Freitag, 22. September 2017

Kleinstadt-Antifa, 1994

Lebensverändernde Momente suchen sich unerwartete Orte. Zum Beispiel wird man Antifaschist nahe des Mississippi-Rivers, nicht unweit von Elvis Presleys Anwesen „Graceland“; bei 30 Grad und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit, während man eingeklemmt in eine Stuhl-Tisch-Kombination noch kurz vorher einen Werbespot für Mountain Dew gesehen hat.

Hückeswagen - Islandstraße 48 ies
Bild: Hückeswagen - Islandstraße 48 ies 
Von: Frank Vincentz 
Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Dienstag, 19. September 2017

Schwimmbäder nah und fern: Freibad Wesselburen

Schwimmbäder sind schön. Eine deutsche Errungenschaft besteht darin, das Land flächendeckend mit Schwimmbädern überzogen zu haben. Schwimmbäder sind ein Ort für alle, ein Ort für Bewegung, Spiel und Überraschungen. Schwimmbäder geben einen guten Einblick, wie Menschen sinnvoll ihre Freizeit verbringen. Als Liebhaber von Schwimmbädern werde ich dieses Blog nutzen, um einen Überblick über große und kleine Schwimmbäder zu geben: Becken, Menschen, Duschen, Kaffee und sonstige Annehmlichkeiten. Zu Besuch im Freibad Wesselburen.

Dies ist ein besonderes Bad. Ist dieses doch das einzige Bad, für das ich je eine Jahreskarte besaß (ich glaube damals kostete sie 60 Euro) und das auch mein ehemaliges lokalpolitisches Engagement über viele Jahre begleitete.



Wesselburen ist eine Kleinstadt mit einer schwierigen Finanzlage. Das Freibad kostet. Über viele Jahre hinweg drehte sich die örtliche Finanzdiskussion immer wieder darum, ob die Stadt sich dieses Bad überhaupt noch leisten könne. Zum Glück: Wesselburen konnte. Ich bin zwar aus der Lokalpolitik in Wesselburen raus, aber anscheinend scheint der Kelch der baldigen Schließung auch vorerst am Bad vorübergegangen zu sein.

Denn dieses Bad ist schön; schon fast ein Klischee. Ein Bad in einer Kleinstadt (etwa 3.000 Einwohner) an der Nordsee. Nah liegen Ferienziele wie Büsum oder St. Peter-Ording mit entsprechenden Bädern für Touristen. Aber Wesselburen liegt die entscheidenden drei Kilometer zu weit weg vom Meer.

Eher verirren sich Touristen aus Büsum mal bei einem Tagesausflug in das Kleinstädtchen, als dass sie dauerhaft hier bleiben. Da helfen auch Kohlosseum (Kohl + Museum) samt „Krautwerkstatt“, ein pittoresker Marktplatz mit eindrücklicher Kirche und die „Wesselburener Sommerabende“ nicht wirklich weiter. Der Ort ist schnucklig und schön, hat sich seitdem ich nicht mehr da bin, auch deutlich gemacht, aber ein Tourismuszentrum ist Wesselburen nicht.


Bad von oben, Foto: Freibad Wesselburen

Was die Wesselburener Vermieter unglücklich macht, bringt dem Freibadnutzer Glück: hier ist noch Platz für ein echtes kommunales Freibad wie es im Buche steht. Das Bad liegt ein wenig außerhalb des eigentlichen Stadtgebiets am Rande der Felder. Daneben in Richtung Stadt die Schule, auf der anderen Seite des Bades liegt ein Indoorspielplatz, der in seinem vorherigen Leben eine Tennishalle war. Knapp daneben liegen eine große Halle, um Wohnwagen überwintern zu lassen, ein Campingplatz und ein ehemaliges Restaurant.

Montag, 11. September 2017

Stories and Places: Bloggeschichten von nah und fern.

Der Gast, der zu spät zu einer Party kommt, kann ein Held sein. Erst fiel sein Fehlen gar nicht auf, dann erstes Getuschel, ob er denn tatsächlich eingeladen wurde. Ja, die Einladung ging raus. Seine Abwesenheit entwickelt sich vom Nebengespräch zum Haupttopos der Diskussion: wo ist er hin? Hat er was anderes zu tun? Passierte ihm etwas?

Anwesende Partygäste erinnern an andere glorreiche Partyzeiten mit ihm. Und dann plötzlich: ein Klingeln, undeutliche Stimmen durch die Gegensprechanlage. Sollte er? Tatsächlich! Endlich da! Großes Bohei! Überwunden alle Unbilden des Weges! Jetzt kann die Party starten.

Stories and Places. Die Weltkarte.


Allerdings sollte der Gast sich grob an der angekündigten Zeit orientieren und auch eingeladen sein. Eins, zwei Stunden reicht zum Heldentum. Später, wenn die Party schon abflaut, dann wird er bestenfalls angepflaumt. Sollte der Gast gar erst am nächsten Tag kommen, steht er inmitten der Reste - mit Glück darf der zu späte Gast noch mit Abwaschen.

So ähnlich geht es mir gerade. Nur dass ich nie eingeladen wurde. Und ich kam nicht einen Tag zu spät zu Stories and Places, sondern vier Jahre.

Dienstag, 5. September 2017

Schwimmbäder nah und fern: Steglitz, Sommerbad am Insulaner

Schwimmbäder sind schön. Eine deutsche Errungenschaft besteht darin, das Land flächendeckend mit Schwimmbädern überzogen zu haben. Schwimmbäder sind ein Ort für alle, ein Ort für Bewegung, Spiel und Überraschungen. Schwimmbäder geben einen guten Einblick, wie Menschen sinnvoll ihre Freizeit verbringen. Als Liebhaber von Schwimmbädern werde ich dieses Blog nutzen, um einen Überblick über große und kleine Schwimmbäder zu geben: Becken, Menschen, Duschen, Kaffee und sonstige Annehmlichkeiten.  Heute: das Sommerbad am Insulaner

So Berlin wie nur geht. Das Sommerbad am Insulaner, ehemals Südend-Bad, ist für Berliner Badverhältnisse alt (1920er), traditionsreich, im Park gelegen, mit einer bewegten Geschichte und heute der proletarische Bruder des Prinzenbades.

Das Bad war, soweit ich recherchieren konnte, das erste öffentliche(*) Sommerbad der Stadt. Erstmals in Berlin lag ein öffentliches Bad im Freien, aber nicht an einem See oder Fluss, sondern eine von Fließgewässern unabhängige Wasserversorgung hatte. Eigentlich traditionsreicher und von der Anlage her schöner, kommt es mir immer ein wenig wie der arme Bruder des herausgeputzten Prinzenbades vor.


Es sieht klein und unscheinbar aus. Aber dann kommt einiges. Und großartige Schrifttype.



Entstanden ist das Bad im Insulaner im Rahmen der Lebensreform. Ursprünglich errichtete der „Verein für Gesundheitspflege und Naturheilkunde“ ein reines Licht- und Luftbad – ein Wort das durch die Nazis verschwand, aber im Prinzip dazu dienen sollte, arme Großstadtbewohner aus den stickigen Hinterhöfen ihrer Mietskasernen auf Wiesen an die Sonne und an die frische Luft zubringen.

Die fortgeschrittene Variante des Licht- und Luftbads war dann das  Freibad. In den 1920ern gab es zwar zahlreiche Fluss- und Seebäder, Bäder ohne direkte Anbindung an ein Gewässer waren aber revolutionär.

Mittwoch, 30. August 2017

Film mit Schaf / انشالله استفدت

Im jordanischen Nichts. Sand, vollgestellt mit Autos. Abu Wafa - der Cousin - quetscht sich durch das Labyrinth, hat rechts in Schaf – ein einheimisches! – am Schlaffitchen, rechts versucht er mit Ahmed Taher zu telefonieren, der ihm Neuigkeiten aus dem Gefängnis erzählt. Das Schaf entwischt, der Cousin wuselt durch die Autos hinterher, dabei das Handygespräch vergessend. Hinterherhetzend hinter dem Eigentum, während links und rechts die Umwelt auf einen einstützt. Willkommen im Film: Gelobt sei der kleine Betrüger / Inshalla Istafadet.

Der Film folgt Ahmed Taher, Kleinstunternehmer im Bauwesen, der 1.800 Dinar erhielt um damit eine Mauer zu bauen. Tatsächlich lieh Taher die Dinare seinem Cousin Abu Wafa, der damit Laptops aus Kanada importierte, um sie teuer zu verkaufen. Die Laptops aber hängen seit Wochen oder Monaten im Zoll fest, bis Ahmed Taher schließlich ins Gefängnis kommt. Denn weder baute er die Mauer, noch kann er das Geld zurückzahlen. Das „Verfahren“, ein gelangweilter Richter, der anscheinend nach Laune handelt und ganz ungläubig wird, als Ahmad wegen nur drei Monaten Haft nach einem Anwalt fragt. Das Gefängnis: Mitgefangene, die ungläubig staunen, dass es um Petitessen wie 1.800 Dinar geht.




Blessed Benefit - auf Deutsch: Gelobt sei der kleine Betrüger, auf Arabisch: انشالله استفدت (Inshalla Istafadet; wörtlich "Mit Gottes Wille Profit") - ist der dritte Film des jordanischen Regisseurs Mahmoud Al Massad.

Montag, 28. August 2017

Kultur in Iberty! Eine Übersicht.

Schwimmbäder, Traktoren, Äpfel und Schafe. Die heilige Quartilität von Iberty. Doch es gibt mehr. Selbst in diesem Blog. Auch wenn ich tendeziell lieber draußen bin als drinnen, so gibt es doch auch schönes und berichtenswertes, dass sich in geschlossenen Räumen, beim Kino sogar in fensterlosen Räumen, abspielt und das seinen Weg in Einträge dieses Blogs findet. Um diese einfacher und besser wiederzufinden, hier ist die Sammlung:

Ausgehen

 

Branle. Vom Renaissancedorfplatz zum Barockhof  - Beim historischen Tanz im Februar 2017

Everybody loves to Cha-Cha-Cha  - Tanzen!

Haarfarben in den ersten zwei Reihen des Gottesdienstes zum 4. Advent in der Paul-Gerhardt-Kirche, Berlin-Schöneberg

Kirchentag 2017 – #smartchurch, #onlinepranger, Psalm139 - Drei Tage auf dem Kirchentag in Berlin



Nachos zum Schwanensee - Wie sieht es aus, wenn man ein Weihnachtsreiseballett besucht.

Nachtzug. Die Zukunft, die nicht mehr wird - Als Luxus noch Zukunft war. 

Resist to Exist - The Kids are alright  - DIY-Punkfestival in Brandenburg

Schritt – Plié – Schritt – Schritt – Schritt – Plié. Menuett im Gemeindehaus -Tanzen. Ü300. Nur Tänze älter als 300 Jahre

Lesen

Dienstag, 22. August 2017

Schwimmbäder nah und fern: Prinzenbad, Berlin-Kreuzberg

Schwimmbäder sind schön. Eine deutsche Errungenschaft besteht darin, das Land flächendeckend mit Schwimmbädern überzogen zu haben. Schwimmbäder sind ein Ort für alle, ein Ort für Bewegung, Spiel und Überraschungen. Schwimmbäder geben einen guten Einblick, wie Menschen sinnvoll ihre Freizeit verbringen. Als Liebhaber von Schwimmbädern werde ich dieses Blog nutzen, um einen Überblick über große und kleine Schwimmbäder zu geben: Becken, Menschen, Duschen, Kaffee und sonstige Annehmlichkeiten.  Das Prinzenbad.

Manche Liebe dauert länger. Auch wenn ich alle Schwimmbäder irgendwie ja doch liebe, taten Prinzenbad und ich uns schwer miteinander.

Da war zum einen der Hype: das Prinzenbad ist DAS Berliner Bad, glaubt man Zeitungen und Zeitschriften, Büchern und Filmen. Und dann war da das Bad selbst – eher durchschnittlich in der Anlage, das Publikum zu homogen, zu jung und zu schön. Bei den Sanitäranlagen handelte es sich um eine wenig bemerkenswerte Achtziger-Jahre-Anlage. Wenn man da an die echten Berliner Perlen und Charakterbäder denkt wie das Paracelsusbad, das Stadtbad Mitte, das Columbiabad, das Bad Zingster Straße, die Finckensteinallee, das Stadtbad Neukölln, oder die Holzmarktstraße, dann steht man staunend vor dem Prinzenbad. Warum machen die alle so ein Gewese?

Einzig die vorbeirauschende U1-Strecke der U-Bahn bietet etwas Flair. Und ausgerechnet dieses Bad rechtfertigt ein eigenes Blog, ein eigenes Buch, unfassbare Besucherzahlen und einen Dokumentarfilm? Dafür, wie durchschnittlich dieses Bad eigentlich ist, war mir der Hype immer zu heftig.



Aber dann, doch noch. Letztlich kann ich einfach nicht in ein Schwimmbad gehen, ohne hingerissen zu sein. Ich war beim letzten Besuch schon anfangsversöhnt, weil ich einen jungen Mann sah, der mit einem Stift längeren Text in ein Notizbuch schrieb und dann eine Frau, die mit einer Staatsbibliothek-Berlin-Tüte auf dem Handtuch saß.

Und dann, ich stand ich am hinteren Ende des Sportbeckens. Das Licht entwickelte sich Richtung abendlicher Färbung, durch eine Lücke in den Bäumen hindurch sah ich die Dachspitzen des Neuen Kreuzberger Zentrums – 70/80er-Jahre-Betonhochhäuser mit versuchtem Design; über diesem umrundete vor oranger-roter-Himmel ein Schwarm Krähen futuristische Fernsehantennen und Dachaufbauten. Diese nostalgische Achtziger-Siebziger-Jahre-Moderne, ein mittelbedrohlicher Vogelschwarm im Sonnenuntergang; ein Endzeit-Cyberpunk-Ausblick, während ich selbst in der Sonne im Freibad stehe. Und da hatte das Prinzenbad auch mich gepackt und ich war begeistert.