Samstag, 25. November 2017

Schwimmbad Berlin: SSE, Schwimm- und Sprunghalle im Europapark

Gebaut, um zu beeindrucken. „Europas größte Schwimmhalle“ entstand in den 1990ern im Rahmen der gescheiterten Bewerbung Berlins zu den Olympischen Spielen 2000. Deutschland war wiedervereinigt, Berlin fühlte sich wie das Zentrum der Welt. Und auch wenn gleichzeitig die ganzen Ost- und Westschwimmbäder vor sich hinverfielen: Ein neues beeindruckendes Bad, das beste Europas, wenn nicht gar der Welt, musste gebaut werden. Dieses Schwimmbad sollte zeigen, was Deutschland und Berlin können.

Berlin bekam die Olympischen Spiele bekannterweise nicht. Immerhin, das Schwimmbad wurde Ende der 1990er fertig gebaut. Es dient heute vor allem als Bad für nationale und internationale Schwimmwettkämpfe - aller größeren Schwimmveranstaltungen Berlins finden mittlerweile in diesem Bad statt. Im Eingangsbereich weisen vielerlei Infotafeln darauf hin, wie groß und modern das alles ist. Wie das ganze Bad auch sind diese Infotafeln allerdings ebenfalls Mitte der 1990er stehen geblieben. Sie verlieren jeden Tag an eigentlichem Wert, gewinnen jeden Tag an musealem Wert,

Ebenfalls im Eingangsbereich weisen riesige Aufschriften darauf hin, welche Weltrekorde in diesem Bad geschwommen wurden und welche Springer und Schwimmer aus dem hier ansässigen Leistungszentrum Medaillen bei Meisterschaften gewonnen haben. Da wir aber weiterhin in Berlin sind, hören die Aufzeichnungen über Rekorde und Medaillen abrupt 2009 auf.



Danach hatte dann wohl niemand mehr Lust, die Zeiten zu ergänzen. Der zuständige Angestellte war in Pension gegangen und niemand weiß mehr wie es geht. Oder das Geld war alle. Oder der Vorrat an entsprechenden Buchstaben war aufgebraucht. Oder die Berliner haben seit 2009 nichts mehr gewonnen und in diesem Bad ist auch nicht spannendes mehr passiert.


Laut Schild am Eingang handelt es sich um das Berliner Bad mit den meisten Besuchern, das Schild ist aber schon ein paar Jahre alt. Meines Wissens werden auch immer mal wieder das Bad in Schöneberg, das Prinzenbad oder das Bad am Wannsee als besucherreichstes Bad Berlins gehandelt. Und die Berliner Bäder veröffentlichen vorsichtshalber seit einigen Jahren gar keine Zahlen mehr zu einzelnen Bädern.

Das Bad hat zwei große Becken. Ein Wettkampfbecken, in das man als Normalsterblicher nicht hinein kommt und das sogenannte "Aufwärmbecken" - auch 50 Meter lang mit zehn Bahnen, aber sonst wesentlich weniger beeindruckend als das Wettkampfbecken. Außerhalb von Wettkampfzeiten steht das Wettkampfbecken dem organisierten Leistungssport zur Verfügung, das Aufwärmbecken ist von der Öffentlichkeit nutzbar.

Gebäude


Bei allen Repräsentativgedanken, der diesen Bau befeuerte, Erhabenes und Herrliches für normale Menschen, die mit der S-Bahn kommen, war eher nicht vorgesehen. Der Zugang von der Bahn zum Bad ist spektakulär kurz. Es liegt direkt an der Ringbahn im Prenzlauer Berg. Der Bahnhof ist Teil des gesamten Gebäudekomplexes, zu dem auch noch das Velodrom gehört. Dafür ist er überraschend unübersichtlich. Der Weg führt durch die Katakomben, dann links, dann durch die anderen Katakomben, dann 30 Meter durch die Landschaft, die aussieht wie ein Parkhaus und dann durch eine  Tür, die dem Design eines Atomschutzbunkers entnommen ist. 

Direkt an Ringbahn und Landsberger Allee. Es fühlt sich dort immer etwas an wie Niemandsland, eigentlich liegt das Bad verkehrsgünstig. Open Street Map © OpenStreetMap contributors, made available under the terms of the Open Database License (ODbL).


Stilistisch stelle man sich für dieses Schwimmbad den Berliner Hauptbahnhof als Schwimmhalle vor – nur dass der Hauptbahnhof in die Höhe wächst und die Halle in die Breite. Tatsächlich wurde sie in die Erde eingebaut. Ihr Dach hat das Höhenniveau der umgebenden Straßen.  Ich  weiß, dass Architekten und Planer viele hundert Seiten Papier mit der Begründung dafür gefüllt haben, das ganze ein Ausweis an Bescheidenheit und unaufdringlichem Bauen sein sollte - aber dieser Weg durch Katakomben und Parkhaus ohne ein bisschen Freiraum drumherum, nervt kolossal.

Der Bau selbst ist rechteckig, die verschiedenen Bereiche von Außen nicht erkennbar. Bereits vor dem Eingang gibt es wilde Malereien mit Pfeilen für Zuschauer, Öffentlichkeit und Aktive, die mal hier und mal dort hingegen sollen. Tatsächlich landen dann aber alle Gruppen zuerst im Foyer und werden von dort aus weiter verteilt.

Wall of Fame. Bis 2009.


Das Foyer wurde gebaut um mehrere tausend Besucher zu Olympiawettkämpfen zu beherbergen und hat ein dementsprechendes Format. Rechts das Café, links der Badeanzugshop. Direkt geradeaus geht es zur Tribüne der Wettkampfhalle. Diese Tribüne ist tagsüber für Besucher geöffnet und man kann den Vereinen und Sportlern beim Trainieren zuschauen.

Kinder, die mir bis zur Hüfte reichen und vom 3-Meter-Brett zweieinhalbfache Saltos springen, junge Frauen, die Delphin rückwärts (also mit Füßen voraus) schneller schwimmen als ich Kraul vorwärts und ähnliche selbstbewusstseinszerstörende Darbietungen. Auch diverses Schwimmtraining gehobenes Niveaus findet statt – falls ich mal in der Gegend bin, ist dort Zusehen eigentlich eine nette Art eins, zwei Stunden Zeit totzuschlagen.

In die Schwimmhalle geht es rechts um die Ecke. Der Kassenbereich sieht eher nach Berliner Bäderbetrieben als nach Prestigebad aus. Die Damen dort haben dem verwirrt dreinblickenden Fremden aber mit viel Geduld und Enthusiasmus erklärt, wo man sich wie umziehen muss.


Viele Becken. Leider sind deren schönere nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Gelb: Umkleide-/Sanitärtrakt für die Öffentlichkeit. Open Street Map © OpenStreetMap contributors, made available under the terms of the Open Database License (ODbL).

Umkleiden/ Duschen


Ein großzügiger Eingangsbereich. Und danach hört es dann endgültig mit dem Repräsentationsräumen auf. Die Umkleiden selber erinnern eher an Kombibad als an Prestigebau. Weiße Kacheln, Hartplastik, leicht labyrinthisch, platzsparsam und die Duschen sind halt irgendwo gebaut. Die Kabinen selber sind in einem abgenutzten Zustand. Zwei der vier von mir insgesamt aufgesuchten Kabinen hatten dann ältere Graffiti an der Wand. Kurz fragte ich mich, ob ich vielleicht doch im Wellenbad Kreuzberg war.

Wenn ich an das Stadtbad Mitte oder das Paracelsusbad denke – kein Vergleich. Die von mir aufgesuchten Kabinen sind die Kabinen für Öffentlichkeit und Schulen. Ich habe keine Ahnung wie diejenigen für die echten Sportler aussehen. Das obligatorische  Zieh!Dich!Aus!-Schild in der Dusche schließt sich der funktionalen Geisteshaltung an und möchte nur, dass ich „gründlich“ dusche ohne weitere Verzierungen.

Und um sicherzustellen, dass wirklich jedes Berliner Bad eine andere Kombination an Spinden/Schließfächern und deren Schließsystemen hat, akzeptiert das SSE nur 2-Euro-Stücke als Pfand. Nicht etwa 1-Euro-Stücke.
 

Schwimmhalle


Für die Öffentlichkeit geht es in die Aufwärm- und Trainingshalle. 50 Meter lang, 10 Bahnen. Riesig. Von den 10 Bahnen waren 6 oder 7 Bahnen abgetrennt. Zwei „nichtöffentlich“ (ein Verein?), eine für Schnellschwimmer ausgewiesen, eine fürs Rückenschwimmen auf beiden Schildern war auch noch einmal eine Zeichnung mit Pfeilen gegen den Uhrzeigersinn, um die Schwimmrichtung anzuzeigen.
Ich sollte schauen, ob die Berliner Bäder sowas verkaufen, dann schenke ich Bianca Schwimmblog eins davon zu Weihnachten.





Eine Längsseite hat eine Glasfront nach draußen: der Blick fällt auf Weg vor dem Eingang und dann eine Wand, die zur S-Bahn führt. Das Dach ist nicht wirklich hoch. Der Rest auch eher funktional. Ich staune, dass es möglich ist, 1250 Quadratmeter Wasserfläche zu haben und trotzdem wirkt das ganze irgendwie beengt. Weitere Minuspunkte für den Einbau des Kachelmodells superglatt für die Bodenfliesen, das auch in Schöneberg Beinbrüche zu provozieren scheint.

Das Ende der Schwimmhalle mit den Startblöcken hat tieferes Wasser, das andere Ende flacheres, sodass auch kleinere Menschen problemlos stehen können. Dort besteht der Boden nicht aus Kacheln, sondern aus einer Art modelliertem Kunststoff – mich erinnerte es ein wenig an künstliche Kletterfelsen auf Spielplätzen, und ähnlich bouncy ist der Stoff auch. Nebenan gibt es noch weitere kleinere Becken – das Schild „Kid’s area“ hat mich abgeschreckt. Erst beim Verlassen des Bades sah ich, dass in einem der Kid’s-Area-Bereich ein Aquafitnesskurs mit geschätztem Durchschnittsalter 57 stattfand.

Publikum




Menschenmassen. Zu allen erkundeten Zeiten. Das Vorschwimmbecken ist neben der Finckensteinallee schon das größte Becken Berlins und es war immer noch schwierig einen Platz zu finden, um einfach nur geradeaus zu kommen. Sieben oder acht der zehn Bahnen waren geleint. Der Anteil der Sportler war hoch. Da aber auch die Nichtsportler keine andere Wahl hatten als in die geleinten Bahnen zu gehen, waren dann alle Bahnen quer durchmischt was Anspruch und Können angeht.

Die kleineren Becken waren auch gut gefüllt. Zu einem großen Anteil sportlich-ambitionierte Schwimmer, einige Familien.

Flirtfaktor


Wie schon in der Schwimmhalle Ernst-Thälmann-Park, waren die Prenzlauer Berg Nachrichten natürlich auch im SSE zu Besuch und haben sich den wirklich wichtigen Themen gewidmet. Wie zum Beispiel dem Flirtfaktor. Autorin Kristina Auer stellt fest:

Für gewöhnlich möchte man und vor allem frau beim Schwimmen nicht in erster Linie über die Partnersuche nachdenken. Trotzdem können wir der SSE ein gewisses Flirtpotential nicht absprechen. Gemäß seiner athletischen Ausrichtung ist hier ein hoher Anteil sehr ansehnlicher Badegäste anzutreffen. Jung, dynamisch, aktiv und gutaussehend hat hier beim Badepublikum die Oberhand. Die normalsterblichen Freizeitschwimmer sind allerdings auch ausreichend vertreten, man muss sich also nicht schämen. Zum Flirten: Im Eingangsbereich sitzt man sich beim kollektiven Schuhausziehen gegenüber und kann vorzüglich Blicke tauschen. Ansprech-Tipp: „Hättest Du vielleicht ein 5-Cent-Stück zum Fönen für mich?“ Geht natürlich erst ab einer gewissen Haarlänge.


Gastronomie


Ein Café liegt im großzügigen Eingangsbereich, gegenüber dem stylischen Shop für Schwimmbedarf aller Art. Das Café ist eher nicht stylisch. Ein leicht mürrischer Mann hinter dem Tresen serviert mir einen mäßigen Espresso. Könnte aber auch an mir liegen: bei all‘ meinen drei Versuchen dort etwas zu bekommen, wartete ich lange und wurde kaum eines Wortes gewürdigt – während der Mann mit anderen Gästen herumflirtete und ihre Stammbestellung schon servierte, bevor sie auch nur bestellt hatten. Ansonsten gibt es Bouletten, Pommes und – wir sind in Ostberlin – Nudeln mit selbstgemachtem Wurstgulasch.

Fazit




Über tausend Quadratmeter Wasserfläche. Die Möglichkeiten von der Tribüne aus Spitzensport beim Training zuzusehen. Eine Anbindung direkt an die Ringbahn. Und trotzdem bin ich nicht so richtig begeistert. Zu sehr Bahnhof mit Durchgangsverkehr, zu sehr merkt man dem ganzen Bereich für normale Publikum an, dass der dann halt nicht mehr so wichtig war. Mit jedem Schritt vom Eingang hin zum Schwimmbereich wird es weniger edel, rutscht vom Prachtbau hin zum abgeranzten Berliner Bad.

Das Konzept mit der Schwimmhalle, die im Boden eingelassen ist, klingt charmant, sorgt dann aber halt dafür, dass man in einer lichtlosen Höhe schwimmt. Grundsätzlich mag ich überdachte 50-Meter-Bahnen nicht schlecht finden. Und gesehen haben sollte man die Halle mal. Aber dass ich jetzt mein Herz verloren hätte oder andauernd staunend *wow* *wow* *wow* sagen würde – nein.

Weiterlesen

 

Das andere große Sportbad Berlins ist die Schwimmhalle Finckensteinallee.

In der Gegend und alles in allem entspannter: die Schwimmhalle Ernst-Thälmann-Park 

Nahe gelegene 50 Meter in historisch eindrucksvollem Ambiente: das Stadtbad Mitte

Alle Iberty-Schwimmbadposts liegen unter: Schwimmbäder nah und fern: Rückblick und Ausblick.

Zum Bad selber und wie es sich mit Kindern besucht, schreibt Kein Stubenkoller: Schwimmen:SSE und Schwimmhalle.

Und das Schwimmblog war eh schon da: Schwimm- und Sprunghalle im Europasportpark SSE

Kommentare:

schwimmblogberlin hat gesagt…

Ich seh mich schon wie die Malle Urlauber, das Schild ersetzt das Handtuch, die Bahn für mich reservieren.

Um übrigen, diese Wucht des Bades scheint ja nur zwei Lager entstehen zu lassen. Diejenigen, die die SSE als "das" Sportbad sehen und die, die vermissen, was echte Sportbäder auszeichnet. Helle, freundliche Räume, in denen man den imaginären Jubel auch als kleiner Normalschwimmer wahrnimmt.

dirk franke hat gesagt…

Ich sehe, Du brauchst so ein Schild dringend. Zumal in der Hälfte der Bäder niemand vom Personal genug Rückendeckung hätte, Dir Dein Schild wieder wegzunehmen. Beim Bad selbst: ich vermute, diejenigen, die in das echte Wettkampfbecken kommen, sind die Begeisterten. Sonst: unabhängig von Stilfragen. Die Kabinen sind für ein Bad dieses Anspruchs eine Schmach und diese Beinbrecherkacheln meiner Meinung nach ein zu reklamierender gravierender Baumangel.