Montag, 11. September 2017

Stories and Places: Bloggeschichten von nah und fern.

Der Gast, der zu spät zu einer Party kommt, kann ein Held sein. Erst fiel sein Fehlen gar nicht auf, dann erstes Getuschel, ob er denn tatsächlich eingeladen wurde. Ja, die Einladung ging raus. Seine Abwesenheit entwickelt sich vom Nebengespräch zum Haupttopos der Diskussion: wo ist er hin? Hat er was anderes zu tun? Passierte ihm etwas?

Anwesende Partygäste erinnern an andere glorreiche Partyzeiten mit ihm. Und dann plötzlich: ein Klingeln, undeutliche Stimmen durch die Gegensprechanlage. Sollte er? Tatsächlich! Endlich da! Großes Bohei! Überwunden alle Unbilden des Weges! Jetzt kann die Party starten.

Stories and Places. Die Weltkarte.


Allerdings sollte der Gast sich grob an der angekündigten Zeit orientieren und auch eingeladen sein. Eins, zwei Stunden reicht zum Heldentum. Später, wenn die Party schon abflaut, dann wird er bestenfalls angepflaumt. Sollte der Gast gar erst am nächsten Tag kommen, steht er inmitten der Reste - mit Glück darf der zu späte Gast noch mit Abwaschen.

So ähnlich geht es mir gerade. Nur dass ich nie eingeladen wurde. Und ich kam nicht einen Tag zu spät zu Stories and Places, sondern vier Jahre.


Zum Glück allerdings war die Party virtuell. Und es war auch keine richtige Party, sondern der Anfangsenthusiasmus einer beginnenden Website. Auch wenn viele der ehemaligen Gäste mittlerweile gegangen zu sein scheinen, existiert die Website immer noch.Der enthusiastische Andrang mag vorbei sein, aber hier ist es aufgeräumt und sauber. Ab und an kommt jemand vorbei, räumt was Störendes weg oder postet was sinnvolles hin. Eine Website, die den Trubel hinter sich hat, und jetzt einfach da ist – welch Glück.


Große Zeit. Damals.


Stories and Places sammelt Geschichten; Geschichten zu Orten. Auf der Website steht eine Karte.  Dort kann die geneigte Bloggerin/Geschichtenerzählerin einen Ort markieren und an diesem Ort einen Blogpost mit Geschichte zum Ort hinterlassen.

Die Idee entstand Ende 2012. Ausgehend vom Hamburg und dortigen Posts über die Stadtteile, entstand die Idee, dies zu sammeln und zu bewahren. Soweit ich der Website entnehmen kann, trugen dann viele Blogger all‘ ihre ortsbezogenen Posts von 2010 bis 2012 ein und so bis 2013 lief das ganze aktiv und engagiert.

Die Deutschlandkarte (Nord).


Über das Archiv lassen sich jeweils die Einträge eines Monats finden. Die letzten Einträge unter „Aktuelles“ stammen aus dem Dezember 2013. Viele Blogeinträge, die auf der Karte verlinkt sind, entstanden zwischen 2010 und 2013. Aber auch wenn die Hochzeit vorbei ist: es lebt. Alle paar Tage kommt ein neuer Blogpost hinzu.

Erfreulich: auch nach Jahren des Bestehens hält der Spam sich in engen Grenzen, das wenige was kommt, wird von den Betreibern im Hintergrund, Kittykoma und Graf Typo, ausgesiebt. Obwohl ich mittlerweile viele Links anclickte und Stunden über dieser Karte verbrachte, stieß ich erst auf einen einzigen Link, den ich für Spam hielte,

Sonst finde ich nur Blogposts. Geschichten aus Blogs: Persönliches steht dort, näher und mehr auf Augenhöhe als es Reiseführer, Wikipedia oder gar diese schrecklichen Bewertungsportale könnten. Sehr schön zum Schmökern und entdecken. Denn seien wir ehrlich, Orte bekommen nur Leben durch die Geschichten, die sich dort entwickeln. Orte ohne Geschichten sind Orte ohne Menschen und ohne deren Interpretation. Aus einer allgöttlichen Perspektive vielleicht spannend – für Menschen aber letzten Endes unverständlich. Der Stein bleibt Stein bis er etwas auslöst – und das ist hier zu lesen.

Der Schwerpunkt der Geschichten liegt natürlich dort, wo auch die bloggenden Menschen leben: Hamburg, Berlin (dort jeweils die einschlägigen Viertel), NRW. Auf den ersten Blick sieht die Karte voll aus, auf den zweiten aber stellt sich heraus, dass in einer Gegend meist nur einen oder zwei Blogs verlinkt sind – das gilt überwiegend selbst in den typischen Vierteln im dichtbeblogsiedelten Berlin – es gibt also noch viel zu tun.

Entdeckungen


Und so trage ich langsam – zeitlose Gemächlichkeit ist hier das Tempo der Wahl – alte Blogposts nach. Und wenn ich damit fertig bin, werde ich mir andere Lieblingsblogs aussuchen und dort fragen, ob ich deren Posts auch nachtragen kann. Oder die Blogger selbst überreden, ihre Posts einzutragen.

Kartenausschnitt. Berlin zwischen Schöneberg, Tempelhof und ein wenig Steglitz. Da ist noch Platz.


Währenddessen werde ich schmökern. Folge Frau Indicas Spuren, die es immer mal wieder in den Berliner Südwesten verschlagen hat, die dort kurze Texte schrieb und das ein oder andere Foto beisteuerte. Lese nach, wie Vilmkoskörte im Jahr 2007 bei Linum in Brandenburg mit einem Traktor gerettet werden musste,  erfahre, dass Lucky Strike den Globetrotter am Steglitzer Kreisel ähnlich befremdlich fand, wie ich damals, und informiere mich über die vorsichtig gesagt schwierige Vorgeschichte von Hedwig-Bollhagen-Keramik.

Natürlich freue ich mich, dass mittlerweile auch die genialen von Madame Poupou besuchten Museen wie das Wenzel-Hablik-Museum in Itzehoe oder das Museo del Rubinetto (das Museum des Wasserhahns) in San Maurizio d’Opaglio  auf der Karte zu finden sind. Mal stößt man auf fotolastige Posts mit wenig Text, manchmal auf langatmige Erörterungen, manchmal auf schön geschriebene Miniaturen, manchmal auf noch schöner geschriebene Texte.

Meine derzeitige Entdeckung sind die Magic Landscapes. Dieses Blog  zu finden, ist nicht so schwer, gehört es doch zu den wenigen Blogs, die im Moment auf Stories und Places posten. Es geht um wanden. Anders als Name und Schrift vermuten lassen, geht es auch wirklich ums. Erkunden der Natur und Gegend.

Meistens lese ich dort, wo ich auch gerade selber einen Post einstellte. Das ist in Berlin. Gerade in Berlin zeigt sich auch die Vergänglichkeit. Viele der dort gelisteten Blogs sind zwar noch Online, haben aber seit vielen Jahren nichts neues mehr gepostet. Einige enden mit dem Klassiker: ein Post von 2015, der sich entschuldigt, dass seit 2013 nichts mehr passierte und der mehr ankündigte. Andere verweisen auf einen Blog-Umzug. Die neue Adresse aber zeigt sich leer.

Und ganz besonders fällt der nicht vorhandene Kiezneurotiker auf. Bis vor so nicht langer Zeit engagierter Blogger in Berlin, und auch auf der Karte sehr präsent, hat mittlerweile seinen Blog gelöscht. Was dazu führt, dass viele der Berliner Links ins Leere führen.



Kartenausschnitt Dithmarschen. Mit Hinweis auf ein museales Museum, das auch als Museum für Museumsdidaktik vergangener Zeiten dienen könnte.


Was mir aber auch sagt, für ein Projekt für die Ewigkeit – was Stories and Places zu könnte – hängt alles noch zu sehr an einzelnen Personen. Aber vielleicht ist es auch nicht für die Ewigkeit. Gute Geschichten transzendieren die Zeit. Auch die Ewigkeit.

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1 Kommentar:

Kitty Koma hat gesagt…

Danke für die Empfehlung! So muß das sein, es läuft so vor sich hin. Der Tipp zu den toten Links ist wichtig, vielleicht ziehen wir die demnächst mal raus. (Obwohl die auch als Denkmal ihren Charme hätten.)