg ins Bad führte durch einen Nebeneingang. Ist der Haupteingang aber geöffnet und geht man geradeaus, dann landet man in einem langen Gang, bei dem nicht so klar ist, was er dort soll.



Irgendwo sind Toiletten und irgendwo anders, kaum gekennzeichnet und durch eine Treppe zugänglich, die wirkt, als führte sie in den Versorgungskeller – geht es auf die Tribüne.

Der eigentliche Eingang für Schwimmer in das Bad führt an einem großen Tresen in auffallendem Gelb vorbei, mit Verkaufsstand für Badekleidung, Schwimmringe, Schwimmwindeln etc., wo einem nette motivierte Damen (es waren immer Damen) Auskunft geben und Karten verkaufen. An der Kasse lag bei einem Besuch eine handgeschriebene Liste, damit welcher Vereinstrainer wann welchen Schlüssel bekommen hat – bei so einem neuen teuren Bad, doch überraschend handgestrickt.


Gebäude


Respekt. Von außen sieht das Blu aus wie ein Bunker, von innen ist das Bad licht, hell, großzügig, übersichtlich und mehr als einladend. Zum Gebäude gehört ein großes Sportbecken (50 Meter, 10 Bahnen, Olympiaformat, gehört damit zu den drei größten öffentlichem Becken im Großraum Berlin) plus Nichtschwimmer/Lehrschwimmbecken, ein großes Familienbecken, mit Außen- und Innenrutsche, im zweiten Stock dann Sauna, Gastronomie und eine Tribüne für das Sportbecken.

Langfristig soll auch eine Liegewiese zum Familienbad gehören, die ist aber derzeit noch eine Baustelle. Raus kann man gar nicht, vom Innenraum aus  immerhin einen dekorativen Bagger anschauen.

Sport- und Familienbecken sind baulich getrennt, kein Wunder kostet das Spaßbad doch ein mehrfaches an Eintritt – aber optisch durch viele Glaswände verbunden.

Positiv erwähnenswert sind übrigens auch noch die Fliesen. Im gesamten Bad inklusive der Beckenumrandungen, Kabinen und Duschen läuft man selbst Barfuß sicheren Schrittes.






Umkleiden / Kabinen


Gelb! Warum heißt ein Bad „Blu“ wenn die prägende Farbe doch eigentlich Gelb ist? Der Anspruch an das Bad ist ein Sportbad. Die Kabinen, Unisex, der Durchgang zum Spind führt zwangsläufig durch die Kabine. Hier ist auch der Wechsel vom Schuh zum Barfußbereich, oder anders gesagt, in der Kabine ist der Boden gleichzeitig dreckig und nass. Die Kabinen sind aber in engen Gängen untergebracht, es strahlt eher Funktionalität als Behaglichkeit aus.

Die Spinde. Um mich mal selbst aus meinem Post zum Vorgängerbad zu zitieren:

Die Schränke eine echte Fehlkonstruktion. Mittlerweile weiß ich, dass die Welt diesen Umkleidebereich der ersten Nachwendesanierung von 1992 verdankt, Liebe Potsdamer, ich nehme an, es ist euch mittlerweile bewusst, aber da hat euch jemand mit komischem Schund abgezogen.

Nein. Es ist ihnen nicht bewusst! Dasselbe gruslige Spindmodell wie im Bad am Braushausberg. So eine Art L mit größerem quadratischen Fach und einem kleinen langen schmalen Teil. Die Idee verstehe ich ja noch, Tasche ins Fach, Jacke/Hose etc. in den langen Teil.

Nur ist das Fach zu klein und liegt blöd unzugänglich oben oder unten, der Spind ist für längere Jacken zu kurz und für eine dickere Jacke plus Hose zu eng.

Naja, immerhin die Kabinen sind deutlich besser als im Vorgängerbad, die Wege besser ausgeschildert und auch die – eher kleine – Dusche hat ausreichend Heißwasser und Ablagemöglichkeiten und macht einfach einen schönen Eindruck.

Aus den Kabinen geht es in einem breiten Flur. Von dort aus entweder direkt weiter geradeaus in das Sportbecken – Besuch auf jeden Fall in der Eintrittskarte drin – oder nach rechts abbiegend durch ein weiteres Drehkreuz in das Familienbad.

Sportbecken


50 Meter. Über 2 Meter tief. 10 Bahnen. Hohe Decke, eine Glaswand an der Längswand, aber durch Oberlichter und die Raumhöhe hell. Mit Sprungturm und dort knapp 4 Meter Wassertiefe. Schwimmerhimmel. Wände und Beckenboden sind gekachelt, die Überlaufrinne folgt dem Modell Helsinki, ist also die schönstmögliche aller Rinnen. Unter der Decke sind große Holzbalken zu sehen.

Es ist ein Traum.

50 Meter. 10 Bahnen. Ein Traum. Ein Traum. Foto: Potsdamer Bäderlandschaft.


Das Lehrschwimmbecken hat am Rand das alte Wandbild neben dem Nichtschwimmerbecken aus dem Bad am Brauhausberg bekommen.

Dieses Bild kenne ich schon aus dem Bad am Brauhausberg. Foto: Potsdamer Bäderlandschaft

Die Größe des Hauptbeckens, 50 mal 25 Meter, hat den Vorteil, dass ich das Bad seitwärts absperren lässt. Beide mal als ich dort war, fand Wasserballtraining statt. Für die Öffentlichkeit herrschte Querschwimmen auf den 25-Meter-Bahnen.

Schön auch, dass sich die Betreiber Mühe geben, das Blu nicht als Vom-Himmel-gefallen darzustellen, sondern Verbindungen zu anderen Potsdamer Bädern zu schaffen. Neben dem Bild am Nichtschwimmerbecken tragen die Rettungsringe deutlich lesbar die Aufschrift „Waldbad Templin“, das „gesperrt“-Schild auf dem 1-Meter-Brett war dasselbe alte DDR-Schild in Handschrift über das ich mich auch schon beim Besuch am Brauhausberg gefreut hatte,

Auch noch eine nette Entdeckung: die Leitern in das Becken haben wie überall Handgriffe. Was ich aber noch nicht erlebte: auf den Griffen ist in Braille die Wassertiefe eingeprägt, die dort gerade herrscht.

Familienbad


Groß ist das Spaßbad, nicht warm. Es gibt ein extra Babybecken, sonst ein sehr großes Becken von etwa 120cm Wassertiefe, in dem dann mehrere „Attraktionen“ sind – Sprudeldüsen, eine kleine Kletterwand, diese Rundumströmung.

Die kleine Rutsche. Foto der Potsdamer Bäderlandschaft.


Zusätzlich noch in der Halle eine breite Rutsche und – von einem Turm beginnen – eine klassische Wasserrutsche für die allerdings verschiedene Unterlagen wie kleine Boote oder Reifen am Rande hängen mit denen man Rutschen kann.  An sich kann man hier locker einen halben Tag verbringen. Das Becken selbst, das die ganzen Attraktionen verbindet, ist groß genug und mit über einem Meter auch eigentlich tief genug, um ordentlich schwimmen zu können. Mehr Platz als im Hauptbecken ist auf jeden Fall vorhanden.



Hier allerdings wirken Hallengröße und –höhe eher kahl und leer. Es sieht spontan nach weniger aus als es da ist. Da ein Großteil des Publikums auch den teuren Einritt verschmäht, hallt das immer etwas. Im Gegensatz zum Sportbad – großartig und voll – ist das Familienbad noch nicht so richtig angekommen.

Publikum


Eine seltsame Entwicklung. Da hat Potsdam ein tolles neues Bad mit ungeahnten Spielfeatures, Rutschen, zentral gelegen, breit in der Presse gewesen und dementsprechend kommen Menschen.

Dann stehen sie vor dem Bad, werfen einen Blick auf die Eintrittspreise, und entscheiden sich spontan für das Sportbad. Ich glaube, noch nie habe ich so viele Badende in einem echten Sportbecken gesehen. Aber zum Glück ist dieses Becken riesig: Trotz Wasserballtraining und abgesperrten Bahnen für Schwimmtraining und vielen Menschen die badeten, war immer noch genug Platz zum Schwimmen da und soweit ich sah, gab es auch abgetrennte Bahnen für sportliche Schwimmer.

Auffallend übrigens, dass fast alle Anwesenden ziemlich jung waren – hier lag ich in der älteren Hälfte, im Potsdamer Kiezbad am Stern bin ich um dieselbe Zeit fast der jüngste freiwillig Anwesende.

Gastronomie


Im Eingangsbereich gibt es in einem kleinen Kabuff die üblichen Automaten. Dort ist allerdings auch eine kleine Bar zu sehen, vielleicht soll hier mal mehr entstehen. Im Bad selbst entdeckte ich einen Pfeil ins zweite Stockwerk zur Gastro, hatte aber weder Geld noch Bademantel dabei und dann auch keine Lust nach der Gastro zu suchen.

Im Obergeschoss harren offenbar noch weitere Schätze der Entdeckung. Die Gastronomie. Der Dachgarten. Oder diese Reminiszenz an die Unterführung am Berliner Messegelände. Foto: Potsdamer Bäderlandschaft.


Preise


Um es nochmal zu sagen: ein nagelneuer Schwimmtraum mit Becken im Olympiaformat, viel Liebe zum Detail, jeden Tag bis Abends geöffnet, kostet weniger als das abgeranzeste Berliner Bad mit 5 Meter Bahn, semikaputten Duschen, historischen Umkleiden und Einzelteilen, die von der Decke zu kommen drohen. Berliner Bäder Betriebe, versinket in Scham! Für das Sportbad: 2 Stunden für 4 Euro, Familienbad 3 Stunden für 12 Euro.

Fazit


Ich staunte. Ein neues Bad, 2017 gebaut, mit all‘ den üblichen Spaßbadspielereien. Und dann es ist unter anderem ein hervorragendes mit viel Liebe und Blick für’s Detail ausgestattetes Sportbad - eine wahre Freude für's Schwimmen..



Weiteres

Die gesammelten Iberty-Schwimmbadposts von Italien bis Büsum liegen unter Schwimmbäder nah und fern: Rückblick und Ausblick.

Die Innenraumfotos stammen von der Bäderlandschaft Potsdam, die tapfer mein Anfragen nach "aber bitte nichts zu werbliches" ertragen hat. Jetzt muss ich die Badebetreiber nur noch überreden, jeweils Fotos von den "Bitte Ausziehen".Schildern in all' ihrer Vielfältigkeit zu machen,

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

"die Überlaufrinne folgt dem Modell Helsinki, ist also die schönstmögliche aller Rinnen." ??? Hattest du irgendwo einen Post "Überlaufrinnenmodelle für Anfänger" und ich hab ihn übersehen/verdrängt, oder ist das wirklich noch unveröffentliches Spezialwissen? Kannst du dazu nicht was schreiben/verlinken?

dirk franke hat gesagt…

Ja, den Artikel habe ich dreiviertelgeschrieben seit diversen Monaten auf der Festplatte und vergesse ab und an, dass er da noch liegt. Zur Zeit mangelt es an den Zeichnungen. Aber zur Helsinki-Rinne: die ist einerseits auf Höhe des Schwimmhallenbodens, das Wasser liegt also nict unter dem Boden sondern man kann rausschauen, zum anderen steigt sie sanft vom Wasser weg an - ungefähr wie ein Strand auch. Erzeugt am ehesten den Eindruck eines natürlichen Übergangs und von weite und ämpft darüber hinaus noch von allen Rinnen am besten die Wellen. (was ein Grund dafür ist, dass man Helsinki am ehesten in Sportbecken vorfindet in denen es explizit ums Schnellschwimmen geht)