Sonntag, 7. Februar 2021

Parken am Eidersperrwerk möglich?

Parken am Eidersperrwerk ist möglich. Es ist empfehlenswert. Dort gibt es Krabbenbrötchen, Seevögel, Strömung und Meer. 

„Auf einem Bein habe ich gestanden! Bis Hamburg musste ich mich einzwängen!“ Dietbert wedelte mit Armen und Beinen, um die Dramatik der Lage zu unterstreichen. „1979! Ich habe mich in Niebüll in den Zug gezwängt, der erste nach dem großen Schnee in dem Schneechaos. Seit Tagen der erste Zug. Alle wollten in diesen einen Zug. Ich musste auf einem Bein bis Hamburg stehen. So voll war es.“ 

Ich schaute Dietbert an, versuchte mich am Kopfrechnen: 2021 – 1979 = 42. „Im Strampelanzug oder wie?“ 

Er setzte fort: „Das Bein war komplett eingeschlafen. Auf einem Bein hatte mein Vater gestanden! Bis Hamburg musste er sich einzwängen. Es war so furchtbar für meinen Vater. Seitdem fahren wir keine Bahn mehr. Deshalb habe ich den Audi mit Massagesitzen, Ambientbeleuchtung, dem Star-Wars-Hologramm auf der Rückbank und der autonomen Wunderbaum-Drohne Duftrichtung ‚neues Auto‘.“ 

„Und damit fährst du nach Amrum?“ 

„Ne, nie wieder Inseln. Viel zu gefährlich. Über Jahre war ich nur noch im Süden. Aber nächstes Jahr geht es nach Sankt-Peter-Ording. Abenteuerdietbert schlägt zu. Ich suche schon schöne Parkplätze auf der Strecke heraus.“ „Wie wäre es mit dem Eidersperrwerk?“ 

„Kann ich dort parken?“ 

„Aber hallo, der ganze Entertainmentkomplex Eidersperrwerk ist um den Parkplatz herum konzipiert.“ 

Halber Parkplatz am Eidersperrwerk
 

„Ich werde es in Erinnerung behalten. Aber ich muss weiter, Schneechaos verhindern!“ Dietbert hatte das Ansteckset „Schneefräse“ an seinen Rasentraktor montiert, die Version mit gelber Rund-Warnumleuchte. Er patrouillierte die 500 Meter Brandenburger Datschenweg auf und ab, jagte jeder einzelnen der wenigen Schneeflocken hinterher. Das Schneechaos musste gebändigt werden, bevor es auftauchte.“ 

Ich ging zurück, sammelte die letzten vollen Flaschen aus dem Schuppen ein, bevor es dort Minus 10 Grad haben würde, und fragte mich, warum das Eidersperrwerk so autolastig ist. Zwei Antworten fielen mir sofort ein „1967-1973“, die Baujahre. Und „Acht Kilometer“, die Entfernung zur nächsten Kleinstadt. 

 

Das Eidersperrwerk liegt an der Eider 

Das Eidersperrwerk liegt am Fluss Eider. Die Eider fließt vom Osten Schleswig-Holsteins in den Westen, mündet etwa auf halber Strecke zwischen Hamburg und Dänemark in die Nordsee. Mit 188 Kilometern Länge ist die Eider ein eher kleiner Fluss. 

Luftaufnahme des Eidersperrwerks Richtung Katinger Watt. Der Parkplatz ist vom Betrachter aus rechts des Sperrwerks am Bildrand / Land. Quelle: Bundesanstalt für Wasserbau. Lizenz: CC-BY 2.0
 

Bedingt durch die Flachheit der Landschaft, das Wattenmeer und die gigantischen Wassermassen die Ebbe und Flut in den Fluss hineindrücken, entwickelte sich ein viele Kilometer breites Flussdelta, bei Sturmflut drückte das Hochwasser durch halb Schleswig-Holstein bis Richtung Rendsburg. Das halbe Flusssystem ist durch Deiche geschützt. Zwischen 1935 bis 1937 entstand das erste Sperrwerk in Nordfeld bei Friedrichstadt. Er entstand jenseits des Mündungstrichters, es war nur eine gewöhnliche Flussbreite zu überwinden. Die Gemeinden östlich des Sperrwerks waren nach dem Bau in Nordfeld besser geschützt. 

Die Gegenden westlich des Sperrwerks mussten das zusätzlich angestaute Wasser aufnehmen. Nach der Hamburger Sturmflut von 1962 erschien das nicht mehr ausreichend. Ein neues Sperrwerk, direkt an der Küste sollte entstehen. Dafür musste der Mündungstrichter an seiner breitesten Stelle gedämmt werden. Es entstand ein 4,8 Kilometer langer Damm, den die Eider nur an einem schmalen Durchlass durchfließt. Die erste Deichlinie verkürzte sich so von 60 Kilometer an der Eider auf 4,8 Kilometer Damm direkt an der Nordsee. 

Es entstand das „größte deutsche Küstenschutzbauwerk“, eine eigentümliche Landschaft auf halbem Weg von wertvoller Naturlandschaft zu seltsamem Wald-Freizeitpark, die bedeutsamste Krabbenbrötchenquelle zwischen Büsum und Sylt und ein Parkplatz. Und, wenn ich an der Nordsee bin, gibt es Chancen, mich zu treffen. Wichtiger: Ihr könnt an guten Tage den Kaptain erleben. Das ist ein wahres Erlebnis. 

Attraktionen 

Das Eidersperrwerk im engeren Sinn umfasst den Sperrwerksbau. Zehn Fluttore, jeweils fünf in Richtung Meer und fünf in Richtung Fluss. Diese können nach oben und unten bewegt werden. Im Normalfall lassen sie das Wasser durchfließen. Bei Ebbe vom Fluss in die Nordsee, bei Flut von der Nordsee in den Fluss. Bei Bedarf werden sie heruntergelassen, verriegeln die Flussmündung, und verhindern den Wasserdurchfluss. 

Abend, Seeluft, Eidersperrwerk

 

 In ihrer Mitte liegt die Röhre für den Autoverkehr. Auf dem Dach der Röhre können Fußgänger Sperrwerk und Eider überqueren. Da hier der Wasserdurchfluss einer gesamten Flussmündung auf wenige Meter zusammengedrängt wird, entstehen entsprechend spektakuläre Strömungen, die sich von Außen und Oben sehen lassen. Immer wieder beeindruckend: Der Fluss, der „falschrum“, das heißt, vom Meer weg, fließt. 

Halb geschlossenes Sperrwerk von oben. Links die Nordsee, rechts der Fluss. Quelle: Bundesanstalt für Wasserbau. Lizenz:  CC-BY 2.0

 

 Südlich des Sperrwerks liegen Parkplatz, Aussichtspunkt und der „Aussichtspavillon“ mit Kiosk und Gastronomie von Hans-Dietrich, Frauke und Matthias Rohr. Vielleicht liegt es an der Aussicht. Vielleicht auch an der Belieferung frisch von der Büsumer Schälmaschine, oder am ewigen Wind, der mir am Sperrwerk um die Nase weht. 

Für einen typischen Tourist-Trap-Standort ist die Kiosk-Gastro überraschend gut. Ich würde mich zur These versteigen, dass es nirgends zwischen Büsum und Westerland bessere Krabbenbrötchen gibt. Come for the Küstenbauwerk, stay for the Krabbenbrötchen. 

Für die voyeuristisch veranlagteren bietet sich eine Zusatzattraktion: Menschen zusehen, die in ihrem Wohnmobil, also quasi in ihrem zu Hause diese Krabbenbrötchen und anderes essen. Mit dem Wohnmobilhype der letzten Jahre nimmt auch die Zahl der Wohnmobile zu, ebenso wie die Zahl der Insassen, die sich dort häuslich einrichten. 

Die Seeschwalbenkolonie 

Sozial akzeptierter ist der Voyeurismus, wenn es sich um Vögel handelt. Im speziellen Fall um die Kolonie Küstenseeschwalben, die sich am Sperrwerk angesiedelt hat. Sie bauten ihre Nester an einem Vorsprung Richtung, teilweise nur eins, zwei Meter vom Weg entfernt. In den ersten Jahren kamen die Seeschwalben, wir konnten ihre Nester und Eier aus respektvollem Abstand bestaunen, bewundern wie sie sich im Wind treiben ließen, artistisch Vögel aus der Eider fischten und diese an die Küken verfütterten. 

Seeschwalben kreisen über der Eider
 

In den Jahren darauf kamen die Touristen mit den Fotoapparaten. Die Kolonie hatte sich herumgesprochen. Immer wieder waren diese zu neugierig, missdeuteten das aggressive Geflatter der Schwalben, immer wieder wurde ich Zuschauer wie die Schwalben im Sturzflug, Schnabel voran, sich auf die Fotografen stürzte und diese dann schreiend, den Kopf halten davon liefen. 

Seeschwalbe im Anflug mit Kükenfutter
 

Dann kamen die Absperrgitter. An ihnen hingen die Naturschutzplakate. Sie erklärten die Kolonie. Die Poster erläuterten, dass Aggroschwalben im Sturzflug wahrhaftig gefährlich werden können. Der letzte Busreiseveranstalter entdeckte die Seeschwalben. In den fraglichen Monaten - von April bis Juli - nahm die Zahl der Vogelschautouristen stetig zu. 

Mit diesen zusammen kamen die Lachmöwen, die in ganz Deutschland an Flüssen, Seen und Küsten nisteten. Sie verdrängten die kleineren Seeschwalben von den geschützten Stellen direkt am Weg. Und so bestaunten Touristengruppen im Jahr 2019 Lachmöwen, die sie auch zu Hause am Feuerteich anschauen könnten, während die Küstenseeschwalben sich weiter zurückgezogen haben. 

In der Gegend 

Überhaupt lohnt der Ausflug in die Gegend um das Eidersperrwerk. Das ehemalige Brackwasser-Wattenmeermündung, das „Katinger Watt“ ist auf seine Art und Weise eine einmalige Naturlandschaft. Ehemaliges Watt, das langsam versüßt. Zum Teil zum Wald erklärt, weil, ach keine Ahnung, was es war halt 1970, als jemand die Idee hatte. Bäume ins Watt zu pflanzen. Im Jahr 2021 ist es also ein fünfzigjähriger sich selbst überlassender Wald im Süßwasser. 

Mich erinnert er an die renaturierten Auwälder am Rhein und die Grundidee ist eine ähnliche: Wald im Wasser. Hier mit der großartigen Kombination aus Waldluft und Seeluft gleichzeitig. Auch am Wald gibt es zahlreiche Parkplätze und einen Lehrpfad, angelegt durch die Kreisjägerschaft. Der beinhaltet sowohl einen Seehund, der aus einem Baumstamm geschnitzt wurde, als auch pädagogisch wertvolle Spielgeräte wie das Drehgerät „Bildet Nahrungsketten.“ Am spannendsten: die Aussichtspunkte. 

Seehund

Was mir einen kurzen Exkurs ermöglich: Gelegentlich schwimmen ein oder mehrere Seehunde durch das Sperrwerk die Eider hoch. Vom Sperrwerk aus kann man ihre Köpfe sehen. Madame allerdings hält das für ein Gerücht, sie hat dort nie einen Seehund gesehen, und wenn dann ist er sicher aufblasbar und vom Tourismusverein dort verankert. 

Am Fluss 

Persönlich finde ich es unmittelbar an der Eider schönsten. Dort, wo die Seevögel sich zurückziehen, ich mit Fernglas oder Teleobjektiv Enten, Gänse, Bekassinen, Greifvögel, Austernfischer und andere beobachten kann. An der Eider direkt gibt es im Mündungsbereich keine Parkplätze. Das heißt, es gibt Parkplätze. Aber in diesem Fall sind sie nicht prominent ausgeschildert. Oft liegen sie nicht an der Hauptstraße. Es hilft, sich in der Gegend auszukennen. 

Eidersperrwerk: Blick auf die Eider

 

Da ein Übermaß an Touristen die Vögel unglücklich macht – und ich bei den Seeschwalben verfolgen konnte, wie viele Menschen ein Problem damit haben, zu erkennen, wann es dem Vogel zu nah wird, poste ich diese Parkplätze nicht. Ist eigentlich auch nicht nötig. Es gibt genug andere schöne Stellen.

Am Meer 

Ab Ostern bis in den späten Oktober hinein, lässt es sich baden. Man sollte vorher einen Blick auf den Tidenkalender werfen. Baden bei Niedrigwasser nennt sich Wattwandern. Man kann einen kleinen Abstecher nach Vollerwiek auf Eiderstedt fahren. Oder einen kleineren Abstecher nach Wesselburenerkoog in Dithmarschen unternehmen. Ab ins Meer, die Nordsee genießen, die Strömung fühlen. Sich von den Wellen treiben lassen. Das Salz auf der Zunge wahrnehmen. Von der Badestelle Wesselburenerkoog aus lässt sich das Eidersperrwerk von Außen bewundern.

Blick vom Strand Wesselburenerkoog Richtung Sperrwerk

 

Nicht parken 

Nur haben sich leider Dietberts Genossen im Geiste durchgesetzt. Der Damm, der zum Eidersperrwerk führt, ist schmal, bietet vor allem Platz für den eigentlichen Deich und die Straße dahinter. Fußgänger und Radfahrer müssen auf einen schmalen, ungemütlichen Weg direkt neben der Fahrbahn oder auf den Damm und in den Wind. Das ist nicht gemütlich. Der Weg bis in die alten Orte, jenseits der ehemaligen Flussmündung - Wesselburenerkoog und Vollerwiek - ist mit dem Fahrrad möglich und schön. 

Der kurze Teil des Damms Richtung Süden/Dithmarschen. Quelle: Bundesanstalt für Wasserbau. Lizenz:  CC-BY 2.0
 

Dahinter wird es ungemütlich. Es empfiehlt sich, einen Weg auf den Nebenstraßen zu suchen, eher zur Eider zu radeln als zum Sperrwerk. Oder zur Nordsee. Nordsee geht immer. 

Parken am Eidersperrwerk möglich? Auf jeden Fall. Parken am Eidersperrwerk nötig – leider auch. 

Weiterlesen 

Für weitere Exkursionen ins Hinterland: In 11 Stationen durch die Dithmarscher Nordermarsch.

Baden in Wesselburenerkoog und in Vollerwiek.

Noch mehr Baden in Wesselburenerkoog. Ich kann das nur empfehlen.

2 Kommentare:

ostwestwind hat gesagt…

Wir waren mit dem Fahrrad letzten dort, ohne Krabbenbrötchen zu essen. Die esse ich aus Nostalgiegründen in Husum 😍

dirk franke hat gesagt…

"Nostalgiegründe in Husum" klingt nach einer spannenden Geschichte :-) Noch dauert es ja eh bis März bis der Kiosk hoffentlich wieder öffnet.