Dienstag, 16. Mai 2017

Anbaden

Fliege davon, Fischbrötchenpapier! Vom Sturm getragen, der Sonne entgegen, den Austernfischern vor die Füße geweht  und sicher letztendlich einer Seeschwalbe oder einer Lachmöwe zum Opfer fallend. Die kalte Nordsee blubbert ungerührt, läuft auf, läuft ab, wie halt immer. Ob Sommer oder Winter.

Sommer. Er wird kommen. Seitdem ich mit sechs Jahren einst angesichts der Ostsee beschloss „diese Badewanne ist mir zu groß“, dann aber doch zum Reingehen überredet wurde, versuche ich mein traditionelles Meeresanbaden auf Pfingsten zu legen. Sonne, 14 oder 15 Grad Wassertemperatur und ein kurzer Hüpfer in das Wattenmeer. Manchmal schaffe ich es nicht, oft aber schon, einmal Meer im Jahr sollte sein.




2017 aber ist es anders. Noch ist kein Pfingsten. Pfingsten ist um genau zu sein noch mehrere Wochen weg. Die Luft hat 10 Grad, das Bundesamt für Seeschiffahrt und Hydrographie sagt auch meiner kleinen Ecke Nordsee 10 Grad Wassertemperatur voraus. Die Sonne scheint, aber der Wind bläst, Hochwasser ist am späten Mittag – eigentlich zu früh, damit das Wasser sich wirklich aufwärmt.

Andererseits: nach all‘ den Kilometern in Hallen- und Freibädern will ich dieses Jahr endlich einmal ins freie Wasser. Im See schwimmen und nicht nur ein wenig friedlich hin- und herpaddeln. In die Wellen, in die Sonne, in den Wind, Wasserschichten spüren, mit und gegen die Strömung schwimmen, mich einlassen auf etwas lebendiges, lebende sich ändernde Natur. Das kann nicht früh genug anfangen.

10 Grad Luft und Wasser. Dank Wind gefühlt noch einiges weniger.

Aber: Andere können das auch. Jessica J. Lees „Mein Jahr im Wasser“ liegt zwar schon ausgepackt aber noch ungelesen in den Reisesachen. Eine Kanaderin, die in Berlin ein Jahr lang jede Woche in einem See schwimmen war: vom Wannsee bis zum Brandenburger Schlammloch, mal in winterlicher Klarheit, mal in sommerlicher Algenblüte.






Twitter spült mir Links auf „Forget Calories. Exercise for Awe. – Why do we Sea swim” - die Geschichte einer Gruppe schwimmender Frauen vor Australiens Meer  und Why do we swim? - Three new “swimoirs” plumb the depths of the question. 

Motivation mehr zu Machen und Beweis, dafür dass es möglich ist, auch bei noch viel weniger Grad Celsius ins Wasser zu gehen. Besprechungen und Berichte von Menschen deren Ziele eher in Richtung Ärmelkanal liegen als in Richtung meines Ziels: der Kremmener See: ein kleines Naturschutzgebiet mit angeschlossener Badestelle und Sandstrand. Übersichtlich, mit Wald drumherum, dem ein oder anderen Kanufahrer und dem ein oder anderen Greifvpgel, der über den See fliegt.

Der Kremmener See ist anders als der Ärmelkanal. Aber für den Anfang sind meine Ansprüche geringer. Wir haben ja auch keinen Winter mehr. Die Sonne scheint, es herrschen keine Minustemperaturen mehr. Immerhin begann ich vor drei Tagen meine Freibadsaison.

Das erste Freiwasserschwimmen des Jahres gehört wie seit langer Zeit trotzdem in die Nordsee: Vollerwiek. Eine Miniaturbucht an der Küste Eiderstedts/Nordfrieslands. Vorbei an der mehr als pittoresken Dorfkirche, folgend dem Wegweiser zur „Töpferei am Meer“  und vom entgegekommenden Traktor fast in den Graben gedrängt. Parkplatz an der Badestelle. Der Kiosk hat schon wild geflaggt, der Parkplatz ist überraschend voll. Einige einheimische Kennzeichen, sonst Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Hamburger Umland und Berlin. Zweier-Rentner-Gruppen in Partnerlook-Funktionskleidung steigen aus.

Ich erinnere mich an den Sommer 2012. Als ich hier mit Kellerkind saß, frische Krabben mampfte und wir die Fahrradgruppe sahen, die vom Rad stieg, die Sachen auszog, die Fahrradhelme aber auf dem Kopf behielt und dann ins Wasser ging. Die Helme wurden erst wieder an Land abgesetzt. „Vor dem Baden, Helm aufsetzen.“

Fahrradfahrer mit ihren Helmen sind auf der windausgesetzten Seeseite natürlich wieder unterwegs. Das Wasser steht hoch. Noch eine halbe Stunde Flut, fast maximaler Wasserstand, gutes Timing. Vor dem noch leeren DLRG-Häuschen, sitzt eine Rentnergruppe – na denen werde ich noch etwas Unterhaltung bieten.






Seeseits fehlt der Windschatten des Deichs. Schneidig stürmt es. Auf den Wellen sind kleine Kämme. Ich beginne auch in Pullover und langer Hose schon zu frieren. Denke sehnsuchtsvoll an das beheizte Freibad zurück. An den netten Kartenkontrolleur/Kioskverkäufer/Koch, der mir das erste Spaghetti-Eis der Saison servierte. Aber dennoch: das weite Meer. Irgendwo in der Ferne liegt Yorkshire, vor mir der große Priel, nicht weit weg ist Sylt. Vollerwiek, der Ort an dem ich schon romantisches Vollmondbaden im Hochsommer hinter mir hatte, wo ich bald alle Schafe persönlich kenne, und überhaupt einer der schönsten Ecken der Nordsee.

Den Deich hinablaufen, Radfahrer vorbeilassen. Wenig überraschend: in Badehose wird es nicht gemütlicher. Einige Schritte die grob behauenen Steine der Wassertreppe hinab. Erste Wasserberührung. Es fühlt sich an als würde der Knöchel einfrieren.





Schnell ein Schritt ins tiefere, auf das Watt. Straucheln. Das Meer lebt, das Watt ist dynamisch und wo vor einigen Jahren noch Sand war, ist heute knöcheltiefer Modder. Modder entsteht wo sich besonders kleine Teilchen Sand absetzen. Wo es schon nicht mehr Sand ist, sondern Lehm und Ton wird. Die Teile setzen sich dort ab, wo das Wasser langsam ist, die Teilchen Zeit haben sich zu setzen. Diese Stellen wechseln – von Jahr zu Jahr sind in der Nordsee feste und moddrige Stellen, Priele und Hochflächen an anderen Stellen. Schwierig und gefährlich für Boote, jetzt gerade äußerst hinderlich für mich.

Wind zerrt von oben, Strömung zerrt von unten in die andere Richtung, Wellen schlagen gegen mich und im Modder ist der Stand mehr als nur unsicher.  Es geht schneller ins Wasser als gedacht. Platsch. Mich mühsam abstützend. Kein Wind im Wasser, aber die Körperwärme wird schnell und effektiv abgeleitet. Wieder aufstellen. Die Hand auf der ich mich abstützte ist pechschwarz von haftendem Morast. Sollte ich den zuschauenden Rentnern auf der Bank einmal winken?

Weiter durch den Modder. Ins tiefere,  kämpfend um das Gleichgewicht. So aus der Nähe sind die Wellen auch ein gutes Stück höher als von außen geahnt. Immer noch mit leuchtenden Gischfahnen. 20 Meter ins Wasser, der Boden wird fester, überraschenderweise aber auch flacher. Eine kleine Anhöhe nach dem Tal am Wassereinstieg.

Dann man tau. Schwimmen. Im Wasser liegen. Ich bewege mich. Aber bewege ich mich auch fort? Relativ zum Land auf jeden Fall. Da ist ja die Strömung, deutlich zu merken. Aber auch relativ zur Strömung? Kaum zu merken. Ist es schon schwimmen oder ist es noch strampeln? Es wird kalt und kälter, windgeschützter im Wasser, aber ich spüre die Kälte vordringen. Strampelnd, bewegungslos, frierend, zur Unterhaltung von Rentnern in uniform hellgrünen Funktionsjacken. Von der Eleganz des Freiwasserschwimmens maximal entfernt.

Aber ich schwimme. Im Meer, der Nordsee, inmitten von Wellen, der Strömung ausgesetzt. Freistil? Wollte ich ja. Ich versuche einen ganzen Zug Freistil, lande Einatmen in der Welle. Salziger Husten. Wie machen das die anderen? Vielleicht sollte ich doch wieder Brustschwimmen. Oder auch raus. Der Pflicht ist genüge getan.

Vielleicht zur anderen Treppe. Vielleicht ist dort weniger Modder. Einige Schritte Richtung Süden. Als ich knietief versinke, gebe ich den Plan auf. Immerhin stecke ich jetzt so tief im Boden, dass ich nicht mehr umkippen kann. Ich wuchte mich zurück. Nicht laufen, treiben lassen. Wo muss ich hin, damit die Strömung mich zur Ausgang trägt? Wieder im Wasser. Strampelnd. Sich fortbewegend oder einfach nur fortgetragen. Auf jeden Fall Richtung sonnenbeschienener löwenzahn-übersähter Wiese, die hinter den Wellen aufscheint. Versuch aufzustehen. Wieder im Watt gestrauchelt.

Ich bin versucht mich vor den Rentnern auf der DLRG-Bank zu verbeugen. Habe aber Angst, dann gleich wieder in den Modder zu purzeln. Draußen ist Wind. Es wird noch kälter. Wie schnell kann man sich anziehen?



Auf ins Koog Café, Zwischenstopp auf dem Weg zur heißen Dusche. Warmes Holz, ein kleines Kaminfeuer, eine Tortenauslage. Trümmertorte einsacken, weiter Richtung heißer Dusche.
Angebadet ists. Der Kremmener See kann nicht mehr schrecken.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Das ist so gemein. Jetzt habe ich Fernweh. Wie komm ich jetzt aus dem blöden, ätzend heißen Rhein-Main-Gebiet an die Nordsee? Ach, menno...

dirk franke hat gesagt…

Kommt Zeit kommt Wind. Oder ein Schlauchboot in den Rhein. Das wäre ja diretissima. (und die ganzen Strömungen sorgen dann dafür, dass du am Ende tatsächlich in der Nähe von Eiderstedt endest..)