Sonntag, 13. Dezember 2015

Wikipedianer wandeln durch Weltstadt: KNORKE wird 10

Ach, was waren das für Zeiten im Jahre 2005. Die Wikipedia war klein und die Welt war groß und aufregend, sondern auch danach was vor der eigenen Haustür passiert. Dabei ging es nicht nur um abstrakte Konzepte, tote alte Männer und den Stoff der Schullehrbücher. Zum Wissen der Welt gehört auch Wissen über das persönliche Umfeld, das pralle Leben direkt vor der eigenen Haustür oder in U-Bahn-Nähe entfernt.

Hermannstraße (Rixdorf) Apollo-Theater-Garten anno 1900 AK gemeinfrei Ort des erstes KNORKES: die Hermannstraße.

Neben den Artikeln über Philosophie und Physik oder Barock und Bariton entstanden auch Artikel über das eigene Umfeld. Gerade in Berlin ist dieses Umfeld nicht immer hübsch und geleckt, sondern auch mal rauh und nicht für jeden Stadtführer geeignet. So um 2005 beschlossen verschiedene Berliner (unter anderem Cornelius, Achim., Lienhard, Rainer) einen Artikel über eine Straße zu schreiben: die Hermannstraße ist eine Hauptstraße in Neukölln und sie macht alles aus, was eben auch Neukölln ausmacht: historische Friedhöfe, sozialer Brennpunkt, Fahrradfahren im Slalomverkehr, lebendiges Leben des Kleingewerbes und jede Menge Casinos und Cafes.

Wenn man über eine Straße schreibt, die vor der eigenen Haustür liegt, liegt es nahe, sich diese auch einmal persönlich anzuschauen. Und wenn man zusammen am Thema schreibt, liegt es nahe, sich die Straße zusammen anzuschauen. Der erste wikipedianische Stadtbegehung war geboren. Am 4. Dzember 2005 fand die erste "KNORKE"-Tour der Wikipedia statt. Der Benutzer Marbot war noch nicht als der Meister des perfekten Protokolls dabei, der er später werden sollte, so dass die schriftlichen Überlieferungen sind spärlich, was aber erhalten blieb war:

Im Handwerkerstübchen rund 1 Meter hoher Cappuccino mit zwei Meter Sahne drauf und gefühlten 68 Keksen rundrum für schlappe 1,50 oder so und so weiter ..

Was auch immer genau bei jener legendären Tour sonst geschah: der Artikel über die Hermannstraße wurde zu einem Artikel ausgebaut, der innerhalb der Wikipedia als Qualitätsartikel gilt(*) und es machte Lust auf mehr.

Wannsee29 KNORKE on Tour: Hier auf dem Weg zum Wannsee. Bild: Jcornelius CC BY-SA 2.0 de, via Wikimedia Commons

Bereits am 26. Februar 2006 folgte die zweite Tour (Hackescher Markt) und einen Monat später der dritte Anlauf (Prenzlauer Allee). Betreut, gepflegt und koordiniert von Cornelius und Lecartia fanden innerhalb des ersten Jahres 10 KNORKES von Wannsee/Kladow über die "Rote Insel" in Schöneberg, den Beusselkiez in Moabit bis hin zum Osktkreuz statt. In den folgenden Jahren sank und stieg die Begeisterung.KNORKE-Touren gab es unter anderem im Bayerisches Viertel, im Zillekiez, Links und Rechts vom Ku'damm, zu den AEG-Fabriken auf dem Wedding/Humboldthain, nach Friedrichshagen durch das Botschaftsviertel, rund um das Autobahnkreuz Schöneberg, wir folgten den 1920ern in Schöneberg-Nord und erkundeten zuletzt Mariendorf. Zusätzlich fanden Sondern-KNORKES mit Adventsessen oder Spieleabend statt.

Der KNORKE-Enthusiasmus folgte dabei wage den Rhythmus der Wikipedia. Nach enthusiastischen Aufbrauchsjahren und schneller Expansion, spielte es sich danach etwas ein und verlor etwas an Energie. Insgesamt gab es 48 KNORKES in stark wechselnder Frequenz:

2005: 1 Tour
2006: 9 Touren
2007: 8
2008: 12
2009: 6
2010: 2
2011: 2
2012: 4
2013: 2
2014: 2
2015: 0
2016: 1 (bisher geplant)

Karte Berlin LandnutzungBerlin, Berlin, wir laufen durch Berlin. Bild: By Maximilian Dörrbecker (Chumwa) CC BY-SA 2.0 or ODbL, via Wikimedia Commons

Die Touren verliefen dabei recht unterschiedlich. Allen gemein ist: jemand lädt auf der KNORKE-Hauptseite ein, dann kommen Menschen und man läuft zusammen offenes Augens und wachen Geistes durch die Stadt. Mal sind es lange Waldwanderungen mit seltenen Kurzpausen wie bei Lienhards Tour durch die Morellenberge im Berliner Westend. Mal gibt es historisch erschlossenes in dichter Folge wie beispielsweise die Tour durch das Schloss Charlottenburg mit Achim, Cornelius und Ralf, mal sind es Touren ins wahre Leben selbst, "Berlin in your face" geradezu wie die KNORKE-Pioniertat in der Hermanstraße, Ralfs Führung durch die Potsdamer Straße oder Denis' Tour durch den szenigen Schöneberger Norden. Auf jeden Fall wird viel gekuckt, viel geredet und für eine Gruppe von 5 bis 15 Leuten auch überraschend viel gelaufen.

Ab und an werden in Folge oder Vorbereitung der Tour sogar Wikipedia-Artikel geschrieben und verbessert. Anfangs dokumentierten die KNorkisten sogar, welche Artikel und Bilder entstanden, im Laufe der Gewönung an den Event ließ der Enthusiasmus bei der Dokumentation allerdings nach.

Mal sind die Touren minutiös vorbereitet und geplant, mal gehen alle aus davon aus, dass sie nichts wissen, aber mal neugierig sind (wie zum Beispiel in Reinickendorf) und mal wissen die Mitlaufen auch deutlich mehr als derjenige der die Tour ansetzte. Manchmal glauben die Mitlaufenden auch mehr zu wissen als die Person, die vorbereitete. Das wird dann oft etwas anstrengend.

Berlin Wedding bayer parkhaus 14.11.2015 13-40-01 Für das 49. KNORKE folgt die Müllerstraße im Wedding.

10 Jahre KNORKE ist nicht tot. Im Januar geht es weiter mit einer Tour die Müllerstraße im Wedding entlang. Vielleicht klappt im Februar ja zum 50. mal die Jubiläumsausgabe wieder durch die Hermannstraße. Und Berlin ist groß, jeder Berliner entdeckt wohl immer noch regelmäßig komplett neue Stadtteile. Und die Stadt verändert sich: Neukölln 2015 ist nicht mehr Neukölln 2005. Es bleibt spannend.


(*) Wobei ich sagen muss: 2005 fand ich den Hermannstraßenartikel ja super, mittlerweile aber eher gräßlich!

Kommentare:

Rainer Lewalter hat gesagt…

Das mit dem * ist vermutlich von dem jetzt am Wannsee gammelnden Heinrich von K. inspiriert, in dessen "Marquise von O." das Entscheidende auch im Satzzeichen — erzählt wird...

dirkfranke hat gesagt…

Jetzt mal ernstlicj. ein zweitseitiger Artikel über einen Friedhof sollte eim Artikel über einen Friedhof sein und nicht ein Unterabschnitt in einem Artikel über eine Straße. Kein Wunder dass die ganzen Berlin-Artikel ein ganzes hin- und hergewürge mit seltsamsten Links auf seltsamste Unterabschnitte sind. Manchmal wundert man sich, dass [[Königsberger Klopse]] nicht irgendwann ein Unterabschnitt in [[Friedrichshain#Könisgberger Klopse]] geworden sind und so.