Zwar war ich nie in Äquatornähe. Aber dieser Herbst läuft ab, wie ich mir einen dortigen Sonnenuntergang vorstelle. Eben noch zerfließen bei 35 Grad, einmal kurz umgedreht und ich hole die langen Unterhosen aus dem Schrank. Was wurde aus der Übergangszeit für die Übergangsklamotten?
Heute immerhin besuchte uns die Sonne im Garten. Alles kroch aus seinen Höhlen. Kraniche und Stare flogen ebenso über uns sie Sportflieger und ein Oldtimer-Doppeldecker. Um uns kreisten Hummeln und Libellen; die anhängliche Wespe wurde erfreulicherweise von den Hornissen vertrieben. Selbst ein Schmetterling raffte sich zum Besuch auf.
Ich musste leider "Broken Homes", den vierten Teil der Rivers-of-London-Reihe zu Ende lesen (Tolles Szenario aber mit überraschenden Plotschwächen) bevor ich etwas anderes unternehmen konnte.
Sofern Madame nicht den Garten pflegte widmete sie sich gegenüber auf der Terrasse dem "Sumerset-Tagebuch."
Nachdem wir kurz mit der Rekonstruktion des Kompost-Silos begonnen hatte, beschloss ich trotz gutem Bauchgefühl nicht nachlässig zu werden und widmete mich meinen guten Bekannten SCOR, SCM, ERP, BI, BA, MEMO Org, PDCA, KVR und DMAIC.
Dieses Jahr ist das erste Jahr indem wir nicht sagen "Oh. Schautz mal! Ein Apfel und noch einer und noch einer! Wir haben drei Äpfel!" sondern wir ernten diese eimerweise und versuchen, sie schnell zu verteilen und loszuwerden.
Es dauerte bis zum September. Aber sie kommen, die perfekten Sommertage ohne Hitzekollaps. Nach der Helgoland-Reise letzte Woche begaben wir und die Besuchsfamilie uns zum Nymphensee nach Brieselang. Ein kühler See, Sonnenschein, eine leichte Brise - wir fühlten uns wie im Bilderbuch. Vor laute Begeisterung schwamm Madame die Langstrecke. Der Wickelfisch bestand seinen ersten echten Praxistest: Mobiltelefon und Autoschlüssel, eingewickelt in den Tisch, blieben im See trocken.
Ein Teil des besuchenden Volksparkstadion-Quartetts begibt sich demnächst auf Bildungsreise nach London. Ich überlegte meine aktuelle Lektüre, Ben Aaronovitchs "Moon Over Soho" als Vorbereitung zu empfehlen. Das Buch tarnt sich zwar als Mischung Harry Potter und CSI, ist in Wahrheit aber eine einzige Liebeserklärung an London: an seine Vororte, an die Council-Estates, die seltsame Verkehrsplanung, die Themse und ihre Nebenflüsse, die Tourist Traps und die Jazz-Clubs.
Ich entschied mich dagegen: zum einen: das Buch ist so sehr in die Alltagswelt Londons verwoben, dass es wenig Berührungspunkte mit "London in 5 Tagen geben wird." Zum anderen ist Aaronovitchs Vorgängerband "Rivers of London" das noch bessere Buch.
„Dänemark hat eine Landgrenze zu nur einem anderen Staat. Welcher ist es?“, schreit es mir ins Ohr. Ich zucke zusammen. Träumte ich gerade friedlich im Londoner Gastro-Pub von Pilzkroketten und Lammschulter, trötete mir nun ein Lautsprecher ins Ohr. „Frage 2: Welcher englische Fußballclub hat den Spitznamen Tractor Boys?“, brüllte mich der Lautsprecher an. Das Pubquiz in einem der Seitenräume im The Grove hatte begonnen.
„Frage 3: Angenommen es gibt eine weltweite Pandemie und sie sitzen zu Hause fest. Was machen Sie?“ Eine mögliche Antwort wäre „kochen“ gewesen. Aber die Frage stellte er nicht. Noch war es Ende Februar. Die ersten Fälle von Covid-19 waren zwar in Norditalien ausgebrochen. Aber das fühlte sich weit entfernt an. Im Londoner Außenbezirk Ealing saßen die Menschen bei Craft Beer und Mac ‚n‘ Cheese zusammen. Nur gestört vom Rauschen des Lautsprechers.
Das ist Veggie Wellington
Unsere Gedanken kreisten um die Kronkorken-Installation im British Museum. Wir priesen die Tabletten-Installation im British Museum. Wir waren peinlich berührt, dass wir die Benin-Brozen in Berlin nie gesehen hatten. Wir unterhielten uns über seltene Orchideen. Wir fragten uns, warum die großen Londonern Museen und Parks „Volunteer Guides“ haben. Es sind ehrenamtliche Führer. Die leiten Besucher mit Wissen und Begeisterung im Auftrag des Museums durch die Sammlung.
Oder genauer: Wir fragten uns, warum es diese in Deutschland nicht gibt. Der Botanische Garten Berlin. Die Museumsinsel. Es gibt tausende pensionierte Studienräte, die mit viel Engagement und Wissen durch deren Sammlungen führen würden. Warum dürfen sie nicht?
Sunday Roast im Gastropub
„Fra..“. Der Kellner sprintete aus unserem Raum um die Ecke. Er musste dem Quizmaster die Bedienung des Mikrofons erklären. Der Lautsprecher verstummte. Ich träumte wieder von Pilzkroketten. Mein Blick wanderte über die Angebotstafel mit Poached Egg und Lachs, auf den Küchen-Pass, den wir sehen konnte. „Das sieht gut aus. Was ist das?“ Eine Teigrolle, eine bordeauxrote Füllung mit Farbtupfern. Appetitlich, neugierig machend.
Hach, Feiertage sind nett. Da komme ich doch neben allen Rumfeieren, Festessen, Theaterbesuchen (überraschend sehenswert und sehr unterhaltsam übrigens: "Ich weiß nicht zu wem ich gehöre" im Renaissance-Theater), Spaziergängen, Museumsbesuchen (auch sehenswert: das Ofenmuseum Velten) weiteren Festessen (insgesamt so über die Tage Maultaschen, Entenbrust, Schüfele, Grünkohl, Hot Pot, echter Dresdner Stollen, Wildschwein, diverse Salate, Spätzle etc:), Blog-Lesen (auch empfehlenswert: TEEinVancouver) auch noch ein bisschen dazu, die Menschheit per Wikipedia zu retten, und diverse Artikel zu schreiben.
Da wäre zuerst ein Apfel-bezogener Artikel zu nennen:
die East Malling Research Station ist wie kaum jemand dafür verantwortlich, wie die moderne Apfelwirtschaft heute aussieht: dort entstanden die Grundlagen dafür, dass man Äpfel heute teilweise über ein Jahr lagern kann, und die ganzen Zwerg- Mini- und andere Bäume, die heute den kommerziellen Anbau dominieren, sind ohne East Malling so auch nicht vorstellbar. Gleichzeitig war es aber auch die Geschichte eines Niedergangs. Seit der britischen Privatisierungswelle in den 1980ern hat das vielfach um- und restrukturierte und verkleinerte Institut alle echte Bedeutung verloren.
Ansonsten habe ich mich aber mal wieder in London betätigt, genauer in der City, einem der absurdesten Orte dieser Welt: Treiber der Globalisierung mit einem inneren Regierungssystem, das noch halb aus dem Mittelalter stammt. Gegend in der in einem mittelalterlichen engen Straßennetz ein rieser Bürobau neben dem anderen steht. Um 1800 die Stadt der Welt mit den meisten Bewohnern, in der heute niemand mehr wohnt - dort wo in der Woche sich hektische Menschen, die durch enge Gassen, stapeln und am Wochenende die metaphorischen Tumbleweeds durch die Gegend treiben.n Kaum eine Weltgegend, in der so viel für Architektur und Bauten ausgegeben wird, und mit all diesen Einsatz und all diesen Mitteln ist eine komplett unwirtliche Gegend entstanden - und inmitten all der Büroklötze steht dann immer wieder ein atmosphärisches mittelalterliches Kirchlein. It's so absurd dort, ich bin jedesmal wieder hingerissen. Seit den Tagen zwischen den Tagen ist das ganze auch in der Wikipedia erschlossen. Es gibt neu:
St Dunstan in the East - ein Park, der sich im Innern eine ehemaligen Kirchenruine befindet, und zu einem Großteil aus Schlingpflanzen besteht.
St Mary at Hill - eine Kirche, die so in anderen Bauten versteckt ist, dass sie von zwei Seiten komplett verschieden aussieht, und die jeweils andere Seite nicht zu erkennen ist - ich habe zB erst zu Hause beim Auswerten der London-Fotos gemerkt, dass die langweilige 19-Jahrhunderts braune Kirche und die spannende palladianische weiße Kirche tatsächlich ein und dasselbe Gebäude sind- Nur jeweils von anderen Seiten.
Das East India Arms - ein Pub und tatsächlich der einzige Ort der gesamten Londonern Innenstadt, der darauf hinweist, dass es mal sowas wie die East India Company gab, die Englands Weltmacht begründete. In Geschichtsvergessenheit sind auch die Briten nicht schlecht.
Ede & Ravenscroft - ein Schneider. Aber tatsächlich mal ein echtes Traidtionsunternehmen: wer seit dem 17. Jahrhundert englische Könige bei ihren Krönungen, und das Haus of Lords ausstattet, hat nun echte Tradition. Heute wird spannenderweise ein größerer Teil des Umsatzes gemacht, dass sie Uni-Absolventen-Abschlussfotos machen.
Und da ich ja gerade Stadtraum beschreibe: bei kaum einem Wikipedia-Artikel kommt man dem Alltag, den Menschen und dem was tatsächlich passiert, so nah wie bei den Straßenartikeln: da enstanden Eastcheap, die Great Tower Street, die Lloyd's Avenue und die Fenchurch Street.
Die Wikipedia-Community macht ja gerade in Community-Spaces. Also Räume vor Ort, an denen man sich mal treffen, und was machen kann. Und falls mich ausversehen jemand fragte wo und wie das wohl aussehen sollte: ich würde die Shaw Library der London School of Economics nehmen. Oder zumindest einen Raum, der so aussieht.
Am allerliebsten natürlich noch mit der LSE-Bibliothek in den Stockwerken drunter, aber ersatzweise täte es auch eine gute Internetanbindung. Leider auch nicht einfach so zugänglich: die Geschichte der Bibliothek. Möglich wäre immerhin:
"sitting in an old scarlet armchair, light seeping in through the tall windows onto the shelves of dusty books"
Goodbye London. Vier Welterbestätten in fünf Tagen, mehrere Minuten allein mit der Dame mit dem Hermelin. Candlemas in Westminster Abbey, Tropical Extravaganza, Pontoon Dock, der geheime Knot Garden, Shaw Library, die "Ritterschlagung" einer Schulklasse, indisches Essen, englisches Fernsehen, und italienische Touristen.