Donnerstag, 15. Juni 2017

Volksschwimmhalle DDR. Die Typenbauten A, B, C und D.

Ihr kennt das Problem: Man steht in Ostberlin vor einer Schwimmhalle und fragt sich: B, C oder D? Welcher Typenbau einer DDR-Volksschwimmhalle ist es? Die 1970er und die angrenzenden Jahrzehnte waren das Goldene Zeitalter des deutschen Schwimmbadbaus in Ost und West. Auf beiden Seiten der Grenze trug der Typenbau maßgeblich dazu bei, dass neue kommunale Schwimmbäder und Schwimmhallen entstanden. Erstmals bot sich den Deutschen eine flächendeckende Versorgung mit Hallenbädern..

Westberlin baute zwischen 1974 und 1984 das Kombibad in verschiedenen Varianten. Die DDR begann früher mit dem Typenbau und endete später mit diesem. Sie frönte seit den 1960ern bis zu ihrem Ende dem Schwimmbad-Typenbau in vier Evolutionsstufen von A bis D. Sie hielt noch nach ihrem Ende durch, da die letzten „DDR-Typenbauten“ Anfang der 1990er, bereits nach der Wende, fertig gestellt wurden.

„Schwimmhalle“ steht drauf. Aber welche ist es?


Die Typen sind auf den ersten Blick recht ähnlich. Die Bäder selbst sind oft durch zwischenzeitliche Modernisierungen und Sanierungen nur bedingt als identische Bäder zu erkennen. Aber der Schwimmbadfreund möchte wissen wo er ist. Ob er vordem Typ Anklam steht oder es der Typ Berlin 83 ist.Sie möchte erkennen was an der Gestalt des Bades noch original ist und was einer späteren Sanierung geschuldet.

Generell ist die Informationslage über Schwimmbad-Typenbauten schlecht: Bücher über Bäder werden von Architekturfans geschrieben und bei denen stehen 70er-Typenbauten noch in einem schlechten Ruf. Mein Standardwerk über die Berliner Bäder fertigt die Typenbauten nur am Rande ab, hat ungewöhnlich viele inhaltliche Fehler in jenem Teil des Buches und noch nicht einmal bemerkt, dass B und C zwei unterschiedliche Typen sind. Berlin und seine Bauten beschränkt sich zum größten Teil darauf, den Typenbau an sich zu verteufeln ohne auf Details einzugehen.

Schwimmer würden das anders sehen. Aber Schwimmer schreiben im Normalfall keine Texte über Gebäude - nicht einmal über Schwimmbäder.


Typ A- Anklam

Das Modell A(nklam); kommt in Berlin nicht vor und soll deshalb keine Rolle spielen. Das Original, in Anklam selbst, steht allerdings noch. Der Typ wurde zuerst 1968 in Anklam gebaut. Im Original ohne Nichtschwimmerbecken. Bei den meisten Bädern dieses Typs wurde ein solches zwischenzeitlich angebaut. Am Rande Berlins in Strausberg steht mit dem Strausbad ein stark umgebautes Exemplar des Typs.

Typ B- Bitterfeld

Erkennungszeichen: Starke Ähnlichkeit zu Typ A. Aber größer und luxuriöser. Wellenförmiges Dach (außen) beziehungsweise geneigt (innen), Wände nicht hochgefliest, schmaler, enger Gang zu den Kabinen. In der Umkleide sind unter der Decke Lüftungs-/Heizungsrohe erkennnbar.

Das Modell B(itterfeld) wurde zuerst in Bitterfeld gebaut. Die Originalschwimmhalle in Bitterfeld steht nicht mehr. Der Typbau steht zweimal im Südosten Berlins: Im Baumschulenweg und einmal in Köpenick / Allendeviertel. Er wirkt deutlich rustikaler als die späteren Bauten: hat mehr Steinwände, selbst in der Schwimmhalle sind nur die unteren Bereiche gekachelt. Die Beckenumrandung und die Startblöcke sind aus Beton. Das Dach von innen sieht nach Wellblech aus.

Das Dach ist gewölbt, tiefster Bereich des Daches ist in der Mitte - da wo etwa der Sanitätrakt in die Schwimmhalle übergeht - was dazu führt, dass sowohl Halle wie Umkleiden ein hohes geneigtes Dach Richtung Fassade haben. Der Gang vom Eingang zu den Umkleiden ist dafür klaustrophobisch eng. Und auffallend: Die Wände sind nicht bis nach oben gekachelt, sondern gehen in Putz über - dadurch wirkt das ganze immer so halb wie Wohnzimmer und nicht wie ein Schwimmbad.


Schema (nicht maßstabsgerecht): Einfacher Aufbau, man tritt herein, dann durch einen engen Gang Richtung Kabinen. Die haben ein hohes Dach und dann direkt in die Schwimmhalle, wo rechts das Nichtschwimmer- und links das Schwimmerbecken liegt. Blau = Schwimmbecken. Braun = Umkleiden/Duschen Gelb = Bademeister



Typ B (Allendeviertel): Frontseite. Breite Fensterfront die ganze Seite über. Dach von außen gewellt, innen zur Innenseite der Halle abfallend.

Typ B (Baumschulenweg). Sanitärtrakt. Flacher Gang (unten). Kabinen mit hohem Dach und Oberlichtern (weiter oben), geschwungenes Dach. Alles eher rustikal / könnte auch ein Bürogebäude sein.


Typ C

Erkennungszeichen: VT-Falte am Dach (von innen und außen zu sehen); Zwei Glaswände beidseits des Nichtschwimmerbeckens, Eingang an der Stirnseite. Beide Becken liegen hintereinander, Bademeister sitzt zwischen den Becken.

Typ C entstand Anfang der 1970er Jahre in Berlin und steht (noch) fünfmal in der Stadt: Holzmarktstraße, Fischerinsel, Sewanstraße, Anton-Saefkow-Platz und Thomas-Mann-Straße. Die beiden ersten Bäder dieses Typs - in Pankow und in Friedrichshain / Weinstraße sind leider mittlerweile verschwunden.Das Bad in der Holzmarktstraße / Friedrichshain steht noch. Es ist aber bereits geschlossen und soll abgerissen werden.

Im Umland steht noch ein Typ C in Hennigsdorf, das Stadtbad Aqua Hennigsdorf ist ein Typ C.

Die Ursprünge des Typs C in Typ Bitterfeld sind erkennbar - das Dach ist auffallend geformt - wenn auch hier eckiger. Die Anordnung der Schwimmbecken blieb im wesentlichen gleich, ebenso wie die große Fensterfront neben dem Schwimmerbecken.

Allerdings ist alles heller und lichter. Auf der Rückseite gibt es nun große Fensterfronten. Der Umkleidebereich ist nicht höher, aber geräumiger. Das Dach wirkt - gerade von innen - deutlich edler. Das Bad ist ein Schwimmbad in dem für den Schwimmer durchgehend alles vom Eingang bis ins Schwimmbecken hinein sinnvoll und elegant wirkt. Ästhetisch unter all' den Typenbauten ist das hier mein Liebling. 



Schema (nicht maßstabsgetreu): Eingang an der Stirnseite, Ausgang aus den Duschen an der Startkopfseite des Schwimmerbeckens, Bademeister zwischen Schwimmer und Nichtschwimmerbereich. Der Nichtschwimmerbereich hat Fenster in beiden Seiten. Blau = Schwimmbecken. Braun = Umkleiden/Duschen Gelb = Bademeister



Typ C (Holzmarkstraße) Rückseite: Selbst die Gänge zu den Kabinen (links, weiß beleuchtet) sind mit hohen Fensterfronten ausgestattet, das Nichtschwimmerbecken (rechts, orange beleuchtet) hat auf beiden Seiten Fensterfronten. Die VT-Falte ist prononcierter und eckiger als die Wellenform von Typ Bitterfeld. Das Bad insgesamt ist flacher und niedriger als Typ Bitterfeld,
Typ C (Fischerinsel): Frontseite: VT-Falte ragt über das Gebäude hinaus. Das Dach ist glatt, die Frontseite komplett verglast, das Glas wird nach Umbau um die Sturnseite herumgeführt,


 

Exkurs: Dachformenvergleich

Hier zur besseren Unterscheidung die drei Dachformen B, C und D im Vergleich:

Detail: Dach Bitterfeld: wellenförmig/ abgerundet

Detail: Dach Typ C: wellenförmig /eckig

Detail Typ Berlin 83. VT-Falte hinter Dekoplatten versteckt.


Typ D (Berlin 83)

Erkennungszeichen; Dach: VT-Falte (innen) bzw. Attika-Platte (außen), großer Eingangsbereich, beengte Kabinen. Ausgang aus der Dusche an der Stirnseite des Beckens. Nichtschwimmerbecken schräg versetzt, das ganze Bad ist kahl und schmucklos.

Der Typ „Berlin 83“ (Modell D) wurde von denselben Planern wie Typ C entwickelt. Er entstand 1983 in Berlin und wurde erstmals im Ernst-Thälmann-Park im Prenzlauer Berg gebaut. Vier „Berlin-83“-Schwimmhallen stehen in der Stadt: in Buch, Hohenschönhausen/Zingster Straße, Prenzlauer Berg/ Ernst-Thälmann-Park und Kaulsdorf. In Umland steht auch ein derartiges Bad in Potsdam, das Kiezbad am Stern ist ein Typ 83.

Das ganze Gebäude wirkt von Außen größer. Im Innern sind sowohl das Nichtschwimmerbecken wie auch der Umkleidebereich deutlich kleiner. Auch ist die Zahl der Fensterfronten zurückgegangen. Es gibt wieder mehr Steinwände, die VT-Falten sind an der Fassade durch rechteckige Platten („Attika-Platten“) verkleidet. Insgesamt wirkt das Bad deutlich massiver, im Inneren unübersichtlicher und schmuckloser. Wo Typ B und C farbfreudig waren und dem Wandmosaik frönten, ist Alles in Berlin 83 blau oder weiß und ästhetisch karg.


Schema (nicht maßstabsgerecht). Eingang an der Längsseite. Kabinen vor das Schwimmbecken gequetscht, Ausgang aus den Duschen an der Stirnseite des Schwimmerbeckens, Nichtschwimmerbecken seitlich versetzt, Bademeister auf der anderen Seite.Blau = Schwimmbecken Braun = Umkleide/Duschen Gelb = Bademeister



Typ Berlin 83 (Schwimmhalle Buch) Frontseite. Weniger Fenster, mehr Stein. Hinter dem traurigen Fensterrest ist die Schwimmhalle. Gebäude ist wieder höher, die VT-Falte hinter einer Zierfassade (Attika-Platte) versteckt. Insgesamt deutlich massiver



Typ Berlin 83 (Schwimmhalle Kaulsdorf) Rückseite: Stein, Stein, Stein, Stein.




Und heute?


Sie gehen, die Bäder. Wobei es insbesondere den Typ C getroffen hat. Das Bad in Friedrichshain / Weinstraße, der erste C-Bau überhaupt: 2002 geschlossen. Das Bad in Pankow 2001 geschlossen und mittlerweile eine Ruine. Das Bad an der Rudolf-Seifert-Straße in Lichtenberg - seit 2002 als "Kreativkaufhaus" genutzt, kaum mehr wieder zu erkennen.

Dafür sind die Bäder (auch Typ C) an der Fischerinsel und der Thomas-Mann-Straße aufwendig und schön saniert. Die Holzmarktstraße (Typ C) befand sich bis zu Ihrer Schließung Anfang 2019 ebenso wie der Baumschulenweg (Typ B) noch weitgehend im Originalzustand - wenn beide Bäder nicht komplett absurde Öffnungszeiten hätten, böte sich hier ein Geschichtstrip an. Die anderen Bäder liegen dazwischen: in Teilen saniert/umgebaut, in Teilen original. Der Ernst-Thälmannn-Platz (Berlin 83) hat eine Lichtinstallation bekommen, die anderen 83er-Bäder müssen weiter in ihrer schmucklosen Kargheit dahinleben - immerhin versucht Buch mit Grünpflanzen dagegen zu arbeiten.

Da die 1970er langsam denkmalwürdig werden, und alle diese Bäder typisch für ihre Zeit sind, bin ich gespannt ob sie den Denkmalschutz bekommen. Gerade die Bäder ganz im Originalzustand böten sich an - auch wenn die Berliner Bäder sicher nicht freiwillig etwas derart Unmodernes betreiben wollen.

Neue Typbauten gibt es nicht. Neue Schwimmbäder gibt es ja abgesehen von seltenen Ausnahmen nicht. Und die Bäder, die gebaut werden, haben fast immer umfangreiche und scheinbar invidiuell geplante Wellness- und Spaßbereiche. Komischerweise wirken sie am Ende dann manchmal doch recht austauschbar. Aber das ist ein anderes Thema für einen anderen Artikel.

Und wer weiter ins Schwimmbaddetail gehen möchte, der folge den Links bei Schwimmbäder nah und fern: Rückblick und Ausblick







Kommentare:

Matt Hahn hat gesagt…

Hi, habe bei der Recherche deine Seite gefunden, bin beeindruckt. Und wollte dich fragen, ob du zu folgendem Problem was sagen kannst: In diesem Artikel ist von einem Schwimmhallentyp die Rede, der mehrfach in der DDR verwirklicht wurde. So soll es auch in Halle und Rostock gewesen sein, doch ich habe bisher keine Spur davon gefunden. Dresden, Potsdam, Erfurt unnd Leipzig sind mit eigenem Augenschein bestätigt. Sagt dir das was? Gab / gibt es in Halle und Rostoock auch eine Schwimmhalle dieses Typs, mit dem großen gebogenen Dach? Wo stehen / standen diese?

http://alltag-ost.de/place/schwimmen-in-potsdam/

dirk franke hat gesagt…

Hallo Matt,

danke erst einmal für das LOb. Genau, die Halle in Potsdam habe ich noch selbst beschwommen, von Leipzig und Dresden weiß ich zumindest. Und die Dresdner steht noch untr Denkmalschutz mittlerweile. Von Halle und Rostock habe ich spontan noch nichts gehört - aber es klingt spannend - ich werde auf jeden Fall mal suchen und mich die Tage mit Ergebnissen melden.

dirk franke hat gesagt…

Nach weiterer Recherche: Rostock würde ich fast ausschließen. In Rostock stand ja seit 1955 schon die Renommierschwimmhalle "Neptun-Bad". Die Neptunhalle hat zwar 1971 - also eigentlich zur passenden Zeit - einen Sportbadanbau mit 50-Meter-Bahn bekommen. Aber die spärlichen Fotos, die ich zu diesem finde, deuten nicht auf den Dresden/Potsdam-Typ hin. Dass Rostock in einer Zeit, in der Schwimmbäder eher selten gebaut wurden, gleich zwei große 50-Meter-Becken bekam, halte ich für komplett ausgeschlossen. Also entweder der Neptun-Anbau hat etwas mit dem Dresden-Typ zu tun. Oder irgendjemand hat dort etwas verwechselt.