Mittwoch, 15. Juni 2011

Larry Sanger mit dem Strohmann auf der rutschigen Ebene

Larry Sanger hat vor ein paar Tagen einen Blogpost veröffentlicht: Is there a new geek anti-intellectualism?, der jetzt an sich nicht weiter bemerkenswert wäre, wenn er sich nicht so wunderbar selbst bloßstellen würde.

Sangers These: Geek-Chic ist gegen jede Form von Wissen, und infiziert damit die gesamte Gesellschaft; uns droht eine dumme, verarmte Gesellschaft. Und weil Sanger ja Wikipedia-irgendwie-auch-Mitgründer ist, ist Wikipedia irgendwie auch mit Schuld an dem Trend.

Seine praktischen Beweise sind in vielerlei Hinsicht einfach falsch. Bezogen auf Wikipedia gibt es ja schon eine Replik; eventuell sah es 2001 anders aus, und der Anteil echter Geeks und Technikaffinen Menschen war höher. Aber zumindest 2011 habe ich den Eindruck. größere Teile der Wikipedianer sind der festen Überzeugung, dass sich dieses komische Internet eh nicht durchsetzen wird. Vieles was er als Beweise bezeichnet, trifft zumindest auf Wikiepdia 2011 nicht zu.

Genauso konstruiert er einen Strohmann von Thesen, was Geeks denken. Wie er selber sagt, würde wohl Jeder Mensch widersprechen, solche Gedanken zu haben; eher dreist ist es dann, trotzdem ohne Beweise einfach zu behaupten, dass der Strohmann doch echt ist.

Aber auch wenn die Geeks gar nicht denken, was Sanger ihnen unterstellt, so sind wir doch Sanger zufolge auf einer schiefen Ebene, die einer hohen Wertschätzung der Intellektualität zu einer niedrigen Wertschätzung führt.

Mich irritiert sein Beklagen, dass praktisches Wissen soviel höher geschätzt wird, als schöne Bücher. Beziehungsweise, auch ich finde das beklagenswert, aber war es je anders? Und so abstrakt beklagenswert ich es finde: ich glaube ich lebe lieber in einer Gesellschaft in der ausreichend Menschen wissen, wie sie im Zweifel meine Heizung reparieren können.

Was mich dann aber doch sprachlos zurücklässt, ist Sangers Gleichsetzung von Expertenwissen/Büchern/College/Intellektualismus/theClassics und Wissen. Ja, irgendwie hängt das schon alles zusammen so. Aber dann doch nicht so direkt wie Sanger impliziert.

Um mal einfach anzufangen: da wo er Buch sagt, meint er wohl langen Text. Ich hoffe zumindest für Sanger, dass er einen 30.000-Wort-Digitaltext einem schmalen Buch als gleichwertig anerkennt. Also substituiere ich mal innerlich Text, da wo Sanger Buch scheibt. Ja, die Bedeutung von Text gegenüber Bildern und Zahlen nimmt ab. Was Bilder angeht: seit diversen Jahrzehnten schon. Was übrigens auch schon dem einen oder anderen Autor auffiel. Aber was den Bedeutungsgewinn von Zahlen angeht: auch der ist mindestens zweihundert Jahre alt. Wäre ich böse, würde ich sagen, er geht auf Galilei zurück, und der Sieg der Naturwissenschaften über die Scholastik war so rückblickend betrachtet, nicht das Schlechteste was der Menschheit passierte,

In Deutschland kamen dann irgendwann Realgymnasien an denen man Ingenieurwesen lernte, in den USA Schulen an denen man Handel lernte. Da mag Geek chic eine Ausprägung sein, neu ist das sicher nicht. Dito, Classics, die Diskussion kann man auch mindestens führen, seit ein Abiturient im Normalfall nicht mehr fließend altgriechisch beherrscht. Den Verlust, den Sanger da anklagt, halte ich für Phantomschmerz.

Spannender ist die Gleichsetzung von Experten/College mit Wissen. Und das ist sicher auch der spannendste Punkt. Sanger beklagt, dass "Experte" ein Schimpfwort ist, und Jeder meint, Alles zu können. Ich glaube die Grundsatzdebatten sind auch schon geführt, und die klassische (und auch meine Replik) darauf ist: wichtig ist nicht, wer es sagt, sondern was gesagt wird - was zugegebenermaßen im Widerspruch zu abendländischen Kulturkanon steht, und m.E. ein Hauptgrund ist, warum viele etablierte Wissenschaftler Probleme mit der Wikipedia haben.

Und hier bei diesem spannendsten aller Sangerschen Diskussionspunkte wird es wieder schade. Leider liefert Sanger keinen Maßstab, was "gutes und echtes Wissen" ist, gegenüber dem was es nicht ist. Wenn es um Reichhaltigkeit geht, würde ich deutlich sagen, dass der spontanere, offenere Prozess reichhaltigere Ergebnisse bringt. Wenn es um irgendwie geartete Qualität geht: sicher kann man da Qualität so auffassen, dass der hierarchische Prozess es besser produziert als der offene. Aber Larry, herrje, dann mach es auch, und sage wovon Du redest.

Da wo es unspannend ist, breitet Sanger sich aus. Da wo er eine schiefe Ebene sieht, ist seit Jahrzehnten bereits das Tal erreicht. Und da wo es spannend werden könnte, ist Sanger so sehr von seiner eigenen Großartigkeit überzeugt, dass er sich des Argumentieren enthoben fühlt.


Lamentatio eines unverstandenen Welterklärers. Die immerhin gibt es bereits, so lange wie es Intellektuelle gibt. Und sie erklärt, warum Sanger nie etwas Eigenes entwickeln wird.






Kommentare:

zwanzigprozent hat gesagt…

Bitte den ersten Link fixen. Sonst: wunderbar gekontert, danke.

dirkfranke hat gesagt…

Danke, hätte doch die Link-Adresse in die Zeilen kopieren sollen, nicht den Titel, Gna.

Torsten hat gesagt…

Ich glaube der Rubikon ist dieser: Wer auf Wikipedia besondere Anerkennung finden will, muss Wikipedia-Experte sein. Der Anthropologie/Chemie/Psychologie-Experte bekommt ohne Kniefall vor dem hive mind ("Ich bin Locutus von Borg") maximal normale Anerkennung.

zwanzigprozent hat gesagt…

Diese Haltung: wichtig ist, was du hier machst, nicht was du in deinem sonstigen Leben machst oder gar "bist" - das ist schon ein Stück weit Geek Culture. Schreckt Experten aber, glaube ich, weit weniger ab als das Kosten/Nutzen-Verhältnis von zeitintensiver WP-Mitarbeit. Die Opportunitätskosten sind nun einmal höher als bei Studenten oder gar Schülern. (Kann sein, dass Psychotherapeuten da in ein paar Jahren entschieden widersprechen werden...jedenfalls leichter zu messen.)

Sanger spricht das immer mal wieder angedachte Review-System an, und da hat er, na, einen halben Punkt: die Leute dafür müsste man nach irgendwelchen Kriterien auswählen, und es ist klar, dass da auch außerwikipedianische formale Referenzen - sprich Titel oder berufliche Positionen - eine Rolle spielen würden. Weil es sinnvoll ist, weil es bequem ist, weil es notwendig ist, um mit zitierfähigen Publikationen konkurrieren zu können. Das beißt sich schon etwas mit der "was zählt is aufm Platz"-Haltung der meisten (?) Wikipedianer, aber "anti-credentialism" ist nicht unbedingt anti-intellektuell (und hat auch gar keinen Grund dazu, imho).

WP-Experten, hm. Die Top Guns sind Leute, die gleichzeitig a) fachlich gute Autoren sind, b) MediaWiki verstehen und c) die Strukturen kennen. c) macht eher den kleinsten Teil aus, b) den mittleren und a) den größten. Auch wenn das manchmal etwas anders wirkt, wenn man viel im RC- und(oder Metabereich unterwegs ist...

dirkfranke hat gesagt…

Torsten,

wobei ich Zweifel habe, ob das so wikipedia-spezifisch ist. Ich würde ja vermuten, dass passiert über längere Zeiträume jeder Gruppe, die man mit sich allein lässt. Aber vielleicht würde es helfen, wirklich mal klar definitierte Rollen mit Rechten und Verantwortungen für Admin/Hivemindmitglied/Newbie/Passant zu schaffen.

20prozent,

wobei die Top Guns, die Du beschreibst, halt nicht unbedingt die sind, die nach Außen wirken. Normalerweise kriegt man ja eher einen fleißigen Aufräumer mit oder wenn man Pech hat den Analphabeten vom Dienst bei den Löschkandidaten.

Aber ja, da hast Du den Punkt, Sanger ist heftig Anti-Anti-credentialism setzt das aber identisch mit anti-intellectualism. Gerade bei einem Philosophen ein Kategorienfehler, der mich verwundert.