Sonntag, 19. Juni 2016

Schwimmbadnachtrag: Nuklearparkplatz

Das von mir geschätzte Turm-Erlebnisbad in Oranienburg ist doch immer wieder für einige Überraschungen gut, die Nachträge zum Turm-Artikel rechtfertigen. Neben den zahlreichen Überwachungskameras, die das Schwimmbad bis vor kurzem lückenlos abfilmten, wie jetzt öffentlich wurde, hat es auch der Standort des Bades in sich.

Lehnitzsee (1)

Das Schwimmbad liegt idyllisch am Oder-Havel-Kanal nahe des Lehnitztsees. Bild. Lehnitzsee nördlicher Bereich des westlichen Ufers. Von: Jumbo1435 Lizenz: CC-Attribution-Share Alike 3.0 Unported


Das Turm-Schwimmbad steht am Lehnitzsee auf dem ehemaligen Werksgelände der Auerwerke. Die Auerwerke wiederum begannen ihre Existenz unscheinbar als früher Produzent von Gas-Glühstürmpfen und zogen in den 1920ern von Berlin nach Oranienburg. Für Gas-Glühstrümpfe wiederum benötigt man Thorium. Dieses wird einerseits aus sogenannten Monazitsanden gewonnen, andererseits lässt sich Thorium in spaltbares Uran-233 erbrüten. Dass ihr Produkt etwas mit Radioaktivität zu tun hatte, entdeckte Auer recht früh und versuchte erfolglos die radioaktive Zahnpasta Doramad zu vermarkten.

„Was leistet Doramad? Durch ihre radioaktive Strahlung steigert sie die Abwehrkräfte von Zahn u. Zahnfleisch. Die Zellen werden mit neuer Lebensenergie geladen, die Bakterien in ihrer zerstörenden Wirksamkeit gehemmt. Daher die vorzügliche Vorbeugungs- und Heilwirkung bei Zahnfleischerkrankungen. Poliert den Schmelz aufs Schonendste weiß und glänzend. Hindert Zahnsteinansatz. Schäumt herrlich, schmeckt neuartig, angenehm, mild u. erfrischend. Ausgiebig im Gebrauch.“
Radioaktive Zahnpasta ist aus heutiger Perspektive nicht empfehlenswert, fällt aber noch in die Irrungen und Wirrungen der Geschichte und einem naiven Umgang mit Technologie.

Zeitlich ist die Doramad-Produktion aber auch der Punkte an dem die Geschichte um Oranienburg und Auer unheimlich wird. Oranienburg hatte selbst für Verhältnisse deutscher Kleinstädte eine unselige NS-Geschichte mit dem KZ Sachsenhausen, SS-Wachtruppen-Ausbildungslagern und den Heinkel-Werken aus denen die deutschen Jagdflieger stammten. Oranienburg ist die deutsche Kleinstadt in der noch die meisten Weltkriegsbomben in der Erde liegen. Gründe, Oranienburg zu bombardieren gab es einige.

Bei Auer wurden ab 1933 die jüdischen Miteigentümer aus dem Unternehmen gedrängt und Auer selbst ging an Degussa. Im Besitz der Degussa war Auer an der deutschen Forschung zur Atombombe beteiligt. Während andernorts geforscht wurde, standen in Oranienburg die Produktionsanlagen mit denen Thorium und spaltbares Uran gewonnen wurden. Es gab dort auch größere Vorräte an Monazitsanden, Thorium und Uran. Etwa 1944 bekam die US-Army mit war dort vor sich ging. Zu diesem Zeitpunkt war auch klar, dass der Krieg für Deutschland verloren ist, Deutschland in verschiedene Besatzungszonen aufgeteilt würden werde und Oranienburg in der sowjetischen Zone enden würde.

Somit würden also Fabrikaktionslanlagen und Rohmaterialien, um Atombomben herzustellen, in die Hände der Sowjetunion fallen. Im März 1945 flog die US Air Force einen großen Angriff auf Oranienburg und den Verschiebebahnhof neben dem direkt die Auerwerke lagen. Auch wenn offiziell der Bahnhof das Ziel war, ist wohl davon auszugehen, dass vor allem Auer getroffen werden sollte.

Und wie das so ist, wenn große Menge radioaktiven Materials mit Bomben getroffen werden: Sie verteilen sich. Aufgrund des Bombardements und anderer Auer-Hinterlassenschaften strahlt Oranienburg so wie sonst in Deutschland nur noch der Schwarzwald. Auf dem ehemaligen Auergelände gilt das natürlich ganz besondern.

Zum Teil wurde vor der Turm-Eröffnung 2002 die Erde komplett abgetragen. Zum Teil aber auch nicht. An einigen Orten, wie dem Parkplatz, liegt Sand über der ehemaligen Erde und darüber dann Asphalt. Wer wollte, könnte sich aber in die strahlende Zukunft zurück graben auf dem Parkplatz.






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