Freitag, 22. Juli 2016

Kraniche

Mein erstes Paar Kraniche traf ich im Wohnzimmer von Opa Hamburg. Die handgeschnitzten Tiere hingen dort an der Wand. Natürlich war es auch das Wohnzimmer von Oma Uetersen. Aber da Opa die Kraniche geschnitzt hatte, handelte es sich in diesem Kontext um sein Wohnzimmer.

Opa war Kapitän zur See (Nord- und Ostsee) und wenn in den Wintermonaten das Meer schwierig war oder das Schiff im Hafen lag und warten musste, dann waren Holz und Messer schnell zur Hand. Neben den schmalen, eleganten Kranichen im Flug erinnere ich mich auch noch an einen besonders eindrucksvollen Elefanten aus schwarzem Holz. Den Elefant wirkte detailliert und lebensecht, vermutlich nach einem einzigen Tier oder Bild gestaltet. Die Kraniche waren abstrakter, stilisierter, vermutlich nach vielen hundert oder tausenden Kranichen gestaltet, die Opa im Laufe seines Lebens oder dem Schiff sah. Opa konnte auch Zinnsoldaten gießen (auf jeden Fall hatten sie eine rote Jacke) und am allerwichtigsten: Opa konnte Spielzeugautos reparieren!

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Vorletzter Schritt im Falten eins Origami-Kranichs. Bild: Origami'de yapılan Basit Düzey iki yıldızlı zorluk düzeyinde bir kuş uygulaması. Von: Serhat Erdoğan Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic

Meine zweiten Kraniche sind eng mit einem Kasten oder mehreren Kästen Bier verbunden.



Die Erinnerung ist verschwommen. Aber aus komplexeren politisch-taktischen Gründen fiel es an Cordula, Lars, Sören und mich, tausend Origami-Kraniche zu falten. Um uns damals vage 20- bis 25-jährige bei der Stange zu halten, gab es neben viel Papier auch Bier. Wir begannen als blutige Origami-Kranich-Falt-Anfänger und hatten dementsprechend eine steile Lernkurve. Allerdings gab es auch den erwähnten Kasten

Um so besser wir in der Falttechnik wurden, um so weniger nüchtern waren wir. Im Endeffekt haben wir weit vor den tausend aufgegeben und die Ende-der-Nacht-Kraniche sahen trotz allem Trainings nicht besser aus als die Anfang-des-Abends-Kraniche. Aber auch nicht schlechter! Und es war sehr lustig. Nur friedlicher ist die Welt seitdem nicht geworden.

Bis vor kurzer Zeit waren Kraniche in meinem Leben fiktive Wesen. Nicht realer als Dodos oder Alligatoren. Es gab sie schon irgendwann einmal irgendwie, aber ohne Bezug zu mir. Und dann kam Brandenburg und mit Brandenburg kamen Schwärme von Dutzenden, wenn nicht Hunderten Kranichen am Himmel. Groß, mal aus der Ferne trompetend.


Datei: Laut eines Kranichpaares (grus grus), aufgenommen auf dem Hunneberget, Schweden, 2016-03-22 Von: Wikimalte Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

Mal lautlos fliegend, nur durch das Rauschen der Flügel zu hören. Fast gespenstisch.Und so anders als das stete Schnattern und Kreischen und Formationswechseln der ebenfalls über uns hinwegziehenden Gänse.

Kraniche, die sich am Horizont sammeln, zu sehen über den Bäumen und von den Feldern aufsteigend, gen Sonnenuntergang über unsere Köpfen hinweg fliegen. Für Wochen im Herbst und im Frühjahr.

Grus grus Oberkrämer 25.10.2015 16-53-24.2015 16-53-24

Auf dem Weg aus Polen, Weißrussland und Russland nach Spanien und Nordafrika. Sie rasten im Eiszeitland. In den Sümpfen - heute heißen die ja neudeutsch Feuchtgebiete - des Linumcher Luchs und des Rhinluchs und all' dessen was die Gegend nördlich von Berlin an unbewohnbarer Matschepampe hat. Sie ziehen aus in den Morgenstunden auf die Felder und Wiesen der Umgebung auf der Suche nach Ernteresten, Insekten, Kleinreptilien und neuer Saat..

Da stehen sie dann. Langbeinig auf Feldern und Weiden, mal allein, mal in Grüppchen. Nebenan. Auf dem Weg zum Bäcker, fährt man mal an ein oder anderem Kranich Aug' in Aug' vorbei, wahlweise auch an dem ein oder anderen Kranichbeobachter, der es sich am Wegesrand ungemütlich gemacht hat. Ha, ich habe hier Grill und Liegestuhl und Whiskeyvorrat und warmes Bad uns sehe trotzdem mehr Kraniche als du im Igluzelt!

Mal fliegen ein, zwei, drei Kraniche vorbei. Mal kreuzen sich ein Kranichpärchen und ein Gänsetrüppchen über uns in der Luft. Mal sammeln sich sich zu hunderten in der Ferne am Horizont in den letzten Sonnenstrahlen des Tages. Und mal fliegen sie zu Dutzenden über unsere Köpfe hinweg.

Ab und an ein einsames Trompeten. Sonst Stille, lang gereckte Hälse, lange Beine. Und das Rauschen des Flügelschlagens. Die Kraniche sind real geworden.

Grus grus oberkrämer 10.10.2015 10-28-10 10.10.2015 10-28-10.2015 10-28-10

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