Sonntag, 9. Dezember 2018

Schwimmbad Hannover: Schwimmen in der Wasserwelt Langenhagen


In Langenhagen stand das ultimative Schwimmbad. Nicht, weil es größte, bunteste oder schönste Schwimmbad war. Obwohl dieses Bad groß, lichtdurchflutet und für seine Zeit ein echtes Prachtbad war. Sondern schlicht und einfach, weil ich im alten Langenhagener Bad schwimmen lernte. Für mich wird dieses Bad immer das ultimative Bad bleiben.

Dort verbrachte ich meine kurze aber ereignisreiche Zeit im Schwimmverein, sprang das erste Mal im Leben vom 3-Meter-Brett, holte meine einzige Ehrenurkunde jemals bei Bundesjugendspielen.

Das ehemalige Schwimmbad Langenhagen (geschlossen und abgerissen 2003). Foto: Holger Finck
Natürlich ist es alleine deshalb für mich das beste Bad aller Zeiten und aller, die noch kommen werden. Aber ausgehend von meinen Erinnerungen an eine hohe lichtdurchflutete Halle, mehrere Becken und eine Wasserrutsche(!) Anfang der 1980er war es auch objektiv ein gutes, schönes Bad seiner Zeit. Dem ist nicht mehr.so In dem was Zeitzeugen eine „Nacht- und Nebel-Aktion“ nennen, wurde das Bad 2003 plötzlich abgerissen.

Ein Nachfolgebau, die Langenhagener Wasserwelt, ließ bis 2017 auf sich warten. Der Bau entstand ab 2016 und sollte den ersten Planungen zufolge 27 Millionen Euro kosten, die das kleine Langenhagen tatsächlich im Haushalt fand, ohne zusätzliche Kredite aufzunehmen.

Das Bad wurde als Freizeitbad konzipiert, weil es Hannover ähnlich wie Berlin geht: die Stadt ist vollkommen damit ausgelastet, die alten Bäder von vor 1990 am Leben zu erhalten, so dass und weit kein Spaßbad oder eine Therme in der Stadt existiert. Alle Bäder, die vage in die Richtung Erlebnisbad zielen, liegen im Umland.


Langenhagener Wasserwelt (eröffnet 2017)

Aber nun ist das Bad da. Und ich bin auch da: Hoffnungsfroh und ängstlich. Was würde mich erwarten? Die Fahrt durch Langenhagen selbst beginnt wenig ermutigend. Die Walsroder Straße, die wir aus dem Norden entlang kamen, sah schon deutlich bessere Zeiten. (*)



Gebäude


Das Bad selbst – nahe der Pferderennbahn, auf deren Parkplatz ich meine erste halbe Fahrstunde absolvierte, ist aus dem Stadtzentrum in den Wald gezogen. Die Anlage ist großzügiger als ehedem, der Parkplatz ist auch großzügiger. Für den Vorort einer Großstadt wirkt der Weg zum Bad ungewöhnlich weiträumig, fast schon ländlich.    

Der Eingangsbereich, möchte ich sagen seelenlos? Nein, nicht wirklich. Aber der Eingangsbereich zeigt sich auf eine sachliche Art funktional, die nicht stört, aber auch nicht länger zum Verweilen einlädt. Ein langer Tresen steht dort, der über den Eingangsbereich hinaus bis in das Schwimmhallencafé geht. Tische stehen hier für ein kleines Café mit Sitzecke – es findet seine Fortsetzung in der Halle selbst. In einer Nische befindet sich ein kleiner Shop mit dem Üblichen: Badekleidung, Schwimmflügel, harmloses Spielgerät und etwas „Langenhagener Wasserwelt“-Merchandising. Warum ich mir davon nichts kaufte? Ich muss geistig umnachtet gewesen sein.

Alles ist großzügig geschnitten, aber nicht opulent.

Umkleiden


Ein neues Bad zeigt sich: ambitioniert, aber auch nicht zu ambitioniert. Die Umkleiden sind neumodisch-ereignislos. Die Kabinen sind eher groß geschnitten aber nicht üppig, aus einem nicht weiter bemerkenswerten Kunststoffmaterial. Die Farbgebung war vage dunkel aber ehrlich gesagt konnte ich mich daran schon Tage später nicht mehr an Details erinnern.



Der Anordnung der Wechselkabinen folgt dem heute üblichen Unisex-Modell: man laufe durch den Gang, muss irgendeine Kabine durchqueren und auf der anderen Seite der Kabine sind Spinde und Duschen. Von der Raumaufteilung her fühlte ich mich ein wenig wie in den Volksschwimmhallen der 1980er erinnert, auch wenn zugegebenermaßen alles deutlich großzügiger dimensioniert war. 

Gesteuert wurden die Spinde über ein Armband – als man erhält am Eingang ein Armband, zieht dieses an, und wenn man seine Sachen in den Spind gesperrt hat, hält an das Armband an den Spind und der wird abgeschlossen. Auffallend, und so habe ich es an anderen Orten nur selten gesehen – da bei dieser Technik nicht geschrieben steht, welches Armband man hat, kann man dieses an ein extra Feld in der Umkleide halten und bekommt angezeigt, wo der eigene Spind ist.

Schwimmhalle


Hatte ich schon im Foyer, beim Durchgangscafé und in den Umkleiden vage ein untergründiges  Wildorado“-Gefühl, so trat ich aus den Duschen in die Halle und dachte „Oh my god. Das ist wirklich wie in diesem Wildorado-Bad südöstlich von Berlin.“

Die Grundaufteilung in Langenhagen ist ähnlich wie in Wildau, der Heimstatt des Wildorados – von der Eingangsseite her rechts liegen ein Spaßbecken und das Café und dem Tresen, der aus dem Foyer in die Halle ragt – alles in orange-gelben-Farben gehalten und ganz links das sachlich-kühl-blaue Schwimmerbecken. Getrennt werden die Becken durch eine Glaswand, die nur einen relativ schmalen Durchgang lässt. Am linken hinteren Ende des Spaßbeckenteils geht es zur Rutsche.

Ganz rechts: das wichtige Becken. Daneben: Sprungbecken. Links: die ganzen Spaßbereiche.


Nur ist das in Langenhagen alles viel großzügiger als in Wildau. Insgesamt gibt es in Langenhagen sieben Becken, wobei ich ernsthafterweise drei bis dreieinhalb Becken zählen würde: Schwimmbecken, Sprungbecken, Spaßbecken und das halb zählende Außenbecken. Zwischen dem Spaß- und Schwimmbecken existiert noch ein echtes Sprungbecken mit Dreier und Einer. Das Sprungbecken liegt zwischen Schwimm- und Spaßbereich, hat eine tendenziell grüne Farbgestaltung und die erhöhte Decke über dem Dreier macht das ganze etwas aufregender.

Inneres der alten Schwimmhalle während des Baues. Die Sprungbretter sind schon zu erkennen. Mein erster Dreier! Bild: Holger Finck.


Das Schwimmbecken ist halt keine umgebaute Volksschwimmhalle wie in Wildau, sondern ein Neubau (sechs Bahnen, zwei Meter tief, gekachelt(!) mit edler Finnland-Rinne. Wie es sich für ein Schwimmbecken gehört mit wenig Schnick und Schnack, aber wie getestet super zu beschwimmen und auch in durchaus angenehmen Abmessungen,

Der Spaßbecken selbst ist groß. Erhöht in einem Einbau liegt noch ein größerer Whirlpool. Vom Spaßbecken selber geht es in das auch nicht kleine Außenbecken – kein Schwimmbecken: ein großes Warmbecken. Der Außenbereich selber, der anschließen soll, war bei unserem Besuch noch eine Baustelle und bestand aus einer Mischung aus Wiesen und Erdhügeln.

Café


Es war recht spät. Die Dame am Einlass wies uns bereits darauf hin, dass wir nicht viel mehr Schwimmzeit hätten und bis wir das Becken und die Umkleiden wieder verlassen hatten, war es nicht mehr lange bis zum Schluss der Vorstellung.

Lange in Berlin lebend, müsste ich erst all‘ meinen Mut zusammennehmen, um zu dieser Zeit überhaupt noch einen Espresso zu bestellen – und er kam, schnell und superfreundlich und noch mit Nachfragen ob das so okay ist. Ich staune und beneide dieses Bad. Und  schwimmbadüberdurchschnittlich gut war das Getränk dann auch noch.

Sonstiges


Auffallend war das außergewöhnlich freundliche und hilfsbereite Personal. Sowohl dabei uns zu bedienen, als auch im gleichzeitig stattfindenden Telefonat mit dem Mensch, der seine Armbanduhr verloren/vergessen hatte – und als Krönung haben wir Minuten vor der Badschließung auch mit überzeugender Begeisterung der Bedienkraft noch einen Espresso bekommen.

Der örtlichen Presse entnahm ich:  

In der Schublade des Stadtbaurats liegt schon ein Masterplan mit Erweiterungsplänen - sollte die „Wasserwelt“ die Erwartungen übertreffen: Möglich sind noch ein 50-Meter-Schwimmbecken, ein Fitnessbereich und eine noch größere Saunalandschaft.  

Sollte irgendwann das 50-Meter-Becken entstehen, verzeihe ich vielleicht sogar fast den Abriss des alten Bades.

Fazit


Die Geschichte hinter dem Bad verstehe ich nicht. Langenhagen hatte ein wunderbares Hallenbad, ein funktionales Hallenbad (das Hallenbad Godshorn) und ein wunderbares Freibad (das Freibad Godshorn). Dann hatte es 15 Jahre lang nur Bäder im entlegenen Godshorn. Die sind jetzt auch geschlossen und die ganze große Gemeinde hat es ein Kombibad: Mit einem tollen Sprungbecken, einem guten Schwimmbecken und einem Spaßbecken. Aber ohne echtes Freibad und ohne guten ÖPNV-Anschluss.

Gemessen am Verlust ist es tragisch. Gemessen daran, dass die Kernstadt 15 Jahre lang gar kein Bad mehr hatte, ist dieses Bad der helle Wahnsinn. Zwei Herzen wohnen ach in meiner Brust.

Weiterlesen:


Bilder vom alten Bad und ein kleiner Rückblick darauf. Der Post von Holger Finck.

Mehr zum Baustart: Während der große Nachbar Hannover lieber alle Bäder saniert, setzt Langenhagen auf ein Großprojekt.

Die Website der beteiligten Baugesellschaft mit mehr technischen Informationen: Neubau Sport- und Freizeitbad Langenhagen

Ein fast-so-ähnlich-Bad, wenn auch in deutlich schlichter steht südlich von Berlin: das Wildorado in Wildau.

Langenhagen in den 1990ern: Kleinstadt-Antifa, 1994.

Alle Schwimmbadposts in Iberty: Schwimmbäder nah und fern. Rückblick und Ausblick.

Anmerkungen


Faszinierend. Während ich an mehreren Stellen dieses ersten Langenhagen-Aufenthalts von mir seit etwa 15 Jahren dachte: "Oh, das sieht ja eher desolat aus. Langenhagen, die letzten Jahre waren nicht gändig zu dir", lernte ich bei der Recherche für diesen Artikel: Aufgrund der Nähe zum Flughafen hat die Stadt mit die höchsten Gewerbesteuereinnahmen aller Kommunen in Niedersachsen. bezogen auf die Zahl der Einwohner.

Keine Kommentare: