Dienstag, 21. November 2017

Parken Jerusalem möglich?

Parken in Jerusalem ist möglich. Autofahren in Jerusalem ist möglich. Beides ist nicht einmal wirklich schwer. Von den zahlreichen Israel-Mythen, mit denen wir vor unserer Reise konfrontiert waren, erwies sich Mythos von der Unmöglichkeit des Autofahrens in Jerusalem als einer der hartnäckigsten – und falschesten. Mit etwas Planung lässt es sich in dieser Stadt problemlos Parken und Fahren.

Bei allen unseren Erkundigungen, die wir vorher einholten, erfuhren wir dasselbe: "Gebt den Mietwagen bloß ab!", "Seid nicht wahnsinnig und fahrt mit dem Auto in die Stadt.", "Niemand parkt freiwillig in Jerusalem" und ähnliches. Einzig unser Hotel sah das etwas anders, aber dazu später. Generell waren sich alle einig, dass es weder sinnvoll noch möglich ist, mit dem Auto nach Jerusalem zu fahren. Da die Alternativen allerdings waren, entweder einen knappen Tag durch komplexes Mietwagen hin- und hertauschen zu verlieren oder aber saftige Aufschläge zu bezahlen, weil wir das Auto an anderen Orten zurückgeben als abholen, probierten wir es einfach aus.

Autofahren


Neben dem Mythos „In Jerusalem kann man gar nicht parken“, hielt sich ein anderer Mythos auch hartnäckig „Fahren in Israel ist total chaotisch.“ Ich verstehe, wie Deutsche zu dieser Auffassung kommen: Autofahren in Israel ist anders als Autofahren in Deutschland.

Madame beschrieb es schöner als ich „Nicht aggressiv. Aber manchmal überraschend.“ Ich würde sagen: „Gefahren wird dort, wo Platz ist“. Nicht unbedingt derjenige fährt, der Vorfahrt hat, sondern derjenige, der zuerst in der Lücke ist. Die Lücken, in die man stößt, sind kleiner, die Fahrmanöver auf den ersten Blick waghalsiger. Das ist gewöhnungsbedürftig. Aber – und hier folgt ein großes Aber – nach einiger Zeit mir persönlich sympathischer.

Unser Isra-Mobil. Hier nicht in Jerusalem.

Denn der israelische Fahrstil ist nicht aggressiv. Wer zuerst fährt, der wird fahren gelassen. Die anderen bremsen, weichen aus, machen Platz. In Situationen, in denen ich in Deutschland nie fahren würde – weil ich Angst hätte, dass mir ein Anderer einfach aus Prinzip in die Tür fährt – fuhr ich in Israel vollkommen problemlos. Weniger fahren nach sturer Vorgabe und mehr fahren mit Mitdenken. Fahren mit aufeinander achten. Insgesamt schien mir das flüssiger. Vor allem wirkte es weniger aggressiv als in Deutschland.


Die Umstellung für den Deutschen ist zwiefach: Zum einen muss man damit rechnen, dass andere überraschend vor einem links über zwei Fahrspuren abbiegen und dementsprechend aufmerksam fahren. Und man muss selber Mut zur Lücke zeigen Vorsichtiges zögern wird als „der will gar nicht“ interpretiert und die Lücke ist weg. Nach erfolgter Umstellung fährt es sich netter und weniger anstrengend als in Deutschland.

Die wahre Herausforderung: Straßenschilder


Spannender als das Fahren ist das Navigieren. Hebräisch hat erstaunlich viele sich erstaunlich ähnlich sehende Buchstaben. Da die Vokale fehlen kann man Worte auch nicht lautlich erkennen, wenn man alle Buchstaben erkennt. Unsere Hebräisch-Buchstaben-Kenntnisse waren eher lückenhaft. Im Wesentlichen waren wir auf die lateinischen Umschriften angewiesen.

Gut ist: die lateinischen Umschriften stehen fast überall. Schlecht ist: manchmal tragen sie mehr zur Verwirrung als zur Erkenntnis bei. Es gibt keine verbindliche Transkription oder Transliteration des hebräischen in lateinische Schrift. So kam es vor, dass unsere zwei Reiseführer, eine Landkarte und ein Navi den gesuchten Ort unter einem anderen Namen kannten – während auf den Straßenschildern dann wieder etwas anderes stand. Die Straßenschilder selbst zeigten sich nicht konsistent. Da konnte ein Ort im Laufe der Strecke auf den Schildern gerne mal Kiryat, Qirjat, Kiryet und ähnliches heißen. Jesus lebte in Kapernaum oder Capharnaum oder Cefarnam oder Kafernaum oder auch anders.

Ein Glück für mich, dass Madame so reiche und so schnelle kreative Analysefertigkeiten mit auf die Reise brachte, um auch die ganzen komischen Schreibweisen rechtzeitig vor der Kreuzung miteinander vereinen zu können und klare Anweisungen gab, wo wir lang mussten.

Jerusalem


Jerusalem ist eine Art Israel-Konzentrat. Dementsprechend ist hier alles etwas lauter, etwas schneller, etwas enger als im Rest des Landes. Es wird mehr gehupt und es sind mehr Autos. Andererseits: Jerusalem ist kleiner als beispielsweise Hamburg, Köln oder Berlin und man merkt es den Straßen an: weniger Spuren und weniger Verkehr als zu Hause in Berlin. Berlin-Erfahrung bietet auch andere Vorteile im israelischen Verkehr. Bei uns fahren genug Araber, um eine vage Ahnung des orientalischen Fahrstils zu vermitteln.

King David Street. Eine der Hauptverkehrsstraßen in der Innenstadt. Größer wird es abseits ausgewählter Schnellstraßen nicht mehr.


Jerusalem liegt inmitten einer Hügelkette und eine ebene Fläche fand ich in der ganzen Stadt nicht. Das bedeutet: wenige Menschen fahren Rad. Aber Autofahren ist erschwert, weil man in drei Dimensionen fährt, irgendwie immer schräg steht und schaut. Alle Anderen kommen nicht nur von links und rechts, sondern auch von oben und unten.

Das geht, aber es hilft, wenn man Großstadt-erfahren ist und die Entscheidung für einen japanischen Kleinwagen (Toyota Yaris) als Mietauto zahlte sich in dieser Stadt genauso aus wie in Nazareth, Haifa oder Jaffa.


Planen ist erforderlich


Parken in der Stadt bietet für Fremde eine große Herausforderung: Spontan an der Straße zu parken. Fremde sollen dies nicht. Generell geht das natürlich schon. Aber quasi alle Straßen in der Innenstadt sind gebührenpflichtig. Das allein ist nicht schlimm.

Schlimm sind auch Traktor-Verbote (Altstadt Jerusalem). Fairerweise muss ich zugeben, dass die "Straße" zum Schild keinen Meter breit war.
Schlimmer ist, dass Jerusalem vor einigen Jahren beschlossen hat, sämtliche Parkautomaten abzuräumen. Einheimische können nur noch mit Handy-Apps zu bezahlen, Auswärtige stehen vor einem großen Problem. App-Zahlungen wirken sicher sehr modern, sind aber misslich, wenn man keine Lust hat, auf Reisen Extra-Sim-Karten zu kaufen (also kein Mobilnetz hat) und auch keine Lust hat, die dafür erforderlichen Apps Pango oder Cellopark zu installieren.

Wie ich im Internet las, ist das mit den Apps wohl auch gar nicht so einfach, da die Apps nach dem Teudat Zehut, dem israelischen Personalausweis fragen und sich sonst nicht installieren lassen. Und ja, es scheint Umwege zu geben. Man muss irgendwo bei der App anrufen und alles scheint mir keine Methode zu sein, mal schnell und unkompliziert das Auto loszuwerden.

Ohne App, also ohne Möglichkeit, den Parkschein zu bezahlen, bei einer gleichzeitig aufmerksamen Polizei, bedeutet: Spontan zum Ziel fahren und irgendwo parken geht nicht. Also es geht natürlich schon, wird dank Bußgeld aber eine eher teure Parkaktion. Was geht: Abends kommen – zwischen 19 und 8 Uhr sind die meisten Straßen gebührenfrei. Oder, unser Plan, vorher einen (gebührenpflichtigen) Parkplatz aussuchen und diesen ansteuern.


Die Rabbi Akiva Street


Unser Problem: Wir hatten ein „Boutique“-Hotel, gelegen in der Fußgängerzone zwischen der Yafo Street – der Haupteinkaufsstraße Westjerusalems und der Ben Yehuda Street – der Hauptnachtlebensstraße der Stadt. Ich denke, man kann sagen, es war zentral, normalerweise die schlechteste Lage um einen Parkplatz in der Stadt zu finden. Entgegen alle Prognosen, Voraussagen, Unkenrufen und düsteren Prophezeiungen entpuppte sich diese Suche als erstaunlich unproblematisch.

In Downtown Westjerusalem gibt es sogar zwei Parkplätze, die sich anbieten „Orion Parking“, neben einem ehemaligen Kino oder der Parkplatz ohne Namen in der Rabbi Akiva Street.  Orion Parking will etwa 120 Schekel am Tag (~ 30 Euro), der Parkplatz in der Rabbi Akiva Street wollte etwa 60 Schekel am Tag (~ 15 Euro). Für zentrale Innenstadt ist das im internationalen Vergleich nicht viel, dennoch entschieden wir uns für Parken beim Rabbi.

Open Street Map © OpenStreetMap contributors, made available under the terms of the Open Database License (ODbL).

Die Rabbi Aktiva Street liegt zwischen eigentlicher Innenstadt/Fußgängerzone und dem Gan Ha'atsmaut, dem Unabhängigskeitspark. Nach der Abfahrt von der Innenstadtschnellstraße benötigte es keine 10 Minuten um dorthin zu gelangen. Zu unserem Hotel waren vielleicht 300 Meter Fußweg zu überwinden und – besser – keine sonderliche Steigung lag in der Nähe. Die Rabbi Akiva Street ist eine typische Innenstadt-Nebenstraße. In der Straße sieht man neben der Bar Foccacia vor allem Hotelrückseiten, andere Rückseiten und die ein oder andere Ausfahrt.

Um die Sache zu erschweren, gab es gleich drei Parkplatzeinfahrten: „Jerusalem Towers“, „Jerusalem Gold“ und eine Einfahrt ohne Namen, nur mit "P"-Schild. Wir nahmen die erste, „Jerusalem Towers“, waren im blitzsaubersten und gewienertsten Parkhaus, das ich je sah – und wurden beim Herausgehen darauf aufmerksam gemacht, dass man hier nicht über Nacht parken kann.

Der Parkplatz ohne Namen


Also wieder raus, zum Parkplatz ohne Namen. Da saß ein freundlicher Mensch in einem Kassenhäuschen, schaute in ein Mikroskop (?!?) und bastelte an Schmuck, während noch jede Menge technische Gadgets in seinem Kabuff herumlagen. Hinter ihm ging es eine enge kurvige Abfahrt hinab, auf eine Art Hof, auf dem mehr oder weniger organisiert Autos standen. Teile des Hofs waren überdacht, so ein Siebziger-Jahre-Beton-Vordach. Der hinterste Teil war eher eine Baustelle, der vorderste aber gut benutzbar.

Wir fuhren hinein, gingen wieder raus. Der Mann mit dem Mikroskop fragte, wie lange wir bleiben wollten. Wir antworteten. Er begann hektisch zu rechnen, wild auf einem Taschenrechner herumzudrücken um uns schließlich (den erwarteten) Preis zu nennen. Dann gab es er uns einen kleinen Ausdruck, komplett auf Hebräisch, den wir beim Ausfahren wieder vorzeigen sollten.


Isra-Mobil bei seiner dreitägigen Ruhepause auf dem Rabbi-Akiva-Parkplatz
Drei Tage später, dann ein ähnliches Spiel. Wir zogen mit unseren Koffern zum Auto. Der junge Mann am Kabuff schaute kurz skeptisch. Aber als wir kurz erzählten, dass wir nur kamen, um das Auto zu holen, erläuterte er noch einmal freundlich das Prinzip. Wir stiegen die Einfahrt hinab. Das Auto stand unbeschadet und wohlbehalten da. Wir zeigten bei der Ausfahrt dem anderen Mann den Zettel. Der winkte gnädig. Und in 10 Minuten waren wie aus der Innenstadt auf der Autobahn Richtung Totes Meer.

Parken in Jerusalem ist problemlos möglich. Fahren in Israel macht Spaß.

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