Dienstag, 15. Dezember 2020

Herbst - beste Zeit für's Wattenmeer

Carruthers zieht mit letzter Kraft an den Skulls. Davis zermartert sich im Nebel den Kopf über die Strecke. Sie müssen im Dinghy den Weg am Rande des Priels entlang finden, bevor ihr großes Plattbauchboot vom deutschen Kreuzer Blitz entdeckt wird. Sie rudern durch den Nebel, unter ihnen nur wenige Dezimeter Wasser. Die Strömung der Gezeiten zerrt am Boot. Die Markierungen der Fahrrinne sind im Nebel nicht zu sehen. Durch die stets wandernden Priele sind sie kaum hilfreich. Carruthers und Davies rudern im Jahr 1902 südlich von Juist, der gottverlassenen Ecke, in der es nichts gibt außer der wagemutigen Hoffnung einst ein Seebad zu werden. Und dort werden die geheimen Pläne des kaiserlich deutschen Militärs Wirklichkeit, die die Gentleman-Segler Carruthers und Davies im unwirtlichen Spätherbst in das tückische Wattenmeer führten. 

Der Geruch der Weihnachtsbäckerei riss mich aus meinem Buch. Sollte ein Vanillestangerl fertig geworden sein? Mein Geist schleppte sich träge zurück aus dem nebligen Wattenmeer nach Berlin-Schöneberg. Der Späti nebenan wegen Coronauflagen gerade geschlossen. Direkt davor standen drei Streifenwagen, keine Ahnung, wo diese hinwollten. Ein halbvoller M85-Bus fuhr vorbei. Nur der kalte Nieselregen erinnert an das Wattenmeer. 

Wattenmeer, Marschlandschaft. Die Landschaft, die erst im Herbst zu sich selber kommt. Die Marsch, entrungen dem Meer. Doch wirkt sie nie so wie echtes festes Land. Im Sommer kann der Boden hart wie Gestein werden. Dennoch, die Entwässerungskanäle, die Rohre, der Blick auf die Deiche: Sie alle erinnern daran, dass dieses Landschaft nur provisorisch existiert, in seiner Seele amphibisch bleibt. Für eine Zeit der See abgerungen und dort wird es wieder zurückkehren. Zehn, zwanzig, dreißig Meter Modder und darunter der Meeresboden. Die Süßwasserschicht ist dünn, unten im Boden das Salz. 

Das Watt bei Ebbe und Nebel vor der Nordseeinsel Pellworm
Wasser-Land. Bild: Das Watt bei Ebbe und Nebel vor der Nordseeinsel Pellworm von:Wattwurmsucher Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

Wenn die wenigen Monate des Sommers vorüber gezogen sind, kommt die Nasszeit. Die Landschaft kehrt zu sich selbst zurück. Nebel, Regen, Nieselregen, Starkregen, Wind – Wasser aus allen Richtungen. Der Boden beginnt sich im Schlamm aufzulösen. Die Entwässerungsgräben schwellen an, wollen wieder Priele werden. Draußen, jenseits des Deiches, sind die Tiden ungestört. Keine kleinen Boote mehr. Die Ausflugsschiffe haben sich auf ein Minimum reduziert. 

 

Dort, wo weder Land noch Meer ist, kommt das Land zur Ruhe. Die Wasserzeit an der Küste, von Oktober bis April. Die zauberhafte Zeit, die magische Zeit. Die Monate, in denen alles unwirklich wirkt, mich an halbversunkene Nebelreiche aus den Sagen erinnert. Die Zeit, in der der Mensch spürt, nur Gast zu sein, nicht hierher zu gehören. Wind und Wasser drücken den Mensch ins Haus zurück. Zauberhaft. Und doch wispert der Nebel ununterbrochen: Gehe ins Haus. Schließe dich ein. Draußen ist die Welt des Wassers, nicht die Deine. Betäube Deine Wahrnehmung mit Schnaps. Denn die Welt vor der Haustür, die ist nicht für dich. Ich vermisse sie. 

Die beiden Engländer und ihr Plattbootschiff brachten mich dorthin zurück. Als Romanfiguren sind sie zeitlos, immer auf der Suche nach dem Rätsel der Sandbank. Zeitlos werden sie bleiben. Sie bevölkern den ersten Spionageroman der Welt. Erskin Childers Roman „The Riddle of the Sands: A Record of Secret Service“ (auf deutsch: Das Rätsel der Sandbank). Carruthers erzählt, der englische Gentleman im Dienst des Foreign Office. Carruthers plante, eine nette Segeltour auf einer Mittelmeeryacht mit Sonne, Personal, Badeausflügen und feschen Uniformen zu unternehmen. Eine Verkettung unglücklicher Umstände und sein alter Studienfreund Davies lockten ihn im Herbst an die deutsche Küste. Davies, ein ehemaliger Gentleman, jetzt Eigenbrötler, vielleicht im Leben gescheitert und Meister aller Gezeiten und Priele. Sie geraten in den Rüstungswettstreit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.

Die Niederelbe 1908 Abb. 117. Prielverzweigung auf Neuwerk
Hamburger Wattenmeer 1908. Bild: Prielverzweigung auf Neuwerk Aus: Richard Linde, Die Niederelbe, 1908, Bielefeld und Leipzig. Public Domain.

Vor allem geraten sie mit ihrem Segelboot ins Wattenmeer. Sie untersuchen Tiefs und Sand vor der deutschen Küste. Sie fallen trocken im Watt. Sie kämpfen mit Gezeiten und Sturm. Sie diskutieren, wie man am besten im Schatten einer Sandbank übernachtet, welche Barrieren bei welchem Wasserstand überwindbar sind. Sie sind im Watt, im Wasser selber, im Spiel mit den Elementen. Sofort habe ich vor meinem inneren Auge den Gischtwolken über der Sandbank großer Vogelsand. Höre in meinem inneren Ohr die Geschichten der dort gestrandeten Schiffe. Die Steilufer der Sandbänke am Norderpiep bei Niedrigwasser. Die flache, kaum zu erahnende Silhouette der Vogelinsel Trischen am Horizont. 

Meine spärlichen Erfahrungen aus einem Segelboot im Watt. Davies und Carruthers werden durch die Umstände dazu gezwungen in Norderney im Hafen anzulegen. Dort gibt es wenig außer einer Post, dem anstrengenden Zoll und den zwielichtigen deutschen Gestalten. Einige wenige Häuser der Friesen unnahbare Landschaft, Fischer. Wenige fast Verrückte, die an eine Zukunft als Seebad glauben. Feuchtigkeit durchdringt alles. Trostlosigkeit, im Gegensatz zur Rauheit des Meeres, der Unberechenbarkeit von Schlick und Watt. Dort wo Wasser und Land Gleichzeitigkeit sind, dort ist das wahre Watt. 

Mich bringt das Buch zurück ins Watt. Den Boden unter den Füßen. In einem Jahr fest, sandig, leicht federnd. Zwei Jahre später an derselben Stelle schlickig, ich bin zu den Unterschenkeln einsinkend, der Fuß kommt erst zum Halt an einer festen Schicht aus Muschelschalen. Panta rhei. Alles fließt. Der Priel in Vollerwiek, hervorragend vom Deich aus zu sehen und die Grenze bildend vom gemütlichen Badestrand hin zu Meer, Fahrrinnen und Strömungen. Die Priele, die sich bei unseren harmlos veranlagten Wattwanderungen schon wieder gefüllt hatten. Ein rutschiger „Uferrand“ von der Sandbank aus, ein überraschend tiefer Fluss mitten im Watt mit eine beeindruckenden Strömung. Nie geschah Schlimmeres als eine nasse Hose. Aber der Gedanke spukte uns im Hinterkopf „noch eine halbe Stunde später und es hätte richtig ungemütlich werden können.“

Während des Lesens muss ich mir in Erinnerung zurückrufen, dass das Watt mit Boot nicht ganz so lebensgefährlich ist, wie zu Fuß. Dennoch nutzen die beiden das Niedrigwasser zu Erkunden auf dem Sand. Immer will ich ins Buch hineinrufen "Macht das nicht!" Aber sie kehren zurück. Bei mir immer im Hinterkopf der bekannte zweiten Grades, Betreiber eines heimatlichen Campingplatzes, der über Jahrezehnte gerne abends alleine im Watt spazierenging. Bis er eines Nachts nicht mehr zurückkehrte. Absicht? Im Schlick festgesteckt? Verlaufen? "Mensch, hier bist du Gast und klein." So einladend wie das Watt im Trockenen wirkt, so schnell wird es ein Labyrinth aus Wasser und Strömungen. 

Nach langen Monaten des Suchens fand ich wieder eine Buchhandlung, die nicht nur meine exzentrischen Anfragen klaglos beliefert, sondern auch mit englischer Literatur kein Thema hat. Selbst in Berlin hatten wir vorher mehrfach bestellt, die Bücher kamen dann gar nicht. Oder acht Wochen später als vorher angekündigt. Oder auch doppelt, weil die eine Person im Laden nicht wusste, was die andere vorher veranlasst hatte. Es war ein Krampf, selbst hier am Rande des Bildungsbürgerkiezes im Akazienviertel. 

Erskine Childers: The Riddle of the Sands / Das Rätsel der Sandbank
 

Aber endlich: Hammet in Kreuzberg, eine „Krimibuchhandlung“, die auch alles sonst bestellt. Aber eben auch „Krimibuchhandlung“ ist. Sie betreibt eine Website, unter anderem mit Tipps zu den besten Krimis des Monats und des Jahres. Irgendwie bracht es mich zurück auf diesen „Heimatkrimi“ aus dem Watt. Er ist kein „Heimatkrimi.“ 

Das Genre Heimatkrimi entstand erst 100 Jahre nach dem dem Geheimnis der Sandbank. Es ist ein Spionageroman. Ein Roman, der das ganze Genre erfand. Das Rätsel bleibt über weite Teil des Buchs so sehr ein Rätsel, dass ich öfters das Interesse verlor. Erst spät. am Ende des Besuches, erkannte ich die Genialität des Autors: nicht nur sind seine Helden auf Abwegen. Auch der Leser zweifelt, ob es eine Story gibt. Es ist wie ein Krimi, bei dem ich als Leser zwischendurch Zweifel habe, ob überhaupt ein Verbrechen passiert ist. Und dann lichtet sich der Nebel, die Sonne geht auf, ich sinke im Schaukelschaf zurück und sage mit aller Inbrunst: "Ach! So ist das!".

 

Orientierungsmarken am Watt.

Die Handlung scheint über Teile gar nicht fortzuschreiten, und dann, zwei Absätze etwas unkonzentriert gelesen und ich habe mich schlimmer im Plot verloren als Davies sich je in den Gezeitenströmen. Aber wer ein Genre komplett erfindet, kann es nicht gleich im ersten Versuch zur Meisterschaft bringen. Wo das Buch komplett überzeugt, ist in den Schilderungen auf dem Watt. Der Auge, dem Ohr, dem Tast- und Gleichgewichtssinn für das Wattenmeer. Fast immer hatte ich beim Lesen das Gefühl, keinen festen Boden unter den Füßen zu haben. 

Das ist mit einer Kenntnis des Details vom Watt erzählt, die ich in keinem anderen Roman erlebt habe. Es war die Innovation des Romans: Der Hintergrund, die Landschaft, die Städte und Schiffe sind von einem akribischen Realismus geprägt, die der Story ihre Glaubwürdigkeit verleihen. Zeitgemäße Leser waren von der Handlung ähnlich beeindruckt wie ich von der Landschaft. 

Childers Buch spielte in den folgenden Jahren immer wieder eine Rolle, in der britischen Debatte um eine nötige Aufrüstung. Zwei englische Segler versuchten es 1910, den Romanhelden nachzutun, und deutsche Kriegsvorbereitungen an der Nordseeküste auszuspionieren. Sie wurden gefasst zu zehn Jahren Festungshaft verurteilt, 1913 vorzeitig freigelassen. Die Landschaft, die der Erzähler Carruthers schildert, ist der Star des Romans. Childers gelingt es, Carruthers diesen leidenden Unterton des verpassten Mittelmeerurlaubers zu geben. Childers vermag es, seine Faszination mit der Landschaft auf jeder Seite zu vermitteln. 

Die Figuren bleiben oft hölzern: Davies, immer knapp an der Grenze zur Karikatur eines kernigen Seebären. Der "geheilte Snob" Carruthers, der deutsche Offizier, pflichtbewusst und intelligent, den die patriotische Pflicht auf die – für die Erzähler – falsche Seite zwingt. Die junge Frau ist den Umständen ausgeliefert und muss gerettet werden. Der Verräter ist verschlagen. 

So sehr Wasser und Sand, Schlick, Wind und Modder eine Rolle spielen, Tiere und Pflanzen sind seltsam absent. Keine Krabben, keine Austernfischer. Keine Kiebitze. Die Enten, die den Gentleman angeblich schießen wollen, und die nie aufzufinden sind, bleiben ein Running Gag. Nicht einmal Möwen kommen vor, keine Fische, Quallen, Krebse oder Algen. Das Watt wirkt unwirtlicher, als eh schon ist. 

Eines meiner eindrucksvollsten Nordseeerlebnisse war auf einem Schiff. Ausflugsdampfer, außerhalb der Saison. Sobald wir die den Schutz der letzten Sandbank verlassen hatten, schüttelte der Wind den kleinen Dampfer durch. Ein weißer Vogel flog um das Schiff. Lange schon hatten wir den Bereich der Möwen verlassen. Er war zu groß für eine Möwe, flog zu elegant. 

Morus Bassanus 36
Kommt nicht im Buch vor: Basstölpel / Morus Bassanus. Bild: Morus Bassanus 36 von:  Fingalo Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Germany

Der Vogel  hängte sich an das Schiff, überholte, schien mit ihm zu spielen, vielleicht hoffte er darauf, etwas essen zu erhalten. Er blieb zu weit weg, um ihm zu erkennen. Allein dieser Drang nach Abstand machte klar, er war nicht domestiziert. Zu weit weg, um sicher mehr zu sagen als „weiß und groß“. Er machte klar, dies war seine Gegend, langsamer, schneller, höher oder niedriger. Kein Problem für den Vogel. Das Schiff, weit weniger behände, an die Fahrrinne gebunden. Wir Menschen, komplett hilflos und eingesperrt auf dem Schiff. Nur, der Basstölpel, anders als sein Name vermuten ließ, genoss es. 

 

Basstölpel (1) (34641404100)
Sollte aber vorkommen. Bild: Basstölpel (1). Von:  Kathy Büscher Lizenz: Creative Commons Attribution 2.0 Generic

Auf der Straße hörte ich Sirenen. Zwei Männer schreien sich an. Den Glühweinpulk vor der Kneipe habe ich erst gestern gesehen. Berlin bleibt Berlin. Ich las weiter. Das Schaukeln des Schaukelschafs auf dem ich sitze, erinnert an Strömung und Watt. Ich will wieder in den Nebel, ich will wieder an den Strand, dort wo die Strömung zog, nach Wesselburenerkoog

Weiterlesen: 

* Johanna von Amrun: Blog / Website zum Thema Fahren mit dem Plattbodenschiff im Wattenmeer.

* Eine wichtige Rolle im Riddle spielen Landkarten. Zitat: "​I know of no novel more cartographic than The Riddle of the Sands​." Die werden gewürdigt in der Reihe "Maps in Books"

Alle Bücher in Iberty: Buch-Übersicht.

Kommentare:

ostwestwind hat gesagt…

Im Herbst, wo die Touristen wegbleiben, entfaltet die Nordseeküste S-H ihre volle Schönheit

dirk franke hat gesagt…

Wenn man sie denn vor lauter Nebel sieht.. aber ich weiß natürlich, der Nebel gehört dazu. Und es gibt wenig schöneres als im Nordseewinter mit dem Fahrrad irgendwie auf den Feldern unterwegs zu sein und über den Deich zu schauen.