Samstag, 30. Dezember 2017

Sara + Gina = BFFđź’“đź’“đź’“

Die deutsche Sprache kennt 32 Wörter für Regen. Mindestens 16 von diesen ließen sich an diesem Brandenburger Spätabend anwenden. Ein Zug soll kommen, in ihm Ms Fluffy. Sie kommt mit der S-Bahn aus Berlin, sprintet dann in Hennigsdorf einmal den Bahnsteig entlang zur Regionalbahn Neuruppin und dann nach Kremmen.

Ein Bahnhof. Ein Bahnsteig. Zwei Gleise. Eines davon endet hier. Ein großer Parkplatz für den Pendelverkehr nach Berlin. Pionierfauna neben dem Funkmast. Ein Funkmast, ein Überbleibsel von DDR-Truppen? Das Bahnhofsgebäude ist als solches nicht mehr in Betrieb. Vor einigen Jahren hingen hier neue Schilder mit dem Hinweis auf einen Kiosk. Vom Kiosk selber war nie etwas zu sehen. Die Schilder verschwanden mittlerweile auch wieder.



Auf der anderen Seite der Gleise: GebĂĽsch, Wald, PflanzengerĂĽmpel. Vielleicht fliegt einmal ein Rotmilan vorbei.



Da bleibt nur die Flucht unter das Wartehäuschen. Metall, Beton, grau, blau. Offensichtlich steht hier ein Nachwendehäuschen, aus der Bahn-Generation nach 2000. Wie alle Bahn-Wartehäuschen seit 1900 sollte es einmal modern wirken, ist jetzt aber nicht einmal mehr altbacken oder überholt, sondern nur noch uninteressant. Eng ist es. Gut, dass ich hier alleine warte, sonst würden wir kuscheln.

Hartes Licht fällt von Deutsche-Bahn-Fluchtlichtern durch den Regen. Das Licht der Bahn bleibt weiterhin verschwunden. Flutlicht bildet klare Kanten im Wartehäuschen. Teile bleiben stockduster, andere Teile leuchten fast von selber. Ich lese „Gina + Sara= BFF!!“ Best friends forever? BoyFriends Fuck off? BerlinFahrt Forwärts?“ Ich fĂĽhle mich verbunden mit Sara und Gina. Warten auf die Deutsche Bahn. Fast bedaure ich keinen Stift zu haben, einfach dazu zu schreiben „Ich fĂĽhle mit Euch!“



Oder ich fĂĽhlte. Sara + Gina hinterlieĂźen kein Datum. Wollten Sie nach Berlin? Oder nach Neuruppin? Aber wer will nach Neuruppin? Zu jung fĂĽr ein Auto, aber alt genug, um sich in Wartehäuschen zu verewigen. Ich hörte letztens, „Handlettering“ wäre voll im Trend. Wie sie wohl drauf waren? Haben Sie noch ein Selfie mit sich, der Aufschrift und dem Wartehäuschen gemacht? Geboren sind Sara + Gina zu Zeiten als die DDR ferne Erinnerung war und doch groĂź geworden im Sturm, der ĂĽber Brandenburg nach 1990 hinwegging.

Oder groß geworden in Westberlin? Mit den Eltern ins Umland gezogen? Jetzt wohnen sie in der Kleinstadt. Die mit 16 nicht viel interessanter wirkt als das Wartehäuschen. In das der Sturm mittlerweile den Regen hineintreibt. Vielleicht sollte ich in den Subaru flüchten? Aber dann kann ich nicht nach weiteren Spuren der beiden Suchen.

Leben in Kremmen. Leben in einer Brandenburger Kleinstadt, die immer noch so aussieht wie die Postkarten von 1952. Die genau die gleichen Bilder zeigten wie die Postkarten von 1930. Leben in der Mark, dort Brandenburg so Brandenburg ist wie es nur sein kann. Kein Oderbruch, kein Seenland, keine Lausitz. Hier ist die Mark.



Hier ist Brandenburg. Kremmen liegt auf einem Sandhügel im Sumpf. Hier dominierten Jahrhunderte lang die von Fontane bekannten Adelsgeschlechter von Bredow und von Quitzow bis sich irgendwann die Stadt Berlin heranschlich und Veränderungen brachte. Nicht zuletzt diese Bahnstrecke, an der die Regionalbahn 6 einfach nicht kommen mag. Aber ganz reichte es nie für die Stadt zum Berliner Speckgürtel.

Dann die DDR. Die Mauer. Die Bahnstrecke verschwand. Die tote Hose tötete sich noch weiter. Tiefschlafkleinstadt. Voller Begeisterung drehte das ZDF hier 1992 Szenen eines Nachkriegsfilms, weil alles noch genau so aussah wie das ZDF sich das Jahr 1945 vorstellte. Die Produzenten machten allerdings sofort mit der Nachwendegegenwartbekanntschaft. Die Nationalistische Front, einer der vielen sich ins offene trauende Neonazigrüppchen, tauchte auf und griff die Produktion an. Später warfen dieselben Nazis Steine auf das örtliche Flüchtlingsheim.

Nazis hatten nach der Wende jede Gelegenheit sich im Politvakuum der Zeit auszubreiten.  Im Nachwendebrandenburg traf sich dann auch prompt die Stadtvertretung mit „den Jugendlichen“ um zu Reden. Wenig später verbot das Bundesministerium des Inneren die Nationalistische Front komplett.

Wie Sara + Gina dazu ständen? Heute dominiert die öffentliche Jugendkultur der Stadt das „Resist to Exist“. Ein Festival, zugezogen aus Marzahn, mit Punks und Autonomer Antifa, die sich aber prima mit der Dorfjugend verstehen. Sofern es hier noch eine Dorfjugend gibt. Die Bibliothek der Stadt schildert vorbildlich auch in arabisch aus. Kremmen und seine Vertreter treten jedem BĂĽndnis gegen Rassismus bei, das sich in Brandenburg finden lässt.



Und doch: in der Tankstelle hängt ein Fahndungsaufruf der Polizei wegen des Brandanschlags auf das Asylbewerberheim. Der letzte Landesparteitag der AFD fand in der „Musikantenscheune“ in Kremmen, ungefähr auf halber Strecke zwischen Bahnhof und Tankstelle statt.

Haben Sara + Gina dazu eine Meinung? Haben sie Freunde in Berlin, die sich dort politisch engagieren? Waren sie selbst auf dem Weg dahin? Oder ging es nur nach Hennigsdorf zum Shoppen? Sind ihre Eltern Westberliner Ingenieure oder Brandenburger Ex-Ingenieure? Vielleicht gehören Sie auch zum Pfarrhaus nebenan und zu einem der zahlreichen florierenden Angebote für Berliner Wochnenendtouristen? Vielleicht sind sie auch schon lange weg. Haben Kremmen, die AFD, den Regen in kalter Nacht und die Regionalbahn schon lange hinter sich gelassen und backpacken jetzt durch Thailand?

Mittlerweile erwarte ich fast, Sara und Gina leibhaftig vor mir zu sehen. Ich bilde mir schon Geräusche im GebĂĽsch ein. Nein wirklich. Da bewegt sich etwas, vielleicht menschengroĂź. Es tritt aus dem GebĂĽsch. Ein junger im KrokodilskostĂĽm. Den Krokodilkopf klemmt er unter den Arm. Er schaut mich an. „Ă–y. Party!“

Keine Kommentare: