Freitag, 2. Dezember 2016

BAMA!

Blaue Flecke allüberall. An den Händen, den Unterarmen und erst recht an den Oberarmen. Erst an der Schulter wird es besser. Dort ist das Shoulder Pad. 32 Grad Anfang Oktober, 90 Prozent Luftfeuchtigkeit. Ich stehe auf einer Rasenfläche in South Haven, Mississippi, Südstaaten, USA. Schwer atmend, blaue Flecken zählend und auf der Suche nach dem Gatorade. Der Zustand nach zwei von vier Stunden des täglichen Trainings.



Lange Jahre hatte es gebraucht bis ich meine Football-Begeisterung ausleben konnte. Bereits zehn Jahr vorher als Junge in der Grundschule hatte ich nachts vor den Fernseher geschlichen, um beim Superbowl die Niederlage der Cincinatti Bengals gegen die San Francisco 49ers mit Joe Montana zu erleben. Zu meinem großen Leidwesen gewann das falsche Team. Denn – ich war jung – Cincinattis Helme im Tigerstreifendesign waren ja wohl das coolste, was es an Sportkleidung gab. Seitdem verfolgte ich den Football. Aber erst Mississippi, die große verschwitzte Umkleidekabine, das Feld, das Laufen-laufen-laufen und noch mehr-laufen, ließ aus dem Interesse eine Obsession werden.


Ausdauerläufe bei 30 Grad und schwül. Ein Mitspieler, der "Mountain" hieß und mir bis zur Schulter ging. Fahrt im alten Schulbus durch die Nacht nach Hernando und Horn Lake zum Freitagsspiel. Spiele vor hunderten von Zuschauern zu Hause. Eine der wenigen Gelegenheiten, wo sich Weiße und Schwarze auf Augenhöhe und ohne Hemmungen begegneten. Sacks, Tackles, Sweeps und Krafttraining. Gebet vor dem Spiel. Die unflätigsten Sprüche, die ich je in meinem Leben hörte. Natürlich wenn der Trainer nicht da war. Noch mehr Ausdäuerläufe. Einarmige Push-Ups. Trickspielzüge, falsche und richtige Ansagen. "Ansagen, die mit 6 beginnen, sind nur da um den Gegner zu täuschen. Denn 6 ist die Zahl des Teufels." Southern Growl. Vorgezeichnete Laufwege ohne Ende. Über Jahre in die Spieler hineintrainiert. Erstaunlich was sich so einige an Spielzügen merken konnten. Mehr Laufen. Mehr Krafttraining. Mehr Sprints. Jeder Tropfen Gatorade gierig gerunken.

Und dann immer der Blick auf den großen Bruder. Der ferne Onkel NFL weit weg. Das College in der Nähe. Ole Miss - the University of Mississippi - nebenan. Mississippi State der Erzrivale. Und das dominante Team des Südstaatenfootballs. Alabame Crimson Tide.

The Alabama Million Dollar Band at Bryant–Denny Stadium
Bild: The Alabama Million Dollar Band during pregame festivities at Bryant–Denny Stadium prior to the November 5, 2011, game against the LSU Tigers.Von: Matthew Tosh Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic

War es vorher die NFL, die große Profiliga und die einzige Liga von der man in Deutschland etwas mitbekam, gewesen, war es jetzt College Football. Der große Bruder des High School Footballs, so in seiner Art in Deutschland weder möglich noch möglich. Und dort gab es nur ein Team: BAMA! Ausführlicher: die Alabama Crimson Tide, das Footballteam der University of Alabama in Tuscaloosa, Alabama.Vielfacher National Champion. Immer das Team des Laufens, der Kraft, der Defense. Teamplay statt individuellem Genius, aber das bis zur Perfektion ausgereizt.

Das gilt bis heute: es gibt nur BAMA! Vergesst die ganzen komischen NFL-Teams. BAMA! 16facher National Champion (darunter 2011, 2012, 2015 und vermutlich 2016), das erfolgreichste Team der letzten Jahrzehnte, DAS Team, das Südstaatenfootball darstellt. Jedes Jahr mit intensiven Derbies gegen Auburn oder Louisiana State. Alabama! Bei aller Bescheidenheit, das Team im College Football.

College Football in den USA funktioniert anders als Deutsche und Europäer das aus ihrem Sport kennen. Sportlich und den Fernsehzuschauern nach spielt der College Bereich klar die zweite Liga gegenüber den Profis. Allerdings spielen sie ein Spiel, das mir sympathischer ist: Mehr Defense. Mehr Laufen. Weniger der werfende Quarterback steht im Mittelpunkt, sondern das ganze Team. Vollkontaktsport ab der ersten Sekunde. Defense rules. Während die Offense meist um ein oder zwei Superstars herum aufgebaut wird, ist für die Defense das gesamte Team auf dem Platz permanent wichtig. Und kein Team ist für seine Defense so bekannt wie Alabama.

Während sportlich allerdings die NFL-Teams im direkten Vergleich deutlich überlegen sind, ist die Lager anders bei den Besuchern vor Ort. Das Stadion der Michigan Wolverines ist mit 107.000 Plätzen das zweitgrößte Stadion der Welt und größtes Stadion außerhalb Nordkoreas, knapp dahinter kommen die Stadien von Penn State (106.000 Plätze), Ohio State (104.000) und Texas A&M (102.000 Plätze), Das Bryant-Denny-Stadium in Tuscaloosa, Alabama, spielt mit 101.000 Plätzen in derselben Liga. Zum Vergleich: Das größte NFL-Stadion liegt in New York und bietet 82.000 Plätze für Spiele der New York Giants und New York Jets.

Nun sieht man neben der Größe der Stadien auch einen bedeutenden Unterschied. Das NFL-Stadion liegt in New York City (10 Millionen Einwohner), Tuscaloosa hingegen hat 100.000 Einwohner, Ann Arbor, Heimat von Michigan hat 113.000 Einwohner, State College Pennsylvania hat 42.000 Einwohner. Oder anders gesagt: in das Penn-State-Stadion passt die komplette Bevölkerung der Stadt mehr als zweimal.

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Bild: A panoramic view of the interior of Bryant-Denny Stadium during an Alabama football game versus the Tennessee Volunteers.Von: Matthew Tosh Lizenz:  Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic

College Football ist groß! Die Schwerpunkte liegen meist im ländlichen Bereich, die Gegend die gerne als „Heartland“ oder „Fly-over-Land“ bezeichnet wird. Und anders als in der NFL, wo ein Team gerne mal die Stadt wechselt, wenn es dem Eigentümer gefällt, sind die College-Teams fest im Ort verwurzelt, haben eine Tradition die meist auf den Beginn des 20. Jahrhunderts zurückgeht. Elaborierte Traditionen an der Uni und vor dem Spiel gehören dazu. Die Teams spielen vor allem regional. Alabama ist also in einer Liga mit Mississippi, Georgia, Louisiana und vor allem Auburn – dem anderen Team aus Alabama.

Erst am Ende der Saison in den Playoffs geht es gegen Gegner von weiter weg. Das Lokalderby ist jede Woche Standard beim College. Und nirgendwo ist die Begeisterung größer als im Mittleren Westen (Michigan, Ohio State) oder im Süden (Texas, Louisiana, Alabama). Football ist dort Religion, Familie und Kulturereignis. Oft genug das einzige Kulturereignis im Ort - was dazu führt, dass sich wirklich Alle bei Spielen treffen, plauschen, reden, knutschen, tanzen und vielleicht sogar zuschauen.

Das College-System führt zu einigen Eigentümlichkeiten. Die Spieler sind nominell Studenten. Dürfen – neben dem Stipendium – also keinerlei Geld verdienen und die Lage wacht darüber auch strikt. Die Trainer hingegen verdienen bei den Topteams Millionenbeträge, sind in den meisten Bundesstaaten tatsächlich die bestbezahlten Staatsbeamten überhaupt. Die Stadien sind riesig und ebenso wie die Trainingseinrichtungen das modernste was es im Sport so gibt. Und trotzdem sind die Teams dank üppiger Fernsehgelder Gewinnbringer für die Universitäten. Alabama nutzt dies zum Beispiel, um die Uni auchwissenschaftlich zu einem Spitzeninstitut auszubauen. Dieses Jahr war ein gutes Jahr. Bama hat College Football dominiert, wie ich es noch nie erlebt habe. Gegen Alabama sah man jede Offense, und sei sie noch so sehr gehyped und hochgeschätzt, schmählich eingehen.

Zeitweise hat die Verteidigung von Alabama mehr Punkte erzielt als die Offense diverser anderer Teams. Das Team von Nick Saban hat bisher in der Saison 12 Spiele gespielt und 11 davon ohne jeden Zweifel gewonnen. Gegen Louisiana im 12. Spiel war Bama auch nie in Gefahr, brauchte aber immerhin bis zum vierten Viertel, um mal zu Punkten. Ein 0-0 nach drei Vierteln ist im Football sehr selten, unterstreicht aber Defense. Jetzt sind es noch drei Spiele.

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Bild: 2010 Alabama-Florida college-football game Von: Matthew Tosh Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic

Die Offense um den Quarterback Jalen Hurts und die Defense mit den Defensive Backs Minkah Fitzpatrick, Ronnie Harrison, Marlon Humphrey und Tony Brown muss noch einmal im Endspiel der Southeastern Conference gegen Florida anstreten. Danach kommen die nationalen Playoffs mit dem Halbfinale und schließlich dem Finale am 9. Januar in Tampa, Florida. Und nachdem dann Ohio State oder Clemson geschlagen wurden, wird es wieder heißen: Roll Tide!

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