Dienstag, 1. November 2016

Schwimmbäder nah und fern: Marienbad, Brandenburg a.d. Havel

Schwimmbäder sind schön. Eine deutsche Errungenschaft besteht darin, das Land flächendeckend mit Schwimmbädern überzogen zu haben. Schwimmbäder sind ein Ort für alle, ein Ort für Bewegung, Spiel und Überraschungen. Schwimmbäder geben einen guten Einblick, wie Menschen sinnvoll ihre Freizeit verbringen. Als Liebhaber von Schwimmbädern werde ich dieses Blog nutzen, um einen Überblick über große und kleine Schwimmbäder zu geben: Becken, Menschen, Duschen, Kaffee und sonstige Annehmlichkeiten. Heute:  das Marienbad in Brandenburg an der Havel

Eines Tages riss das Raum-Zeit-Kontinuum, Farben leuchteten, die Erde bebte, und drei grundverschiedene Schwimmbäder landeten durch kosmischen Zufall zur selben Zeit am selben Ort. Willkommen im Marienbad Brandenburg an der Havel: Das Sport-Kinder-Frei-Hallen-Schwimmbad im wilden rumpeligen Stilmix.

Das Marienbad war ursprünglich ein 60er-Jahre-Freibad der DDR, gebaut durch Freiwillige und die sowjetische Rote Armee. Im Plan nicht vorgesehen handelte es sich beim Bau offiziell um einen "Schwarzbau" für den keinerlei Ressourcen zur Verfügung standen. Die Funktionäre vor Ort wollten aber ihre Stadt aufwerten, hielten Bürger und Betriebe für "freiwillige" Unterstützungsleistungen an.

Übergeordnete Stellen, hier der Bezirk, bekamen dies natürlich mit. So lange aber der eigentliche Plan nicht in Gefahr geriet, es nicht offensichtlich im Korruption ging, ließen sie die unteren Stellen meist gewähren. So auch hier. Insbesondere gebaut und mit dem Material der örtlichen Industrie entstand das Freibad von 1967 bis 1969. Dabei legten sich die Brandenburger ins Zeug, gefährdeten ab und an auch die eigentliche Planerfüllung, hatten am Ende aber auch ein stattliches Freibad dafür.

Das Bad entstand im Rahmen des Wettbewerbs "Schöner unsere Städte und Gemeinden" und genügte den Ansprüchen, um dort diverse DDR-Meisterschaften im Schwimmen auszutragen. Bis 1989 war das eine runde Geschichte.


Nun waren die Zeit nach der Wende nicht die beste Zeit für historische Schwimmbäder und auch dem Marienbad drohte der Abriss. Um es zu retten, wurde das Bad in den 1990ern Jahren zu einem Cabrio-Spaß-und-Schwimmbad umgebaut. Einst ein sportliches Freibad, haben wir jetzt ein Bad für alle: ein 60er-Jahre-Freibad mit Cabriodach, das sich bei schlechtem Wetter schließen lässt, ein echtes Freibad, eine moderne Schwimmhalle mit 25-Meter-Bahnen und ein, nun ja, „Funbad“.



Leider kostete die Rettungsaktion des Marienbads das andere Brandenburger Bad – das Stadtbad – seine Existenz. Dies war ein mehr als eindrucksvoller Bau der 1920er, Backsteinexpressionismus, im Stil des Stadtbads Mitte in Berlin oder des Schöneberger Bades vor dem Umbau. Licht, Sonne, Farbe.

Die Stadtväter beschlossen, dass Brandenburg a.d. Havel nicht mehr als ein Hallenbad am Leben halten kann. Und da das Marienbad erhalten blieb, musste das mindestens genauso baufällige Stadtbad gehen.  Mittlerweile geschlossen und eher rumpelig aussehend, soll es zu Wohnungen umgebaut werden. Immerhin will der Investor das Becken erhalten - wenn auch nicht wieder mit Wasser füllen.



Aber zurück zum Marienbad. Gelegen am Rande der Stadt – ich habe mich bei jedem Besuchsversuch böse Verfahren – daneben Grün, ein Krankenhaus, idyllische Gegend. Andererseits: die ganze Stadt Brandenburg überfüllt jede Anforderung an „idyllische Gegend“. Was für eine Stadt.

Gebäude


Ich kenne einen Baufachmann, der Architekten für die überflüssigste Erfindung der Menschheit hält: „Alles was man braucht, ist ein Statiker“. Das kann man anders sehen. Architekten sind in der Lage, einem Bau Sinn, inneren Zusammenhalt, eine ästhetische Qualität und halt Form zu geben. Architekten geben einen Sinn.

Ich gehe davon aus, dass beim Marienbad ein Architekt am Werk war, nur ist von dessen Wirken nichts zu bemerken. So richtig passt nichts zusammen. Der Weg zu den Becken ist verwirrend und hinter jeder Kurve sieht es anders aus.

Es beginnt mit einem runden Eingangsbau, in dessen Mitte das Spaßbad liegt und an seinen Rändern befinden sich die Umkleidekabinen und Duschen. An den Rand des runden Baus gebappt ist ein rechteckiger Anbau mit 25-Meter-Becken. Das 50-Meter-Becken liegt etwas weiter ab und ist durch eine Art Ganglabyrinth zu erreichen. Die Cabrio-Metall-Glaswände des 50-Meter-Beckens wirken eindrucksvoll. Der Rest des Bades weist das Ambiente „luftiger Baumarkt mit Holzverkleidung“ aus.

Umkleide, Duschen etc.


Am Eingang bekommt man einen Schlüssel mit Chip. Der Weg zum Schrank führt auf jeden Fall durch die Unisex-Umkleide mit Einzelkabinen. Farbgebung insgesamt so ein gebürstetes 90er-Jahre-Pastell. Alles in allem wie auch die Duschen solide und nicht weiter bemerkenswert. Niedlichkeitspunkte gibt es für das „Bitte duschen“-Schild, das einen Elefanten zeigt. In Brandenburg an der Havel darf man anscheinend auch angezogen duschen.


Schwimmhallen


Eins, zwei, viele Schwimmbecken. Das – bei meinen beiden Besuchen geschlossene – neuere Freibad ist ein größeres rundes Becken, Wassertiefe mir unbekannt, mit einer Art Brunnenpilz zum Unterstellen in der Mitte. Dazu gehören mehrere große Wiesen. Beim zweiten Besuch schwammen im Becken auch etwa acht Menschen – wie sie dort hinkamen, weiß ich nicht. An allen mir auffindbaren Zugängen hingen große „Freibad geschlossen“-Schilder.





Die 25-Meter-Halle wirkt sehr neu, Holz und Glas, große Fensterflächen, mit einem Kachelmosaik, das schon fast zu niedlich war. Drei Sportbahnen waren abgetrennt. An der Wand eine Zeituhr – hier ist das Brandenburger Leistungszentrum für Schwimmsport. Ich weiß nicht genau, wie sie es hinbekamen, aber das Becken wirkte sehr schwimmfreundlich, schwimmen ging dort irgendwie einfacher und schneller als sonst.

Das Spaßbad, nun ja. Es gibt in den meisten Regionen so Ausflugsziele auf denen zwei Esel stehen, ein kleiner See mit drei Booten und eine Schaukel und das ganze nennt sich dann „Freizeitpark.“ So ähnlich wirkt das „Funbad“. Die Gestalter folgten dem Konzept des ganzen Schwimmbades „dann nehmen wir noch das. Und dann das. Und dann das. Und dann packen alles nebeneinander.“ Das wirkt so unaufgeräumt und irritierend. Zumal die Attraktionen alle für Kinder bis zu sechs Jahre sind: klein und für ältere wenig aufregend.

Für mich: zum Schwadern und nach dem Schwimmen entspannen war das Wasser zu flach und nicht warm genug. Da die Beckenwände alle mit Spielzeug verbaut waren, gab es nicht wirklich einen Platz zum Rumhängen. Beim zweiten Besuch habe ich mir den Extra-Eintritt für das Funbad dann gespart.

Aber zum Highlight: 50 Meter lang, ewig breit, und mit Tribüne. Ein riesiges Becken im Schummerlicht, die Patina der Jahre verströmt Atmosphäre und dank der ganzen anderen Bäder wird es - bei geschlossenem Cabriodach - auch fast nur von Schwimmern genutzt.

Das Cabriobecken, gebaut für Leistungssport. Am Rand steht ein Drei-Meter-Turm. Wie zu erwarten, war das Wasser kühl. Geeignet zum Schwimmen und nicht zum Baden. Das Dach lässt sich auf Schienen öffnen und schließen, durch die Fenster sieht man Tribüne beziehungsweise Freibadwiese. Das Becken selbst ist aus Metall, allerdings deutlich in die Jahre gekommen.

Die Folie(?) mit der Teile des Beckens ausgeklebt und Markierungen angeklebt waren, blätterte offensichtlich ab, der Metallboden zeigte Schwielen und Stoßstellen. Das flache Cabriodach bewies wieder einmal, dass jede Fensterfront kein Licht bringt, wenn das Dach nicht hoch genug ist. Allerdings passte das leichte Schummerlicht, gebrochen durch die hereinfallenden Sonnenstrahlen, die sich dann wieder im Metallbecken spiegelten, perfekt zum leicht morbiden Charme des ganzen Beckens. Ein großartiges Becken.

Publikum


Wie das ganze Bad gemischt. Das Funbad erreichte seine Zielgruppe: es waren wirklich viele kleine Kinder da und überraschend wenige Jugendliche. Durch die ganzen diversen Bäder verteilte sich das Publikum, was mir dann zweimal eine 50-Meter-Bahn für mich alleine brachte. Im Cabriobad waren Schwimmer und einige Jugendliche, die das 3-Meter-Brett nutzten. Was sich in dieser gigantischen Halle aber wirklich verlief. Im 25-Meter-Becken waren dann vor allem auch Schwimmer.

Gastronomie


Erreichbar von innen und außen. Ich probierte sich bei beiden Besuchen nach dem Schwimmen. Deutsche Kneipe aus Holz trifft aus Schwimmbad. Schon Holz aber schon funktional und abwaschbar. Die Karte war recht große und vielfältig. Ich war hungrig, die Soljanka war angenehm fruchtig mit Säure und wenig scharf; der Espresso weder sonderlich gut noch schlecht.

Sonstiges

Wenn man den Chip aus dem Parkhaus verliert, wird es ein überraschend teurer Besuch.

Das Stadtbad. Ich will da mal rein!




Preise/Öffnungszeiten

2-Stunden-Karte mit Funbad: 7,20€.

Zwei-Stunden-Karte ohne Funbad laut Aushang 5,20€, die nette Dame an der Kasse wollte aber nur 4,90€ von mir haben.

 

Fazit


Die Gestaltung des Bades ist überraschend anstrengend, das 25-Meter-Becken ist maximal unspektakulär aber gut zum Schwimmen. Das Funbad ist für andere Leute als mich, aber dieses 50-Meter-Becken: Wow! Wow! Wow! Ich bin echt beeindruckend. Das hat Seele und lässt sich gut schwimmen.

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 Alle Iberty-Schwimmbadposts liegen unter: Schwimmbäder nah und fern. Rückblick und Ausblick.

Die Vorgeschichte des Bades in all' ihren Details lässt sich nachlesen in Andrea Bahr: Parteiherrschaft vor Ort: die SED-Kreisleitung Brandenburg, 1961-1989 (Ch. Links 2016) beziehungsweise dessen Kapitel: "Wohlfahrtsstaatliche Integrationsangebote - "Das Schwimmbad am Marienberg wird Brandenburgs Gemeinschaftswerk"", das sich mit Bau und politischen Rahmenbedingungen dieses Schwimmbads befasst. Größere Teile des Buchs lassen sich über Google Books einsehen, aber die Berliner Zentral- und Landesbibliothek besitzt es auch. Danke an das Schwimmbadblog für den Hinweis.

Ein ähnliches Bad, ein spektakuläres 50-Meter-Becken, das in der DDR als kommunlae Aufgabe entstand und nach 1990 um seine Existenz fürchten musste, war das Bad am Brauhausberg in Potsdam. Das Potsdamer Bad nun wiederum ist seit 2017 endgültig geschlossen, aber es gibt mit dem direkt nebenan liegenden Blu einen würdigen Nachfolger.



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