Sonntag, 26. Februar 2017

Schwimmbäder nah und fern: Kreuzberg, Wellenbad am Spreewaldplatz.

Schwimmbäder sind schön. Eine deutsche Errungenschaft besteht darin, das Land flächendeckend mit Schwimmbädern überzogen zu haben. Schwimmbäder sind ein Ort für alle, ein Ort für Bewegung, Spiel und Überraschungen. Schwimmbäder geben einen guten Einblick, wie Menschen sinnvoll ihre Freizeit verbringen. Als Liebhaber von Schwimmbädern werde ich dieses Blog nutzen, um einen Überblick über große und kleine Schwimmbäder zu geben: Becken, Menschen, Duschen, Kaffee und sonstige Annehmlichkeiten. Heute: das Wellenbad am Spreewaldplatz in Kreuzberg.

Happy Birthday und fröhliches Jubiläum! Ein Bad feierte gestern Geburtstag und wurde 30! Dabei ist es nicht irgendein ein Bad. Es ist das letzte Bad Westberlins; der einzige Versuch, der Berliner Verwaltung ein Spaßbad zu erschaffen, die 80er-Jahre-Party als öffentliches Schwimmbad. Und das ist nun 30 Jahre alt. Das Bad liegt auf dem ehemaligen Gelände des Görlitzer Bahnhofs, im tiefsten Kreuzberg.

Man würdige die LED-Leuchtlandschaft im Foyer.
Was hier stattfand, war eine Revolution. Revolution! Revolution gehört in diese Gegend Berlins. Dort sollte alles anders werden, alles anders sein und dieses Bad ist tatsächlich als alle anderen öffentlichen Berliner Bäder. Das nackte Sportbad mit 50-Meter-Bahn und viel Wasser der 1970er (Mariendorf, Gropiusstadt, Spandau, Charlottenburg, Wedding, Tiergarten..) war obsolet geworden: zu langweilig, zu eintönig zu wenig Abwechslung. Kurz vorher hatte mit dem „Blub“ in Neukölln ein rein privat betriebenes Spaßbad eröffnet. Der Ostberliner Schwimmbadtempel, das SEZ stammte auch aus der Zeit. Die Westberliner wollten erst gar nicht eine Spaßbadlücke aufkommen lassen:  Lustiger, kindertauglicher, und mit mehr Tamtam sollte es sein.

Entstanden ist Berlins einziges Bad, das in der Ausstattung die Beschreibung „Spaßbad“ rechtfertigen würde. Freundlicherweise existiert in der Schwimmhalle auch ein echtes 25-Meter-Becken für Schwimmer.

Allerdings ist die Eröffnung 30 Jahre her, das Bad befindet immer noch größtenteils im Originalzustand und „Tiefes Kreuzberg“ nicht für schonenden, liebevollen Umgang mit öffentlichen Plätzen bekannt. Diverse Menschen auf diversen Bewertungsseiten mokieren sich dann auch über Freundlichkeit und Sauberkeit. Der einzige ausführlichere Bericht von "Kein Stubenkoller", den ich fand, bemängelte das nicht.

Im Vergleich zum Brandenburger Umland kann auch dieses Bad die Erlebnisbadlandschaft Berlins nicht retten. Aber immerhin. Ein Wellenbad. Ein paar häng-dich-rein-und-genieß-das-warme-Wasser-Becken und zusätzlich ein echtes Schwimmbecken. Fast mehr als ich in dieser Stadt erwartet hätte.


Gebäude


Ganz schön groß und im Wesentlichen aus zwei Teilbereichen bestehend: ein Glas/Stahl-Bereich in einem Geschoss in dem sich die Spaßbäder, das Foyer und das Café befinden und ein gemauerter Bereich in dem die Umkleidekabinen/Duschen und das eigentliche Schwimmbecken liegen. Ansonsten postmodern unübersichtlich. Die Zeit des langweiligen Rechtecks war vorbei.

Übersichtliche Rechtecke waren so 70er.. Und nein, ich versuche hier gar nicht einzuzeichnen, wo hier welcher Gebäudeteil liegt. Das eigentliche Schwimmbecken ist auf jeden Fall in der Nordostecke. Open Street Map © OpenStreetMap contributors, made available under the terms of the Open Database License (ODbL).

Mir deucht, Verwirrung über die genaue Anordnung der Teile im Gebäude gehört zum Konzept.

Irgendwo ist die Sauna – allerdings habe ich nur mit Mühe aus den Umkleidekabinen ins Becken gefunden, da konnte ich dann nicht mehr darauf achten, wo die Sauna ist.

Der Eingangsbereich ist eher klein, mit neumodischen (deutlich Nach-80er-Jahre) bunten Lampen ausgestattet. Zu den Umkleiden geht es erstmal in einem engen Treppenhaus eine Treppe hoch. Das Vertrauen in das eigene Publikum scheint stark eingeschränkt: die schiere Anzahl der Schilder, die darauf hinweisen, dass man auf seine Wertsachen aufpassen oder diese gar nicht erst mitbringen soll, ist auffallend. Ebenso wie die Hinweisschilder, dass man nicht in Straßenkleidung in die Schwimmhalle darf. (Letzteres half übrigens nicht, beim zweiten Besuch sah ich prompt einen mittelalten Mann, Typ verkrachter Erdkundelehrer, der sein Kind in Hose und Pullover – immerhin barfuß – in die Schwimmhalle begleitete.)

 

Umkleiden / Duschen


Geht es noch katakombiger als in Büsum? Offensichtlich. Der Weg führt eine Treppe hinauf, in die Umkleiden, dann wieder eine Treppe hinunter zu den Duschen und dann ins Becken. Das alles wirkt schon ziemlich alt und runtergerockt. Die Wegeführung ist vorsichtig gesagt: nicht intuitiv. Mehrfach stand ich in Gangkreuzungen, in alle Richtungen weiß gekachelte Wege und welcher nun der richtige war? Mit etwas Suchen fand sich dann immer ein Schild. Aber mehr durch die Gegend geirrt bin ich in einem Schwimmbad noch nie.

Die Umkleiden selbst – weiß gekachelt – eine Art Sammelumkleide mit vier Einzelkabinen. Die Kabine selbst pastellblau, wirkt ein wenig so, als hätte ein örtlicher Schul-Kunstkurs selbst gemalt, mit komischen Flecken und etwas Graffiti. Abgeranzt, man kann es nicht anders sagen. Auf dem Weg zu den Duschen kriege ich recht große Hinweise, dass ich nicht maniküren/pediküren soll und erstmals in einem Berliner Bad noch die Ermahnung, dass die maximale Duschzeit 10 Minuten beträgt. Interessantes Publikum scheint hier zu verkehren.

Ungünstig übrigens noch: die Wertschließfächer sind in der Schwimmhalle selber, in den Duschräumen gibt es keine Ablage in Sicht der Duschen. Sprich: ich muss mein Portemonnaie entweder im Duschvorraum liegen lassen oder es mit unter die Dusche nehmen oder erst in die Halle, Geld wegschließen und dann wieder in die Dusche. Dasselbe auf dem Rückweg: Schwimmhalle - Duschen - wieder zurück in die Schwimmhalle, Handy holen, und durch die Duschen durch zu den Umkleiden.

Schwimmhalle


Wow. Das einzige Berliner Bad, das zumindest ansatzweise die Ansprüche an ein Spaßbad einlöst. Ein Wellenbecken (17 Meter), mehrere kleinere Nichtschwimmer-  Sprudel- und Planschbecken und noch ein echtes Schwimmbecken (25 Meter, 6 Bahnen, 2 Meter tief).

Das Schwimmbecken selbst eignete sich überraschend gut zum Schwimmen. Es liegt etwas abgelegen in einem eigenen Gebäudeteil, zwei Leinen trennten Bahnen ab, davon eine Doppelbahn, das Bad hat ein Fenster nach draußen, ansonsten weiße Kacheln, Sitzreihen daneben und an der Wand noch die Wappen diverser Berliner Schwimmvereine, die das Bad nutzen. Auch noch an der Wand: eine Erklärtafel für die „Schwimmautobahn“ – rechts und im Kreis schwimmen. Hübsch gemacht: es handelt sich hierbei um eine Doppelbahn, die in der Mitte eine Leine hat, während man an den Enden durch eine geschickte Aufhängung die Bahn wechseln kann. Eine ganze Bahn zum Hinschwimmen, eine ganze Bahn zum Zurückschwimmen.


Der Glas-Stahl-Spaßbad-Teil


Angepriesen und bepreist war es als Warmwasserbad, zum Glück war das Schwimmbecken nicht wirklich betroffen, gefühlt war es auch nicht wärmer als die wärmeren der Kaltwasserbäder. Es strahlte sehr überzeugend aus, dass es hier um’s Schwimmen geht und bei den Anwesenden schien das auch angekommen zu sein.

Das Wellenbecken liegt in einem anderen Gebäudeteil (Glas und Stahl) in einer großen weiten Halle mit all‘ den anderen Becken. Das Becken ist größtenteils flach, also unschwimmbar. Die Wellen selbst waren auch eher die Kinderversion. Kein Reiz für Menschen über 10. Die Menschen unter 10, die auch Montag morgens schon da waren, hatten hingegen viel Spaß.

Irgendwo muss auch ein Sprungbecken liegen. Habe ich gelesen. Gefunden habe ich es beim zweimaligen Besuch und dem Versuch, alles zu sehen, nicht.

 

Publikum


Es war Montagvormittag. Im Schwimmbecken vor allem Schwimmer. Die haben die geleinten Sportbahnen leidlich ignoriert; überwiegend kompetent, teilweise sehr gut in Brust/Kraul/Rücken wurde überall geschwommen, die nicht-so-gut-Schwimmer verteilten sich auch recht gleichmäßig. Insgesamt alles recht entspannt, Publikum sehr gemischt und – überraschend um die Uhrzeit – alle Anwesenden im Schwimmbecken wirkten so, als wären sie unter 60.

Abends ein ähnliches Bild: niemand über 60; im Schwimmbecken nur kompetente Schwimmer, davon eine erkleckliche Anzahl, denen ich nur neidisch und mit großen Augen zusehen konnte. Hinter all‘ dem Spaßbadbrimborium steckt ein echtes Sportbad – man muss es nur erst einmal die ganzen Labyrinthe durchwandern, bis man es findet.

Im Spaßbereich dann natürlich überwiegend Kinder; sehr viele davon, die glücklich am tollen und schwimmen waren. Die Erwachsenen kannte im Spaßbereich hatte ich zum größeren Teil schon im Sportbecken gesehen, die hier jetzt einfach ein bisschen im etwas wärmeren etwas flacheren Wasser ausspannten.

Gastronomie


Meine Erwartungen waren hoch. Das Kreuzberger Bad ist ja mal als Spaßbad gebaut worden und sollte dementsprechende Einrichtungen von Anfang an geplant haben. Zumal: Es liegt in Kreuzberg – allein auf den 200 Metern zwischen U-Bahn und Schwimmhalle bin ich an etwa einem Dutzend Café/Bistros/Imbissen vorbeigelaufen; in Kreuzberg muss man sich schon Mühe geben. Die Konkurrenz ist groß.

Aber alles kam anders: die Betreiber scheinen sich auf die Gastronomie in der Schwimmhalle verlegt zu haben. In der Halle selbst sind sie natürlich konkurrenzlos. An Kunden, die auf der freien Seite des Drehkreuzes stehen, ist man nicht interessiert. In der Halle befindet sich ein relativ großer Freibereich, ein Tisch für einen Kindergeburtstag gedeckt und das Angebot schien das übliche zu sein.

Ich wollte meinen Kaffee nach dem Schwimmen - auf der freien Seite - trinken, musste vom Foyer aus überhaupt erstmal das Café suchen. Das Bistro war dann auch im Trockenbereich weiß gekachelt, dunkel, klein und ziemlich vollgestellt und nachdem die durchaus anwesende Frau hinter dem Tresen mich längere Zeit nicht beachtet hatte, ging ich halt wieder. Im Café sind noch zwei Automaten (Süßigkeiten/Kaffee), aber die waren leer und außer Betrieb.

Fazit




Rechts Umkleidedings und Schwimmbeckenparadies, rechts in Glas das Wellenbad.

Schwimmbad Jekyll und Umkleiden Hyde. Erst wird der Badende durch den labyrinthischsten aller Berliner Umkleidebereiche geschickt, der sich auch noch auf den Titel des verranztesten Umkleidebereiches Hoffnung machen könnte, nur um dann eine große ausladende Beckenlandschaft vorzufinden, die im hintersten Winkel ein weißes Sportbecken mit klarem Wasser und vielerlei geleinten Bahnen für alle Schwimmer hat. Per Aspera ad astram oder so.

Preise / Öffnungszeiten


Berlin-Bäder-Premiumbad, wie auch immer der BBB-Fachbegriff dafür gerade ist. Also Normalpreis 7,50 Euro. Geöffnet bis 22 Uhr (wochentags) bzw. 9 bis 22 Uhr (wochenends), teilweise muss man sich das Wasser mit Vereinen, Schulen und Kursen teilen.

 

Sonstiges


Geradezu herzerwärmend war der Erwachsenenschwimmkurs, der beim zweiten Besuch das Becken mit mir teilte. Mehr davon.

Weitere Schwimmbadbeschreibungen sind hier: Schwimmbäder nah und fern: Rückblick und Ausblick

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