Dienstag, 4. Januar 2011

Wiederveröffentlichung: Stumflutenwelt Blanker Hans

Nachdem ich vor ein paar Tagen über die Dithmarscher Sehenswürdigkeiten und ihre Braune-Tafel-Fähigkeit an sich gebloggt habe, erinnerte mich Madame Poupou daran, dass ich eine der Sehenswürdigkeiten ja schon vor zwei Jahren ausführlicher verewigt hatte. Da selbst ich daran jede Erinnerung verloren hatte, und Madame Poupou ebenfalls die Wohnung wechselte, nutze ich die Gelegenheit, noch einmal auf die vielen Merkwürdigkeiten der Sturmflutenwelt "Blanker Hans" hinzuweisen.




* nee

im detail:

**einführung: obwohl die braune autobahntafel grad erst im bau ist, ist der blanke hans zumindest in büsum nicht zu übersehen. das prestigeprojekt des tourismusservice wird an allen möglichen und einigen unmöglichen stellen angepriesen. die zeitung hingegen berichtet zuverlässig regelmäßig über verluste und mangelnde besucherzahlen. da auch der werbefilm auf der website in bester shopping-tv-qualität uns nicht wirklich aufklärte was es ist, beschlossen wir die 10 euro für den besuch der sturmflutwelt aufzuwenden.

**benutzerführung: das museum ist als rundgang konzipiert, bei dem man auch keine andere wahl hat als ihm zu folgen. es beginnt im nachbau einer dorfkneipe von 1962, bei der ein unterhaltsamer schauspieler den wirt mimt und zusammen mit einigen effekten wie flackernden lichtern und radioeinspielungen recht überzeugend sturmflutfeeling rüberbringt.

dann geht es in die "rettungskapseln", eine schienenbahn mehrmals quer durch das gebäude. während wir anhand der werbung und gestaltung eher eine art zuckelnde märchenlandbahn erwartet hatten, sind die rettungskapseln recht zügig unterwegs und schwingen sich zwischendurch sehr überraschend sogar zu drei vier achterbahnesken kurven in folge auf.



darauf folgt ein großer raum, das sogenannte "offshore lab", das im wesentlichen eine großleinwand zur filmprojektion enthält, während eine treppe in das "archiv", den mit abstand absurdesten teil der veranstaltung, führt. hat man selbst das überstanden folgt noch ein extra-raum, der vom nationalparkamt wattenmeer gestaltet ist.

positiv ist anzumerken, dass man sich nicht verlaufen kann, ebenso wie die tatsache, dass alle räume und abschnitte klar eine eigene identität haben, negativ hingegen, dass man nichts abkürzen kann und die räume eigentlich komplett alle nicht zueinander passen, so dass man faktisch eher durch sechs kleine ausstellungen läuft als durch eine große.

**aufstellung/hängung: sehr unterschiedlich. die kneipe ist eingerichtet wie eine kneipe 1962 und als solche sehr athmosphärisch und gut gelungen. noch besser fände ich es wohl, würde ich nicht das dithmarscher landesmuseum in meldorf kennen, dass ca. 20 solcher räume in ebensoguter qualität bietet.

die bahnfahrt wird von sturmgeräuschen und videobildern begleitet, was an sich okay war.

das lab (blau) wiederum glänzt vor allem mit einer großleinwand und einigen computerterminals, sowie einem windkanal und noch zwei drei spielereien mit knüpfe drücken.

das archiv (hellgrün) hat ehrlich gesagt die absurdeste gestaltung, die mir je in einem museum untergekommen ist. geschätzt werden in einem recht großen raum vielleicht 15 exponate gezeigt, die pro exponat vielleicht 15-20 quadratmeter platz bekommen und zudem den nachteil haben, dass man sie eigentlich alle auch bei strandspaziergängen findet. daneben finden sich noch diverse angekettete bücher zum thema, aber selbst wenn an die im gewusel drumherum lesen will, fehlt es an der sitzmöglichkeit. um das auszugleichen liegen noch mehrere sandsäcke rum, auf die die namen bekannter sturmfluten geschrieben sind und als wäre das nicht unverständlich genug, sind große teile des archivs mit büchern gefüllt - warum dort allerdings dutzendweise leseclubausgaben von goethe stehen oder alte paris-reiseführer und ähnliches blieb uns ein sehr sehr großes rätsel.



der nationalparkteil (dunkelgrün) war schließlich vom nationalparkamt gestaltet und geht problemlos als solide ausstellung durch.

**umfang: vollkommen unverständlich ist mir. warum man in den inhaltlichen bereichen auf den historischen-mythischen teil zu sturmfluten eigentlich bis auf ein paar hier und da eingeworfene jahreszahlen komplett verzichtet und sich rein mit einer oberflächlich-physikalischen abhandlung abgibt.

**inhalte: spärlich. anfangs noch eher effektvoll und als solcher wohl zurecht auf das nötigste beschränkt, geht es dann hinten massiv bergab. da hören die effekte auch noch auf, die infos werden aber nicht zahlreicher. die computerterminals sind jeweils nur zwei drei spärliche schautafeln auf einen monitor gebraucht zwischen denen man sich hin- und herclicken kann, das archiv des wissens funktioniert als solches nur, wenn man sich die unbequeme buchlektüre antut. die filmvorführungen sehen zwar imposanter aus, sind aber eher weniger umfangreich als das was ich schon weit entfernt von der küste in den grundschullehrfilmen gesehen habe.

**hintergründe: soweit ich weiss ist der einzige grund, warum die sturmflutenwelt existiert die tourismuswerbung. so hat sie eigentlich alles was den touristen von heute so anzieht, event, multimedia, drama, nur hat sich wohl niemand des touristen frage gestellt, "was soll ich hier". folgerichtig lahmt der laden dann auch, das minus dass er in die kassen bringt gefährdet soweit ich das aus der zeitung verstehe gerade massiv das knapp 200 meter entfernte museum am meer.

**architektur: die ausstellung befindet sich in einem neubau, der gar nicht mal so ungeschickt eine wellenform aufnimmt und doch recht elegant verbirgt wie groß er ist. die ausstellungsfläche für eine informative ausstellung ist zumindest da. die angepriesene lage "im herzen büsums" entpuppt sich allerdings als zweischneidig. zwar ist der hafen tatsächlich drei gehminuten weit weg, die innenstadt vielleicht eine viertelstunde, allerdings liegt der blanke hans im gewerbeviertel des hafens und wird von freiflächen, einem wohnmobilstellplatz und reichlich angerosteten lagerhallen gesäumt, so dass der eindruck von büsum-sibirien nicht ganz fernliegt.

**extras: das restaurant sieht ganz nett aus, allerdings ist da halt die gesamte büsumer innenstadtrestauration in bequemer laufweite. über den shop decken wir lieber den mantel des schweigens, da habe ich selbst am büsumer hafen tourifallen gesehen, die mehr niveau hatten.

**homepage:www.blanker-hans.de

**fazit: die ausstellung mit der identitätskrise. als museum zu uninformativ, als event zu langweilig und als spannend-absurder zeitvertreib für einen regennachmittag zu teuer. wirklich überzeugen konnte nur der schauspieler, der den wirt der dorfkneipe mimte. die achterbahnfahrt allerdings wäre möglicherweise für einheimische den erwerb einer überraschend preiswerten jahreskarte wert.



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