Samstag, 25. Januar 2014

Wikipedias Kontrollmechanismen gegen Manipulation

Menschen versuchen, Wikipedia zu manipulieren. Wikipedianer sind darüber nicht glücklich. Wikipedia hat deswegen in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Kontrollmechanismen technischer und sozialer Natur entwickelt. 

Aus gegebenem Anlass bin ich in letzter Zeit von einer ganzen Reihe Nicht-Wikipedianern und Journalisten gefragt worden, wie sich Wikipedia gegen Manipulationen wehrt. Manchmal, wenn man derzeit die Zeitung liest, hat man den Eindruck, dass eine friedliche Gemeinschaft wehrloser netter Wikipedianerinnen und Wikipedianer alleine den Gefahren der Welt gegenübersteht. Dem ist natürlich nicht so. Weder sind Wikipedianerinnen und Wikipedianer wehrlos und nett, noch sind sie ohne Hilfsmittel der Welt ausgesetzt. Kontrolle und Überwachung ist bereits im Grundkonzept angelegt: Wikipedia ist offen für wirklich jede und jeden. Damit dieses Konzept dauerhaft funktioniert, muss es ausgereifte Kontrollmechanismen und Werkzeuge geben.

So ganz allgemein lässt sich sagen: das wichtigste Mittel gegen Manipulation sind Wikipedianerinnen und Wikipedianer. Diese schauen sich teilweise tausende Edits an, überprüfen die Quellen, achten darauf, dass die Inhalte neutral sind. Diese Wikipedianerinnen und Wikipedianer haben aber auch Werkzeuge. Letztlich gibt es einige Dutzend – teilweise sehr spezialisierte - Kontroll- und Beobachtungswerkzeuge für den engagierten Wikipedianer. Aber ich möchte mich hier damit begnügen, die wichtigsten dieser Werkzeuge vorzustellen:  

Die allgemeine Eingangskontrolle:

Rc-mittel

Wirklich jede einzelne Bearbeitung jedes Bearbeiters ist öffentlich sichtbar. Jede einzelne Bearbeitung wird angezeigt, und kann von allen Interessierten weltweit auf Ewigkeiten eingesehen eingesehen werden. Mehr Transparenz geht in dieser Hinsicht nicht.

All diese Bearbeitungen kann ein Wikipedianer beispielsweise in den "letzten Änderungen" sehen, die Wikipedia-in-Echtzeit sind. Dies ist die erste Filterstufe: bereits hier scheitern fast alle Vandalismus- und die meisten Manipulationsversuche.

Auch ist es möglich, sich alle neuen Artikel anzuschauen. Neue Artikel werden im Normalfall einer besonders kritischen Prüfung unterzogen. Nicht wenige dieser Artikel landen danach in der Qualitätssicherung, wo sie umfassend überarbeitet werden, oder werden gleich gelöscht. Dafür gibt es verschiedene Gründe, versuchte Werbung ist aber eine der häufigsten Ursachen für eine Artikellöschung..

Das Sichten:
 
Benutzerrechteverwaltung

Nach der allgemeinen Eingangskontrolle, die wirklich jede Bearbeitung durchlaufen muss, gibt es ein abgestuftes System. Das Recht zu Sichten unterscheidet Accounts, die innerhalb der Wikipedia bereits ein gewisses Vertrauen gewonnen haben, und solche Accounts, die dieses Vertrauen noch nicht haben. Während die vertrauenswürdigen Accounts mit ihren Bearbeitungen „nur“ durch die allgemeine Eingangskontrolle müssen, müssen unbekannte oder nicht-vertrauenswürdige Accounts mit ihren Bearbeitungen noch eine Zusatzrunde durchlaufen: das Sichten.

Wenn ein solcher unbekannter/nicht-vertrauenswürdiger Accounts eine Bearbeitung vorgenommen hat, ist diese Bearbeitung für die Allgemeinheit noch nicht sichtbar. Es bedarf eines zweiten – vertrauenswürdigen – Accounts, der diese Bearbeitung freischaltet. Es gilt also hier mindestens ein Vier-Augen-Prinzip.

Die Experten: 

Admin-Beo

Für Kontrolleure gilt ebenso wie für die Autoren auch, dass jeder mitmachen darf: dumme und schlaue, schnelle und langsame, Fachleute und Generalisten. Gerade die Aktiven an der Eingangskontrolle müssen inhaltlich quasi jedes Gebiet abdecken. In der Eingangskontrolle erkennt man zwar schiefe und werbliche Formulierungen, Löschungen von Kritik oder Anpreisungen, die mehr oder weniger direkt vom Anpreisenden selbst vorgenommen werden – wenn es aber inhaltlich komplexer und die Änderungen subtiler werden, braucht es oft eine Fachperson, um die Bearbeitungen zu checken.

Da Wikipedia nur funktionieren kann, wenn sie offen ist, bedeutet „vom Fach“ in diesem Sinne natürlich nicht unbedingt den Inhaber einer formellen Qualifikation. Bei den Menschen vom Fach handelt es sich um Autoren, die sich intensiv in ein Thema eingearbeitet haben, und meist mit viel Enthusiasmus und Leidenschaft auf ihr Thema aufpassen. Dazu dient ihnen die Beobachtungsliste: eine Liste selbst zusammengestellter ausgewählter Artikel, auf die sie ein besonderes Auge haben können.

Die koordinierten Experten:

Nun kann der freiwillige Fachmann auch mal keine Lust haben, oder Urlaub machen, oder gerade über komplett andere Themen schreiben. Auch kann es sein, dass dem einen Fachmann langfristige und subtile Manipulation entgeht, weil sie zu selten auftauchen, um ihm wirklich aufzufallen.

Nun gibt es zum Glück nicht nur eine Fachperson zu einem Thema, sondern meist mehrere. Und diese Gruppe koordiniert sich untereinander. Sei es auf einer der zahlreichen Diskussionsseiten in der Wikipedia, sei es in spezialisierten Redaktionen zu einem Thema. Gerade in anfälligen Themen wie Medizin oder Wirtschaft besteht oft ein enger Zusammenhalt und – eine effektive Kommunikationskultur innerhalb von Redaktionen, die meist noch durch reale persönliche Treffen untereinander gekräftigt wird.

Nachträglich: die Versionsgeschichte 

De-WP-Artikel Beispiel (2011-01-14)-Versionsgeschichte

Nun ist Wikipedia - wie geschrieben - offen. In einem offenen System passieren zwangsweise Fehler und Sachen rutschen durch. Um auch nachträglich solche Fehler finden zu können, bietet die Wikipedia-Software die Möglichkeit, die Versionsgeschichte jedes Artikels nachträglich einzusehen. Jede einzelne Änderung jedes Artikels ist bis zur allerersten Änderung nachvollziehbar, und selbst mit mehreren Jahren Abstand lässt sich noch sagen, welcher Account wann welchen Artikel geändert hat.Ebenso wie sich auch nach Jahren noch nachvollziehen lässt, woher eine Textpassage in einem Artikel stammt.

Nachträglich: die Benutzerbeiträge

Sollte sich herausstellen, dass ein Nutzer problematische Bearbeitungen vornimmt, oder sollte sich herausstellen, dass sein Account missbräuchlich in einem bekannten Interessenkonflikt editiert, lassen sich all‘ die Änderungen dieses Users nachvollziehen. Es ist mit dieser Methode also durchaus möglich, unendlich oft die Bearbeitungen einer Person unter Kenntnis neuer Umstände durchzuschauen, und neu zu beurteilen.

Checkuser:

Wikipedia ist anonym. Wenn jemand unangemeldet editiert, ist es möglich, anhand der IP-Adresse zumindest Basisinformationen wie den Provider und die ungefähre Aufenthaltsregion des Bearbeiters mitzubekommen. Ist aber jemand angemeldet, ist diese Information nicht mehr sichtbar. In Fällen vermuteten schweren Missbrauchs, kann einer von derzeit vier Usern der deutschen Wikipedia auch die IP-Adressen angemeldeter Nutzer sehen. Aus Datenschutz- und Privatsphäregründen passiert dies allerdings nur sehr selten. So gab es etwa im gesamten Jahr 2013 insgesamt 11 ausgeführte Checkuser-Abfragen.

Löschen und Sperren: 

Benutzer sperren

Nun ist es eines, Manipulationsversuche zu entdecken, und sie zurückzusetzen. Entdecken und Zurücksetzen hilft in den meisten Fällen; es hilft aber nicht, wenn ein besonders dreister Bearbeiter versucht, eine Änderung quasi „mit Gewalt“ durchzudrücken, und immer wieder herzustellen. Um diesen Missbrauch einzudämmen, gibt es ein paar technische Sonderfunktionen, die von den sogenannten Administratoren ausgeübt werden: vor allem löschen und sperren.

Loeschorgie

Ein Administrator kann Artikel komplett löschen und auch eine Wiederanlage eines solchen Artikels verhindern. Besteht ein Artikel schon, und hat grundsätzlich eine Existenzberechtigung, kann er auch kurzfristig in einer bestimmten Version eingefroren („gesperrt“) werden, bis das Problem sich beruhigt hat. Werden Artikel über einen langen Zeitraum immer wieder von Problemen heimgesucht, gibt es die Möglichkeit der Halbsperre – dann ist der Artikel prinzipiell für Bearbeitungen offen, diese müssen aber von vertrauenswürdigen Accounts kommen.

Fällt bei einem Account auf, dass er immer wieder für missbräuchliche Aktionen benutzt wird, kann dieser Account gesperrt werden. Dies kann entweder für eine kurze Zeit oder auch unbegrenzt erfolgen. Je nachdem, ob ein Account sich nur gerade in etwas verrannt hat, oder ob er langfristig zum Schaden der Wikipedia aktiv ist.

Fazit: Manipulation und Kontrolle

Ja. Es gibt Manipulationsversuche der Wikipedia an allen Ecken und Enden. Aber es ist nicht so, dass die Community ihnen hilflos ausgeliefert wäre. Eher im Gegenteil: mehr als einmal lässt sich beobachten, wie sich ein hilfloser Manipulateur heillos im Gestrüpp der Kontrollmechanismen verstrickt, und nicht mehr herauskommt.

Kommentare:

Frank hat gesagt…

Sehr informative Zusammenfassung. Danke!

dirkfranke hat gesagt…

Dank Port(u*o)s jetzt auch mit deutlich weniger Tipp- und Grammatikfehlern als vorher :-)

Daniel Naber hat gesagt…

Nicht direkt gegen bewusste Manipulation, aber auch hier fallen oft schlechte Edits auf: http://community.languagetool.org/feedMatches/list?lang=de - das ist unser neues Tool, mit dem wir alle Änderungen automatisch auf Stil- und Grammatikfehler prüfen lassen.

dirkfranke hat gesagt…

Cool.

Verstehe ich das richtig, dass es das Tool an sich eh schon asl Freie Software gibt, und dass es hier auf Wikipedia angewendet wird?

Ich kann so etwas ja gut für meine eigenen Texte verwenden.

Daniel Naber hat gesagt…

Ja, das Tool selber gibt es als Open Source unter languagetool.org. Und ja, es findet in Deinem obigen Text noch zwei kleiner Fehler :-)