Mittwoch, 12. April 2017

Schwimmbäder nah und fern; Potsdam, Bad am Brauhausberg

Schwimmbäder sind schön. Eine deutsche Errungenschaft besteht darin, das Land flächendeckend mit Schwimmbädern überzogen zu haben. Schwimmnbäder sind ein Ort für alle, ein Ort für Bewegung, Spiel und Überraschungen. Schwimmbäder geben einen guten Einblick, wie Menschen sinnvoll ihre Freizeit verbringen. Als Liebhaber von Schwimmbädern werde ich dieses Blog nutzen, um einen Überblick über große und kleine Schwimmbäder zu geben: Becken, Menschen, Duschen, Kaffee und sonstige Annehmlichkeiten. Heute: das Bad am Brauhausberg, Potsdam.

Es ist wie im Ferienlager in der achten Klasse. Du lernst den Menschen überhaupt kennen. Denjenigen auf den Du immer gewartet hast, so schön, berauschend intelligent, witzig, voller Charme. Du bist hin und weg. Und dann erzählt der dieser Mensch: Ich fahre morgen früh; nach Hause. Auf eine Hallig. Und nächste Woche wandern meine Eltern mit mir nach Kanada aus. Wo wir 20 Jahre im Wald leben werden ohne jede Verbindung zur Außenwelt.

Was überwiegt: Freude über den Fund, oder Schmerz über den Verlust?



So ähnlich geht es mir mit dem Potsdamer Bad am Brauhausberg. Diese Kurven! Diese Seele! Diese großzügige Anlage! Der 4-Meter-Abgrund am Schwimmbadboden. Die Lampen. Die unglaubliche luxuriöse Größe.



Aber: Um überhaupt zum Bad zu gelangen, muss man schon über eine Baustelle stapfen, vorbei an der Ruine des ehemaligen Restaurants Minsk, den Baggern ausweichen und hinter all‘ den Zäunen den Eingang finden. Die einst liebevoll angelegten Außenanlagen mit Blumen und Springbrunnen sind schon nicht mehr vorhanden.

Das Bad steht auf Abriss. Sein Nachfolger, das „Blu“ – der Fassade nach zu urteilen dreimal so groß und 15mal hässlicher – steht schon direkt daneben. Das Bad am Brauhausberg existiert fast nicht mehr. Der mehrfach verschobene Schließungstermin des Brauhausbergbads ist für Frühjahr 2017 angekündigt. Und auch wenn ich rational die Gründe für einen kompletten Neubau nachvollziehen kann: ES IST EINE SCHANDE!

Das Bad am Brauhausberg, ehemals Schwimmhalle an Brauhausberg, ist ein alter DDR-Prachtbau. Entstanden zwischen 1969 und 1971 im Rahmen eines DDR-weiten Programms zum Aufbau von Sportstätten. Das Bad geht auf die Schwimm- und Sprunghalle Freiberger Platz in Dresden zurück, wurde im Bautyp nur gering abgewandelt.

Es entstand zu einer Zeit als "als auch in der DDR Architektur eine erstaunliche Experimentierfreudigkeit zugelassen wurde. Diese Bildzeichenarchitektur als bebaute Landschaft ordnet sich ganz in den Trend der weltweiten Nachkriegsmoderne zwischen Brasilia und Moskau ein." Die Dresdner Halle steht übrigens mittlerweile unter Denkmalschutz, wurde um einen Neubau erweitert und wird gerade bis zur Neueröffnung grundsaniert.

Als Spätsechziger-Sport-Prachtbau hat die Schwimmhalle in Potsdam eine ähnliche Tradition wie das ebenfalls großartige Marienbad in Brandenburg. Die Schwimmhalle am Brauhausberg war das erste echte Schwimmbad der Stadt. Bis 1970 gab es für ganz Potsdam nur das Volksbad von 1913, das - wie alle Volksbäder - sehr schön, aber zum Schwimmen komplett ungeeignet war.

Gelegen ist es nahezu perfekt für ein Bad in Sichtweite des Bahnhofs, in der Innenstadt, neben der Havel und am Rande des Brauhausbergs, einer kleinen zentralen Grünfläche.

Das Bad zwischen Bahnhof, Havel und Parks. Open Street Map © OpenStreetMap contributors, made available under the terms of the Open Database License (ODbL).


Gebaut wurde die Schwimmhalle am Brauhausberg mit Hilfe Freiwilliger (im Internet gibt es noch die Aufrufe zur Hilfe), der sowjetischen Armee und Baufirmen, die sonst keine Schwimmbäder bauten. Selbst für Spezialisten wäre das Bad mit seiner Größe und der anspruchsvollen Konstruktion ein ambitionierter Bau gewesen. Für Freiwillige und Ungeübte war zuviel. Das Bad hatte von Anfang an die ein oder andere Macke. Soweit es sich mir erschloss, haben die Bauherren die Dachkonstruktion von Anfang bis Ende nicht wirklich in den Griff bekommen. Dementsprechend anfällig war und ist es für Bauschäden und Sanierungen. Wer noch mehr Geschichte haben möchte, inklusive alter Aufnahmen, dem sei diese Kurzdokumentation ans Herz gelegt: Filmbüro Potsdam: Bad am Brauhausberg - Historie.

Das Bad ist ein echtes Sportbad – 50 Meter Bahnen, Tribünen, Zeitmessanlage. Es war aber im Gegensatz zu vielen anderen Bädern auch schon von Anfang an für die Öffentlichkeit bestimmt. Dennoch: hier gab es DDR- und Deutsche Meisterschaften. Hier wurde ein Weltrekord geschwommen.

Aber ach. Als echtes Bad für Leistungssport ist es nicht mehr modern genug. Als 50 Jahre altes Bad ist es dringend sanierungsbedürftig.  So richtig etwas womit sich Städte sich ist „50-Meter-Bahnen und sonst nichts“-Bad heute auch nicht mehr.

Gebäude


Konkav. Zur einen Seite geht es hoch mit einer breiten Fensterfront. Zur anderen Seite geht es hoch mit Oberlichtern, die die Zuschauertribüne von hinten erleuchten und in der Mitte wird es niedriger. Tres chic. Die Grundform ist die eines Rechtecks. In der einen Hälfte liegt die Schwimmhalle, in der anderen Kabinen, Sauna und Nichtschwimmerbecken.

Altes Bad (unten) und neue Schwimmhalle (oben). Rechts vom alten Bad das Restaurant Minsk. Open Street Map © OpenStreetMap contributors, made available under the terms of the Open Database License (ODbL).


Foyer und Umkleidebereich sind wohl mal in den 1990ern saniert worden – und ich weiss nicht wie es vorher aussah, es kann nur besser gewesen sein .

Wandrelief von Werner Nerlich.


Aber ansonsten: edel wirkende Materialien, Schwung und Licht, ein wenig versuchter Schick, eine bessere DDR-Wandskulptur an der Seite. Freunde, zur Sonne, wollte das Aussagen und das tut es selbst an einem verregneten Februartag inmitten einer Baustelle. Das muss zu seinen Glanzzeiten groß gewesen sein.

Umkleiden / Duschen


Sie verwirrten mich. Mehrfach. Zum einen hatte ich vor dem ersten Besuch zumindest in Erfahrung gebracht, dass es ein DDR-Bad war, das wegen Sanierungsstaus abgerissen werden muss. Dementsprechend hatte ich mich innerlich auf die gute alte Sammelumkleide in dunkelblau eingestellt.

Das war es nicht: das waren Einzelkabinen, die nicht mal nach Männlein und Weiblein getrennt waren, aber trotzdem auch meilenweit von allem entfernt waren, was so an neuen Kabinen in den letzten 20 Jahren gebaut wurde.

Zum anderen hatten die Wertschränke immer gleich zwei Zahlen, Einsteckmöglichlichkeiten für eine Karte (die ich nicht hatte und nicht bekam) und für ein 2-Euro-Stück, das sich aber nicht wirklich reinstecken ließ. Beim ersten Besuch fand ich dann einen Schlüssel, der auch ohne Pfand funktioierte. Beim zweiten Besuch warfen wir die Wertsachen erstmal in das Fach ohne Boden – und konnten sie dann drei Fächer weiter ohne wieder rausziehen. Die Schlüssel widersetzten sich allen Versuchen ihn frei zu bekommen.Irgednwann gaben wir auf.



Die Umkleiden im Verwirr-Unisex-System: es sah aus - Aufteilung in rechts und links, zwei große Eingangsbereiche ohne Tür, Schränke gleich neben den Kabinen - wie die eine alte westdeutsche Männer/Frauen/Einzelumkleidesituation. Ich fand aber keine Kennzeichnung, wollte jetzt auch nicht ausversehen in die Frauenumkleide hineinrennen und habe mich einfach mal dem alleinkommenden Mann angeschlossen und bin ihm hinterhergeeilt. Zumindest hat mich niemand rausgeschmissen.

Beim zweiten Versuch waren wir dann doppelgeschlechtlich unterwegs, haben geschaut: es sind definitiv keinerlei Hinweise auf Geschlechtertrennung zu erkennen, vorsichtshalber sind die Türen zu den Gängen ausgehängt und im Bereich zwischen Kabinen und Schrank hängt ein Schild mit Hinweis auf die Videoüberwachung.

Was alles nicht die nackten Männer daran hinderte, in den Gemeinschaftsbereichen durch die Gegend  zu rennen und sehr verwundert zu schauen, wenn eine Frau sich in den Bereich gegenüber der Männerdusche verirrt.

Die Kabinen dann in einem komischen Türkis. Die Schränke eine echte Fehlkonstruktion.

Mittlerweile weiß ich, dass die Welt diesen Umkleidebereich der ersten Nachwendesanierung von 1992 verdankt, Liebe Potsdamer, ich nehme an, es ist euch mittlerweile bewusst, aber da hat euch jemand mit komischem Schund abgezogen.  Dieser Umkleidebereich ist alles, was wir an den 1990ern vergessen sollten.

Die Duschen sehen dann in ihrer Struktur noch sehr nach Ostberliner Bad aus, In Potsdam muss man nicht nur unbekleidet duschen, sondern sich laut Schild sogar unbekleidet abseifen. Was nicht einfach ist: etwa die Hälfte der von mir probierten Duschen, hatte ungefähr anderthalb Sekunden Wasser bevor man wieder drücken müsste.

Jaja, es ist sanierungsbedürftig, und der Abriss steht kurz bevor.. Glücklichweise besuche ich Bäder ja nicht zum Duschen sondern zum Schwimmen. Deutlich besser wird es in der..

..Schwimmhalle


Ach! Je! Wow! Ach! Holla! Wow. 50 Meter. Acht Bahnen. Eine hohe gewölbte Decke. Viel güldenes Metall – Messing - und eine Art Kronleuchter geben dem ganzen schon fast die Atmosphäre eines Festsaals. Ich bin beeindruckt.

Das Becken selbst ist 1,80m tief, außer unter dem Dreimeterbrett, fühlt sich aber aufgrund der Hallenriese deutlich tiefer an. Und während ich es meistens so kenne, das bei solchen Schwimm-Sprung-Konstruktionen das Becken an einem Längsende flach ist und zum anderen tiefer wird, ist hier einfach ein Vier-Meter-Loch mit schiefen Wänden unter dem Sprungturm. So tiefe Senken unter Wasser, das hat schon was. I’m in love.



Auf dem Dreimeterbrett eines meiner Lieblingsschwimmbadschilder: nicht in Richtung der Hallendecke springen! Die Idee, das Sprungbrett direkt unter die niedrigste Stelle der Decke zu setzen, war wohl nicht die beste. Auch wenn die ganze Decke schon deutliche Ermüdungs- und Abnutzungserscheinungen zeigt, war es hier besonders ausgeprägt.

Neben der Schwimmhalle dann die Tribüne. Viele Uhren und so kleine Einlässe in der Wand, in der sich wohl Sponsoren verewigen können. Größtenteils prangten dort die Logos der Stadt Potsdam, der Wasserwacht etc.  und einige Handwerksbetriebe – ich vermute jetzt mal, deren Sponsoring bestand aus Sachleistungen.

Das Becken selbst hatte reichlich abgenutzte alte Kacheln – man könnte auch sagen mit Patina. Die Bahnmarkierungsstreifen auf dem Beckenboden waren blau und nicht schwarz und noch die traditionelle tiefgelegte Überlaufrinne – das Wasser war etwa eine Unterarmlänge unter dem Beckenrand. Das Nichtschwimmerbecken war recht gut versteckt hinter einem breiten Verbindungsgang und hatte ein fröhliches Wasser-Delphin-Gemälde an einer Seite.

Und, um noch mal auf der Größe herumzureiten. Das zweite mal waren wir am Wochenende da. Drei  Bahnen waren für sportliches Schwimmen abgetrennt. Dazu ein größerer Bereich für das Großspielzeug – so eine Art schwimmenden Burg aus Schwimmnudelmaterial. Und für Nicht-sportliche-Schwimmer war immer noch eine ganze Menge Platz um einfach so hin- und herzuschwimmen. Diese Schwimmhalle ist/war so großartig.

Publikum


Vormittags, Werktags: viele, viele Kinder in verschiedenen Gruppen. Anscheinend herrscht in Potsdamer Grundschulen Badekappenzwang. Aber diese doch sehr kleinen Kinder in dem riesigen Becken mit bunten Badekappen und noch bunteren Schwimmnudeln – das war schon extrem herzig.

Die freiwilligen Besucher waren eher so im mittleren Alter, schwammen ruhig und kompetent, wenn auch nicht übermäßig sportlich, vor sich hin. Wochenende: die Sportbahnen waren gut gefüllt, die Nicht-Sportbahnen auch und das Großspielzeug auch. Keine übermäßige Enge, aber durchaus ein belebtes, beliebtes Schwimmbad mit erstaunlich niedrigem Durchschnittsalter.

Gastronomie


Das Sportbistro schien von Außen wie so typische Schwimmbadgastronomie, hatte aber nie offen als wir in Potsdam waren. Es wird mir auf ewig ein Geheimnis bleiben.



Preise/Öffnungszeiten

Wer das Bad noch sehen wil, der möge sich eilen. Immerhin ein Bad mit echten Öffnungszeiten: Montag von 8 bis 21 Uhr, den Rest der Woche von 6.30 bis 21 und am Wochenende von 8 bis 17 Uhr. Liebe Berliner Bäder, nehmt Euch ein Beispiel..

4 Euro für zwei Stunden. Zuschläge gibt es an Warmbadetagen (50 Cent) und 50 Cent für je 30 Minuten nach den zwei Stunden.

Sonstiges

Zuerst noch ein kleines Fundstück, was man so in einer riesigen Schwimmhalle alles machen kann:



Oder auch das:



Zum Schwimmbadneubau gibt es natürlich noch sehr viel zu schreiben. Immerhin beschäftigt der Potsdam auch seit fast 20 Jahren, es gab diverse Versuche, Entwürfe und Umplanungen. Und natürlich schauen die Berliner, die ja gerade das erste mal seit den 1990ern einen Schwimmbadneubau planen, auch aufmerksam nach Potsdam.

Zudem: der Brauhausberg liegt sehr zentral und gerade Potsdam baut und reisst in seiner Innenstadt gerade mit heftigem Tempo und unter lautem Diskussionsgetöse ab. Das Restaurant Minsk beschäftigt die Postdamer noch mehr als das Schwimmbad. Es gab und gibt Bürgerinitiativen, Konzepte, Konkurrenzkonzepte und über das Minsk und den Brauhausberg existiert sogar ein eigenes Buch. Es wird wohl auch hier mal ein längerer Blogpost werden,

Das neue Bad wird immerhin unter anderem auch ein 50-Meter-Becken beherbergen und natürlich werde ich mehr schreiben. Hier aber ein erstes Bild in diesem Blog:



Fazit


Können wir das Bad bitte behalten oder nach Berlin beamen und dafür meinetwegen auch Zingster Straße oder Lankwitz oder so schließen? Kaum kenne ich das Bad, schon vermisse ich es sehr.

Immerhin, eine letzte Hoffnung. Falls ich mal nach Dresden komme: da steht das Bad ja noch. Auch in Leipzig steht das Modell, ist als Universitätsschwimmhalle nicht der Öffentlichkeitzugänglich.

Und weiter


Mehr Schwimmbäder in Iberty gibt es unter: Schwimmbäder nah und fern: Ausblick und Rückblick.

Und wer mehr zum Stadtumbau/abriss in Potsdam allgemein lesen will, der darf auch in dei FAZ schauen: Niklas Maak, Claudius Seidl: Make Potsdam schön again

Update

In Anbetracht der Schließung erscheinen noch einige weitere Artikel und Rückblicke auf das Bad. Besonders lesenswert hier der Artikel von Jens Trommer in der Märkischen Allgemeinen: Potsdamer mochten ihre alte Schwimmhalle, der noch viel zum Bau hat: Schilderungen wie die Partei das Bad nur so mittel mochte und vieles aus Augeninitiative passierte. Die nicht-genehmigte Sporthalle im Keller, die zu einer Parteirüge führte oder dass das Bad anfangs ausversehen nur eine 49,95 Meter Bahn hatte. Geschichte und Geschichten, viel Nostaligie und Information.

Auch lesenswert. Wieder die Märkische Allgemeine (22. Mai 2017). Diesmal Jens Steglich: Letzte Schicht im Traditionsbad - Abschied vom Brauhausberg. Porträt des Bademeisters, der dort von Anbeginn an tätig war.


Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ich mag deine Schreibe ja eigentlich sehr gerne, aber bei der Verwendung von "Hallenriese" als Substantiv zu "riesig" musste ich dreimal überlegen, was da gemeint sein könnte. Ansonsten mal wieder sehr interessant und unterhaltsam.

dirk franke hat gesagt…

Wobei ich über die "Hallenriese" auch jedesmal beim Lesen stolpere :-) Ich bin mir noch nicht sicher, ob das Wort die nächste Textrevision übersteht.