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Mittwoch, 24. Februar 2021

Ein Buch zur Realität

Letztens hörte ich auf der Arbeit einen lautstarken Streit zum Thema Cancel Culture, Ken Jebsen und andere Unerfreulichkeiten. Heftige Vorwürfe gegen die Verschwörungstheoretiker kamen von meinem weißen männlichen Kollegen mit Uni-Abschluss jenseits der 40, die Verteidigung der Internetspinner kam von der jungen moslemischen Frau. Und ich dachte mal wieder, das ist alles komplizierter als die Menschen im Internet einem immer glauben machen wollen. Was an sich gut ist. Die Welt wäre furchtbar wenn sie so banal wäre wie Internetdiskussionen. Aber es wirft die Frage auf, wieweit dürfen sich Diskussion und Realität voneinander entfernen. Darüber schreibt Neal Stephenson und ich bloggte darüber neben an auf Fahrrad-Datenautobahn: Fall; or, Dodge in Hell und die Realität.

 

Ein Bild des Cloud-Spezialisten: J.M.W. Turner: Flint Castle.

 

Donnerstag, 7. Oktober 2010

Miniaturrezension: Neal Stephenson - Anathem

Uffz. Um drei Wörter mehr loszuwerden: hätte ich dieses Buch in einem Philosophie-Hauptseminar zu lesen bekommen, wäre ich überrascht gewesen wie unterhaltsam es gewesen wäre. Da es allerdings als Roman mit dem dicken Aufkleber "No. 1 US-Bestseller" in den Haushalt kam, war ich eher perplex wie dünn die Tarnung als Science-Fiction-Roman ist bei einem Buch, das in Herz, Seele, Substanz und dem Großteil des Textes eine philosophische Diskussion ist. Borges allerdings, an den ich mehrfach beim lesen denken musste, handelt derartige Themen in freundlichen 30 Seiten ab, wofür Stephenson knapp 900 Seiten braucht. Uffz. Dabei mobilisiert er restlos meine noch vorhandenen Wissensfragmente aus den diversen philosophischen Multiversums-Theorien, und den Relativismus-Debatten, steigt tief in die "Plato-Leibniz-Husserl-Gödel lineage" und ist in der Gegenwartsphilosophie auf dem Stand, auf dem zumindest ich vor ein paar Jahren auch war. Nur kamen in den Philosophietexten weniger Explosionen vor und die Orte sind weniger anschaulich beschrieben. Dennoch: die Romanfragmente herauszufischen ist ein hartes Brot, die philosophische Diskussion ist eigentlich zu komplex, um sie nebenbei in den Halbstunden vor dem Einschlafen wirklich so gut aufnehmen zu können, wie sie es verdienen. Jetzt allerdings stellt sich die Entscheidung: noch mal die innere Einstellung richtig kalibrieren und mit Notizzettel, Stift und Lesezeichen an das Buch gehen, oder gleich Stephensons umfangreiche Referenzliste abarbeiten. Selten hab ich ein Buch erlebt, dass einen so ermuntert, mal wieder richtig ernstlich zu denken.