Bett. Tee. Wärmflasche. Taschentücher. Noch mehr Taschentücher. Zu kalt. Zu heiß. Taschentücher. Badewanne. Tee. Wolldecke. Bettdecke. Und das über viele Tage. Viel zu energie- und kraftlos, um zu lesen oder gar zu schreiben. Viel zu kalt und anstregend draußen für noch aktionistischere Aktivitäten.
Erkältung! Aber so richtig. Immerhin: die Zwangspause unter den Decken bietet die seltene Gelegenheit so richtig fernzusehen; das Internet aufzuklappen und andere Menschen Abenteuer erleben zu lassen, während ich selbst im Ausbruch höchster Energie von links nach rechts rolle oder umgekehrt.
Und dort im Internet fand ich sie: Die ultimate Kochshow. Eine, die tatsächlich sehenswert ist und bei der ich nach sechs Folgen hintereinander auch noch die siebte sehen will und nach 26 Folgen hintereinander auch noch die 27.: The Great British Menu. Ausgestrahlt seit 2006 durch die BBC und bisher auf Sendegebiet der BBC beschränkt.
Ich bin ein klassischer Schönwetterfussballfan. Wenn ich aktiv bin, komme ich zweimal im Jahr zur Hertha in das Olympiastadium, und weiß meistens vage wo Hertha in der Tabelle steht. Dank diverser Umzüge in meinem Leben, habe ich zudem eine erkleckliche Anzahl Zweit- und Drittclubs angesammelt, für die mein Herz schlägt. Das sind Chemie Leipzig, Eintracht Frankfurt, Hannover 96, Kickers Offenbach, Blau-Weiß Wesselburen, Rot-Weiss Erfurt, Hansa Rostock etc. Nur fehlte mir als anglophilem Menschen bisher ein englischer Club in der Clubs meines Herzens.
Die großen erfolgreichen Vereine wie Manchester United, Arsenal London, oder Chelsea London sind komplett unakzeptabel. Da kann ich gleich Fan von Cerberus Capital Management Group werden. Das sich als alternativ und anders anbietende West Ham United ist so eine Art englisches Sankt Pauli. Da kann ich auch gleich nach Prenzlberg ziehen, all mein Geld in eine Espressomaschine anlegen, und Dreadlocks tragen. Millwall, das Anti-West-Ham: da könnte ich auch gleich nach Friedrichshain ziehen, vegetarisch werden, und mich wundern, dass das in 10 Jahren genauso ist, wie Prenzlberg heute.
So also irrte ich fussballerisch heimatlos durch das holde Albion. Bis ich eines Tages beim schmöckern in fremden Wikipedias auf einen Eintrag stieß: Ipswich Town Football Club (play /ˈɪpswɪtʃ ˈtaʊn/; also known as Ipswich, The Blues, Town, or The Tractor Boys) are an English professional football team based in Ipswich, Suffolk. Das stand wirklich Tractor Boys! Mein Club!
Da die Wiki-Watch-Diskussion in Deutschland gerade eine Ruhepause einlegt, ist das ein guter Grund mal den Blick gen England zu werfen. Johann Hari war bis vor kurzem ein Darling der linksliberalen Presse in Großbritannien. Er gewann mit dem Orwell-Preis für guten Journalismus 2008, hatte eine Kolumne bei der britischen Tageszeitung The Independent ebenso wie bei der Huffington Post, Artikel von ihm erschienen in der New York Times, Le Monde und Ha'aretz. Für jemand, der gerade mal 31 ist, eine eindrucksvolle Leistung. Die aber wohl gerade an ihr Ende kam.
Leider hat sich das vor ein paar Tagen dramatisch geändert. Seit dem 12. Juli ist von seinem Posten bei der Tageszeitung The Independentsuspendiert. Und seinem Wikipedia-Artikel ist aus gleich auszuführenden Gründen auch nicht zu trauen.
Zuerste wurde ihm vorgeworfen, Zitate aus den Artikeln anderer ohne Nennung in seine Arbeiten einbaute. Dabei ging es mal um wenige Zeilen, mal um fast vollständige Interviews, etwa mit Noam Chomsky oder der Journalistin Ann Leslie. Hari hat das auch gar nicht erst abgestritten, sondern versucht sich rauszureden, aber als Deutscher hat man ja mittlerweile Erfahrungen mit den üblichen Ausreden erwischter Plagiatoren. Die Vorwürfe schien er halbwegs überstanden zu haben, zumal er wohl überzeugend die tragische Geschichte des tapferen Linken gegen die konservativen Mob gab. Aber dann hat er sich wohl doch um seinen Job wikipediert.
Auch Jonathan Hari hat exzessiv dem Hobby des wikipedierens gefröhnt. Vor allem dessen, dass da heißt: Sprich gut über Dich und schlecht über Andere. Der User David r from meth productions zeigte eine besondere Affinität zu Hari-relevanten Themen in Wikipedia.
Dieser David r hatte die ungute Eigenschaft in Artikel anderer Journalisten - Christina Odone, Francis Wheen, Andrew Roberts und Niall Ferguson - zu schreiben, dass sie homophob sind, gefeuert wurden, und ihnen andere Charakterfehler zuzuschreiben - meist kurz nachdem diese mit Hari in einen Streit geraten waren. IP-Accounts haben in eine ganze Reihe von Artikeln jeweils die zugerechnete Meinung Haris geschrieben, während Haris eigener Artikel - unter fleißiger Mitarbeit von David r - eine einzige Lobeshymne wurde. Wie sich das gehört, bedrohte er Diskussionsgegner auch gerne mal mit einem Rechtsstreit. Und brachte natürlich auch die Geschichte vom tapferen Linken:
Check out his website. Your impugning of his integrity will be used, I suspect, mainly by Zionist groups and anti-environmentalists in their mailing lists to undermine his writing about Palestine and climate change. (The Private Eye attack began after Johann attacked their homophobia). It's frustrating to see a decent guy who works hard for left-wing causes being pulled down by his own side (using right-wing allegations!) because they disagreed with him on one issue.
Andere IP-Konten bearbeiteten vorhin Haris Biographie, und entfernten erst komplett seine Jugend auf einer teuren Privatschule, und, damit gescheitert, versuchten die als zu unelitär und normal wie möglich darzustellen.
Angelich ist David r Klimawissenschaftler, der ein entfernter Bekannter oder enger Freund Haris ist, schreibt allerdings nie über Klimawissenschaft, aber viel über Hari. David Rose, wie er heißen soll, nun hat behauptet ein entfernter Studienfreund von Hari zu sein - weswegen er sich gut bei ihm auskennt - aber natürlich direkt nicht das geringste mit ihm zu tun zu haben. Einem Admin ist allerdings aufgefallen, dass David r eine IP-Adresse direkt beim Independent, Haris Arbeitgeber hat, was der nun wiederum mit Aushilfsjobs da erklärt, die ihm sein guter Freund Hari verschafft hat. Praktischerweise bei einer ganzen Reihe von Medien, immer in der Zeit in der Hari dort war.
In den Kommentaren gibt es dann eine spannende Suche nach David Rose, der sich trotz all der konkreten Informationen nicht finden ließ. Darunter waren doch eigentlich eindeutige Sache wie ein intensiver Forschungsaufenthalt in der Antarktis, über den keine Veröffentlichungen organisieren, oder die Mitgliedschaft in einer 100-Mann kleinen trotzkistischen Partei, in der niemand einen David Rose kennt. Der einzige den sie fanden war ein anderer Journalist selben Namens, der vehement abstritt, näher mit Hari zu tun zu haben. Dafür finden sich unbestätigte Erwähnungen eines David Rose durch Hari bereits Jahre vorher als Haris Webmaster oder in diversen anderen Blogs und Diskussionsforen - wohl auch nicht, ohne dass Rose mehrfach vorgeworfen wurde, er wäre eine Sockenpuppe von Hari.
Und nachdem der Wikipedia-Skandal dann halb durch war, kam der nächste. Er hatte Zitate und Gespräche nicht nur plagiiert, sondern auch gleich frei erfunden. Diesmal allerdings mit Leuten, die sich noch schlechter wehren können. Hilfsbedürfte in der zentralafrikanischen Republik, und zwei unauffindbare und eventuell nicht-existente Briten in Dubai. In beiden Fällen haben die erfundenen Zitate natürlich maßgeblich zur emotionalen Schlagkraft der Geschichten beigetragen, und beide Reportagen waren ausschlaggebend für Journalismuspreise, die Hari gewann.
Und nun: Hari ist bei seiner Zeitung beurlaubt, die Orwell-Preis-Verleiher befinden über die Rücknahme, und sei Ruf als Starjournalist ist wohl endgültig zerstört. Sie fallen reichlich, zur Zeit.
Und en hat einen lobenswwerten neuen Baustein, dessen Adaption nach de ich dringend nahelege: en.wikipedia:Johann Hari