Freitag, 10. Februar 2017

Schwimmbäder nah und fern: Mitte, Schwimmhalle Fischerinsel

Schwimmbäder sind schön. Eine deutsche Errungenschaft besteht darin, das Land flächendeckend mit Schwimmbädern überzogen zu haben. Schwimmnbäder sind ein Ort für alle, ein Ort für Bewegung, Spiel und Überraschungen. Schwimmbäder geben einen guten Einblick, wie Menschen sinnvoll ihre Freizeit verbringen. Als Liebhaber von Schwimmbädern werde ich dieses Blog nutzen, um einen Überblick über große und kleine Schwimmbäder zu geben: Becken, Menschen, Duschen, Kaffee und sonstige Annehmlichkeiten. Heute: die Schwimmhalle Fischerinsel in Berlin-Mitte.
 
Eine Plattenwand, eine Uhr, ein Rettungsring. Die Längswand an der Schwimmhalle Fischerinsel ist schlicht und doch überraschend elegant. Ein Eindruck, der sich durch das ganze Bad zieht. Ein gelungener Entwurf, noch mal verbessert durch die letzte Renovierung. Nicht spektakulär, nicht groß, nichts, bei dem man große Augen bekommt: aber durchgehend, schlicht-funktional und elegant.



Die Schwimmhalle liegt auf der sogenannten Fischerinsel, das heißt auf dem südlichen Teil der Spreeinsel und damit dort, wo Berlin seinen historischen Ursprung hat.  Die Gegend ist sowohl geographisch wie geschichtlich Berlin-Mitte-Mitte-Mitte. Noch mehr Mitte und noch zentraler in Berlin geht eigentlich gar nicht. Und doch: die Ecke wirkt wie einer dieser Vororte wo Stadt in Land übergeht, Wohnhäuser und Grünflächen, ignoriert von den Touristenströmen.




Die Ver-Vorortung der Fischerinsel hat historische Gründe. Als die Mauer noch stand, wäre ebenjene Mauer vom Eingang der Schwimmhalle aus mit einem Steinwurf erreichbar gewesen. Bis 1989 war hier nicht Mitte-Mitte-Mitte, sondern Rand. Die DDR, ohne großes Interesse, Menschenmassen direkt an die Mauer zu lenken, baute auf der Fischerinsel in den 1970ern/1980ern ein großes Wohngebiet mit hohen Häusern, viel Grün, Parkplätzen, Sackgassen und einer Schwimmhalle.

Die Halle selbst ist eine Volksschwimmhalle Typ C  und passt von Anmutung, Gestaltung und Ausstattung her tatsächlich eher in ein mittelstädtisches Wohngebiet als in das Zentrum einer Millionenstadt. Obwohl man mit dem Bus direkt am Bad vorbei fährt, hätte Madame Poupou das Gebäude nicht als Schwimmbad erkannt. Meine erste Volkschwimmhalle Typ C habe ich dann auch in Hennigsdorf besucht – insgesamt wirkt die Halle eher nach Hennigsdorf als nach Berliner Zentrum.

Um 2000 drohte der Halle wie vielen DDR-Bauten in Mitte der Abriss, 2009 wurde sie dann ernstlich saniert. Seither lebt sie ihr Dasein als unbekannte Perle im Zentrum Berlins. Seit März 2016 liegt auch das Kundenzentrum der Berliner Bäder im Bad.

Gebäude


Ein 70er-Jahre Plattenbau. Eine große Schwimmhalle mit viel Glas, daneben ein kleiner Umziehbürzel. Madame Poupou sah die Verwandtschaft zum Barcelona-Pavillon von Mies van der Rohe ebenso wie zur Neuen Nationalgalerie. Wie diese Gebäude wirkt es auch hier so, als würde die Schwimmhalle nur von zwei Scheiben an jedem Ende – ebenjenen Längswand aus Kieselwascheton – gehalten, während der Rest freischwebende Fensterfläche ist. Auffallend auch das gewellte Dach, der Fachmann sagt dazu VT-Falten.

Im Foyer hängen einige Vor-Sanierungsfotos, die uns zeigten, dass die prägnanten Scheibenwände früher auch schon da waren, aber weniger auffallend, da sie mit allerlei Klimbim vollgehängt waren. Ein Lob auf die Planer des Umbaus, die die Wände in ihrer Einfachheit herausstellten, sie nicht seltsam verputzten, sondern – wie bei Barcelona-Pavillon und Neuer Nationalgalerie – das eigentliche Baumaterial betonten.





Schwimmhalle Fischerinsel bei Open Street Map © OpenStreetMap contributors, made available under the terms of the Open Database License (ODbL).


Gelegen ist die Halle inmitten von viel Grün. Durch geschickte Heckenbepflanzung merkt man nicht, dass man eigentlich direkt neben der Gertraudenstraße, einer achtspurigen Möchtgernstadtautobahn, schwimmt. Stilistisch handelt es sich hier auf jedem Fall um das obere Ende dessen, wozu ein Plattenbau fähig ist. Damit passt er ins Umfeld. Auch hier edlere Plattenbauten aus der DDR-Oberklassenproduktion inmitten von viel Grün. Wenn man mit dem Platten-Stil überhaupt etwas anfangen kann – hier ist eine schöne Umsetzung.

Das Foyer, frisch saniert und umgestaltet, ist hell, offen, mit einigen Stühlen und Tischen und insgesamt einladend. Das Kundenzentrum der Berliner Bäder befindet sich in einem kleinen Nebenraum. 

Umkleide/Duschen etc.


Insgesamt vier Sammelumkleiden (je zwei für Damen und Herren) an die je zwei Einzelkabinen angedockt sind. Hartplastik, so ein bläuliches grau mit dunkelblauen Streifen, den Verschleißerscheinungen nach offenbar intensiv genutzt. Alles funktionierte, war in Ordnung und für Berlin überdurchschnittlich sauber. Dennoch kann die Volksschwimmhalle ihre Herkunft aus Sportunterricht und Kollektivsport nicht verleugnen  In den Umkleiden scheint doch sehr stark die kommunale Sporthalle durch und das Ambiente erinnert mich sehr an Schulsport. Für ein Lächeln sorgten die Bilder die Männer- und Frauenbereich kennzeichneten. Kann man schlecht beschreiben, muss man sehen.

Immerhin hat mir die Existenz zweier Sammelumkleiden das gemeinsame Umziehen mit einer Grundschulklasse erspart. Beim Zweiten Besuch, Wochenends, war die zweite Umkleide dann vorsichtshalber abgeschlossen. Die Duschen sind weiß, eher klein, haben verschiedene Abstufungen zwischen großem Duschraum und geschlossener Kabine und waren insgesamt eher unspektakulär. Ein paar Haken mehr wären gut gewesen.

Schwimmhalle


Schlicht, funktional aber nicht unschick. Ein 25 Meter-Becken und ein Nichtschwimmerbecken, weder Rutsche noch Sprungturm. Der Beckenkopf seit dem Umbau mit einer hochgelegten Wiesbadener Rinne versehen, das heißt Wasser ist auf dem Niveau des Bodens drumherum. Die älteren Fotos im Foyer zeigten uns, dass ehedem das Wasser deutlich unter dem Bodenniveau lag, die Überlaufrinne war ein ganzes Stück unter dem Beckenrand – wie das halt früher so gewesen ist.

Die Längswände im Plattenbaustil mit Uhr und Rettungsrind – überraschend elegant. Die Seitenwände größtenteils aus Glas. Dort, wo der Kabinentrakt anschließt und eine echte Wand ist, ist ein Mosaik – definitiv eines der besseren der Berliner Bäder – das vermutlich Wellen und Fische oder auch nur grün, blau, schwarz mit weißen und orangen Keilen darstellen soll. Sah auf jeden Fall gut aus.

Sowohl die Decke wie auch die Beckenbeleuchtung sind angenehm schlicht aber stilvoll.
Das Wasser war überraschend warm, das nicht allzugroße Schwimmerbecken bei beiden Besuchen mittels Leinen in drei Bahnen und einen etwas größeren allgemeinen Bereich geteilt. (Es scheint sich hier um die Standardleinung zu handeln: beim Besuch des Schwimmblog war das auch so) Zwei der Bahnen waren bei beiden Besuchen als Sportbahnen gekennzeichnet, den Sinn der dritten geleinten Bahn verstand ich nicht, bis plötzlich die Grundschulklasse aus dem Nichtschwimmerbecken auf die Bahn (und gleich noch eine Sportbahn zusätzlich) wechselte.

Schwimmhalle Fischerinsel. Rückseits. Hinter dem Fenster der Gang zu den Umkleiden.


Ein Hoch auf die zweite Glaswand. Obwohl das ganze Bad in seiner Konstruktion sich nicht allzusehr von den Kombibädern unterscheidet war es hier sonnig, licht und hell.

Und noch ein weiteres Hoch auf die Umbau-Detaillösungen. Die Leinen beispielsweise zur Bahnabgrenzung sind direkt im Boden verstaut und können dank einer kleinen Klappe sofort ausgezogen werden. Wie vieles hier: funktional und elegant.

Publikum


How bizarre, how bizarre. Ich weiß nicht, ob ich je so ein homogenes Publikum sah. Außerhalb der Sportbahnen waren beim ersten Besuch - Werktag tagsüber - gefühlt alle Anwesenden 65+- eins, zwei Jahre; aus der Generation der Silberschwimmer aber auch nicht richtig alt. Unter den Freiwilligen Badegästen nicht einer, der nach Migrationshintergrund aussah – das ist mir bisher nicht einmal in der Brandenburger Provinz untergekommen.  Wenn ich von den Schwimmern auf die Nachbarschaft rückschließe, scheinen sich die Bewohner seit 1990 wenig geändert zu haben, nur sind sie älter geworden. Immerhin, bei den anwesenden Schulklassen sah das etwas anders aus.

Interessanterweise scheint hier der Unterschied zwischen Wochentag und Wochenende ausgeprägt. Der zweite Besuch am Wochenende sah ganz anders aus. Es war voll. Also so ernstlich voll, dass Madame Poupou erstmal warten musste, bis in der Umkleide überhaupt ein Schrank frei wurde. Das Publikum war wirklich bunt gemischt mit vielen Kindern,Mittelalten und Alten. Mit sehr guten Schwimmern – inklsuive jemand, der Delphin ernstlich beherrschte - und eher so Rumpaddelnden wie uns. Während das Wochentagspublikum eher so „Berlin Mitte 1985“ ist, ist das Wochenedpublikum eher so „Berlin Mitte 2015“.

Gastronomie


Die Bar/Cafe, das es vielleicht mal gab, scheint dem Kundenzentrum zum Opfer gefallen zu sein, ich habe nichts gesehen. Dafür gibt es einen Kaffeeautomaten und einen Süßigkeitenautomaten. Der Kaffeeautomat war von Lavazza und erntete Sympathiepunkte, weil er italienisch mit mir sprach, weniger Sympathie gab es für den Espresso. Der war jetzt nicht schauerlich, aber auch nicht so, dass ihn in je wieder trinken wollen würde. Glücklicherweise hatte ich diese Einschätzung beim zweiten Besuch schon wieder vergessen und kaufte einen Zweiten Espresso. Der war besser, immer noch keine Geschmackserleuchtung aber doch ein ordenticher Espresso. Madame Poupous Cafe Latte war „dafür, dass er aus dem Automaten war und einen Euro kostete, gut trinkbar.“


Preise/Öffnungszeiten


5,50. Öffentlich geöffnet Mo-Di 8-14 Uhr, Mi bis Fr 8 bis 21.30, Samstag gar nicht und Sonntag 10-17 Uhr. Damit im oberen Bereich Berliner Öffnungszeiten.




Schwimmhalle Fischerinsel. Am Eingang.

Sonstiges


Habe beim Bedienen des Wertschrankes bzw. beim obligatorischen Espresso noch ein paar Kundengepräche der Menschen an der Kasse mit verschiedenen Gästen mitgehört. Meine Güte, die waren sowas von freundlich, nett und hilfsbereit. Für Kundenservice hat das Bad echt ein Doppelpkus mit Ausrufezeichen verdient.

Und dann war da noch die Schwimmerin, bei der ich dachte „Nanü, mit Kopftuch um Wasser?“ nur um beim zweiten Blick festzustellen, dass sie einfach eine seltsam geschnittene Helmfrisur hatte.

Fazit


Es ist ja etwas überraschend, eine nahezu perfekte Nachbarschaftshalle für die Mittelstadt im Zentrum von Berlin zu finden. Um Schwimmen zu gehen, bietet die Halle alles benötigte in guter Ausführung, ist perfekt erreichbar und ein echtes Kleinod für den Innenstadtbesucher.


Mehr zur Schwimmhalle Fischerinsel:


Das Schwimmblog schrieb auch schon über die Schwimmhalle. Der Bericht ist hier: Schwimmhalle Fischerinsel

Veauthier-Architekten, die Planer des Umbaus, haben auch noch einige schöne Bilder: Schwimmhalle Fischerinsel

Selbst der RBB hat dem Leben in der Schwimmhalle eine ganzen Bericht gewindet: Alltag eines Bademeisters

Iberty zu Schwimmbädern:


Die Übersicht aller Iberty-Schwimmbadposts ist hier: Schwimmbäder nah und fern: Rückblick und Ausblick

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